9punkt - Die Debattenrundschau

Das infantile Stadium des sozialen Wandels

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2014. Die Medienjournalisten kennen zwar keine Details zur Gruner-und-Jahr-Übernahme, aber raten können sie: Die Schätzungen über die Kaufsumme gehen von 100 Millionen Euro bis zum hohen dreistelligen Betrag. In Frankreich tobt eine seltsame Kontroverse um den Philosophen Marcel Gauchet, der zugleich in Le Monde erklärt, warum er kein Rebell ist. Antje Vollmer nimmt in der taz Wladimir Putin in Schutz.

Politik



(Inspiration in schwarz. Dieses Foto eines Taliban hat Newsonline unter CC-Lizenz bei flickr veröffentlicht.)

Ahmed Rashid kommentiert im Blog der New York Review of Books eine kürzlich veröffentlichte offizielle "Liebeserklärung" der pakistanischen Taliban an die IS-Terrormiliz. Dies sei zwar keine Beitrittserklärung, meint Rashid: "Aber die Geste der pakistanischen Gruppe ist ein verblüffender Hinweis darauf, wie die Brutalität der ISIS und ihre Fähigkeit, große Territorien zu kontrollieren, die dschihadistische Szenerie verändern - nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Südasien. Die jüngeren Generation der Islamisten in Pakistan und Afghanistan bringt sie auf die Idee, die Taktiken der ISIS auch zuhause anzuwenden."

Die Idee des Investitionsschutzes, die bei den unter dem Siegel TTIP laufenden Freihandelsverhandlungen solche eine Rolle spielt, richtet sich im Grunde vor allem gegen die Staaten des Südens, die sich jetzt zu einer Interessengruppe zusammengeschlossen haben, schreibt Ilja Braun in der Berliner Gazette: "Sie wollen ein unabhängiges Expertenforum einrichten und sich für zukünftige Verhandlungen mit westlichen Staaten besser vernetzen. Bolivien kündigte im Mai 2013 alle bestehenden Verträge, mit der Begründung, seine neue Verfassung von 2009 erlaube keine internationalen Streitschlichtungsmechanismen."

Die frühere Grünen-Politikerin Antje Vollmer wirft in der taz Joachim Gauck vor, aus persönlichen Ressentiments den Dialog mit Putin zu verweigern. Das "Unglück" begann mit seinem Boykott der Olympischen Spielen, meint Vollmer: "Wenn der deutsche Präsident nicht fährt, kann auch der französische schlecht losziehen usw. usw. Die demonstrative Anwesenheit von Gerhard Schröder auf den leeren Prominentenrängen im Stadion hatte da schon Dissidentenqualität!" Und Putin blieb gar nichts anderes übrig, als die Krim zu besetzen...

Sidney Gennies berichtet im Tagesspiegel vom Fall der Iranerin Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet werden soll, weil sie ihren mutmaßlichen Vergewaltiger erstochen hat.
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Medien

Viel wissen alle nicht. Aber viel vermuten tun sie alle. Spekuliert wird etwa, ob Bertelsmann Gruner und Jahr nach Auskaufen der Jahr-Familie losschlagen könnte: Peter Turi schreibt: "Der Weg zu einem (Teil-)Verkauf von Gruner + Jahr ist somit frei - auch wenn dieser selbstverständlich zunächst einmal dementiert wird." Georg Altrogge findet diese Perspektive in Meedia unrealistisch. Auch die Vermutungen über die Kaufsumme gehen weit auseiander. Peter Turi vermutet einen hoch dreistellige Millionenbetrag. Altrogge 400 Millionen. Isabell Hülsen schreibt dagegen in Spiegel Online (das teilweise zum Konzern gehört): "Aus der Bertelsmann-Kasse fließen offenbar nur 100 Millionen in bar ab."

In der FAZ glaubt Michael Hanfeld nicht, dass Bertelsmann Gruner und Jahr gleich wieder weiterverkaufen will: "Den Verlag erst ganz übernehmen, um ihn dann gleich loszuschlagen oder auseinanderzunehmen, dass wäre ein Manöver nach Heuschreckenart und würde Bertelsmann außer schlechter Presse nichts bringen. Viel Geld ließe sich kaum erlösen." Er setzt übrigens eher auf einen "Schnäppchenpreis" von 150 bis 250 Millionen Euro.

Irights.info stellt einen anstaltsinternen Bericht der ARD zur Frage vor, ob die Inhalte der Sender unter CC-Lizenz laufen können - mit positivem Ergebnis, erläutert Tobias Schwarz auf Carta: "Der Bericht ist ein erstes Zeichen für eine eigentlich nicht aufzuhaltende Entwicklung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, denn das Konzept der Nutzung und Veröffentlichung freier Inhalte leitet sich unmittelbar aus dem öffentlich-rechtlichen Auftrag der Rundfunkanstalten ab." Hier der Bericht als pdf-Dokument.

Der Journalist muss unternehmerisch denken, wenn er überhaupt noch existieren können will, schreibt Julian Heck auf Carta: "Er kann sich entweder brav in der Schlange anstellen und hoffen, dass noch ein Stück übrig bleibt, oder er fällt auf und bekommt umgehend ein Stück ab. Es gilt also, selbst aktiv zu werden, sich zu vermarkten, seine Inhalte zu vermarkten und einen unternehmerischen Blick auf das zu werfen, was man beruflich tut. Journalismus alleine ist nicht mehr genug."
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Gesellschaft

Dem norwegischen Forscherpaar Moser gönnt Werner Bartens in der SZ durchaus den Nobelpreis für Medizin, fragt sich aber, was denn tatsächlich herausgekommen ist bei all der Erforschung von Genom und Gehirn: Viele Erkenntnisse im Detail, wenig Nutzen für Patienten. "Fragen von praktischer Relevanz hingegen werden kaum untersucht. Wer erforscht beispielsweise, wie alte Menschen mit dem Tablettencocktail von durchschnittlich zwölf Medikamenten täglich zurechtkommen? Wer untersucht, wie viele Mittel gegen Bluthochdruck überflüssig sind? Und wer analysiert, wie zu verhindern wäre, dass 30000 Zuckerkranken in Deutschland jedes Jahr der Fuß amputiert werden muss?"

Eine fürs aktuelle Klima in Frankreich symptomatische, von außen reichlich hysterisch wirkende Kontroverse erschüttert die Pariser Medien. Der (eher sozialdemokratisch geneigte) Philosoph Marcel Gauchet soll bei den Rendez-Vous de l"Histoire in Blois die Eröffnungrede halten. Dagegen protestierten Homosexuelle wie Geoffroy de Lagasnerie und Edouard Louis in Libération, weil sie Gauchet Homophobie unterstellen. Der NouvelObs erläutert, dass Gauchet vor allem ein im Namen des Rationalismus argumentierender Gegner Foucaults und Bourdieus war. Das Thema in Blois ist der "Rebell". Im Gespräch mit Le Monde erläutert Gauchet als wackerer gemäßigter Linker: "Seit dem 19. Jahrhundert ist die Figur des Rebellen eine der Rechten. Denn die große Tendenz unserer Gesellschaften war das Aufziehen der Demokratie. Linke bezeichneten sich nicht als Rebellen, sondern als Revolutionäre. Diese Begriffe haben nichts miteinander zu tun. Ich bin also kein rechter Rebell, weil ich nicht rechts bin, und vor allem verabscheue ich die Attitüde des Rebellen. Der Rebell ist das infantile Stadium des sozialen Wandels. Ich suche dagegen nach wie vor nach einem Projekt für eine bessere Gesellschaft."

Weiteres: In der Welt sieht Mladen Gladic die Demokratisierung der höheren Bildung in den USA an ihr Ende kommen und beruft sich in seiner Kritik an der Ivy Leagy vor allem auf William Deresiewicz" Buch "Excellent Sheep".
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