Efeu - Die Kulturrundschau

Stufenwechsel im Finnischen

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07.10.2014. Zur Buchmesse kündigt Amazon eine E-Book-Flatrate für Deutschland an. In der NZZ denkt Norbert Gstrein dabei sofort an den Tod. In der Saarbrücker Zeitung erzählt die finnische Autorin Leena Lehtolainen, wie oft man finnische Wörter beugen kann. In der Welt erzählt Stefan Moster, wie man aus dem Finnischen übersetzt. In der FR versichert Ernest Wichner: Übersetzen hält jung! Der Tagesspiegel bestaunt im Folkwang Museum die Vermischung japanischer und europäischer Kunst. Alle freuen sich über den Buchpreis für Lutz Seiler.

Literatur

Sensation des Tages: Amazon will nun auch in Deutschland eine Ebookflatrate anbieten, allerdings sind bisher nur bisher nur wenige größere Verlage dabei, meldet buchreport. Kostenpunkt: 9,99 Euro im Monat - mit Zugriff auf Hunderttausende englischsprachige Titel.

Norbert Gstrein hat über die kommende Flatrate schon in seiner lesenswerten Dankesrede für den Anton-Wildgans-Preis (NZZ) nachgedacht: "Was machen Sie mit 600.000 frei verfügbaren Büchern, die Sie jederzeit auf- und abrufen können, außer vom selben Augenblick an nurmehr an den Tod und an das Sterben zu denken, weil Ihre Maschine Mensch nicht für diese großen Zahlen angelegt ist, an denen Sie ersticken? Und was passiert mit dem Wert des einzelnen Buches unter den 600.000, sollten Sie ihm vorher einen Wert beigemessen haben? Und sollte dieser Wert auch noch bezifferbar sein, dann versuchen Sie ihn einmal durch 600.000 zu dividieren, und schauen Sie, was herauskommt: null Komma null."

Die Feuilletons lagen richtig: Kritiker-Favorit Lutz Seiler hat für seinen Roman "Kruso" (hier unsere Leseprobe) tatsächlich den Deutschen Buchpreis erhalten. "Völlig zurecht", meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Auch Elmar Krekeler (Welt) ist zufrieden. Sehr imponierend findet es Judith von Sternburg in der FR, dass der Autor "nicht der Mann zu sein scheint, der über Dinge hinweggehen möchte." Auch für Dirk Knipphals von der taz konnte es keinen Zweifel daran geben, dass Seiler am Ende siegreich sein würde - was er aber eher an der für seinen Begriff wenig überzeugenden Nominierungsauswahl festmacht: "Die deutschsprachige Literatur dieses Herbstes ist auf alle Fälle vielfältiger, als es das eindeutige Votum für Lutz Seiler nun nahelegt. Man kann nur hoffen, dass der Preisträger nun nicht alle Aufmerksamkeit auf sich zieht."

Die finnische Krimiautorin Leena Lehtolainen (ihren ersten Roman veröffentlichte sie it 12!) erzählt im Interview mit Günter Keil (Welt und Saarbrücker Zeitung) von ihren Eltern, die Finnisch-Lehrer waren, dem Buchmarkt in Finnland und die finnische Sprache: "Sie ist nicht die leichteste Sprache der Welt. Wir beugen unsere Wörter auf 16 verschiedene Arten und haben viele Synonyme. Für eine Autorin sind das gute Werkzeuge, um einzigartige Geschichten zu erzählen. Für mich als Krimiautorin ist es praktisch, dass wir nur ein Personalpronomen haben, "hän". Das kann sowohl eine weibliche als auch eine männliche Figur beschreiben und macht viele Szenen spannender. Wir haben auch eine komplexe Vokalharmonie und Stufenwechsel im Finnischen, sodass die Sprache sehr musikalisch klingen kann."

Holger Heimann porträtiert den Übersetzer Stefan Moster, der zur Buchmesse sechs Bücher aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt hat und über das Finnische meint: "Es ist schwieriger, als etwa aus dem Englischen zu übersetzen, weil der Schritt größer ist. Man geht ganz rein ins Original, und dann muss man wieder ganz raus gehen. Es darf sozusagen nichts mehr an einem hängen. Wer aus diesem Bad steigt, muss trocken sein."

Für die FR unterhält sich Arno Widmann mit Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses in Berlin, der nebenbei noch Lyrik und Essays verfasst sowie als Übersetzer tätig ist. Und wenn man dem vielbeschäftigten Mann glauben kann, hat er insbesondere mit der letzten Tätigkeit einen echten Jungbrunnen ausfindig gemacht: "Wenn Sie einen Roman lesen, überlesen Sie vieles. Beim Übersetzen geht das nicht. Sie müssen alles verstehen. Das ist der Reiz, das ist das Vergnügen. Man ist ständig in der Schule. Man erhält sich die kindliche Lernbereitschaft, man bleibt kindlicher. Ja, man wird jünger beim Übersetzen."

Weitere Artikel: Martin Walsers Hommage an den jiddisch schreibenden Autor Sholem Yankev Abramovitsh hat Micha Brumlik in der taz nicht von einer Kehrtwendung überzeugt. Alexander Cammann von der Zeit hat unterdessen Martin Walser am Bodensee besucht. Für die FAZ liest sich Tilman Spreckelsen durch einen ganzen Regalmeter finnischer Literatur. Wahre Freunde der Literatur pfeifen auf einen untadeligen Lebenslauf! Ab in den Knast, kann man nur sagen, nachdem man Daniel Genis" Bericht in der SZ darüber gelesen hat, wie er eine zehnjährige Haftstrafe zum intensiven Studium von mehr als 1000 Büchern zu nutzen. Der New Yorker hat Genis auch kürzlich porträtiert.

Besprochen werden Thomas Melles "3000 Euro" (Zeit), Ela Angerers "Bis ich 21 war" (Tagesspiegel), Paulo Coelhos "Untreue" (taz) und Haruki Murakamis Erzählband "Von Männern, die keine Frauen haben" (FAZ). Außerdem bringen taz (hier) und SZ ihre Literaturbeilagen zur Buchmesse.
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Kunst


Hokusai. Museum Folkwang

Große Freude bei Bernhard Schulz im Tagesspiegel, der regelrecht strahlt vor Glück über die Ausstellung "Monet, Gauguin, van Gogh - Inspiration Japan" im Museum Folkwang in Essen: "Was für eine Ausstellung! Seit 1993 (...) hat man die Verflechtungen zwischen der japanischen und der europäischen Kunst seit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts, mehr noch zwischen der japanischen und europäischen Art, auf die Welt zu blicken, nicht mehr so umfangreich und durchdacht dargeboten bekommen wie jetzt."

Weiteres: Roman Hollenstein beklagt in der NZZ die Zürcher Unsensibilität gegenüber alten Gebäuden. Besprochen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von August Macke und Franz Marc im Kunstmuseum in Bonn (FR).
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Film

Auf kino-zeit.de resümiert Sophie Charlotte Rieger das Filmfestival Hamburg mit besonderem Augenmerk auf jene Filme, die bislang noch keinen deutschen Kinostart haben. Anlässlich des Kinostarts von Zach Braffs "Wish I Was Here" untersucht Lars Weisbrod von der Zeit die Filme des US-Komikers auf ihr Männerbild im Wandel der vergangenen zehn Jahre (nachträglich online gestellt).

Besprochen wird Franziska Meyer Price" Komödie "Männerhort" (SZ).
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Musik

(Via slippeddisc.com) Wir sind zwar schon die zweieinhalbmillionsten, die von diesem Video fasziniert sind, vermuten aber mal, dass in unserem Publikum noch Potenzial für weitere Begeisterte ist. Die Münchner Sängerin Anna-Maria Hefele weist in die Kunst des Obertonsingens ein, das heißt, sie singt mit einer Stimme zweistimmig:



In der Berliner Zeitung schreibt Jens Balzer den Nachruf auf den Dubstep-Künstler The Spaceape.

Besprochen werden ein Zürcher Konzert mit Martha Argerich und Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 (NZZ), das neue Album der Chicks on Speed (ZeitOnline), ein Auftritt von London Grammar (Berliner Zeitung), ein Konzert von Nana Mouskouri (Tagesspiegel), das neue Album von Lucinda Williams (FAZ) und eine Aufführung von Cornelius Cardews "The Great Learning" im Rahmen des Festivals "Aufbrüche in der Musik" in Frankfurt (FAZ).
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Bühne

Hanning Voigts befragt in der FR Thomas Ebermann und den Schauspieler Robert Stadlober zu ihrem (mit den Musikern Kristof Schreuf und Andreas Spechtl) gemeinsamen Projekt: einen Theaterabend über Herbert Marcuses Soziologieklassiker "Der eindimensionale Mensch". Wie soll das aussehen? "Wir arbeiten mit Fokus auf den "Eindimensionalen Menschen" an einem Abend, der aufgrund der Abwesenheit großer Theaterschauspieler anders funktioniert als einer an einem großen Staatstheater. Es ist ein Zugang irgendwo zwischen Musik, gesprochenem Wort und Lesung, im besten Sinn ein kunterbunter Mix aus verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen - was der Tatsache geschuldet ist, dass wir alle vier das Gleiche wollen, aber jeder was anderes kann."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung meldet Patrick Schirmer Sastre, dass das Theater Hebbel am Ufer Dries Verhoevens umstrittene Kunstaktion "Wanna Play Berlin", bei der Flirt-Chatnachrichten von Homosexuellen öffentlich live projiziert wurden, nach Protesten aus der Szene vorzeitig beendet hat. In der taz schreibt Katrin Bettina Müller über den Abbruch der Aktion. Wiebke Hüster verabschiedet sich in der FAZ von Brigitte Lefèvre, der Ballettdirektorin der Pariser Oper, die gerade von ihrem Posten zurückgetreten ist.


Jules Massenet: "Manon", Opéra de Lausanne

Besprochen werden Jules Massenets "Manon" an der Opéra de Lausanne (NZZ), Theresia Walsers "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel" am Renaissance Theater Berlin (Berliner Zeitung, FAZ), die Uraufführung von René Polleschs "Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist" am Staatstheater Stuttgart (FR) und die Wiener Aufführung von Tschaikowskys Oper "Charodeyka" (SZ).
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Design

John Galliano wird der neue Chefdesigner von Margiela, meldet Alfons Kaiser in der FAZ. Der König byzantinischer Prachtenfaltung im Haus der Meister grafischer Reduktion! Kaiser kann sich denn auch "nur schwer vorstellen, wie der überstarke Designer aus der Phantasieuniform schlüpft und einen weißen Klinikkittel überzieht, in dem bei der Pariser Marke vom Designer bis zum Platzanweiser alle stecken, um die Gleichheit des Ungleichen hervorzuheben". Ein erster Schritt auf dem Weg dorthin: Anzug mit Hund.
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