Efeu - Die Kulturrundschau

Eine große Verlegenheit

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15.06.2024. Der Tagesspiegel stellt die Auto-Perforations-Artisten der DDR vor: Else Gabriel, Michael Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowsky, die in der DDR die Temperatur steigen ließen. Die SZ feiert Paris als neue alte Kunsthauptstadt der Welt. In der NZZ erklärt das Leitungsduo des Jüdischen Filmfestivals Berlin, warum das Festival gerade jetzt stattfinden muss. Critic.de empfiehlt die Thomas-Arslan-Retrospektive im Arsenal. Die Zeit zeichnet ein Stimmungsbild des italienischen Literaturbetriebs. Die taz wirft einen Blick auf die DDR-Jazzszene.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2024 finden Sie hier

Kunst

Die Auto-Perforations-Artisten / Spitze des Fleischbergs / 1986 / Foto: Andreas Rost


Nicola Kuhn stellt im Tagesspiegel die "Auto-Perforations-Artisten" Else Gabriel, Michael Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowsky vor, deren provozierende Auseinandersetzung mit der Realität der DDR in den Achtzigern der Berliner Kunstverein Ost in einer Ausstellung dokumentiert: "Wer sich heute die Filme anschaut, erahnt den Schock, den sie damals auslösten, spürt die Verve, mit der sich die Vier auf der Bühne ausagierten. ... Die Ausstellung zeigt Videos, Stasi-Berichte, Zeitungsartikel, Plakate, Fotos, vor allem eine rekonstruierte Installation aus der Ausstellung 'Menetekel', die Anfang 1989 in der Dresdner Galerie Nord stattfand. Unter dem Titel 'Umkleide' wurde dafür an die Wände eines schmalen Raums die abgezogene Tapete einer verlassenen Wohnung geklebt, deren Bewohner 'rübergemacht' hatten. Zwölf aufeinander gerichtete Rotlicht-Strahler ließen darin die Temperatur steigen. Deutlicher ließ sich kaum darstellen, was die vier Künstler von den permanenten sozialistischen Belehrungen - ob im Schulunterricht oder an der Universität - hielten, im Volksmund 'Rotlicht-Bestrahlung' genannt."

Paris ist alte neue Kunsthauptstadt der Welt, versichert Peter Richter in der SZ und zählt auf, was Paris - im Gegensatz zu Berlin - zu bieten hat: Internationale Direktflüge von zwei Flughäfen, eine interessierte und spendable Politik, stinkreiche und ebenfalls spendable Unternehmer und einen lebendigen Kunstmarkt. "Maike Cruse, die sich jetzt als neue Chefin der Art Basel über die Expansion nach Paris freuen kann, hatte zuvor das Gallery Weekend und die letzte Kunstmesse in Berlin geleitet. 'Wenn wir hier in Paris wären', habe sie damals schon gesagt, 'dann würdet ihr mir das beste Haus der Stadt zur Verfügung stellen, und die Bundeskanzlerin würde es eröffnen.' Stattdessen hatte nicht einmal der Berliner Bürgermeister so richtig Notiz von der eigenen Messe genommen." Immerhin: Der aus Berlin vertriebene Chris Dercon, der seitdem als Präsident der staatlichen Museumsgesellschaft Grand Palais die Art Basel nach Paris geholt hat, jetzt Direktor der Fondation Cartier ist und "schon in Gedanken auf der Flucht vor dem Reisechaos in der Olympia-Stadt Paris, bemüht sich auch hier konziliant um Trost: 'Ich mag den Flughafen von Berlin. Man ist dort immer ganz allein und hat seine Ruhe.'"

Weitere Artikel: Die Stiftung Bührle bewegt sich plötzlich in Sachen Restitution, meldet Philipp Meier in der NZZ. Ingeborg Ruthe stellt in der Berliner Zeitung die Künstlerin Henrike Naumann vor, die derzeit zwei Installationen im Mauer-Mahnmal in Berlin zeigt. Christine Meixner schlendert für den Tagesspiegel über die Fotobiennale Düsseldorf. Und Niklas Maak besucht für die FAS die Art Basel und findet neben viel teurer Kunst auch einen "Parcours" in der Clarastraße, einer Einkaufsstraße mit einigen leer stehenden Geschäften. Hier werden die Fragen nach der Zukunft des Landes gestellt, meint Maak: "Wird es nur noch der Versorgungsraum sein, in dem das Essen und die Energie für die Stadtbevölkerung hergestellt werden und einige Nostalgieinseln als Erholungscamps dienen - oder könnte es eine neue 'Oikologie' geben, bei der auch die Städter auf dem Land mehr Zeit verbringen und anders mit Tieren und Natur umgehen; und welche Rolle könnte Kunst bei dieser Ruralutopie spielen?"

Besprochen werden die erstaunlichen Blumenbilder der Anna Zemánková, derzeit in der Berliner Galerie Albrecht zu besichtigen (Welt), die Andy-Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (Welt, FR) und die Sarah-Lucas-Ausstellung "Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim (FAZ)
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Film

Andreas Scheiner unterhält sich für die NZZ mit Lea Wohl von Haselberg und Bernd Buder, dem Leitungsduo des Jüdischen Filmfestivals Berlin, das sich zu seinem 30. Jahrgang und angesichts der aktuellen Weltlage erst recht selbstbewusst behauptet. Warnhinweise von der Polizei, weil das Festival in Kreuzberg, einem Hot-Spot des propalästinensischen Milieus stattfindet, gab es keine, sagt Buder. "Das wäre, wie wenn die Polizei raten würde, nicht mit einer Kippa durch Neukölln zu gehen: So einen Vorfall gab es ja vor einigen Jahren, aber das darf nicht sein. Dieses jüdische Filmfestival gehört in die Festivallandschaft, es beschäftigt sich mit jüdischen Themen und zeigt Perspektiven auf, die an anderen Festivals übersehen werden. ... Früher war es angesagt, israelische Filme im Programm zu haben, am besten immer auch einen queeren israelischen Film. Damit haben sich die Festivals und auch viele Weltvertriebe gerne geschmückt. Jetzt ist eine allgemeine Zurückhaltung zu spüren." Claus Löser führt in der Berliner Zeitung durchs Programm des Festivals.

Szene aus Thomas Arslans "Mach die Musik leiser" von 1994


Lukas Foerster empfiehlt auf critic.de die Retrospektive Thomas Arslan, die heute im Berliner Kino Arsenal beginnt. Die Reihe ist mit "In Bewegung" überschrieben und das legt "nahe, den Titel nicht nur auf die zahlreichen Bewegungen in Arslans Filmen zu beziehen, sondern auch auf die Bewegung, die sein Werk als Ganzes darstellt. ... Ein paar Linien sind durchaus zu erkennen: hin zur Abstraktion, zur Reduktion, zu autonomen Wahrnehmungsbildern. Die ersten beiden Langfilme, 'Mach die Musik leiser' (1994) und 'Geschwister - Kardeşler' (1997) sind noch stark in der Konkretion verankert. Zwei Variationen übers Jungsein: einmal deutsche, Metal hörende Jugendliche in Essen, der Stadt, in der Arslan vorwiegend aufwuchs, einmal deutsch-türkische, Hip-Hop hörende Jugendliche in Berlin. ... Danach wird es filigraner, stilisierter.  ... Im ultraminimalistischen Vater-und-Sohn-in-Nordnorwegen-Stück 'Helle Nächte' (2017) gibt es dann kaum noch mehr etwas anderes als die Immanenz der Bewegung, die zugleich eine Entfremdung von der Welt ist."

Weitere Artikel: In "Bilder und Zeiten" der FAZ erinnert Dietmar Dath ausführlich an das weitgehend in Vergessenheit geratene filmische Schaffen des Schriftstellers Christian Geissler. Arne Koltermann befasst sich für den Filmdienst mit dem Einfluss des Kinos auf Kafka und dem Einfluss Kafkas aufs Kino. In der FAZ gratuliert Frauke Steffens dem Schauspieler James Belushi zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Jafar Panahis "No Bears" von 2022 (Standard, unser Resümee zur Premiere beim Filmfestival in Venedig), die ARD-Serie "Wo wir sind, ist oben" (Welt, FAZ), die ARD-Serie "Die Zweiflers" (Jungle World) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Hacks" (Presse).
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Architektur

Hans Wolfgang Hoffmann besucht für die Berliner Zeitung "Ost West Ost", die neue Dauerausstellung im Berliner Café Sibylle, die "nicht mehr nur den historisierenden Kern der Karl-Marx-Allee, sondern auch noch deren ungleich moderneres Westende", nämlich das Hansaviertel präsentiert.  In der FAZ freut sich Falk Jaeger über die gelungene Sanierung der "Hyparschale", einem Hauptwerk des DDR-Bauingenieurs Ulrich Müther, in Magdeburg. Und ein bestürzter Jörg Häntzschel (SZ) liest im New Yorker, wie der Rapper Kanye West ein Haus von Tadao Ando zerstört hat.
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Stichwörter: Magdeburg, Marx, Karl, Ando, Tadao

Literatur

Birgit Schönau liefert (online nachgereicht von der Zeit) ein Stimmungsbild des italienischen Literaturbetriebs, der mit wenig guten Gefühlen dem Gastauftritt des eigenen Landes bei der Frankfurter Buchmesse im kommenden Oktober entgegen sieht: Dass Roberto Saviano nicht eingeladen wurde, dass bei der Eröffnung der Buchmesse eher unkritische bis offen für die Meloni-Regierung streitende Autoren auftreten sollen und dass Mauro Mazza, der Regierungskommissar für die Buchmesse, sich wiederholt homophob äußert, sorgt für erheblichen Unmut. Nachdem sich Saviano sehr eindeutig geäußert hatte, gibt sich Mazza gegenüber der Öffentlichkeit verschnupft. "Auf Anfrage lässt er ausrichten, er gebe derzeit keine Interviews. Verstummt sind aber auch viele Schriftsteller. Es ist gar nicht so einfach, sie ans Telefon zu bekommen. 'Das vorherrschende Gefühl bei uns ist eine große Verlegenheit', erklärt Nicola Lagioia, der selbst Teil der offiziellen Delegation ist. 'Einerseits freuen wir uns natürlich auf die Buchmesse. Andererseits wollen wir nicht das Feigenblatt dieser Regierung sein.' Helena Janeczek, ebenfalls Premio-Strega-Preisträgerin in der Delegation, spricht von einer 'tiefen Verunsicherung'. Auch sie will dabeibleiben: 'Wer weiß, was bis Oktober noch passiert.' Und dann sagt Janeczek: 'Bücher, die den Faschismus und die Resistenza thematisieren, sind übrigens in Italien gerade sehr erfolgreich.'"

Clemens Böckmann und Chris W. Wilpert denken in "Bilder und Zeiten" der FAZ über NS-Täter in der deutschen Literatur nach: "Mit dem absehbaren Ende der juristischen Aufarbeitung wird sich noch einmal eine Zäsur im Umgang mit NS-Verbrechen und deren Distanzierung manifestieren. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen wird - stärker noch als zuvor - nicht mehr im Bereich der Justiz stattfinden. Neben gesellschaftlichen Debatten bleiben die Geschichtswissenschaft und künstlerische Auseinandersetzungen die Orte der weiterführenden Thematisierung. Dabei zeichnet sich gegenwärtig ein Wandel ab, der vielmehr Ausdruck einer Kontinuität ist: In der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart verschwinden die NS-Täter."

Weitere Artikel: Die Autorin Adelja Vjarba (ein Pseudonym) schreibt auf Zeit Online über ihren Alltag in Belarus. Fridtjof Küchemann beschäftigt sich für das "Literarische Leben" der FAZ mit Meri Valkamas Debüt "Deine Margot", in der die finnische Autorin ihre Kindheitserlebnisse in der DDR verarbeitet. Christian Thomas denkt in der FR über die ungebrochene Aktualität von Albert Camus in Zeiten des Krieges nach. Larissa Beham spricht für die SZ anlässlich des sich morgen zum 120. Mal jährenden Bloomsday mit dem Literaturwissenschaftler Hans Walter Gabler über James Joyce und dessen "Ulysses". Bernd Eilert schreibt in der FAZ über Kafkas Reisen an die Nordsee. Birgit Schmid erinnert in der NZZ daran, wie August Strindberg von Schweden in die Schweiz auswanderte. Im Literaturfeature von Dlf Kultur befasst sich Sven Ahnert mit chinesischen Exilschriftstellern. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus den drei Comiczeitschriften Strapazin, Reddition und Zebra zum 40-jährigen Bestehen. Die Tagesspiegel-Jury kürt die besten Comics des Quartals. Auf Platz Eins: Tobi Dahmens "Columbusstraße", eine Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte im Nationalsozialismus. Dlf Kultur hat mit dem Autor gesprochen.

Besprochen werden unter anderem Fleur Jaeggys Erzählungsband "Ich bin der Bruder von XX" (Zeit), Miranda Julys "Auf allen vieren" (taz), Mareike Fallwickls "Und alle so still" (taz), Jos Versteegens Biografie über den Schriftsteller Hans Keilson (Welt), Volker Reinhardts Biografie über Giordano Bruno (NZZ), Liz Nugents "Seltsame Sally Diamond" (FR), Alhierd Bacharevičs "Europas Hunde" (NZZ), Albert Ehrensteins "Räuber und Soldaten" (FAZ) und Mona Kastens "Save Me" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) imaginiert der Philosoph Dieter Thomä Kleists Theaterfigur des Prinzen von Homburg, der seine Erfahrungen mit dem "Verschiebebahnhof der Verantwortungen" auf den Nahostkonflikt anwendet: "Die Strategien, die damals zu meiner Verteidigung und zu meiner Verurteilung aufgeboten wurden, gehen weit auseinander. Die erste setzt auf Fremdbestimmung, Verschiebung von Verantwortung, Kausalität, Passivität. Die zweite betont Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Freiheit, Heroismus. In den letzten Monaten habe ich mich nun ausgiebig informiert und offene Briefe und Kommentare gelesen, die sich mit dem Anschlag vom 7. Oktober und dem Einmarsch in Gaza befassen. Für mich war das ein Déjà-vu. Die Strategien, die in meinem Fall angewandt wurden, kommen mit einigen interessanten Änderungen abermals zum Einsatz."

Besprochen werden Enad Maroufs Tanzperformance "Hundstage" in den Berliner Sophiensälen (Tsp), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Shakespeares "Timon von Athen" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Mateja Mededs autofiktionaler Monolog "Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), die Performance "El 9: Las Noches de las Reinas" von La Fleur auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik) und Lukas Bärfuss' Anverwandlung von Caldérons Mysterienspiel "El gran teatro del mundo" auf dem Klosterplatz Einsiedeln (FAZ).
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Musik

Alexander Samuels führt für die taz in die DDR-Jazzszene: Die Jazzwerkstatt Peitz gilt als Ort des Widerstands - doch gibt es eine Stasi-Akte über einen gewissen IM Thomas, hinter dem (gestützt durch Helma Kaldeweys 2020 auf Englisch erschienener Studie "A People's Music: Jazz in East Germany, 1945-1990") Ulli Bobel, der Leiter der Jazzwerkstatt, vermutet wird. "Bei so viel Berichterstattung und Dokumentation zur Jazzwerkstatt Peitz ist es kurios, dass dieser Teil der mit Ulli Blobel verbundenen biografischen Materialien in Deutschland bisher kaum mediale Erwähnung findet." Bobel selbst streitet alles ab, spricht von Fälschungen. "Wie wahrscheinlich ist es, dass wichtige Teile der Stasiakte von IM Thomas verfälscht wurden? 'Null Prozent. Punkt.' Das sagt der aus Ostberlin stammende DDR-Historiker und Jazzfan Ilko-Sascha Kowalczuk, ohne zu zögern. Kowalczuk war über viele Jahre Projektleiter in der Forschungsabteilung der Stasiunterlagenbehörde." Dessen Studien über angeblich gefälschte Akten haben "ergeben, dass nur ganz wenige IM-Akten, weniger als ein Dutzend von Hunderttausenden, gefälscht worden waren. Und die hat die Stasi alle selbst enttarnt."

Weitere Artikel: Manuel Brug porträtiert für die WamS Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmoniker. Max Florian Kühlem erinnert in der SZ an Keith Jarretts Megaseller "The Köln Concert" und kommt auf eine derzeit in der Crowdfunding-Phase steckende Doku zu sprechen, die den zahlreichen Anekdoten und Mythen, die sich um dieses Konzert ranken, auf den Grund gehen will.

Besprochen werden ein Auftritt von Nichtseattle in Berlin (Tsp), ein Mahler-Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Alain Altinoglu mit den Solisten Clay Hilley und Samuel Hasselhorn (FR), ein Konzert von Herbert Grönemeyer in Bochum (FR), Jim McNeelys Abschiedskonzert als Chefdirigent der HR-Bigband (FR), das erste Schweizer Konzert von Nemo seit seinem ESC-Erfolg (TA), Fabers neues Album "Addio" (Tsp), ein Auftritt von Calcutta (TA) und Conny Frischaufs Album "Kenne Keine Töne" (taz).
Archiv: Musik