Efeu - Die Kulturrundschau

Aus dem Jetzt heraus

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16.11.2021. Die FAZ feiert die schädelsprengende Fotografie Katharina Sieverdings. Die taz erlebte auf der Duisburger Filmwoche einen neuen Fetischismus des BildesSZ und Welt blicken konsterniert auf die Massensex-Szenen in Feinripp in Stefan Herheims "Ring"-Inszenierung. Crescendo verzweifelt am Sparwahn in der Klassik. Außerdem trauern die Feuilletons um die libanesisch-amerikanische, zutiefst humanistische Schriftstellerin Etel Adnan.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2021 finden Sie hier

Kunst

Katharina Sieverding: Die Sonne um Mitternacht schauen. Foto: Frieder Burda Museum

In der FAZ freut sich Freddy Langer über die Opulenz der Katharina-Sieverding-Schau, die das Museum Frieder Burda in Baden-Baden der Fotografin zu ihrem heutigen achtzigsten Geburtstag widmet, aber auch über ihre "schädelsprengende" Qualität: "Kompliziert ist bei Katharina Sieverding genau genommen alles. Immer schon. Selbst dort, wo sie Bilder von bezwingender Schönheit geschaffen hat, wie in der 'Transformer'-Serie mit dem androgynen Mischwesen, für das sie solarisierte Konterfeis von sich und ihrem Partner Klaus Mettig übereinandergelegt hat, bleibt ein Moment von Verunsicherung, vielleicht sogar Bedrohung. Ist das die Auslöschung des Selbst, oder entsteht Individualität überhaupt erst durch die Bereitschaft, sich zu verwandeln? Was die Selfie-Generation mit einem Schulterzucken abtut, führt bei Sieverding zu einer lebenslangen, exzessiven Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Sieverding, Katharina

Bühne

Visuelle Wechselbäder: Stefan Herheims "Götterdämmerung. Foto: Bernd Uhlig / Deutsche Oper Berlin

Nach dreißig Jahren löst Stefan Herheims Inszenierung von Richard Wagners "Ring" an der Deutschen Oper in Berlin Götz Friedrichs legendäre Fassung ab. In der Welt möchte Manuel Brug nichts auf Dirigent David Runnicles und das "formidable" Orchester kommen lassen, aber Herheims Regie macht ihn fassungslos: "Der Friedrich-Schüler Stefan Herheim, als Norweger dem dortigen Sagenkreis nahe, zudem mit einer der besten, weil vielschichtigsten Bayreuther 'Parsifal'-Produktionen in der Referenzenmappe, er konnte auch zum wüst bebuhten 'Ring'-Finale die allzu hohe Latte nicht reißen. Er bewegte sich noch nicht einmal auf Augenhöhe, er flutsche einfach so durch: enttäuschend schlicht, platt, meist aber vor allem konfus. Und weit unter seinem einmal erreichten Deutungsniveau." In der SZ weiß Wolfgang Schreiber "die vitale Spiellust und vokale Durchschlagskraft" durchaus zu schätzen, das Problem aber seien die absurden visuellen Wechselbäder: "Der Statistenhaufen erscheint in Alltagskleidung oder, im 'Siegfried'-Finale rasender Paarliebe, zu Massensex-Getue in Unterwäsche. Traute Herheim der internen Wucht von Wagners symphonisch erotischem Erdbeben nicht über den Weg?"

Weiteres: In der taz erklärt Tom Mustroph den Neuen Zirkus, der sich am Wochenende in der Nuit du Cirque präsentierte. Einem Bericht im Standard zufolge fürchten Wiens Kulturveranstalter angesichts der anstehenden 2G+-Regeln um zwei Drittel ihrer BesucherInnen.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Joseph Conrads "Geheimagent" am Schauspielhaus Hamburg (die sich Till Briegleb in der SZ als "schön gestaltetes Chaos" gefallen lässt, auch wenn er gern etwas Genaueres zum Anarchismus von Bakunin, Kropotkin und Landauer erfahren hätte), Annie Ernaux' "Die Jahre" am Nationaltheater Weimar (Nachtkritik), Jon Fosses Kammerspiel "Starker Wind" am Deutschen Theater (Tsp, Nachtkritik), Gerhild Steinbuchs Stück "In letzter Zeit Wut" am Schauspiel Frankfurt (taz), Tony Rizzis Hommage auf William Forsythe und das Frankfurter Ballett im LAB (FR), Marco Goeckes Ballett "Fly Paper Bird" in der Wiener Staatsoper (Standard) und Mozarts "Le nozze di Figaro" am Stadttheater Klagenfurt (Standard).
Archiv: Bühne

Film

Serpil Turhans "Köy" eröffnete die Duisburger Filmwoche

Dank 2G konnte die insbesondere wegen ihrer auf hohem Niveau geführten Debatten berühmte Duisburger Filmwoche wieder vor Ort stattfinden, freut sich Fabian Tietke in der taz. Selbst konventionelle Arbeiten überzeugen ihn in diesem Rahmen. Und einige Trends im Dokumentarfilm konnte er identifizieren:  "Da ist zum einen die Neigung zu statischen Bildern, gerne unterlegt mit brummenden, rauschenden Tönen, die vor Ort aufgenommen wurden. Ausgerechnet die Zeiten der digitalen Kameras scheinen zu einem Fetischismus des Bildes geführt zu haben, jeder Moment des Kontrollverlusts wird penibel vermieden, wie einbetoniert blicken die Kameras auf die Wirklichkeit. Die Interaktion mit dem Gezeigten hat sich in die Sicherheit des Schneideraums verlagert. Die Kommentarstimme ist zur Ausnahme geworden." Besonders legt uns Tietke im übrigen Serpil Turhans "Köy" über drei kurdische Frauen aus drei Generationen ans Herz.

Dominik Kamalzadeh vom Standard war ebenfalls vor Ort und lauschte unter anderem einer Diskussion zwischen Philip Scheffner und der Autorin Merle Kröger: "Sie sprachen auch darüber, wie sich der Status des Dokumentaristen verändert hat; einen Statthalter brauche in einer medienaffinen Gesellschaft etwa kaum jemand mehr."

Besprochen werden Andreas Kleinerts "Lieber Thomas" über Thomas Brasch (Jungle World, mehr dazu hier und dort), Rebecca Halls auf Netflix gezeigtes Rassismusdrama "Seitenwechsel" (taz) und der ZDF-Coronafilm "Die Welt steht still" (NZZ, FAZ),
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Archiv: Film

Literatur

Die libanesisch-amerikanische Autorin Etel Adnan ist 96-jährig in Paris gestorben. Ein "großer Verlust", seufzt Tobias Lehmkuhl in der SZ, "weil Etel Adnans Werk immer von der Gegenwart seiner Entstehung zeugt, weil ihre Texte immer aus dem Jetzt heraus entstanden sind und auf diese Weise niemals als etwas Abgeschlossenes erscheinen, gar als etwas ganz der Vergangenheit Angehöriges. ... Zu einer amerikanischen Schriftstellerin ist sie deswegen nicht geworden. Der schweifende, essayistische Geist der französischen Literatur war ihr immer näher als die Romanwelt der amerikanischen Vorstädte oder die Großstadtlyrik der Beat-Poets." Noch etwas umfangreicher als in der SZ ist Lehmkuhls Nachruf im Dlf.

"Irgendwo zwischen poetischen Reflexionen, Prosadichtung und philosophischen Betrachtungen, Essayistik, Aphoristik und tagebuchartigen Aufzeichnungen bewegt sich ihre zutiefst humanistische Literatur", schreibt Andreas Pflitsch in der NZZ: "Die Erkenntnis, dass Existenz, wörtlich genommen, etwas aus sich selbst Herausragendes bedeutet und mithin die Idee einer stets gleichbleibenden Identität konterkariert, hat Etel Adnan ihr fast ein Jahrhundert übergreifendes Leben lang begleitet."

Krimi-Experte und -Herausgeber Thomas Wörtche beugt sich in einem Freitag-Essay sorgenvoll über den Zustand seines bevorzugten Genres: Eine Tatortisierung - das Beackern eines gesellschaftlichen Reizthemas im Krimiformat - kann er dem Gegenwartskrimi nicht absprechen. Doch "Pamphletismus, 'heiße Eisen' und Diskurseinmischung" schätzt er mangels Wirkmächtigkeit eher als die Literatur überfrachtende PR und Selbstüberschätzung ein: Dem Genre gehe "das Spielerische, Provozierende, Verstörende, Exzessive, Radikale des Genres verloren, wenn die gesellschaftlichen Malaisen fast buchhalterisch penibel abgearbeitet werden, ohne neue ästhetische Konzepte dafür zu entwickeln. ... Die gutwilligste Intention verpufft, wenn sie erzählt wird wie ein Roman des 19. Jahrhunderts. Durch die formale Gleichförmigkeit werden zudem die Qualitätsunterschiede verwischt, denn durch die ideologische Aufladung sieht ein schlechter Kriminalroman plötzlich aus wie ein guter. Jedoch nur auf den ersten Blick. Formale 'Abweichungen', sprich Innovationen, scheinen zu verstören."

Außerdem: Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ vom Literaturfestival im Tessin. Susanne Messmer resümiert in der taz den Open Mike Wettbewerb in Berlin.

Besprochen werden unter anderem Emily St. John Mandels "Das Glashotel" (54books), Svealena Kutschkes "Gewittertiere" (Intellectures), die derzeit wiederveröffentlichten Manga-Klassiker von Shigeru Mizuki (taz), Can Dündars und Mohamed Anwars Comic "Erdogan" (FR), "Die Schönheit des Himmels" von Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini (Tagesspiegel), Max Bronskis Kriminalroman "Halder" (Freitag) und eine Neuausgabe von Alexander Puschkins Novelle "Ibrahim und Zar Peter der Große" (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Statt darüber zu klagen, dass in ihrer Zeit zwar wahrgenommene und berühmte Designerinnen irgendwann doch in Vergessenheit geraten, sollte man ihre Arbeiten lieber zeigen, zeigen, zeigen, lautet Sabine von Fischers Fazit nach dem Besuch der Ausstellung "Here We Are" im Vitra Design Museum (mehr zu dieser Ausstellung bereits hier und dort), die sich genau um die Frage dreht: Warum werden Arbeiten von Frauen von nachfolgenden Generationen so selten ausgestellt? "Ein Satz der Kuratorin Susanne Graner, fast beiläufig während des Gangs durch die Ausstellung fallengelassen, ist besonders bemerkenswert: 'Beim Vorbereiten ist uns einmal mehr bewusst geworden, wie viele Entwürfe von Designerinnen in unserer Sammlung bereits vorhanden waren.' Als Leiterin der Sammlung des Vitra Design Museum mit gut 7000 Möbeln kennt Susanne Graner die Bestände seit elf Jahren sehr genau. Und allen Vorurteilen zum Trotz, dass es vielleicht nicht genügend Frauenarbeiten gebe, konnte auch die derzeitige Schau mit Werken von gut 80 Designerinnen zum größten Teil aus dem eigenen Archiv bespielt werden."

Außerdem ärgert sich Carolina Schwarz in der taz über Wolfgang Joop, der im Spiegel den Zeiten hinterher trauert, als Frauen in der Modebranche mehr oder weniger zwangsprostituiert wurden: Die Branche habe trotz ihrer MeToo-Momente "ihre strukturellen Probleme nicht aufgearbeitet", schreibt dazu Schwarz. In der SZ bespricht Peter Richter die Ausstellung "Architecture of Speed - Paul Jaray and the Necessity of Shape" in Venedig (mehr dazu bereits hier).
Archiv: Design
Stichwörter: Designerinnen

Musik

Axel Brüggemann hat in seinem Crescendo-Newsletter den Hals gestrichen voll vom Sparwahn in der Klassik und kündigt für kommende Ausgaben seines Newsletter ein "Schwarzbuch der Sparmaßnahmen" an. Im SWR-Kommentar legt er seine Beweggründe dar: Einsparungen treffen die Klassik insbesondere auf dem Land - also dort, wo überhaupt erst die Basis entsteht: "Nur, wer in Remscheid und Brunsbüttel, wer bei Festivals in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern das Publikum durch Nähe begeistert, hat überhaupt eine Chance, verlorenes Terrain wieder gut zu machen. Nur, wer Musik im Alltag der Menschen behauptet und verankert, wer den Dialog sucht und Musik nicht als Einbahnstraße, sondern als Zuhören von beiden Seiten versteht, wer weiß, dass auch die Orchester ihr Ohr beim Publikum haben sollten, kann überzeugen. ... Die Wurzeln der Kulturnation Deutschland liegen in den Musikschulen auf dem Land, etwa weil ein Großteil der Bläser-Gruppen in unseren Orchestern in Volksmusikgruppen ausgebildet wurden. Sie liegen in engagierten regionalen Kulturinstitutionen, dadurch, dass Festivals Top-Musiker*innen in Scheunen, Kirchen und Schul-Aulen bringen, um junge Nachwuchskünstler*innen zu inspirieren."

Außerdem: Im Tages-Anzeiger seufzt Jean-Martin Büttner über die wirren Ansichten, die Eric Clapton in schöner Regelmäßigkeit zum Besten gibt. Ulrich Oberdorfer resümiert in der FR das Enjoy Jazzfestival Heidelberg.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Tschaikowskys Oper "Mazeppa" durch die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko (Tagesspiegel), Colin Lindens Southern-Blues-Album "Blow" (FR), ein Beethoven-Konzert in der Alten Oper Frankfurt unter dem Taktstock Herbert Blomstedts (FR) und Lukahs "Why Look Up, God's in the Mirror" (Pitchfork).
Archiv: Musik