Efeu - Die Kulturrundschau

Der Krapfen posiert in rosa

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30.10.2021. Hyperallergic steht gebannt vor den tropfenden, überquellenden Donuts der Emily Eveleth. Die SZ erlebt phantastisches Theater beim Spielart-Festival. Fehler sind gut, auch in der Architektur, ruft in der NZZ der Architekturhistoriker Laurent Stadler unter Berufung auf Virilio. Die FAZ amüsiert sich mit alten DDR-Fernsehthrillern, die sich Frankfurt am Main als dekadentes Höllenloch phantasieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2021 finden Sie hier

Kunst

Emily Eveleth, Boudoir, 2020-2021 (courtesy Emily Eveleth/Miles McEnery Gallery, New York, NY)


In der Miles McEnery Gallery in New York steht John Yau (Hyperallergic) ganz verzückt vor den Donuts der Emily Eveleth: Hier hat sich jemand Willem de Koonings Spruch "Fleisch ist der Grund, warum Ölfarbe erfunden wurde" mal wirklich zu Herzen genommen! "Eveleths Bilder sind einfallsreiche Verrenkungen, bei denen die Künstlerin Donuts und die cremige Sinnlichkeit der Ölfarbe nutzt, um einen gliederlosen Torso und das Sexuelle miteinander zu verbinden, ohne wörtlich zu werden. ... Was bedeutet es, einen mit Sirup gefüllten Torso zu sehen? Ist das ein Körper oder ein Körperteil? Geht es um Gewalt? Das könnte bei 'Curtain' (2021) zutreffen, das einen Stapel Donuts in Großaufnahme zeigt, aus denen kirschroter Sirup zu tropfen scheint. Worum handelt es sich bei diesen Ansichten? Sind es Szenen der Völlerei, der postkoitalen Erschöpfung, der sexuellen Surrogate, der Abneigung, der Wildheit und des endlosen Drängelns? Und dabei bin ich noch gar nicht auf die Verwendung von Farbe und Licht eingegangen. Stellen Sie sich die Donuts als Figuren in einem namenlosen Drama vor, und wie der Bühnen- und Kostümbildner zusammen mit dem Beleuchtungsregisseur die Stimmung beeinflussen kann. Die blassen Rosa-, Gelb- und Opalweißtöne in 'Boudoir' (2021) und der Winkel, in dem der Krapfen posiert, dessen rosa Zuckerguss an der Vorderkante herunterläuft, erinnerten an die Gemälde von Jean-Honoré Fragonard, insbesondere an 'Die Schaukel' (1767)."

Weitere Artikel: In der SZ unterhält sich Stefanie Schwetz mit dem Künstler Claus Richter über dessen Denkmal "Ort für die Erinnerung und Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt" in Düsseldorf. Im Tagesspiegel schreibt Nicola Kuhn zur Eröffnung des Erweiterungsbaus, in dem das Kunsthaus Zürich die atemberaubende Sammlung des Waffenhändlers Emil Bührle ausstellt.

Besprochen werden zwei Berliner Ausstellungen der afroamerikanischen Künstlerin Renée Green in den Kunst-Werken und der n der DAAD-Galerie (Tsp), die Potsdamer Ausstellung "Drei von vielen" über eine Künstlerfreundschaft um den Maler Peter Herrmann im Cavallerie 26 (Tsp), eine Ausstellung des in Island lebenden Malers John Zurier in der Peter Blum Gallery in New York (Hyperallergic), Zeichnungen und Collagen von Agustín Fernández in der Mitchell Algus Gallery in New York (Hyperallergic) und zwei Ausstellungen von Ron Gorchov in der Vito Schnabel Gallery und in der Gallery Cheim & Read, beide in New York (Hyperallergic).
Archiv: Kunst

Architektur

Fehler in der Architektur sind gut, wie soll man sonst dazulernen, meint Laurent Stalder, Professor für Architekturgeschichte und -theorie an der ETH Zürich, in der NZZ. Das Prinzip des Versagens ist sogar "Teil des modernen Projektes und der damit einhergehenden technischen Erfindungen", schreibt er und bezieht sich dabei auf Paul Virilio: "Denn ein Schiff zu erfinden, bedeutet zugleich die Erfindung seines Untergangs, einen Zug zu erfinden, schließt die Erfindung des Eisenbahnunglücks mit ein, ein Auto zu erfinden, bedeutet die Erfindung des Auffahrunfalls. Analog könnte man behaupten, dass die Erfindung des Flachdachs mit Dachpappe auch die des Lecks ist, die Erfindung der Heizung auch die der Überhitzung, die Erfindung der Lüftung die des Durchzugs, die Erfindung der automatischen Drehtür die der Panne, die Erfindung des Hauses die der Unheimlichkeit. Für Virilio ist der Unfall somit auch immer Enthüllung. Denn erst der Unfall erlaubt es, das zu verstehen, was der Erfindung und in einem weiteren Sinne ihrem Erfolg zugrunde liegt. Aus dieser Perspektive ist der Unfall immer auch Erkenntnisgewinn."
Archiv: Architektur

Film

"Bergman Island" mit Vicky Krieps und Tim Roth

Im Standard spricht die Regisseurin Mia Hansen-Løve über ihren Film "Bergman Island", einen semi-autobiografischen Film, in dem ein Filmemacher-Paar ein Domizil in Ingmar Bergmans Haus auf Fårö findet. Eine Hommage auch an den schwedischen Auteur, dessen tiefgründelnde Ernsthaftigkeit Hansen-Løve, die auch mal ABBA auf die Tonspur hebt, sich allerdings nicht völlig zu eigen macht: "Ich glaube, dass es für Bergman kathartisch war, Filme über seine Dämonen, seine schrecklichsten Albträume zu machen. Er hätte nicht immer wieder die schlimmsten Seiten der Menschen erforscht, wenn es ihm keine Erleichterung verschafft hätte. Ich könnte nie nur den Tod, die Qualen, die Brutalität menschlicher Beziehungen zeigen. Die Filme, die ich mache, müssen mich zum Licht führen. Deshalb wähle ich Popmusik, Helligkeit, Humor, denn das kommt dem näher, was das Kino mir geben soll - eine Art zu leben. Das Kino hat mich mit 20 gerettet und soll mir jetzt helfen, besser zu leben."

Der Hype um die koreanische Netflix-Serie "Squid Game" lässt manche auf eine Renaissance des Goldenen Zeitalters der Fernsehserien hoffen - zumal es dann noch um  Sozial- und Kapitalismuskritik geht. Die Splatter-Allegorie findet Philipp Böhm in der Jungle World allerdings eher plump: Am Ende stecken hinter dem Ganzen "vom Reichtum verwahrloste Kapitalistengestalten, süffisante Barbaren mit Tiermasken, die Zigarren rauchen", also "Karikaturen der Ausbeutung, und nicht einmal besonders interessante." Darin wird etwas zu einem Ende gebracht, "was bereits in den goldenen HBO-Serien angelegt war: das Ansprechen des 'kritischen' Fernsehkonsumenten, der gerne etwas Gesellschaftskritik zur Abendunterhaltung wünscht. Wurde bei Serien wie 'The Wire' oder 'Mad Men' den Zuschauern noch zugemutet, gedankliche Vermittlungsarbeit zu leisten, um herauszufinden, was nun der kritische Gehalt des in der letzten Stunde Gesehenen war, hängt Hwang Dong-hyuk bei 'Squid Game' einfach ein riesiges Sparschwein voller Geldscheine auf."

Sündenpfuhl Frankfurt, wie die DDR ihn sich vorstellte: "Pygmalion 12"

Großen Spaß hat Dietmar Dath unterdessen daran, für die FAZ alte DDR-Fernsehthriller zu sichten, die ihren Blick immer wieder gen Westen richten und hier vor allem auf Hessen. Vor allem Ingrid Sanders Agententhriller "Pygmalion 12" hinterlässt Eindruck: "Das Stärkste an der irren Sache ist die Vision von Frankfurt am Main, die sie bietet: ein dekadentes Höllenloch, in dem sich altansässige wie von auswärts hereingeschneite Ungeheuer in plüschverseuchten Kellerklubs von schmierigen Quizmastern Modeschauen ausrichten lassen, damit sie ihren Frauen allerlei Lack und Leder kaufen können, um diese in Villen, wo ständig neue, noch teurere Farbfernseher installiert werden, bei jeder Umarmung fast zu erwürgen. Halbseidene Intellektualität (Adorno!) hypnotisiert in dieser Stadt die jungen Leute, die dann orientierungslos auf Tanzschiffen im Main herumtorkeln."

Weitere Artikel: In der SZ spricht Tobias Kniebe mit Francis Ford Coppola über dessen Film "The Outsiders" aus den 80ern, den er nun in einer um damals gekürzte Szenen erweiteren Version nochmal ins Kino bringt - zu diesem Kino-Revival äußert sich auch Michael Kienzl im Filmdienst ausführlich. Besprochen werden Benoît Delépines und Gustave Kerverns Kinogroteske "Online für Anfänger" ("zum Schreien komisch", findet Jens Balkenborg im Freitag), York-Fabian Raabes "Borga" (Filmdienst, Artechock), eine BluRay von Robert Bressons "Lancelot" (critic.de), eine DVD von Harald Brauns "Der letze Sommer" von 1954 (critic.de), Gerhard Ertls und Sabine Hieblers auf den Hofer Filmtagen gezeigter Porträtfilm "Sargnagel - der Film" (Artechock), Sönke Wortmanns "Contra" (Artechock) und Scott Coopers Horrorfilm "Antlers" (Artechock).
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Archiv: Film

Musik

Andreas Danzer porträtiert im Standard den Punkrock-Labelmacher Stefan Beham, über den Netflix eine Doku drehen will. Besprochen werden der Auftakt des Deutschen Jazzfestivals mit Antonio Sanchez und Andreas Schaerer (FR), ein neues Album von Ed Sheeran (Standard, Tagesspiegel) und das neue Album von Dos Santos (taz).
Archiv: Musik
Stichwörter: Netflix

Literatur

Die Flaubert-Statue in Rouen.

Foto: Pierre-Yves Beaudouin unter cc-Lizenz

Im Literarischen Leben der FAZ erzählt Marc Zitzmann, wie sich das französische Städtchen Rouen allmählich mit seinem berühmtesten Sohn, Gustave Flaubert, versöhnte: Was mit einem Porträt in der Stadtbibliothek begann, mündete in die Betitelung von halben Straßen, einer Schule und sogar einer Hubbrücke. Warum sich die Stadt mit solchen Ehrungen lange Zeit schwer tat, versteht man schnell, denn über die Leute in der Stadt hatte der Schriftsteller "nur Schlechtes zu schreiben. Sowenig er seine Mitbürger auch frequentiere, gestand er schon als Jüngling einem Freund, sie lasteten ihm doch auf den Schultern, 'wie nur Landsleute lasten können'. 1872 verfasste der Romancier dann aus Anlass der Weigerung der Gemeindeobrigkeit, seinem verstorbenen Intimus, dem Dichter Louis Bouilhet, ein Denkmal zu errichten, einen offenen Brief, der in einen Rundumschlag gegen das Bürgertum gipfelte. Diesem warf Flaubert Stupidität, Verweichlichung und Verachtung für Intelligenz vor. Privat stand seine Meinung schon lange fest: 'Der Bürger von Rouen ist immer etwas gigantisch Geisttötendes und pyramidenhaft Blödes.'"

Außerdem: In der NZZ schreibt der Ideenhistoriker Christian Marty zum 150. Geburtstag von Paul Valéry. Im Literaturfeature von Dlf Kultur begeben sich Daniel Guthmann und Joachim Palutzki auf die Spuren des US-Autors Ken Kesey. Helmut Böttiger erinnert in der SZ an Ilse Aichinger, die kommenden Montag 100 Jahre alt geworden wäre. Dlf Kultur hat aus diesem Anlass eine "Lange Nacht" von Vera Teichmann über die Schriftstellerin online gestellt. Holger Gertz unterhält sich für die Seite 3 der SZ mit dem Schauspieler Edgar Selge, der mit "Hast Du uns endlich gefunden" unter die Buchautoren gegangen ist.

Besprochen werden unter anderem Senka Marićs "Körper-Kintsugi" (taz), Ronya Othmanns Gedichtband "die verbrechen" (SZ) und das von Birgit Erdle und Annegret Pelz herausgegebene "Ilse Aichinger Wörterbuch" (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

"Ghost" von Cini Boeri und Tomu Katayanagi aus dem Jahr 1987 (Juergen Hans/Vitra Design Museum)

Mit großem Vergnügen besucht SZ-Kritiker Kito Nedo die Ausstellung "Here We Are! Frauen im Design 1900 - heute" im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein: Es zeigen sich eine "Lust am Experiment und ein latenter Futurismus". Auch stößt er darauf, dass "an Designerinnen mitunter auch Kritik geübt wird, die sich ihre männlichen Kollegen nie anhören müssen. Weil Cini Boeri, die in der Ausstellung mit ihrem spektakulären, aus nur einem durchgehenden, 12 Millimeter dicken Stück Glas gebogenen 'Ghost'-Chair vertreten ist, den sie zusammen mit Tomu Katayanagi entwickelt hat, in den von ihr entworfenen Häusern standardmäßig immer ein zusätzliches Zimmer als 'Raum der individuellen Reflexion' einplante, wurde sie beispielsweise als 'Ehezerstörerin' angegriffen. Auf derlei Anwürfe reagierte Boeri stets gelassen und verteidigte die von ihr in die Architektur eingebaute Unabhängigkeit: 'Für mich war es wichtig, wählen zu können, und nicht gezwungen zu sein, zusammen zu sein.'"
Archiv: Design
Stichwörter: Designerinnen, Boeri, Cini

Bühne

Szene aus "Madame Butterfly" von Satoko Ichihara. Foto: Philip Frowein


In der SZ zieht ein begeisterter Egbert Tholl Zwischenbilanz beim "Spielart"-Theaterfestival in München: "Nach 13 Produktionen in den ersten sieben Festivaltagen gibt es keine Chance, auch nur annähernd die Fülle wiederzugeben. Erstaunlich ist: Eine einzige Aufführung ist Mist. Die anderen sind entweder brillant, wie etwa 'Madama Butterfly' von Satoko Ichihara, die die Motive von Puccinis Oper ins Japan der Gegenwart überträgt. Andere sind erhellend oder auch anrührend wie das Solo von Sorour Darabi, einem trans Menschen aus Iran, der mit zerbrechlicher Schonungslosigkeit das Dilemma schildert, normal wahrgenommen werden zu wollen, aber stets sich entscheiden muss zwischen seinem Sein, dem Spiel mit diesem und dem Reden darüber. ... Vor allem aber wird man mit der Unzulänglichkeit des mitteleuropäisch zentrierten Blicks konfrontiert und kriegt von selbstbewussten, selbstbestimmten Künstlern die eigenen Klischees um die Ohren gehauen."

Besprochen werden die Uraufführung von Marc Sinans Oratorium Manifest(o) über die NSU-Verbrechen im Volkshaus Jena (nachtkritik) und Emanuel Gats Choreografie zu Puccinis "Tosca" beim Tanzfestival RM im Frankfurt LAB (FR).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Spielart-Festival, NSU