Efeu - Die Kulturrundschau

Zu viele Kalorien, zu viele Fette

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2021. Im Standard erzählt Eva Menasse, wie sie in Berlin lernte, mit der Sprachaxt durch den Wald zu gehen. SZ und Nachtkritik feiern in München eine dunkle Messe mit Thomas Köck. Die FAS versteht mit der Netflix-Serie "Squid Game" allmählich, wie antikapitalistisches Entertainment funktioniert. Die taz empfiehlt nachdrücklich Daniel Mendozas Leals kolumbianische Dokuserie "Matarife" über die Verstrickung von Drogenkartellen und Politik. Außerdem huldigt sie der Legende Zygmunt Blask.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2021 finden Sie hier

Bühne

Der Zorn Gottes? Nein, die wollen nur spielen. Foto: Armin Smailovic

An den Münchner Kammerspielen hat Jan-Christoph Gockel "Eure Paläste sind leer (all we ever wanted)" von Thomas Köck uraufgeführt, es ist eine dunkle Messe für die Opfer von Globalisierung und Kolonialismus. Nicht weniger als eine "Bankrotterklärung der Menschheit" sieht Nachtkritiker Georg Kasch in diesem Abgesang, der ihm dann aber etwas zu angenehm durchrauscht: "Die Musik hält den Abend so zusammen wie der musikalische Sprachrhythmus Köcks Stück. Denn das verknüpft etwas lose Teiresias' Sehen, ohne zu Handeln mit den Konquistadoren im heutigen Brasilien anno 1550 und der Opiat-Krise in den USA heute. Wo Köck große, elegische Bögen baut, Requiem, Mess-Liturgie und Dantes 'Göttliche Komödie' nutzt, um die Themen qua Form zu bändigen, will Gockel pralles Theater. Dafür sampelt er etliche Teile neu, verschiebt etwa die einleitende Liebesklage, die das Private und das Politische verknüpft, auf später, wo sie als ein ziemlich lustiger Jammerexkurs von Wohlstandseuropäern im zugequalmten Golf wieder auftaucht."

Bei SZ-Kritikerin Christine Dössel hatte diese "Reise sprachstromabwärts ins Herz der Finsternis" den gegenteiligen Effekt: "Man geht mit einem Völlegefühl heraus, als habe man zu viel serviert bekommen, zu viele Kalorien, zu viele Fette, zu viel des Guten. Auch mit einem Gefühl der Überlänge... Und wenn es dann doch zu Ende ist und abgesackt und verdaut, dann möchte man dieses Stück in den Münchner Kammerspielen am liebsten gleich noch mal sehen..."

Besprochen werden außerdem Stücke beim Dresdner Festival für junge europäische Regie "Fast Forward" (taz), Gerhild Steinbuchs Frauenstück Stück "In letzter Zeit Wut" in den Frankfurter Kammerspielen (FR), die "knallige" Bühnenfassung von Mithu Sanyals Campusroman "Identitti" im Düsseldorfer Schauspiel (FAZ), Frank Castorfs Inszenierung von Joseph Conrads "Geheimagent" am Hamburger Schauspielhaus (FAZ), Benjamin Brittens "The Rape of Lucretia" in Potsdam (Tsp) und Jacques Offenbachs "Pariser Leben" in Rouen (die Welt-Kritiker Manuel drei "wunderbar vergluckste" Operetten-Stunden bescherte).
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Design

Entwurfsskizze Paul Jarays für geschlossenen Renn- oder Rekordwagen der Auto-Union, publiziert in ATZ, Atomobiltechnische Zeitschrift, Heft 5, 1935


Die im Arsenale Institute in Venedig gezeigte Ausstellung "Architecture of Speed" ruft den Designer Paul Jaray in Erinnerung, den die Nazis als Juden einigermaßen gründlich aus der Geschichte gestrichen haben, berichtet Niklas Maak in der FAS. Dass sie ihre stromlinienförmigen Autos einem jüdischen Erfinder verdankten, konnten sie einfach nicht hinnehmen. "Jaray hatte eine zwingende, mathematisch perfekte Form erfunden, eine optimierte Spindel, ein Ding, das nicht wie ein Werk der Technik, sondern wie ein Werk der Natur aussah. Was nicht hieß, dass diese neue Schönheit nicht ordentlich mit den alten Sehgewohnheiten kollidierte. Als schnell galt damals, wenn einer hinter einem endlos langen Motor saß. ... Es ist eine zynische Volte der Geschichte, dass ausgerechnet die Nationalsozialisten Jarays Genie früh erkannten, für ihre Zwecke ausnutzten - um ihm dann seine Patente zu stehlen." Auf Nero Editions erklärt der Kurator Wolfgang Scheppe sein Ausstellungskonzept.

Außerdem berichtet Sabine von Fischer in der NZZ von der Zürcher Designmesse Blickfang.
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Kunst

In der NZZ berichtet Thomas Ribi vom eskalierenden Streit um die Sammlung Bührle (unser Resümee): Nachdem Stadt und Kanton Zürich angekündigt haben, die Herkunft der Werke unabhängig prüfen zu lassen, droht Stiftungsdiorektor Lukas Gloor mit dem Rückzug: "Die Aufgabe der Stiftung Bührle bestehe darin, die Werke der Sammlung bestmöglich zugänglich zu machen, sagt Gloor. Das bedeute auch, sie vor der Vereinnahmung als historische Dokumente zu schützen." Im Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz von der Paris Photo (siehe auch unser Fotolot von Peter Truschner) Ebenfalls in der NZZ empört sich die frühere Diplomatin und FDP-Politikerin Zsuzsa Breier darüber, dass die Neue Nationalgalerie in Berlin im Raum "Politik und Propaganda" auch Agitprop-Bilder von Heinrich Vogeler wie die "Kulturarbeit der Studenten im Sommer 1924" zeigt. Sie sieht darin eine "Verhöhnung der Millionen Opfer des Kommunismus".

Besprochen werden die Schau der Londoner Malerin Lynette Yiadom-Boakye im Düsseldorfer K20 (FR) und eine Ausstellung zu Berthe Morisots Tochter Julie Manet im Musée Marmottin Manet in Paris (FAZ).
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Stichwörter: Morisot, Berthe

Film



In der taz legt uns Knut Henkel Daniel Mendoza Leals Youtube-Dokuserie "Matarife" ans Herz, die in Kolumbien gerade ziemlich durch die Decke geht: Die Machenschaften des noch immer mächtigen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe Vélez derart offenzulegen, hatte bislang noch niemand gewagt. Die dichte Recherche und die zugespitzte Inszenierung lassen Henkel an einen Psychothriller denken: "Für den Ex-Präsidenten, der seine politische Karriere mit der Vergabe von Fluglizenzen für das Medellín-Kartell von Pablo Escobar Anfang der 1980er Jahre in Schwung brachte und mit den convivir, sogenannten Selbstverteidigungskommandos, die Vorläufer der Paramilitärs gründete, ist 'Matarife' eine handfeste Bedrohung. Mehrfach hat er vergeblich Klagen gegen die Doku-Serie und deren Inhalte angestrengt. Obendrein haben die Recherchen von La Nueva Prensa, jener Redaktion, in der Mendoza Leal zuletzt gearbeitet hat, dazu geführt, dass der oberste Gerichtshof Uribe Vélez unter Hausarrest stellte. Wegen Bestechung von Zeugen wird derzeit ermittelt. Ein Achtungserfolg für unabhängige Medien."

Mark Siemons staunt in der FAS, wie es Netflix unter dem anerkennenden Applaus von Amazon-Konkurrent Jeff Bezos mit der Serie "Squid Game" gelungen ist, eine ganz neue Form von "antikapitalistischem Entertainment" auf die Beine zu stellen: Nach vorne plakativ kritisch, aber trotzdem eine wahre Cash Cow, die die Aktienwerte des Streamers nach oben pegeln lässt und sogar eine eigene Kryptowährung nach sich zieht. "Offenbar ist Kritik am System kein Hemmnis, an der eigenen Rolle darin Vergnügen zu finden. Der kritische Gestus scheint vielmehr der Lust an infantilen Spielen bloß eine Legitimation und einen zusätzlichen Kick zu liefern. ... Das antikapitalistische Entertainment kann offenbar selbst in seiner explizitesten Form keine Distanz zu der Welt erzeugen, die es zu kritisieren vorgibt."

Weiteres: Die FAZ meldet, dass die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste den Hans-Abich-Preis nach Recherchen der Zeit (unser Resümee) zur Nazi-Vergangenheit seines Namensgebers in diesem Jahr namenlos verleihen wird. Besprochen werden Andreas Kleinerts "Lieber Thomas" über Thomas Brasch (Welt, FAZ, mehr dazu bereits hier und dort) und Yael Reuvenys Dokumentarfilm "Kinder der Hoffnung" (Freitag).
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Literatur

Die Schriftstellerin Eva Menasse erklärt dem Standard, warum sie zwar seit vielen Jahren in Berlin lebt, aber dennoch immer wieder auf Österreich, dem sie bescheinigt, seit den Achtzigern einige gesellschaftliche Fortschritte gemacht zu haben, zu sprechen kommt: "Der Schriftsteller schreibt über das, was er kennt: Proust über Frankreich, Tschechow über die russische Provinz. Ich kann noch so lang in Berlin leben, die Mentalität und die Sprache, die ich bis in die letzte Pore verstehe, ist die österreichische. ... Für mich ist vor allem lohnend, dass ich beide Sprachebenen kenne, das Österreichische und das Deutsche, wobei es natürlich viele regionale Unterschiede gibt. Ich habe zwei Deutsch in mir. Der Deutsche geht eher mit einer sprachlichen Axt durch die Welt, er sagt, was er will, und das so knapp als möglich. Der Österreicher ist umwunden, 'schliaferlt' herum."

Alle Wetter! Ob Musil, Melville, Verne oder Shelley: Die Meteorologie ist ein reicher Fundus für die Literatur, schreibt der Schriftsteller Hervé Le Tellier in einem kleinen Essay in der FAS: "Denn der Mensch wollte schon immer vorhersehen, zweifellos auch, um zu herrschen. Und das Wetter ist zweifellos das Erste, was er vorhersehen wollte, um zu säen und zu ernten, auch um Krieg zu führen."

Besprochen werden unter anderem neue Romanbiografien über Maria Callas, Billy Wilder und Arturo Benedetti Michelangeli (Standard), Wiederveröffentlicheungen von Jörg Fausers Krimi-Erzählung "Kant" (Freitag), und Pieke Biermanns "Das Berlin-Quartett" (Freitag), Ioana Pârvulescus "Wo Hunde in drei Sprachen bellen" (Standard), Henning Ahrens' "Mitgift" (FR) und neue Hörbücher, darunter eine Lesung von Robert Musils Geschichten aus dem "Nachlass zu Lebzeiten" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Arne Rautenberg über Richard Brautigans "Der Amelia Earhart Pfannkuchen":

"Ich kann einfach kein Gedicht finden
für diesen Titel. Ich hab jahrelang
..."
Archiv: Literatur

Musik

Mit seiner fiktiven Kunstfigur Zygmunt Blask - einer Art David Bowie des Ostens - tritt der in Berlin lebende Musiker Jemek Jemowit auf "Legenda Zygmunt Blask" der Homophobie Polens entgegen, schreibt Andreas Hartmann in der taz. Zu hören gibt es auf dem allein auf Kassette veröffentlichen Album "leicht stumpfen, angeglamten 70er-Jahre-Rock mit polnischen Texten", der bald auch von einer Fake-Doku flankiert werden wird. Nicht die erste Camouflage des Musikers: "In all seinen Rollen arbeitet er sich an Polen ab", etwa "als rappender Proll mit einer Obsession für Gucci und Prada verwurstete er Disco Polo, einen bizarren, an Euro-Dance und schlechten Rap angelehnten Soundmix, den die Polen exklusiv für sich haben. ... Und bei der Beschäftigung mit LaVeys Philosophien ist klar, gegen wen sich sein Bekenntnis zur Church of Satan richtete: gegen den erzkonservativen Katholizismus, der Polen auf besonders drastische Art im Klammergriff hat und mitverantwortlich ist für das heutige queerfeindliche Klima in dem Land. Lieber Satanist und damit radikal individualistisch und reuelos hedonistisch, als verklemmt und schwulenfeindlich."



Außerdem: In der SZ stellt Michael Moorstedt die Plattform catalog.works vor, die es Musikern gestatten will, im Netz mehr Geld an ihrer Kunst zu verdienen, aber zugleich die Werke zugänglich zu machen - mal wieder geht es dabei um Kryptowährungen und das NFT-Verfahren, das seit einigen Monaten in der Kunstwelt für Aufsehen sorgt. Für die taz besucht Jens Uthoff die Impro-Musikerin Limpe Fuchs, die heute achtzig Jahre alt wird.

Besprochen werden das gemeinsame Album von Bruno Mars und Anderson .Paak, das mit seinen "unglaublichen Fills, Übergängen und Breaks" NZZ-Kritiker Claus Lochbihler direkt in den siebten Siebziger-Funk-Himmel beamt, der Auftakt der Musica Viva mit Pablo Heras-Casado (FAZ), Dave Gahans gemeinsam mit Rich Machins veröffentlichtes Coverversionen-Album "Imposter" (Standard) und Tristan Bruschs Album "Am Rest", auf dem Tagesspiegel-Kritiker Christian Schröder "die schönsten, seelenerwärmendsten Songs dieser Schreckenstage" entdeckt. Wir hören rein:

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