Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kunst, Dynamik im Stillstand zu erzeugen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2020. In der SZ erklärt die Architektin Marina Tabassum, dass auch Häuser Licht und Luft zum Atmen brauchen. ZeitOnline beobachtet beim Hildesheimer Prosanova-Festival den Ausbruch aus dem Safe Space. Die FAZ sucht auch noch hundert Jahre nach Gründung von Groß-Berlin das Herz der Stadt. Im DlfKultur spricht Georg Seeßlen über den amerikanischen Polizisten, der im Film schon immer arm und kaputt war. Und die NZZ lernt von Elon Musk, den Weltraum mit Eleganz zu erobern.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2020 finden Sie hier

Architektur

Die Bait ur Rouf Moschee in Dhaka, für die Marina Tabassum den Aga Khan Preis erhalten hat


Laura Weißmüller unterhält sich in der SZ mit der Architektin Marina Tabassum aus Bangladesch über Lehm als Baustoff, das Licht als spirituelle Quelle und eine lebendige Architektur, die sich die Menschen auch leisten können: "Bei allen meinen Gebäuden ist es mir sehr wichtig, dass sie autonom operieren können. Dass sie sozusagen wie menschliche Lebewesen funktionieren. Wenn ich Gebäude sehe, die vollständig von Klimaanlagen abhängig sind, wirkt das für mich wie ein Mensch auf der Intensivstation. Wenn man die Geräte abschaltet, stirbt der Patient. Häuser müssen atmen, sie brauchen Luft und Licht. In gewisser Weise sind sie die Erweiterungen von uns selbst. Wenn wir atmen, atmen wir die Luft ein, die das Gebäude uns gibt."

Weiteres: Claudia Mäder schreibt in der NZZ schon mal einen Nachruf aufs Büro, das dem Zeitgeist und Controlling inzwischen als überflüssig gilt. Im Tagesspiegel berichtet Ralf Schönball in der Hängepartie um die Berliner Bauakademie, dass die Besetzung des Direktorenpostens mit dem Politiker Florian Pronold dem landesarbeitsgericht zufolge unrechtmäßig war.
Archiv: Architektur

Literatur

Samuel Hamen resümiert auf ZeitOnline das Prosanova-Festival, das in diesem Jahr nicht im Hildesheimer Literaturinstitut, sondern online stattfand. Auch ansonsten wenig Idylle bei diesem virtuellen Get-Together, das "wirklich nie in den Verdacht geriet, eine unkritische Kunst-für-die-Kunst-Veranstaltung der gehobenen weißen Mittelschicht zu sein". Etwas mehr Reibung hätte es nach Hamans Geschmack in dem Programm dann aber doch geben dürfen: "Erhellend war diesbezüglich lediglich ein Lesungsgespräch zwischen Saba-Nur Cheema, Eva Berendsen und Meron Mendel, die ihre Anthologie 'Trigger-Warnung' vorstellten. Am späten Nachmittag des letzten Tages dachten sie über die 'Paradoxe der Identitätspolitik' nach: 'Während wir es uns in unseren Safe Spaces wahlweise zu gemütlich machen oder uns darin selbst zerfleischen, bleiben allerdings unsere Fähigkeiten, zu streiten und zu argumentieren, nach außen auf der Strecke.'"

Weitere Artikel: Die Dramatikerin Enis Maci umkreist in einem SZ-Essay ausgehend von Marius Goldhorns Roman "Park" Fragen der Selbstisolation und der Krise ihres Berufsstands. Linus Giese sieht für 54books die Herbstvorschauen der Verlage nach Trans-Themen durch.

Besprochen werden unter anderem neue Bücher von Dave Eggers (Tagesspiegel), Martin Meyers Erzählung "Corona" (Tagesspiegel), Deepa Anapparas Krimi "Die Detektive vom Bhoot-Basar" (online nachgereicht von der FAZ), Vanessa Springoras "Die Einwilligung" (SZ) und Esther Kinskys Gedichtband "Schiefern" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Georg Seeßlen spricht im Dlf Kultur über die Darstellung von Polizeigewalt im Film: "In Deutschland träume man von einem autoritären, aber menschlichen Polizisten, während in amerikanischen Filmen oft der ganze Widerspruch der Gesellschaft in der Figur des Polizisten  komprimiert sei. 'Dieser arme oder auch kaputte Polizist muss eigentlich die ganze Tragödie der amerikanischen Geschichte in sich auflösen', so Seeßlen. 'Kein Wunder also, dass er ab und zu richtig böse wird.' Darin liege auch ein großes Scheitern, so der Kulturkritiker im Hinblick auf die popkulturelle Rezeption dieser Figur."

In einem großen Guardian-Essay befasst sich Todd Boyd damit, welche Rolle Filmklassiker wie "Birth of a Nation" oder "Vom Winde verweht" dabei spielten, die Sklaverei in den USA zu verharmlosen und die Niederlage der Südstaaten im Bürgerkrieg als Folge eines noblen Kampfs für eine verlorene Sache hinzustellen: "Das Echo der ahistorischen Propaganda dieser Filme lässt sich in der momentanen Aktualität von 'The Help', eine gegenwärtige Version dieses Narrativs aus dem Jahr 2011, erkennen, ein Film, der auf Netflix in den Charts vor dem Hintergrund der Proteste auf den Straßen ganz nach oben gestiegen ist. ... Auch wenn 'The Help' nicht 'Vom Winde verweht' ist, reiht sich der Film doch ein in die lange Kette jüngerer Filme, die das Motiv des weißen Retters feiern, während schwarze Figuren als rassifizierte Requisiten auftauchen, um Themen wie Wohlwollen, Großzügigkeit und umfassende weiße Güte zu unterfüttern."

Weitere Artikel: Daniel Pemberton ärgert sich im Guardian darüber, dass es Netflix und Konsorten am Ende eines Films gar nicht schnell genug damit gehen kann, den Abspann abzubrechen und mit Werbung zu überlagern. Michael Ossenkopp schreibt in der Berliner Zeitung über sechzig Jahre "Psycho" von Alfred Hitchcock. Die Agenturen melden, dass die Oscarverleihung im nächsten Jahr wegen Corona von Februar auf April verschoben wird.
Anzeige
Archiv: Film

Bühne

Božidar Kocevski allein im Kampf gegen die tödliche Bedrohung. Foto: Arno Declair / Deutsches Theater.

Auf ZeitOnline erlebt Nils Erich die minimalistische Open-Air-Aufführung von Albert Camus' "Die Pest" vor dem Deutschen Theater in Berlin als großen Theatermoment: "Theater ist das gleichzeitige, kollektive Erleben eines ephemeren Moments. Durch Kocevskis Einsamkeit auf der Bühne wird das noch augenfälliger. Im Theater ist höchstens der Schauspieler ein Einzelkämpfer. Das macht die Kraft dieser Kunstform aus."

Die Intendanten der großen Zürcher Bühnen, Ilona Schmiel, Andreas Homoki, Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann sprechen im NZZ-Interview darüber, wie sie ihre Bühnen durch die Corona-Zeit gebracht haben. Einig sind sie sich, dass Theater im Streaming es nicht bringt. Homoki sagt etwa: "Bei der medialen Präsentation im Internet haben wir alle wohl eine gewisse Entwicklung durchlaufen. In den ersten Wochen kamen viele spontane Videos und kleinere Produktionen ins Netz. Vieles war anfangs ja ganz lustig. Aber dann hat man gemerkt: Das erschöpft sich. Wir haben das dann bald verworfen und uns auch darauf besonnen, wofür wir als Institution stehen. Das Opernhaus ist ja in seinem Programm international ausgerichtet, es steht für hochpreisige Künstler in großen Formaten. Da kannst du nicht plötzlich das Gegenteil verkaufen, nur weil du diesen Druck spürst." Und Blomberg: "Es war eine extrem wertvolle Zeit. Sie hat zwei Dinge wie unter einem Brennglas gezeigt. Zum einen, wie stark die Sehnsucht nach Live-Präsenz ist - ja, Theater hat gefehlt. Zum anderen aber auch, dass man Produktivität nicht einfach bestellen kann. Künstlerische Inspiration ist nicht planbar, und selbst wenn man sich ein neues Medium aneignet, muss dieses Medium einen zusätzlichen Aspekt freilegen, sonst bleibt es ein Surrogat."

Weiteres: In der taz wirft Verena Harzer den New Yorker Kulturinstitutionen vor, sich mit Posts gegen Rassismus zu schmücken, es aber bei der Besetzung von Spitzenposten oder Werkschauen mit der Repräsentanz nicht so genau nehmen. SZ-Kritikerin Dorion Weickmann begleitet den Choreografen Sebastian Matthias auf einem Tanzstreifzug quer durch Dresden. Sylvia Staude bespricht in der FR die Tanzinstallation "Selflessness" der Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot; in der FAZ nutzt Wiebke Hüster den Anlass, um den Niedergang des Tanzes in Frankfurt zu geißeln: "Nach fünf Jahren mit Godani, steht der Tanz da wie beiseitegeschafft."
Archiv: Bühne

Kunst

Karl-Ludwig Lange, Kranzler Eck, 1994

Die Kommunale Galerie erinnert an die Gründung von Groß-Berlin vor hundert Jahren. Für FAZ-Kritiker Andreas Kilb erscheint die Schau "100 x Berlin" wie jede andere, dann aber wieder auch nicht: "Erst beim zweiten Hinschauen erkennt man, dass ihr etwas Wichtiges fehlt: ein Zentrum, und sei es auch nur ein gedachtes. Der Rundgang, der mit Heinrich Zille beginnt und mit Christo und Wolf Vostell endet, zeigt tatsächlich genau das, was er verspricht: hundertmal Berlin und jedes Mal etwas anderes. Man sieht keine Stadt, schon gar keine Weltstadt, sondern ein Memory-Spiel aus Einzelbildern, die auf der Suche nach ihrem Zwilling sind."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kommunale Galerie, Christo

Design

Den Weltraum erobert man nicht nur mit sehr viel Geld, sondern auch mit tollen Bildern und Formbewusstsein, schreibt Oliver Herwig in der NZZ mit genauem Blick darauf, wie sich Elon Musks SpaceX in der Öffentlichkeit präsentiert: Die Astronauten etwa "mit ihren schlanken Helmen und reinweißen Anzügen samt anthrazitfarbenen Abnähern und Schulterpolstern. ... 'Bella figura' ist eben alles, selbst in den unendlichen Weiten des Alls" und schließlich "ist Styling die Kunst, Dynamik im Stillstand zu erzeugen. Lässt sich das aber auf Dinge anwenden, die ohnehin schnell unterwegs sind, auf Raketen etwa? Da diese erst die Erdanziehungskraft und gehörig Reibung der Atmosphäre überwinden müssen, ist die Kraft der Konzeptkünstler hier beschränkt. Austoben können sie sich dafür bei futuristischen Interieurs, Raumanzügen und sogar bei erdgebundener Architektur."

Außerdem: Arno Widmann erinnert in der FR an den Kampf, Hosen als legitime Frauenkleidung durchzusetzen: Dieser lange, immer wieder von Rückschlägen bedrohte "Kampf um die Hose ist immer auch ein Kampf um die Freiheit. Bei dem Beharren auf dem kleinen Unterschied geht es einzig darum, das große Machtgefälle nicht zum Einsturz bringen zu lassen." In den aktuellen Kollektionen zeigt sich eine neue Tendenz zum Apokalyptischen, stellt Tillmann Prüfer in seiner Modekolumne für das ZeitMagazin fest: "Die Mode hat aber nicht einfach Lust am Untergang, die Mode ist auch ein Seismograf der Gesellschaft."
Archiv: Design
Stichwörter: Musk, Elon, Spacex

Musik

Hin und weg ist Jens Balzer auf ZeitOnline von der queeren Kunst der Vielheit, die sich Hans Unstern nennt (unser erstes Resümee). Gerade konnte er bei der Präsentation des Albums "Diven" im Berliner HAU "Zartheit und Grobheit, das Organische und das Maschinelle hier in der schönsten Synthese" erleben. "Der ganze Auftritt erscheint gleichermaßen kalkuliert und geplant, wie er vollständig verpeilt wirkt und neben der Spur. Hans Unstern sieht wie immer fantastisch aus. Der buschig verwuschelte, schief beschnittene Bart wird mit blau glitzerndem Lidschatten und einem blauen Frauenkleid kombiniert. ... Der Gesang wechselt zwischen herzzerreißend melancholischen Melodien und sonderbar unkonzentriert abschweifendem Faseln. Die lyrischen Bilder, die Unstern für Utopien und Nabelschauen findet, sind manchmal funkelnd klar und manchmal - sagen wir - aleatorisch." Der Auftritt ist auf Youtube dokumentiert:



Weiteres: In der FAZ spricht die georgische Geigerin Lisa Batiashvili über die in Zeiten von Corona arg zurückgestellte Lust am Reisen. In der FAZ schreibt Wolfgang Sandner einen Nachruf auf den Jazzpianisten Keith Tippett.

In seiner SZ-Jazzkolumne spürt Andrian Kreye nach, welche Spuren tödliche Polizeigewalt im Jazz hinterlassen hat: Nicht nur um Kamasi Washingtons Aufstieg in den Mainstream geht da, sondern auch die Compilation "Kaleidoscope - New Spiritis Known and Unknown" und die Re-Issue von Charles Tollivers '75er Album "Impact". Wir hören rein:



Besprochen werden Jon Savages Buch über Joy Division und Ian Curtis (FR), das Hinds-Album "The Prettiest Curse" (Tagesspiegel), Moses Sumneys "Grae" (FR) und neue afrofuturistische Musik von Onipa (SZ).

Archiv: Musik