Efeu - Die Kulturrundschau

Metaphysik ohne Jenseitsseligkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2018. Fünf Tage vor Beginn der Buchmesse stürzen sich die Feuilletons nun auf Georgien: In der taz erklärt Nana Ekvtimishvili, wie sich Georgien an den Hinterlassenschaften der Sowjetunion abarbeitet. Wojciech Smarzowskjs Film "Kler" über Macht- und Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche setzt polnische Rechte und Klerus ordentlich unter Druck, weiß die FR. Ebenfalls in der FR fordert Igor Levitt mehr als leere Floskeln gegen rechte Kräfte.Der Tagesspiegel träumt von einer neuen Berliner Altstadt. Und: Montserrat Caballe ist tot.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2018 finden Sie hier

Literatur

Die NZZ wirft in ihrer Beilage "Literatur und Kunst" einen Blick nach Georgien, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse. Der georgische Schriftsteller Aka Morchiladze entwirft eine kurze Geschichte seines Heimatlandes, an dem als Knotenpunkt widerstrebender geopolitischer Interessen immer wieder gezerrt wurde. "Georgien schaffte es in den langen Zeiten der Unterwerfung durch Imperien immer wieder, bei diesen höhere Machtpositionen zu besetzen. Es kam sogar vor, dass man georgischen Königen den Schah-Titel in Persien angeboten hat. Der Berühmteste unter diesen Herrschern war Josef Stalin. ... Für Georgien war die Position des unterdrückten, aber beliebten Exoten äußerlich gesehen vielleicht angenehm, aber dahinter verbarg sich ein dramatisches Innenleben. Die georgischen Eliten gewöhnten sich im Laufe der Geschichte daran, ein Doppelleben zu führen: Unter dem Islam trugen sie ein Kreuz, gegen die imperialen Gesetze hielt man georgische Regeln. Das hatte zur Folge, dass sich die Eliten verbiegen mussten. In den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion war aber das gesamte Volk zu diesem Doppelleben gezwungen."

Claudia Mäder hat sich mit dem einstigen Dissidenten Lewan Berdsenischwili getroffen, der für sein Engagement für ein unabhängiges Georgien einst in den Gulag gesperrt wurde und dessen Erinnerungen an diese Erfahrungen unter dem Titel "Heiliges Dunkel: Die letzten Tage des Gulag" jetzt ins Deutsche übertragen wurden. Ulrich M. Schmid skizziert das schwierige georgisch-russische Verhältnis und Judith Leister liest aktuelle Romane der georgischen Schriftstellerinnen Tamta Melashvili, Anna Kordsaia-Samadaschwili und Nana Ekvtimishvili.

Im taz-Interview erklärt Nana Ekvtimishvili, warum ihr Roman "Das Birnenfeld" in einem Internat für lernbehinderte Kinder angesiedelt ist: "Diese Schule ist für mich wie ein Relikt der Sowjetunion. Was dort passiert, ist eine Fortsetzung der Unmenschlichkeit totalitärer Systeme. ... Es war mir wichtig, diesen Ort konkret zu benennen. Denn: Das ist Georgien, das ist Tbilissi, das ist ein Randbezirk von Tbilissi. In Georgien kämpfen wir uns nicht nur physisch an den Hinterlassenschaften der Sowjetunion ab, sondern auch mit den Werten, die dageblieben sind." Außerdem zu Georgien: Für die Welt hat Richard Kämmerlings aktuelle Übersetzungen georgischer Literatur zur Hand genommen, darunter Lasha Bugadzes "Der erste Russe" und Archil Kikodzes "Der Südelefant", der eine Art "Ulysses" für Tiflis darstellt. In einer "Langen Nacht" für den Dlf Kultur befassen sich Brigitte Baetz und Uli Hufen mit der Geschichte und Kultur des Landes.

Urs Büttner erinnert im literarischen Wochenend-Essay der FAZ an die Studentenproteste, als der französische Dichter und senegalesische Staatspräsident Léopold Sédar Senghor 1968 den Friedensnobelpreis verliehen bekam: Der SDS hatte sich bereits im Vorfeld dazu entschlossen, die Preisverleihung als Bühne für den Protest zu nutzen, wurde dann aber "von dieser Wahl überrumpelt. Sie mussten erst recherchieren, wer der Preisträger überhaupt war. Die Protestaktionen richteten sich daher auch kaum gegen das Programm der Négritude, sondern nahmen vor allem die Realpolitik im Senegal aufs Korn."

Im großen taz-Interview zieht der Krimi-Autor Friedrich Ani - der Wert darauf legt, Münchner, aber kein Bayer zu sein - unter anderem sehr hübsch über Bayern und dessen Verwurstung im Fernsehen her: "Das Bayerische hat einen Unterhaltungswert wie kaum eine andere Region inklusive der Sprache, die natürlich Fernsehbayerisch ist. So viel Kuhfladen kann man gar nicht werfen, so bescheuert sind die meisten dieser bayerischen Polizei-Serien. Das Bayerische und das damit verbundene Ausgestellte, Touristische gilt halt als exotisch: Dem Bayer geht es gut, da hinten sind die Berge, die Sonne scheint. ... Bayern schaut immer gleich aus, egal, wie viele Weltkriege darüber hinweggingen. Es ist nun mal eine von der Landschaft geprägte Gegend. Das hat etwas Unerschütterliches und sieht immer gut aus, dieses hübsche, weiß-blaue, gut ausgeleuchtete Bild vom Leben." 

Weitere Artikel: In der Literarischen Welt würdigt Mara Delius die französische Schriftstellerin Virginie Despentes, die mit dem Welt-Literaturpreis ausgezeichnet wird. In der "Bad Reading"-Kolumne des Freitag ärgert sich Andreas Merkel über die "Leichenfledderei", die Roberto Bolaño mit der postumen Veröffentlichung von "Der Geist der Science-Fiction" angetan wird: Dieser Text "ist im Leben kein Roman." Im Literatur-Feature des Dlf Kultur porträtiert Paul Stänner den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. Die FAZ meldet, dass mit dem Juristen Eric M. Runesson und der Schriftstellerin Jila Mossaed zwei neue Mitglieder für die Schwedische Akademie berufen wurden.

Besprochen werden unter anderem Nino Haratischwilis "Die Katze und der General" (NZZ, Berliner Zeitung, Welt), Stephan Thomes "Der Gott der Barbaren" (taz), Leonard Cohens Gedichtband "Die Flamme" (SZ), Kathleen Collins' Storyband "Nur einmal" (SZ), Ulf Erdmann Zieglers "Schottland und andere Erzählungen" (Tagesspiegel), Friedrich Anis "Der Narr und seine Maschine" (online nachgereicht von der FAZ) Yuri Slezkines "Haus der Regierung" (Welt), die "Peter Handke Bibliothek" (Welt) und Heinz Helles "Die Überwindung der Schwerkraft" (Dlf Kultur, FAZ).

Außerdem bringt die FAZ heute ihre Beilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.
Archiv: Literatur

Film

Autoritäten und Hierarchien: Wojciech Smarzowskis "Kler"
In Polen stellen sich Klerus, Konservative und die nationalistische Rechte auf die Hinterbeine gegen Wojciech Smarzowskjs Film "Kler", wie Jan Opielka in der FR schreibt, "künstlerisch höchst radikaler und offenbar wirkungsvoller Hieb gegen die katholische Kirche Polens", der zudem noch die Kinokassen landauf, landab zum Klingeln bringt: "Smarzowski projiziert die Themen Kindesmissbrauch sowie Geld- und Machtgier in der Kirche schonungslos auf seine Heimat. ... Die Mechanismen der Autoritäts- und Hierarchiebildung, die er in fiktiver Überspitzung zeigt, stabilisieren seit Jahrhunderten das Innere der Institution der katholischen Kirche und ihren korrumpierenden Kern - nicht nur in Polen. "

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel empfiehlt Andreas Busche die von Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster kuratierte Abel-Ferarra-Werkschau im Berliner Kino Arsenal (mehr dazu hier). Susan Vahabzadeh schreibt in der SZ über ihr Treffen mit Bradley Cooper und Lady Gaga, die ihren gemeinsamen (in der Welt besprochenen) Film "A Star is Born" promoten. Urs Bühler berichtet in der NZZ von Johnny Depps Stippvisite beim Zurich Film Festival. Anna Edelmann und Thomas Willmann resümieren bei Artechock das Fantasy Filmfest 2018. Gerhard Midding führt bei epdFilm durch das Programm der Kölner Filmreihe "Zwischen Anmut und Tragik", die ausgesuchte japanische Filme präsentiert.

Besprochen werden Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" (FR, mehr dazu hier), Christoph Hübners und Gabriele Voss' Essayfilm "Nachlass" (Filmdienst), Claus Drexels beim Zurich Film Festival gezeigter Dokumentarfilm "America" (NZZ), Susan Gordanshekans "Die defekte Katze" (Freitag), die Netflix-Serie "Élite" (FAZ) und die Ausstellung "Zwischen den Filmen: eine Fotogeschichte der Berlinale" im Filmmuseum in Berlin (Filmdienst).
Archiv: Film

Musik

Das neue Album "Monster, Schafe und Mäuse" von Element of Crime ist Pflichttermin für die Feuilletons. Für den Standard hat sich Karl Fluch mit Sven Regener und Jakob Ilja zur Plauderei über Rock'n'Roll im Alter und die Frage nach der Erdung populärer Musik getroffen: "Wie soll uns die Kunst mit unserer Existenz versöhnen, wenn wir nicht in der Lage sind, frei damit umzugehen", fragt sich Sven Regener. "Da hat der Rock'n'Roll eine Menge bewirkt, weil das dem Jazz nicht mehr gelungen ist. Der kam da nicht mehr raus aus dem akademischen Ding. Aus Musik für Nutten und ihre Kunden in New Orleans wurde so eine Sache, für die man um 170 Euro ein Ticket für einen Konzertsaal kauft und still sitzen muss." Im Freitag-Gespräch ärgert sich Regener über das Bild des "älteren weißen Mannes", für ihn eine "rassistische Stereotype", die keine Aussagekraft besitzt:  "Wenn Sie drei von denen haben, können das trotzdem drei völlig verschiedene Menschen sein. Dasselbe gilt natürlich auch für weiße Homosexuelle." Und das neue Album selbst? Wird immerhin in der FR von Harry Nutt besprochen.

Igor Levitt glaubt zwar, dass sich die durch extreme rechte Kräfte angestachelte Stimmung im Land langsam dreht, allerdings nervt ihn auch bloß rhetorischer Floskelprotest, wie er im großen FR-Gespräch verrät: "Vor drei Jahren wurde ich gefragt, warum machst du das, warum legst du dich mit denen an, inzwischen werden die, die selbst ruhig sind, gefragt, warum sie sich nicht einmischen. Gott sei Dank ist es so! Gleichzeitig würde ein Freund von mir sagen: Die große Sch … ist, dass sich viele in schönen Runden treffen und am Ende enden die dann mit den Aussagen 'Alles ist schrecklich. Wir müssen was tun. Aufstehen gegen rechts.' Aber keine dieser Aussagen hat politischen Inhalt, es sind leere Floskeln. Gutes-Gefühl-Bekenntnisse. Aber mehr nicht. Mir fehlt konkretes politisches Handeln."

Besprochen werden das neue Album von Cat Power (Pitchfork, ZeitOnline, Tagesspiegel, Dlf Kultur, mehr dazu hier), das neue Album "The Walker/La Marcheuse" von Christine and the Queens (taz), eine den legendären Plattencovern der Grafikschmiede Hipgnosis gewidmete Ausstellung in der Browse-Gallery in Berlin (taz), die Tom-Petty-Box "An American Treasure" (Pitchfork), Charlie Winstons Album "Square 1" (FR), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Sakari Oramo (Tagesspiegel) und ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Ton Koopman (Tagesspiegel).

Und das Logbuch Suhrkamp präsentiert die 60. Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte":

Anzeige
Archiv: Musik

Architektur

Nach Frankfurt braucht auch Berlin eine neue Altstadt, findet Harald Bodenschatz im Tagesspiegel: "Es fehlt etwas in der Berliner Mitte, es fehlen städtische Räume, Straßen und Plätze, die nicht nur an die großen Zerstörungen Berlins im Zeitalter der Diktaturen des 20. Jahrhunderts erinnern, sondern auch an seine durchaus lange Geschichte - an die bescheidenen Anfänge einer kleinen bürgerlichen Stadt des Mittelalters im wilden Osten, in der im Zeitalter der Aufklärung die Toleranz einen Triumph von europäischer Bedeutung feierte. Sagen wir es so: Auch Berlin braucht auf dem Weg in die Zukunft einen Ort der Erinnerung - an die gesamte Geschichte, an Toleranz und Intoleranz, an Zerstörung und Aufbau."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Altstadt

Bühne

Die spanische Opernsängerin Montserrat Caballe ist im Alter von 85 Jahren gestorben, meldet Spon.

In puncto Dramaturgie und intellektueller Analyse von Stoffen ist deutsches Theater Spitzenklasse, meint Daniele Muscionico in der NZZ. Nur das Gefühl bleibt meist auf der Strecke - es sei denn Christoph Nix inszeniert, wie aktuell in Konstanz, wo Nix Becketts "Godot" auf die Bühne bringt: "Ein Stück als reine Spielsituation frei von jeder Erklärung und Philosophie. Ein Bäumchen, das hier ein Kreidestift ist, drei archetypische Figurenkonstellationen, der Herr, der Sklave und das Paar. Weniger geht nicht, viel mehr indes auch nicht: In Konstanz wird ein großer Tanz vollführt, ein Lebenstanz, um den Tod zu vergessen. Das ist Metaphysik ohne Jenseitsseligkeit, dafür mit Gegenwartsbezug. Und sie ist unterlegt von viel Gefühl."

Besprochen werden Rene Poleschs Inszenierung "Cry Baby" am Deutschen Theater (Der Abend strahlt "eine ergreifende Schönheit aus, voller Witz und kurioser Komik", schwärmt Eva Marburg im Freitag), Árpád Schillings "Lohengrin" an der Oper Stuttgart (FR), Michael Portnoy Inszenierung "Touching on Everything" beim Sterischen Herbst (Standard), Calixto Bietos Inszenierung von Arnold Schönbergs "Moses und Aron" in Dresden (FAZ), Antje Thoms' Inszenierung von Georg Kaisers "Gas"-Trilogie am Staatstheater Augsburg (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Lotte Laserstein: In meinem Atelier, 1928. Foto: Lotte-Laserstein-Archiv / Städel Museum
Sind die derzeit im Frankfurter Städel ausgestellten Arbeiten von Lotte Laserstein eine Entdeckung wert, fragt Till Briegleb in der SZ. Stilistisch erscheint ihm ihr Werk recht "konservativ", eher Sozialistischer Realismus als Neue Sachlichkeit: "Aber Lotte Lasersteins genaue Beobachtung menschlicher Ruhe und Entspanntheit, die das psychologische Grundmuster ihrer Motivauswahl anfänglich zu bilden scheint, liefert im Gegensatz zur staatlichen Auftragsmalerei keinerlei Pathosformeln. Laserstein ist in den späten Zwanziger Jahren nach ihrem Abgang von der Akademie 1927 interessiert an einer Natürlichkeit, die nicht mehr zeigen will als etwas erhofft Selbstverständliches - das Leben nach eigenem Willen. Aber dann beginnt sich mit dem steigenden Bedrohungspegel in der Gesellschaft auch in Lasersteins Gesichtern und Posen die Angst und das Unbehagen einzuspielen."

Omar Ba, Au commencement, 2018, Mixed media, oil, pencil, acrylic, gouache on craft paper with polyester.
Für die NZZ reist Brigitte Ulmer zur sechsten Ausgabe der 1-54 Contemporary African Art Fair nach London, um festzustellen: Afrikanische Kunst gibt es nicht, wohl aber gemeinsame Themen afrikanischer Künstler, etwa "das Lavieren in einem Raum zwischen Fantasie und Realität, das Verhandeln einer postkolonialen Perspektive, die Konstruktion von Identität, das Zelebrieren eines subversiven Humors als Form von Widerstand." Zum Beispiel im Werk des Senegalesen Omar Ba: "Von einer Reichhaltigkeit an Materialien, Techniken und Referenzen zeugt die vielschichtig-ornamentale Malerei des in Genf lebenden Senegalesen Omar Ba. Meist auf gewöhnliches Packpapier oder Plastik gemalt, werfen diese Kunstwerke Fragen nach Herkunft und Zugehörigkeit auf."

Weitere Artikel: Fasziniert hat sich Nicola Weber im Standard phallische Skulpturen, Sex Machines und "kollaborative Pornos" in der Ausstellung "Sex" im Innsbrucker Taxi Palais angesehen: "Der Wille zu einer echten Auseinandersetzung ist ihr durchgängig anzumerken, nie wird sie voyeuristisch oder sensationslüstern." Von der 33. Biennale in Sao Paulo, die aktuell unter dem Motto "Affective Affinities - Gefühlsverwandtschaften" stattfindet, hätte sich taz-Kritiker Ingo Arend angesichts der bevorstehenden Wahlen in Brasilien, die dem rechtspopulistischen Kandidaten Jair Bolsonaro 20 Prozent der Stimmen prophezeien, mehr Gegenwind gewünscht. Mit Blick auf die Wiedereröffnung von Eduardo Chillidas Skulpturenpark im baskischen Hernani und der geplanten Ausstellung im Wiesbadener Museum ist Nicola Kuhn im Tagesspiegel schon mal nach Spanien gereist, um mit den Söhnen des Bildhauers über dessen Werk und die geplanten Ausstellungen zu sprechen. Besprochen wird die Ausstellung "Zarte Männer in der Skulptur der Moderne" im Berliner Georg Kolbe Museum (FAZ).
Archiv: Kunst