Aus dem Georgischen von Christine Hengevoß. Auf die Frage, warum er die Erinnerungen an seine Jahre im Gulag niedergeschrieben habe, erwiderte Lewan Berdsenischwili: "Es ist kein Buch über mich, sondern über die Menschen, die ich kennen und lieben gelernt habe. Vielleicht erkennen einige von ihnen sich nicht wieder, denn die Erzählungen enthalten mehr Wahrheiten über sie, als sie selber wissen oder zu wissen glauben. Es ist ein Buch nicht nur über das Traumatische dieser Erfahrung, sondern auch das Glück des Austauschs mit sehr unterschiedlichen Menschen, denen dasselbe Los zuteilgeworden war."
Berdsenischwili schreibt mit feinem Humor und Ironie, manchmal aber auch voller Sarkasmus und Wehmut über seine Mithäftlinge und ihre Bewacher. Er folgt den außergewöhnlichen, teils schrägen Charakteren, die - wegen absurdester "Verbrechen" inhaftiert - geplagt sind von Hunger, Haft, dem Mangel an Kommunikation mit der Außenwelt. Doch schwingt auch immer eine gewisse Dankbarkeit mit. Die vom KGB "auserlesenen" Inhaftierten bilden eine Art Ersatzfamilie füreinander und erleben Dinge, die sie ohne den Gulag nicht erfahren hätten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2018
Dass man die Erfahrungen im Gulag offenbar auch mit Humor nehmen kann, lernt Rezensentin Kerstin Holm in diesem Buch des georgischen Schriftstellers Lewan Berdsenischwili, das laut Kritikerin das Genre der Gulag-Erinnerungen um die "philosophische Komödie" erweitert. Sie liest Berdsenischwilis Erinnerungen an seine Haft in den Jahren 1984 bis 1987 vor dem Hintergrund der existentialistischen Philosophie von Merab Mamardaschwili, der im Moskau der Breschnew-Ära den Cartesianismus als "Übung in persönlichem Mut" lehrte, wie Holm informiert und dessen Erwähnung sie sowohl im Nachwort als auch in den Anmerkungen schmerzlich vermisst. Darüber hinaus bewundert sie aber vor allem Berdsenischwilis Gespür für Dramaturgie und den wohlwollenden Spott, mit dem er seine Mitgefangenen beschreibt: Nur einige wenige zerbrechen, der Großteil der Häftlinge glänzt indes durch Bildung, Talent und Unabhängigkeit, erklärt die Rezensentin, die hier etwa den "sokratischen Dialogen" zwischen Stalinisten, Eurokommunisten, Sozialdemokraten oder ukrainischen Hungerkünstlern über Popper, Marx und Co. lauscht.
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