Efeu - Die Kulturrundschau

Paris war für mich kein Gebetsbuch

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23.09.2017. Die Volksbühne  ist besetzt, der Kultursenator verärgert, erste Reaktionen. Klangkünstler Nik Nowak erzählt in der taz, wie er in Nordkorea Propaganda-Lautsprecher zweckentfremden wollte. Kunst kann gut verunklaren, lernt die Presse in einer Ausstellung über Kunst, Politik und Natur. In der Welt stellt die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter einen nördlichen Literaturkanon auf. Berliner Zeitung und Tagesspiegel zucken mit den Achseln in Antú Romero Nunes' Inszenierung von Albert Camus' "Caligula", die die neue Intendanz von Oliver Reese am Berliner Ensemble  einleitet.

Bühne

"Die Volksbühne ist Eigentum aller Menschen", tatsächlich gehört sie der derzeit einem ominösen Kollektiv, das mit diesem Spruch das Theater besetzt hat, berichtet die Berliner Zeitung. Verkauft wird das ganze als "transmediale Theaterinszenierung". Das heißt: Erst mal 60 Stunden Party, dann soll "eine kollektive Intendanz ausgeübt werden. Konkret werde man das Haus erstmal auf mehreren Bühnen bespielen, das Programm sollen die vielen Unterstützer aus Kunst und Kultur liefern, die man habe. Die Pressekonferenz ist auch Performance, was die gewagten Forderungen ironisiert. Aber nicht sehr. Die sich aufdrängenden Fragen lassen sich im Anschluss nicht klären, auch, weil das Kollektiv, das die Besetzung organisiert hat, sich mit ihrer Durchführung für aufgelöst erklärt und die Mitglieder für Fragen nicht zur Verfügung stehen." Der Tagesspiegel zitiert derweil aus dem Handzettel der Besetzer: "Wir produzieren Kunst und Kultur in stürmischen Zeiten. Aber wir können davon nicht leben. Unsere Kunst wird Waren, obwohl Kreativität unbezahlbar ist." Das möchte man nicht mal kommentieren.

Zum jüngsten Stand der Dinge meldet Perlentaucher-Filmkritiker Janis El-Bira auf Twitter:


Ein recht verärgerter Kultursenator Klaus Lederer schreibt dazu auf Facebook: "Kunstfreiheit ist immer auch die Kunstfreiheit der Andersperformenden! Ja, der Kampf um Freiräume ist wichtig und notwendig. Er ist mir ein zentrales politisches Anliegen. Aber der Kampf um Freiräume kann nicht dadurch geführt werden, dass existierende Freiräume - ob mir gefällt, was dort passiert oder nicht - privatisiert und unter eine angemaßte Kontrolle gestellt werden."


Albert Camus, Caligula. In der Inszenierung von Antú Romero Nunes

Ulrich Seidler erklärt in der Berliner Zeitung erst mal, dass er keine großen Erwartungen in Oliver Reese, den neuen Intendanten des Berliner Ensemble setzt, den er kurzerhand zum "Sprechtheatermanager" degradiert, bevor er sich der Antú Romero Nunes' Eröffnungsinszenierung mit Albert Camus' "Caligula" zuwendet: "Leider vermag er eher wenig anzufangen mit dem Stück, das der junge Camus unter dem Eindruck von Hitler schrieb und das heute den Ansprüchen des von Oliver Reese gelobten und zum Programm ausgerufenen figuren- und handlungsbetonten Well-Made-Plays eher nicht genügt." Im Tagesspiegel wünschte sich Rüdiger Schaper, es würde nicht so viel gebrüllt: "Das Problem haben auch viele Inszenierungen von Frank Castorf. Der Lautstärkeregler ist kaputt, das Theater lässt sich einfach nicht mehr leise drehen."

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Weitere Artikel: Ohne Schauspieler kein Theater, aber leben können von ihrem Beruf nur die wenigsten, erzählt der Schauspieler Hans-Werner Meyer in der Berliner Zeitung. Die Berliner Dramaturgin Dea Loher erhält den Joseph-Breitbach-Preis, meldet die Berliner Zeitung.

Besprochen werden Boris Charmatz' Choreografie "Danse de Nuit" auf dem Flughafen Tempelhof (Berliner Zeitung, taz) Kirsten Fuchs' Stück "Heimatkleid" am Berliner Grips Theater (Berliner Zeitung), Georges Feydeaus "Monsieur Chasse" im Theater in der Josefstadt (Standard) und Rimini Protokolls "Truck Tracks Ruhr" bei der Ruhrtriennale (freitag).
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Musik

Klangkünstler Nik Nowak berichtet in der taz von seiner Reise nach Nordkorea, wo er im Rahmen eines Symposiums nordkoreanische Propaganda-Lautsprecher für die Aktion "Symphony of Silence" zweckentfremden wollte. Eine Herausforderung für das Kunstverständnis der Machthaber: "Das Bild zweier sich gegenüberstehender Lautsprecher sowie der Titel war aus nordkoreanischer Sicht inakzeptabel. Erstens, da die Lautsprecher den Zweck haben, nordkoreanische Propaganda wiederzugeben und Stille dem widerspräche, und zweitens, da eine Wiedervereinigung nur mit einer einzigen Stimme erreicht werden könne, und zwar der Pjöngjangs. Mein Projekt war also vom Tisch."

Weiteres: Frederik Hanssen porträtiert im Tagesspiegel Robin Ticciati, den neuen Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters (auf ein schönes Porträt des Dirigenten haben wir im Jahr 2015 in der Magazinrundschau verlinkt).Für die taz plaudert Julian Weber mit Christian Mevs vom Deutschpunk-Urgestein Slime. Für die NZZ besucht Thomas Schacher die Musik-Akademie Basel, die in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert. In der SZ unterhält sich Thomas Groß mit dem Rapper Chuck D. Björn Struss porträtiert in der taz die Antifa-Band Irie Révoltés. Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht über das Koblenzer Gitarrenfestival. Zum gestrigen 60. Geburtstag von Nick Cave hat die Spex ein großes Interview mit dem Musiker online gestellt.

Besprochen werden ein Auftritt von Beth Ditto (taz), ein Mahler-Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Vladimir Jurowski (Tagesspiegel), Konzerte des Rai-Orchesters und von Double Sens in Wien (Standard) sowie das neue Album der herbstlichen Retro-Indiepopper The Clientele (The Quietus). Daraus ein aktuelles Video:


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Kunst


Ausstellungsansicht. Foto: mumok, Klaus Pichler

Wie die Kunst seit den sechziger Jahren politische Botschaften in Natur verpackt, damit beschäftigt sich gerade die Ausstellung "Naturgeschichten" im Wiener Museum moderner Kunst (Mumok). Im Standard ist Roman Gerold begeistert von der Wiederbegegnung mit Klassikern wie Joseph Beuys' "I like America and America likes me" (1974): "Ein anderer Klassiker der Postavantgarde eröffnet das Kapitel über Kolonialismuskritik: Marcel Broodthaers Installation 'Un Jardin d'Hiver II' (1974) versetzt Besucher in eine artifizielle Tropenidylle aus Topfpalmen, Lehrbuchbildern exotischer Fauna aus dem 19. Jahrhundert und Kaufhausmusik: Eine Kritik am Westler, für den die Ferne käuflich ist bzw. etwas, dem er doch nur eigene Projektionen aufdrückt."

Hmja, das ist schon ganz schön, aber Presse-Kritikerin Almuth Spiegler fällt doch auf, wie oft die künstlerische Inszenierung Erkenntnis wieder verschleiert. Das geht schon mit dem wuchernden Beet vor dem Eingang los, "wo Christian Philipp Müller uns durch ein Spalier der sogenannten Milpa-Landwirtschaft der Mayas spazieren lässt, die Bohnen, Mais und Kürbis auf ihren Feldern kombinierten. Ein Wissen, das durch die Kolonialisierung fast verloren ging. Ein typisches Beispiel für westliche Natur-Politik-Kunst der vergangenen Jahre, die unseren unschuldigen Blick auf die Natur als naiv vorführen - und bei der die Geschichte dahinter die Form, in die der Künstler sie zu zwängen versucht, bei Weitem übertrifft."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie von Jean Fouquets Diptychon von Melun (mit dem rundesten Busen der Kunstgeschichte. Das man mit beiden Tafeln zuletzt 1937 sehen konnte, erklärt Nicola Kuhn im Tagesspiegel), die Ausstellung "Pure Gold" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (taz), die Fotoausstellung "Exactitudes" in der Bremer Galerie des Vegesacker Geschichtenhauses (taz), die Ausstellung "Ganz Wien" über 60 Jahre Popmusik in der österreichischen Hauptstadt (Standard), eine Ausstellung des Bildhauers Tony Cragg im Ludwig Museum in Koblenz (FAZ) und Ersan Mondtags Schau "I Am A Problem" im MMK 2 in Frankfurt (FR).
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Literatur

Schriftsteller Martin R. Dean erzählt in der NZZ, was Paris ihn in jungen Jahren lehrte: "Anders als in dem zur 'Vereindeutigung' neigenden Deutschland spielt die Vieldeutigkeit in Paris eine eminente Rolle. Nicht nur spielen die Boulevards und Passagen Schein und Illusion gegen die Realität aus, auch in der gegenseitigen Einschätzung der Passanten durch Blicke sind die Pariser(innen) meisterhaft und unergründlich. Der Umgang mit dem Symbolischen und mit der Vieldeutigkeit ist das, was der Leser zuerst lernt. ... Paris war für mich kein Gebetsbuch und keine trockene Fibel. Auch kein Buch mit sieben Siegeln, sondern eine einzige Verführung zum Literarischen."

Es gibt keinen westlichen Literaturkanon, sondern allenfalls einen nördlichen, unterstreicht die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter in der Welt. Und führt in ihrer Reflexion globaler Transferleistungen literarischer Stoffe weiter aus: "In sich globalisierenden Literaturen führen Texte Doppelleben. Durch Übersetzungen, Textaneignungen und den Abbruch solcher Prozesse verschieben sich die Zeitachsen. Texte existieren parallel in unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Aneignungsstufen. Chronologische Ordnungsmuster können zwar nach wie vor als wichtige Referenzpunkte gelten, aber zugleich illustrieren sie, was zeitlich versetzt und jeweils anders stattfindet. 'Fortunatus', 'Werther' und 'Faust' beispielsweise haben sich zu mehr oder minder großen Textnetzen mit Subnetzen ausgebildet, die aus dem Literaturkontakt neu geknüpft wurden. Solche Aneignungen und Textnetze waren immer schon eigenständig."

Die FAZ dokumentiert Alexander Skipis' Laudatio auf Asli Erdogan zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises: "Wie Remarque nimmt uns Asli Erdogan mit in den Krieg und in die Ungerechtigkeit dieser Welt. Sie beschreibt die Grausamkeit schonungslos und so sensibel wortgewaltig, dass Bilder in unseren Köpfen entstehen, die man nicht vergisst."

Weitere Artikel: Im Literaturfeature auf Deutschlandfunk Kultur denkt Sieglinde Geisel über den Boom des Dorfromans in der deutschsprachigen Literatur nach. Hier bietet sich heute Nacht im übrigen auch die Möglichkeit, in einer Radiolesung Wolf Wondratscheks neuen Roman "Selbstbild mit russischem Klavier" kennenzulernen, der wie auch sein 2014 entstandener Roman "Selbstbild mit Ratte" nicht für die Veröffentlichung vorgesehen ist, wie einem Interview mit dem Autor zu entnehmen ist. Ronald Pohl empfiehlt im Standard das neue Schreibheft, das sich in einem Dossier dem mexikanischen Schriftsteller Roberto Bolaño widmet: "Es ist, als würde man die Kinderschuhe der südamerikanischen (Post-)Moderne in einer Vitrine ausgestellt sehen." Hans-Martin Gauger (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ) gratulieren dem Sprachforscher Harald Weinrich zum Neunzigsten.

Besprochen werden unter anderen Orhan Pamuks "Die rothaarige Frau" (SZ), Jean Echenoz' Thriller "Unsere Frau in Pjöngjang" (NZZ), Emma Reyes' "Das Buch der Emma Reyes: Eine Kindheit in 23 Briefen" (taz), Emmanuelle Loyers Biografie über Claude Lévi-Strauss (Welt), Mohsin Hamids "Exit West" (taz), Virginie Despentes' "Das Leben des Vernon Subutex" (NZZ), Simon Werles Neuübersetzung von Charles Baudelaires "Blumen des Bösen" (NZZ), Philippe Pujols "Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille" (taz) und Lana Lux' Debüt "Kukolka" (FR).
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Film

Jörg Taszman befasst sich in epdFilm mit dem ungarischen Gegenwartskino, das mit Filmen von László Nemes, Kornél Mundruczó und Ildikó Enyedi derzeit insbesondere in der Filmkunst punkten kann. In der Ära Orbán ist da Aufatmen angesagt: "Die schlimmsten Befürchtungen, es würde nur noch teure, nationalistische Prestigefilme geben, haben sich glücklicherweise nicht bestätigt."

Weiteres: Für den Filmdienst porträtiert Kathrin Häger den Schauspieler Woody Harrelson. Holger Twele macht sich ebenfalls im Filmdienst Gedanken über das Verhältnis zwischen Audiodeskription für Sehbehinderte und Filmkunst. In Vanity Fair sammelt Drew Fortune Anekdoten über dem vor kurzem verstorbenen Schauspieler Harry Dean Stanton.
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Stichwörter: Ungarisches Kino

Architektur


Jean Nouvels Louvre in Abu Dhabi. Foto: Louvre

"Der Louvre Abu Dhabi ist fertig", meldet Martina Meister in der Welt. Gebaut hat ihn Jean Nouvel, am 11. November wird eröffnet. Von der Kooperation mag man halten, was man will, aber der Bau ist spektakulär, findet Meister, die sich allerdings nur Bilder davon angucken konnte: "Bei seinem Museumsbau hat sich Nouvel vor allem von der arabischen Medina inspirieren lassen: Insgesamt 55 unterschiedliche Gebäude formen eine an die Medina angelehnte Museumsstadt auf einer Insel im Golf, über der ein enormes, kreisförmiges Stahldach von 180 Metern Durchmesser schwebt, das aus sieben Schichten besteht, die ein sternförmiges Gitter bilden. 'Wie durch Palmenblätter muss sich das Licht seinen Weg durchbrechen', erklärt Nouvel dieses Prinzip." Was den Inhalt des Museums angeht, sind noch nicht alle Fragen geklärt: "Auf der offiziellen Vorstellung in Paris war allerdings nicht in Erfahrung zu bringen, ob die Franzosen Gemälde mit Darstellungen nackter Frauen nach Abu Dhabi schicken werden oder ob es bei diesem 'Dialog der Kulturen', der allenthalben von französischer und arabischer Seite beschworen wird, blinde Flecken geben wird."
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