Efeu - Die Kulturrundschau

Die schrägen Pfade der Plausibilität

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08.05.2017. Die FAZ stellt sich im Berliner C/O tapfer William Klein und seinen Fotografien von Muhammad Ali und Eric Cantona entgegen. Die Welt porträtiert den Theaterregisseur Kay Voges. Die SZ feiert die Avantgarde der angolanischen Kino-Architektur. Der Tagesspiegel will vom Niedergang der Klassik nichts wissen: "Wer behauptet, das Klassik-Publikum sterbe aus, der lügt." Und alle verneigen sich vor Thomas Pynchon, der die Idee Amerika im schrillen Hippiefummel, aber auf allerhöchstem Niveau demontierte.

Kunst


William Klein: Bikini, Moscova River's Beach, 1959. C/O Berlin

Hin und weg ist Andreas Kilb in der FAZ von der William-Klein Schau im C/O Berlin, durch dessen Fotografie das Leben nur so flutete: "Noch immer springen einem die meisten dieser Bilder ins Gesicht. Die KGB-Agenten bei der Maiparade in Moskau. Die tanzenden Slumbewohner in Tokio. Die Zuschauer beim Begräbnis des Kommunisten Maurice Thorez. Der Boxer Muhammad Ali in Kleins Filmporträt von 1969. Der bemalte Oberkörper des Fußballspielers Eric Cantona." Im Tagesspiegel schrieb Bernhard Schulz: "Nicht der moment décisif eines Cartier-Bresson ist Kleins Methode und Ziel, sondern die chaotische Fülle des Augenblicks, das pralle Leben und seine Situationskomik."

Die Identitätspolitik lässt den Kunstdiskurs ebenso verarmen wie der Inhaltismus, schreibt FAZ-Kritiker Kolja Reichert vor Eröffnung des nächsten Großevents am Wochenende, der Biennale in Venedig. Er will mehr ästhetischen Streit, auch über Dana Schutz' Gemälde 'Open Casket' (mehr hier) und dessen rabiaten Pinselstrich, der in seinen Augen durchaus die Gewalt fortschreibe: "So gesehen, ist nicht Hannah Black die Ikonoklastin. Schutz ist es, die der Ikone zwar nicht, wie einst üblich, die Nase abgeschlagen hat, aber die bereits abgeschlagene Nase doch immerhin bunt angemalt hat. Ist es nicht nachvollziehbar und interessant, dass schwarze Künstler ihre lebendigen Körper wiederum vor das Gemälde stellten? Durfte Schutz also dieses Bild malen? Warum nicht? Durfte Black dessen Zerstörung fordern? Warum nicht? Sollte es zerstört werden? Wozu?"

Weiteres: Für den Tagesspiegel besucht Rüdiger Schaper vor Eröffnung der Biennale in Venedig schon mal die Glas-Werkstätten von Murano: "Auf Murano entstand eine kleine, abgeschlossene Welt, mit einer Tendenz zu inzestuösem Klima. Die Geheimnisse der Glasproduktion wurden in den Familien weitergereicht. Man kopierte einander, klaute Ideen. Im Grunde ist es bis heute so." Besprochen wird die Ausstellung "2 oder 3 Tiger" im Haus der Kulturen der Welt (taz).
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Literatur

Thomas Pynchon, das große Phantom der amerikanischen Literatur, wird achtzig Jahre alt. "Kein Autor hat die Idee Amerika gnadenloser und auf höherem literarischen Niveau demontiert - und damit die amerikanische Fähigkeit zu Selbstreflexion und Erneuerung grandios bewiesen", schreibt dazu Steffen Richter im Tagesspiegel. Pynchon zu lesen bedeutet für ihn "Teilhabe an einer geistigen Wendigkeit und politischen Wachheit, die der westlichen Welt ihre Pathologien vorrechnet und den Kapitalismus für ein Problem hält. Teilhabe aber auch an einer Sprachlust, die Satz für Satz Bewusstseinserweiterungen produziert und in einem Erzählsound verschmilzt, dem kein stilistisches Register fremd und kein Vokabular zu abwegig ist - sei es TV-Trash, Hardcore-Philosophie oder höherer Blödsinn." Pynchon habe "eine völlig neue Struktur fürs Romanschreiben gefunden", merkt dazu Andreas Platthaus in der FAZ, "einen Mittelweg zwischen Pulp und Joyce, mit Ausschlägen in beide Richtungen."

Pynchon geht eben auf den "schrägen Pfaden der Plausibilität", ergänzt Burkhard Müller in der SZ: "Bei anderen Autoren kommt es auf die Atmosphäre an, oder die Figuren, oder die Handlung; Pynchons Werk lebt in seinen Sätzen." Martin Halter von der Berliner Zeitung hält den Autor zwar ebenfalls für verdienstvoll, dessen Werke seien aber schlecht gealtert: "Manchmal wirken seine Kifferwitze, die bizarren Namen und der schrille Hippiefummel doch ein wenig infantil und flach, verglichen mit den Wahnwelten eines David Foster Wallace oder Don DeLillo." Zu den größten Bewunderern Thomas Pynchons hierzulande zählte der 2011 verstorbene Medientheoretiker Friedrich Kittler - hier dessen tolle Besprechung von Pynchons 1997 veröffentlichtem Roman "Mason & Dixon" in der Zeit. Mit Fotografien seines Antlitzes hält sich Pynchon bekanntlich eher ein wenig zurück - für den Buchtrailer zu "Natürliche Mängel" hatte er sich vor sieben Jahren aber immerhin vor ein Mikrofon gesetzt:



Besprochen werden Georg M. Oswalds "Alle, die du liebst" (FR), Lafcadio Hearns Reportagenband "Vom Lasterleben am Kai" (NZZ), Emmanuelle Pirottes "Heute leben wir" (taz), Péter Esterházys "Bauchspeicheldrüsentagebuch" (Tagesspiegel)   und Krimis, darunter Tom Boumans "Auf der Jagd" (FAZ).
 
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Hans Arnfrid Astels Gedicht "Hand in Hand":

"Wer geht dort durch die Felder
Und sieht die Welt an?
Wer läuft durch den Acker
..."
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Musik

Neue Konzertsäle allenthalben, Kult der Akustik, hohe Ticketverkaufszahlen: Der Klassik geht es blendend, freut sich Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Wer behauptet, das Klassik-Publikum sterbe aus, der lügt." Und wer vom Fieber noch nicht erfasst ist, dem rät er, sich darauf einzulassen: "Das Schöne an der Klassik ist ja gleichzeitig, dass so ein intellektuell-analytischer Zugang nicht der einzig seligmachende ist. Der Genuss kann ganz ohne Vorkenntnisse genauso groß sein. Indem man sich einfach öffnet, von der Musik durchströmen lässt."

Weiteres: Für den Tagesspiegel porträtiert Frederik Hanssen den jungen Dirigenten Ainars Rubikis, der heute nach Tagesspiegel-Informationen als neuer Dirigent der Komischen Oper in Berlin vorgestellt wird. Eine gute Wahl, meint Hanssen, denn "Rubikis ist nicht nur offen für szenische Experimente, sondern auch ein vehementer Verfechter der Kunstfreiheit." Florian Bissig berichtet für die NZZ vom Taktlos-Festival in Zürich.

Besprochen werden eine Aufführung von Bruckners Achter durch die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle (Tagesspiegel), ein Konzert von Xavier de Maistre mit dem Tonhalle-Orchester (NZZ), das neue Album von Blondie (FR), Tim Mohrs Buch "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft" über den DDR-Punk (Berliner Zeitung) und ein Konzert der Fehlfarben (Tagesspiegel).
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Film

Anlässlich einer Retrospektive in München hat Katja Nicodemus Georg Stefan Troller in Paris besucht. Natürlich erinnert die Zeit-Filmkritikerin im Zuge auch an Trollers legendäres "Pariser Journal", eine seit den sechziger Jahren im Ersten ausgestrahlte Reportagenreihe. Eigentlich schade, dass die ARD diese Schätze online nicht zugänglich macht. Hier Trollers Kurzporträt von Juliette Gréco:



Weiteres: Die Zeit hat Diedrich Diederichsens Besprechung von Marvin Krens heute auf TNT startender Neukölln-Mafia-Serie "4 Blocks" online nachgereicht. Für Felix Zwinzscher in der Welt handelt es sich bei der Serie um "solides Stückwerk", das an die Vorbilder an die USA zwar nicht herankomme, aber "doch weit vorne mitspielt. Neukölln ist halt nicht New York." Der Filmhistoriker Tim Lucas schreibt in seinem Blog über die Schauspielkarriere der vor kurzem verstorbenen Sängerin Daliah Lavi. Philipp Stadelmaier sichtet für die SZ Videoessays, die sich kritisch mit den Marvel-Superheldenfilmen befassen, darunter diesen, der der Frage nachgeht, warum die Marvel-Filme ästhetisch so dürftig daherkommen:



Besprochen werden Alexander Kleiders Dokumentarfilm "Berlin Rebel High School" (Tagesspiegel), Tamar Tal Anatis Dokumentarfilm "Shalom Italia" (taz) und Lars Montags Verfilmung von Helmut Kraussers Roman "Einsamkeit und Sex und Mitleid" (SZ).
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Bühne



Kay Voges' "Die Borderline Prozession" am Theater Dortmund.

In der Welt porträtiert Stefan Keim den Theaterregisseur Kay Voges, der Dortmund herrlich wüste Inszenierungen  geschenkt hat und auch beim Berliner Thetarertreffen zu Gast ist: "Sein Ensemble bezeichnet Voges oft als 'Künstlerkollektiv'. Es sind viele ungewöhnliche Typen dabei, eine wilde Zusammenstellung völlig verschiedener Menschen. Nicht alles gelingt, aber es steckt eine gewaltige Grundenergie in den Aufführungen, die manchmal an Castorfs Volksbühne erinnert. 'Wir wollen Kunst machen', sagt Kay Voges, 'und wenn wir zaudern und versuchen, gefällig zu werden, dann werden wir langweilig, dann werden wir lau. Lieber schau ich mir eine Inszenierung an, die so richtig den Bach runtergeht. Mut gehört zum Theatermachen dazu.'"

Sehr unglücklich kommt NZZ-Kritiker Daniele Muscionico aus Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti", die Sebastian Baumgarten im Zürcher Pfauen auf Kaurismäki, Sauna und Wald getrimmt hat, offenbar weil das Stück in Finnland entdstanden ist: "Platt, ein Stichwort: Ach, Robert Hunger-Bühler! Selten hat man mit dem hier aufgeblähten Lieblingsmimen am Pfauen derart mitgelitten. Im adipösen Kostüm und beklebt mit gelben Haarsträhnen ist der schöne Mann eine Körperruine." Auch in der Nachtkritik versteht Valeria Heintges weder Witz noch Konzept.

Weiteres: In den besten Momenten rätselhaft, meist jedoch unentschlossen findet NZZ-Kritiker Felix Michel die in St. Gallen uraufgeführte Oper "Annas Maske", die der Schweizer Komponist David Philip Hefti auf ein Libretto von Alain Claude Sulzer komponiert hat, uraufgeführt. Die Nachtkritik berichtet im Live-Blog vom Berliner Theatertreffen.

Besprochen werden Alvis Hermanis' Wagner-Abend "Insgeheim Lohengrin" im Münchner Residenztheater (Nachtkritik, SZ, FAZ), Reynaldo Hahns in Bielefeld uraufgeführte Oper "Kaufmann von Venedig" (FAZ), Hakan Savas Micans und Emre Akals "Die Eroberung des Goldenen Apfels" im Landestheater Niederösterreich in St. Pölten (Standard).
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Architektur


Cine Impala, Namibe, 2013. "Angola Cinemas" von Walter Fernandes und Miguel Hurst

Im Rahmen des Münchner Dokumentarfilmfestivals zeigt der Münchner Gasteig auch eine Ausstellung zur Kino-Architektur in Angola, die wir uns Isabel Pfaff in der SZ zufolge sehr avantgardistisch vorstellen müssen: "Es waren die Anfänge der tropischen Moderne, die sich in Angolas Kino-Architektur spiegelten. Und nicht nur dort: Mehrere afrikanische Kolonien wurden zu einer Art Zufluchtsort für europäische Avantgardisten, denen es in ihren mitunter autoritären Herkunftsländern zu eng geworden war. Während Salazar in Portugal oder Mussolini in Italien zu Hause wenig Raum ließen für moderne Experimente, ließen sie ihre junge Künstlergeneration in den Kolonien gewähren. Nicht nur in Angola und Mosambik finden sich Spuren dieser experimentellen Phase, auch die Hauptstadt des einst italienisch beherrschten Eritrea gilt heute als Zentrum einer italienisch-tropischen Moderne."
Archiv: Architektur