Efeu - Die Kulturrundschau

Mit dem Schlafsack am Gare du Nord

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06.05.2017. Die New York Times feiert Rei Kawakubos Modeskulpturen, die jeder Schwerkraft, Körperform und kultureller Einengung trotzten. Der Standard bewundert in der Albertina die von Maria Lassnig bewohnten Körpergehäuse. Die NZZ erkennt in der Schönheit das Geheimnis italienischer Mobilität. Die FAZ vermisst beim heute beginnenden Berliner Theatertreffen die Dramaturgen, der Tagesspiegel die besten Inszenierung des Jahres.

Design

Sensationell findet Roberta Smith in der New York Times die große Schau im Metropolitan Museum zur japanischen Modemacherin Rei Kawakubo, die für Comme des Garçons allen herkömmlichen Formen von Körper und Kleidung trotzte: "Das schwarze Gewand wurde zum Running Gag in der Kunstwelt, doch für viele von uns waren die Kleider eine Offenbarung, aufregend und ermutigend in ihrer Intelligenz, unversteiften Leichtigkeit und Weltläufigkeit. Sie kombierte Formen der Männerkleidung, traditionelle japanische Gewände und die frühen modernen Designs von Madeleine Vionnet un Paul Poiret mit punkigen Löchern und manchmal auch mit einem dritten Ärmel. Sie waren ein mit jener Zeit des Feminismus, ästhetischer Aneignung und der wachsenden Sichtbarkeit weiblicher Kunst. Aber die Achtziger waren nur der Anfang. Wenige Designer haben seitdem Kleidung in solch soziale, skulpturale und sogar achitektonische Extreme getrieben." (Rei Kawakubo for Comme des Garçons: Body Meets Dress-Dress Meets Body, Frühjahr 1997. Foto: Paolo Roversi, Metropolitan Museum)

Mit nostalgischer Inbrunst erinnert sich NZZ-Autor Roman Bucheli daran, wie es war, als vor fünfzig Jahren das italienische Mofa Ciao auf den Markt kam und in die Welt der jugendlichen Mobilität eine ganz eigene Form von "dolce vita" brachte: "Das Ciao war kein Mittel zum Zweck, sondern es war sich selbst Zweck und Sinn genug. Sein Daseinsgrund erfüllte sich in ihm selbst. Darin offenbarte sich das Paradoxe dieser Mobilität all'italiana: Man fuhr, wenn man denn überhaupt fuhr, um des Fahrens und der Schönheit dieser schwebenden Bewegung willen. ... Die Revolution der Mobilität kam als deren vergnügliche Parodie aus dem Süden und versprach nicht Beschleunigung, aber ihr Gegenteil. Reine Muße. Für einen kurzen historischen Augenblick hielt die Welt noch einmal inne, ehe der Rausch der Geschwindigkeit sie ergriff."
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Literatur

Das Paris der Intellektuellen, Eleganten und Literaten ist gibt es schon lange nicht mehr, stellt Welt-Autor Felix Stephan fest: Wer heute an dieses Klischeebild denkt, "blendet gern aus, dass die intellektuellen Durchbrüche damals in vielen Fällen von Leuten geschultert wurden, die sich Paris heute nicht mal mehr im Traum leisten könnten ... Heine, Remarque und Benjamin waren Flüchtlinge und würden bei dem heutigen Preisniveau aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen den anderen Flüchtlingen mit dem Schlafsack am Gare du Nord liegen." Dann sollte man dort vielleicht einfach Ausschau halten?

Schriftsteller Michael Kleeberg beschreibt im literarischen Wochenend-Essay der FAZ, wie er nach langen Umwegen doch noch Doderers "Strudlhofstiege" für sich entdeckt hat: Das sei "kein Roman, den man des Plots wegen läse, man genießt ihn wegen der Ekstasen der Sprache, in die er einen Seite für Seite stürzt. Die "Strudlhofstiege" ist eine wahre Tantra-Massage des Stils."

Im Logbuch Suhrkamp berichtet der Schriftsteller Werner Fritsch von seiner Faust-Faszination und seiner jahrelangen Arbeit an dem (im Juni auf ARD-Alpha gezeigten) Essayfilm "Faust Sonnengesang - Das sind die Gewitter in der Natur": "Inzwischen habe ich auf jedem Kontinent - und den Faust-Stoff gleich einem Kristall in die Richtung eines jeden der fünf Medien - gedreht und Eindrücke/Begegnungen notiert: insgesamt eine Reise um die Welt und durch die Metamorphosen der Medien und der Metamorphosen Mnemosynes. Wer mit Kamera und Laptop 'schreibt', wirkt an der Bild-Sprach-Grenze: Neue Hieroglyphen entstehen, neue Codizes, neue Sprach-Welt-Bilder, die herausragen aus der Sintflut des Sinns."

Weiteres: Für die Literarische Welt hat Richard Kämmerlings Emmanuel Carrère in Paris besucht, um sich mit ihm über dessen Werk im Allgemeinen und dessen gerade in Deutschland erstveröffentlichtes, im Original bereits 2007 veröffentliches Buch "Ein russischer Roman" zu unterhalten. Für den Schriftsteller ist das bereits lange her - aktuell befinde er sich "in einer persönlichen und kreativen Krise" (mehr zu Carrère und den französischen Wahlen in 9punkt). Die neue Folge des "Literarischen Quartetts" war die "ausgeruhteste" seit langem, schreibt Marc Reichwein in der Welt, auch wenn Claus Peymann die Sendung mitunter zu kapern schien: "Zwischenzeitlich fühlt sich diese 'Quartett'-Sendung an wie ein Intendantenabklingbecken." In der taz spricht Eva-Christina Meier mit dem chilenischen Schriftsteller Alejando Zambra über dessen Arbeitsweise.

Besprochen werden Péter Esterházys "Bauchspeicheldrüsentagebuch" (SZ), Daniel Clowes Comic "Patience" (Spex), Michael Schindhelms Volksbühnenroman "Letzter Vorhang" (Berliner Zeitung), Anne Kuhlmeyers "Drift" (Welt), neue Comicveröffentlichungen von Jacques Tardi (taz), Bandis nordkoreanischer Erzählband "Denunziation" (taz), Arthur Rundts "Marylin" (Tagesspiegel), die Ausstellung "Comics! Mangas! Graphic Novels!" in der Bundeskunsthalle in Bonn (Tagesspiegel) und Tex Rubinowitz' "Lass mich nicht allein mit ihr" (FAZ).
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Musik

Für eine große taz-Reportage hat Julian Weber FEMUA in Abidijan besucht, das größte Musikfestival Afrikas: "Dass das Museum für Zivilisation und seine Sammlung von Musikinstrumenten wegen Renovierung bis auf Weiteres geschlossen ist, ist sinnbildlich. Die Zukunft drängt so sehr, dass für Geschichte momentan kein Platz bleibt. Schon in den Siebzigern war Abidjan Zentrum der Musikindustrie, Künstler aus Mali kamen hierher, um in den Aufnahmestudios Alben einzuspielen."

Uli Kreikebaum begleitet für die SZ den israelischen Popstar Aviv Geffen und den iranischen Sänger Shahin Najafi, die jetzt gemeinsame Sache machen, nachdem sie beide die Politik ihrer Heimatländer kritisierten. Die kleine Kneipe Donau115 ist derzeit der angesagteste Jazzort in Berlin, berichtet Ralf Pauli in der taz. In der taz spricht Jens Uthoff mit Franziska Pollin von der Offensive Popularmusik über das Poppotenzial Brandenburgs. In einer wieder online gestellten Archivsendung erinnert Deutschlandfunk Kultur an Moses Asch und dessen Label Folkways, dessen Erbe heute von Smithsonian lebendig gehalten wird. Dazu passend: Ein musikalischer Streifzug durch den Label-Backkatalog:



Besprochen werden das neue Album "No Shape" von Perfume Genius (Pitchfork), das Debüt des österreichischen Rappers Täubling (Skug) und ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Herbert Blomstedt mit Kit Armstrong am Klavier (Tagesspiegel).
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Archiv: Musik
Stichwörter: Musikindustrie

Kunst


Maria Lassnig: Selbstportrait als Playboystuhl, 1969. Bild: Albertina

Noch einmal völlig hingerissen ist im Standard Andrea Schurian: Die Albertina zeigt unter dem Titel "Zwiegespräche" Zeichnungen und Aquarelle der großen Maria Lassnig, die zum Teil nie zuvor ausgestellt waren: "Nachdem sie innerhalb kürzester Zeit die interessanten Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts durchforstet hatte, suchte sie, wie sie in ihrem Tagebuch notierte, 'eine Realität, die mehr im Besitz wäre als die Außenwelt, und fand als solche das von mir bewohnte Körpergehäuse'. Mit ihrer unverwechselbaren künstlerischen Sprache, mit kräftigen Kohle- und kristallinen Bleistiftstrichen oder in der für sie typischen bleichen Aquarellfarbigkeit erzählte sie fortan unverdrossen von ihrem Körperbewusstsein, stellte sich, ihre Abgründe und Seelenqualen, ihre Erfahrungen und Empfindungen, ihre Gedanken und inneren Spannungen im wahrsten Sinn des Wortes bloß."

Weiteres: Ziemlich ungut findet Alexander Menden in der SZ, dass die Tate Modern ihre Erweiterungsbau, das Switch House, jetzt Blavatnik House nennen muss. Der Putin-treue Oligarch hat sich die Betitelung mit einer Großspende erkauft, wie zuvor auch schon die der Blavatnik School of Government in Oxford. Der Guardian berichtete bereits gestern ausführlich.

Besprochen werden die Ausstellung "Blut und Tränen" mit den Passionsbildern des Albrecht Bouts im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum (NZZ), eine Ausstellung zu Fürst Pückler als Gartenkünstler im Schloss Babelsberg (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Maria Lassnig, Tate Modern

Film

Ziemlich fantastisch findet Ursula Scheer von der FAZ die neue, nach langen Recherchen der Drehbuchautoren Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf entstandene, ab kommendem Montag ausgestrahlte Serie "4 Blocks", die sehr schonungslos ins kriminelle Milieu Berlin-Neuköllns eintaucht. Läuft das Serienwunder dann auch zur Primetime in der ARD? Natürlich nicht - man muss extra zahlen: "Kein anderer Sender als ein kleiner Bezahlkanal, der sich um maximalen Konsens, wie ihn das öffentlich-rechtliche Behaglichkeitsfernsehen allzu oft auszeichnet, nicht scheren muss, wäre wohl dieses Wagnis eingegangen: eine deutsche Krimiserie aufzulegen, die nach realen Vorbildern konsequent aus der Perspektive krimineller Ausländer erzählt." Immerhin: Auf SpiegelOnline gibt es die ersten 25 Minuten der ersten Folge online.

Weiteres: Jenni Zylka erinnert in der taz an Marlene Dietrich, die vor 25 Jahren in Paris gestorben ist.

Besprochen werden Anna Zameckas Dokumentarfilm "Kommunion" (Tagesspiegel) und die neue Serie "American Gods" nach Neil Gaimans gleichnamigem Fantasyroman (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Bühne




Edgar Selge in Karin Beiers Inszenierung von Michel Houellebecqs "Unterwerung am Hamburger Schauspielhaus. Foto: Klaus Lefebvre

Heute beginnt das Berliner Theatertreffen. Peter von Becker vermisst im Tagesspiegel vor allem eines: die beste Inszenierung des Jahres: "Das Theatertreffen wollte immer mehr sein als weder Fisch noch Fleisch. Zum Kriterium des 'Bemerkenswerten' gehört auch die zeitgenössische Brisanz, gepaart mit künstlerischer Brillanz... Man stelle sich nur vor, Edgar Selge hätte seine grandiose Verkörperung von Michel Houellebecqs 'Unterwerfung' - die Vision der Wahl eines islamischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 - jetzt zur Eröffnung des Treffens gespielt: am Vorabend dieser französischen Wahl!"

Rüdiger Schaper stört sich, ebenfalls im Tagesspiegel, an den zusätzlich eingeladenen internationalen Produktionen: "Das weicht das Jury-Prinzip auf, es relativiert den Charakter des Theatertreffens." Katrin Bettina Müller freut sich in der taz dennoch ganz besonders auf das postdramatische Theater der britischen Gruppe Forced Entertainment.

Simon Strauss beklagt unterdessen in der FAZ die schwindene Bedeutung des Dramaturgen als eine Art "intellektuellen Aufseher über das kreative Geschehen". Im guten alten Westen der Stadt trifft er den alten Schubühnen-Dramaturgen Dieter Sturm: "Was ihn am gegenwärtigen Theater am tiefsten schmerzt, ist dessen Hang zur 'Literaturabschaffung'. Für ihn, dem die Rückbindung an die Literatur als Kernkompetenz des Theaters gilt, ist die momentane 'Antikonjunktur für Theaterstücke' unverständlich. Der Dramaturg sei heute im besten Falle noch ein 'Romanvernichter durch Adaption'."

Besprochen werden Robert Schumanns Oper "Genoveva" am Nationaltheater Mannheim (Raffiniert und stimming findet Wolfgang Sandner in der FAZ die Inszenierung, Astrid Kessler in der Titelrolle "herausragend"), Alain Platels Choreografie "nicht schlafen" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR), Stéphane Bittouns Kammerspiel-Agententhriller "Der Tag, an dem es Nelken regnete" im Frankfurter Mousonturm (FR).
Archiv: Bühne