Efeu - Die Kulturrundschau

Diese Härte. Diese Komik.

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05.12.2016. Am Berliner Ensemble drückt sich Robert Wilson vor Becketts "Endspiel". Dafür gibts viel Vaudeville. Die taz sieht in Berlin Blüten der Critical Whiteness blühen. Die NZZ reist mit der Schrifstellerin Elena Chizhova in der Transsibirischen Eisenbahn. In critic.de versucht Silvia Szymanski eine Rettung des Sex- und Erotikkinos. Der Tagesspiegel kommt bedrückt aus der Pariser Ausstellung "The Color Line" über die Geschichte der afroamerikanischen Kultur.

Bühne


Szene aus Becketts "Endspiel" am BE. Foto: © Lovis Ostenrik

Am Wochenende hatte Robert Wilsons Inszenierung von Becketts "Endspiel" am Berliner Ensemble Premiere. In der Berliner Zeitung ist Dirk Pilz hin- und hergerissen: Wilson beginnt "herrlich widerborstig", "aufstachelnd unrund" - und dann drückt er sich vor dem Stück. Beckett, so Pilz den Dramatiker aus einem Brief zitierend, wollte "Endspiel" mit "ironischem Anklang" an die endzeitliche Vision in der Apostelgeschichte des Lukas verstanden wissen: "Es ist, als folge Wilson dieser Idee, obwohl er den Beckett-Text energisch zusammengekürzt hat. Er folgt ihr jedoch zögernd, als ängstige er sich vor zu viel Ernst und Erhabenheit, als müsse er sich immer wieder in die beruhigenden Gefilde seiner Beschwichtigungsästhetik flüchten. 'Friede unseren ... Ärschen!', steht bei Beckett in Hamms Schlussmonolog. Wilson hat das gestrichen, er hat damit programmatisch auf den bösen Kommentar zu einer Kunst verzichtet, die aufs bloße Besänftigen zielt, die von Friede kündet, wo Krieg herrscht. Die 'schönen Stellen', über die Hamm spottet, sind Wilson doch wichtiger."

Im Tagesspiegel findet Rüdiger Schaper die Inszenierung makellos: "Lange hat es das nicht gegeben, auch bei Robert Wilson nicht. Diese Eindringlichkeit und Geschlossenheit. Diese Konzentration. Diese Härte. Diese Komik. Helle Lämpchen rahmen die Bühne ein. Ja, die Show muss weitergehen. Wir sind Vaudeville-Artisten, Unterhaltungskünstler: Das ist der Gestus von Clov, der wie ein Goldoni-Diener seinem Herrn die letzten Dinge apportiert. Giorgios Tsivanoglou genießt seine verzweifelte Slapstick-Existenz. Wenn die Tür zu niedrig ist, haut man sich eben den Kopf an, jedes Mal."

Weitere Besprechung gibts in der FAZ ("Die große Brillanz der Licht- und Tonregie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Abgründe überbrückt werden, indem die Form den Inhalt ständig überholt", schreibt Simon Strauss), in der SZ (Wilson, meint Lothar Müller, "müsste mit Becketts Text kämpfen, um ihm sein Musical abzugewinnen. Er kämpft aber nicht, er streicht.") und der nachtkritik ("Das Gezeigte bleibt eine glatte Versuchsanordnung, die man weder intellektuell noch emotional auf sein Dasein als Zuschauer anzuwenden vermag", kritisiert Sascha Ehlert).


Dagmar Manzel (Cleopatra), Chorsolisten und Tanzensemble der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freese | drama-berlin.de

An der Komischen Oper in Berlin trillert man derweil "Meine kleine Liebesflöte zaubert auf die Wangen Röte". Barrie Kosky hat dort Oscar Straus' "Die Perlen der Cleopatra" inszeniert - ein Nichts von einer Operette, aber mit einem großartigen Ensemble, allen voran Dagmar Manzel, die die Titelrolle singt: "Barrie Kosky hat zwar keine Fritzi Massary, aber er hat Dagmar Manzel. Und was er an ihr hat, das weiß er sehr gut, weswegen er auch mitten im Premierenjubel vor ihr auf alle Viere fallen und ihr die Schleppe küssen darf. Denn ohne ein schauspielerisches Kraftzentrum wie Dagmar Manzel wäre ein dramaturgisches Nichts, wie es die 'Perlen der Cleopatra' letztlich sind, auch mit allem Revue-Aufwand der Welt nicht zu retten", schreibt Wolfgang Behrens in der Berliner Zeitung und sinkt gleich mit aufs Knie. Mit ihm einer Meinung sind Ulrich Amling im Tagesspiegel und Bernhard Doppler im Standard.

Die Blüten der Critical Whiteness treiben munter weiter: So wurde kürzlich beim Freischwimmerfestival der Berliner Sophiensäle das Stück "Die Leopardenmorde" des Kollektivs K.U.R.S.K. nach nur einer Aufführung mit der Begründung aus dem Programm genommen, dass das Stück über einen Rassisten, das Passagen aus dessen Textnachlass inkorporiert, zu wenig kritische Distanz aufweise - was jedoch realiter lediglich meint, dass das berüchtigte "N-Wort" aus den historischen Zitaten nicht getilgt wurde, wie Christoph David Piorkowski in einem taz-Essay erklärt. Das Stück selbst sei über jeden Zweifel erhaben, schreibt er: "Die Möglichkeiten der Kunst wären doch auf schlimme Weise eingeschränkt, wenn sich jene grausamen Figuren nicht mehr darstellen ließen, die eben auch eine grausame Sprache sprechen." Problematisch hält er die Zensurentscheidung auch aus Gründen, die sich gegen die - weißen - Veranstalter selbst richten: "Die Verbannung der 'Leopardenmorde' aus dem Berliner Theater wirkt bevormundend und paternalistisch. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Bereinigung der Sprache hier als Distinktionstechnik einer Reformelite fungiert, die sich selbst einen rassismusfreien Status jenseits der weißen Norm attestiert."

Besprochen werden Christoph Marthalers Groteske "Die Wehleider" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (Welt, nachtkritik, taz), Gisli Örn Garðarssons Kafka-Inszenierung "Die Verwandlung" in Zürich (NZZ, nachtkritik), Milo Raus "Five Easy Pieces" in Basel (NZZ) die Uraufführung von  "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" nach dem Roman von Clemens J. Setz im Wiener Werk-X (Standard, nachtkritik) und Christian Spucks Choreografie zu Verdis "Requiem" im Zürcher Opernhaus (NZZ, Berliner Zeitung).
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Kunst


Faith Ringgold, The American People Series: The Flag is Bleeding, 1967

Bedrückt kommt Bernhard Schulz (Tagesspiegel) aus der Pariser Ausstellung "The Color Line" über die Geschichte der afroamerikanischen Kultur, die vom Rassismus geprägt war - und immer noch ist: "Das Aufbegehren findet überall statt, neben der Musik insbesondere im Sport. Indem der Rassismus auf körperliche Merkmale zielt, voran die Hautfarbe, macht er 'Körperpolitik' zum Handlungsfeld. Joe Louis, der schwarze Schwergewichts-Champion, ist eben nicht nur Boxer. Er ist eine kulturelle Ikone. Jack Johnson, der ihm mit seinem Sieg über einen weißen Gegner 1910 vorausgeht, muss nach Europa flüchten, um den Attentatsversuchen des 1915 neubegründeten Ku Klux Klan zu entgehen. Dass diese klandestine Vereinigung mit ihrer Propaganda des 'White Supremacy' im Gefolge des Trump-Wahlsieges erneut auftritt, unterstreicht nur die bedrückende Aktualität der Pariser Ausstellung."

Weitere Artikel: In der taz berichtet Brigitte Werneburg von einer Tagung über die Idee des globalen Museums. Im Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz über den Umzug der Staatlichen Museen zu Berlin, die Anfang 2017 ihre Häuser in Berlin-Dahlem verlassen. Dezeen annonciert eine Ausstellung mit abstrakten Gemälden und Zeichnungen Zaha Hadids in der Serpentine Sackler Gallery in London.

Besprochen wird die Ausstellung "Fra Bartolommeo. Die göttliche Renaissance" im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam (FAZ).
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Literatur

Bei einer Reise in der Transsibirischen Eisenbahn, heißt es, findet man die russische Seele. Das glauben Russen wie Touristen. Die Schriftstellerin Elena Chizhova, die sich zum 100. Geburtstag der Transsib für die NZZ in den Zug gesetzt hat, kann der Seele ihrer Landsleute momentan allerdings nicht viel abgewinnen: "Die Parolen einer erstarrten, gleichsam stehengebliebenen Zeit, in denen sich verkrustete, dem Gedächtnis ganzer Generationen eingebrannte sowjetische Mythologeme mit traditioneller Xenophobie und tiefer Enttäuschung über das heutige, zuweilen tatsächlich aussichtslose Leben mischen, werden von Tausenden von Mündern wiederholt bis zum Überdruss."

Weiteres: Für den Podcast des Guardian unterhält sich Claire Armitstead mit Comicautor Alan Moore über dessen großes Romanepos "Jerusalem". Christian Schröder (Tagesspiegel) und Fritz Göttler (SZ) gratulieren dem Noir-Autor James Lee Burke zum 80. Geburtstag. Roman Bucheli schreibt in der NZZ den Nachruf auf den Schriftsteller Giovanni Orelli.

Besprochen werden Christoph Ransmayrs "Cox oder Der Lauf der Zeit" (FR), Aris Fioretos' "Mary" (Zeit), Haruki Murakamis Essaysammlung "Von Beruf Schriftsteller" (online nachgereicht von der FAZ) und das von Uderzo selbst nachträglich illustrierte Album zum Film "Asterix erobert Rom" (FAZ-Comicblog).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt die Autorin Marleen Stoessel über Alberto Caeiros Gedicht "Der Hüter der Herden, IX":

"Ich bin ein Hirte.
Die Herde sind meine Gedanken
und meine Gedanken allesamt Sinnesempfindungen.
..."
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Musik

Im Freitag reagiert Fabian Wolff ziemlich gereizt auf einen Kommentar von Bela B. in der Sendung von Jan Böhmermann, wonach der Wahlsieg von Trump zumindest für die Plattensammlung "super" sei, da sich Punk und HipHop jetzt wieder an einem klaren Feindbild abarbeiten und also viel an Energie hinzugewinnen würden. "Musik soll das Konsum- und Genussbedürfnis nach radical chic stillen ... Was da 'super' für die Kreativität sein soll, das ist die Explosion von Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt, die in den Tagen direkt nach der Präsidentenwahl ausbrach und mindestens geduldet wurde. Alles gerechtfertigt - wenn die Beats fett genug sind und der halbtote Punk-Ethos nun noch einmal einen letzten Frühling erleben darf, 40 Jahre nach seiner offiziellen Geburtsstunde." Dass es sich bei B.s Kommentar vielleicht auch einfach nur um sarkastischen Galgenhumor gehandelt haben könnte, kommt Wolff aber offenbar nicht in den Sinn.

Besprochen werden eine mit 200 CDs geradezu episch geratene Mozart-Box (Welt), der Berliner Auftritt der HipHopper von Genetikk (Berliner Zeitung), die Wiederveröffentlichung von Yoko Onos frühen Alben (PItchfork), ein von The Notwist ausgerichtetes Indierock-Festival an den Münchner Kammerspielen (SZ), ein Auftritt der Pet Shop Boys (FR) und Hany Abu-Assads Kino-Dokumentarfilm über den palästinenischen Kindersänger Mohammed Asaf (FAZ). Und Pitchfork kürt die 20 besten Rapalben des Jahres.
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Film



Critic.de setzt seine Textreihe mit Essays über das Unbehagen am juste milieu der Cinephilie (hier unser erstes Resümee) mit einem sehr schönen Text der Schriftstellerin und Bloggerin Silvia Szymanski fort. Die setzt zur Rettung des übel beleumundeten Sex- und Erotikkinos an, das wegen seines Sexismus viel zu pauschal in die Tonne getreten werde. Szymanski schätzt an diesen Filmen das Verwegene und Abenteuerliche, in das man sich auch als Frau spielerisch fallen lassen könne: "Ich bin die Streunerin, die an der Straße trampt, neugierig darauf, wohin sie jetzt gerät - egal, Hauptsache Männer. Ich bin das Mädchen, depaysé, in einem exotischen Land, das in Verführer- und Verführerinnenhänden zerschmilzt. Das Girl, das aus dem Erziehungsheim türmt und nackt in einem Gastarbeiterheim tanzt. Verschleppt, unter Drogen gesetzt, an zahlungskräftige Senioren verfüttert wird. Die Zimtzicke, die zynische Puffmutter, das lüsterne Tier, das süße Mädchen, die Schlagfertige, die ruchlose Kokette, das witzige Mannweib, die rauchige Bardame, die undurchsichtige, verträumte Nymphomanin, die Mondäne, die zärtliche Cousine - all diese sexuellen Rebellinnen, Sonderfälle, Außenseiterinnen, in amourösen Verstrickungen. ... Falls ich schwanger werde, bringe ich das Kind schon durch, aber ich werde dankenswerterweise selten schwanger in den Filmen."

Weiteres: Der derzeit aus dem öffentlichen Handel nahezu verschwundene, fast nur noch von seinen 3000 Abonnennten wahrgenommene Filmdienst wird 2017 als Printprodukt eingestellt, aber als von der Deutschen Bischofskonferenz mit jährlich 400000 Euro stattlich ausgestattete "Onlineplattform" zurück in die Öffentlichkeit gebracht, meldet Joachim Frank im Kölner Stadt-Anzeiger.
 
Besprochen werden František Vláčils erstmals in die deutschen Kinos gebrachter "Marketa Lazarová" von 1968 (Jungle World, online nachgereicht von der FAZ), die Ausstellung "De Méliès à la 3-D: la Machine Cinéma" in der Cinémathèque française (Standard) und die Amazon-Serie "StartUp" (FAZ).
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