Efeu - Die Kulturrundschau

Mit kaltem Grimm

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14.11.2016. Am Berliner Gorki Theater erlebt die taz in Nurkan Erpulats Türkei-Stück "Love it or Leave it" eine Gesellschaft zwischen Depression und Selbstzerstörerung. Die Nachtkritik möchte nicht mehr ins Theater gehen, um das eigene Denken bestätigt zu bekommen. Slate.fr berichtet, wie Ashgar Farhadis neuer Film "Le Client" den Iran erschüttert. Gegen Trump hilft Richard Yates, glaubt die SZ. Die FR erinnert an Wolf Biermanns Kölner Konzert, bei dem alle feststellten: Aus der BRD will keiner weg, nicht mal ihre schärfsten Kritiker.

Bühne


Mehmet Yılmaz und Aylin Esener in Nurkan Erpulats "Love it or leave it". Foto: Ute Lankafel, Maifoto

Mit seinem am Berliner Gorki Theater gezeigten Stück "Love or leave it" legt Nurkan Erpulat die türkische Erdoğan- Gesellschaft auf Freuds Couch. An "gruselige Märchen" fühlt sich taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller dabei erinnert: "Es ist ein absurdes Theater von blinder oder nicht nachvollziehbarer Gefolgschaft, das Nurkan Erpulat hier inszeniert. 'Love it or leave it!' ist kein Stück, das die Türkei erklärt, sondern sich verzweifelt dazu bekennt, dieses Volk nicht mehr verstehen zu können. ... Nun ist es viel weniger ein explizit politisches Theater als vielmehr eine Studie einer depressiven und selbstzerstörerischen Stimmung." Patrick Wildermann sah im Tagesspiegel das Stück "zwischen allegorischer Schärfe und melancholischem Achselzucken" changieren: Vielleicht war die Absicht aber auch gerade, die Ratlosigkeit zu reproduzieren, die nicht nur unter Erdogan herrscht." In der Berliner Zeitung fühlt sich Ulrich Seidler von dem Stück etwas allein gelassen: Er konnte dem Stück aller Holzhammerdeutlichkeit zum Trotz einfach nicht folgen.

In der Nachtkritik erkennt Sascha Ehlert das grundsätzliche Problem in der politischen Erwartbarkeit des Stückes: "Fällt Feuilletonistinnen und Intellektuellen dieser Tage auf, dass linke Kulturbürger Donald Trump und die Mehrheit der wählenden Bevölkerung gnadenlos unterschätzt haben, weil sie zu stark damit beschäftigt waren in der eigenen Suppe zu planschen, dann meinen sie damit indirekt auch Orte wie das Gorki. Wer hier hingeht, wusste bislang vorher wie nachher, dass starre Identitäten, Nationalitäten und Geschlechter von gestern sind. Man kaufte keine Karten, um das eigene Denken hinterfragt, sondern um es bestätigt zu bekommen."

Besprochen werden Roland Geyer Inszenierung von Verdis "Macbeth" am Theater an der Wien (die im Standard gefährlich mutlos fand), Tom Kühnels und Jürgen Kuttners am Deutschen Theater in Berlin gezeigte Inszenierung von Brechts "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" (Nachtkritik), Alexander Eisenachs "Der kalte Hauch des Geldes" in Frankfurt (Nachtkritik), Jan Philipp Glogers Mannheimer Inszenierung von Philipp Löhles "Du (Norma)" (Nachtkritik) und Elmar Goerdens Bühnenadaption von Luchino Viscontis "Die Verdammten" in Wien (FAZ).
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Film



Mit seiner Verfilmung von Andreas Steinhöfels Jugendroman "Die Mitte der Welt" ist Jakob M. Erwa ein sinnlicher, kluger Coming-of-Age-Film über einen schwulen Teenager geglückt, freut sich Fabian Tietke in der taz. "Ein kleiner Glücksmoment der Diversität im deutschen Film. Wobei Diversität eigentlich schon immer das falsche Wort war: Wie das Buch zeigt der Film, dass das, was das Label Diversität bezeichnet, ohnehin schon immer Teil der Realität ist." Den hiesigen Produzenten kann Tietke nur raten, sich Steinhöfels Jugendromanen mal näher zu sehen. In der SZ fragt sich Rainer Gansera nach diesem Film, ob "schwule Liebe vielleicht der letzte Hort der Romantik" sei. Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und auf kino-zeit.de.

Taraneh Alidoosti und Shahab Hosseini in "Le Client".

Weiteres: In Frankreich kommt in diesen Tagen Ashgar Farhadis neuer (in Cannes gezeigter) Film "Le Client" in die Kinos, auf Slate.fr berichtet Marie Nour-Hakimi, wie der Film bereits die iranische Gesellschaft erschütter hat: "Die Zeitung Hamshari hat 'Le Client' bereits zum einflussreichsten Film der vergangenen Jahrzehnte erklärt, und er ist es wahrscheinlich ebenso sehr aufgrund der intensiven  Debatten, die er auslöste, wie auch auch wegen seines Inhalts: Wie in einem Konzentrat stecken in ihm die all die Dynamiken und Spannungen, die die iranische Gesellschaft durchziehen."

Nadine Lange hat für den Tagesspiegel das Festival des osteuropäischen Films in Cottbus besucht. Silvia Hallensleben berichtet im Standard von der Duisburger Dokumentarfilmwoche. In der taz schreibt Detlef Kuhlbrodt zum heutigen Auftakt des Internationalen Kurzfilmfestivals in Berlin.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Wir sind Juden aus Breslau", Karin Kaper und Dirk Szuszies (Tagesspiegel) und Heidi Specognas Dokumentarfilm "Cahier Africain" (FAZ) und die Netflix-Serie "The Crown" über Elizabeth II. (FAZ).
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Literatur

Der kleine Eklat bei der Verleihung des Schweizer Buchpreises ist uns glatt durchgerutscht. Dabei berichtet Martin Ebel im Tages-Anzeiger erkennbar konsterniert von Christian Krachts stürmischem Abgang, als er nach einstündiger Zeremonie mit den Finalisten den Preis erhielt: "Kracht verließ die Bühne wortlos, ausdruckslos, urkundenlos und stürmte nach draußen, auf sein Hotel zu", erzählt Ebel und fragt: "Was war das - kultiviert da einer die Aura des unnahbaren Genies? Ist Kracht soziophob, fürchtet er Menschen? Ist es zu viel verlangt, für 30.000 Franken einmal kurz Danke zu sagen?

Nach Trumps Wahlerfolg kommen die gerade aus dem Nachlass veröffentlichten Kurzgeschichten von Richard Yates gerade recht, schreibt Christopher Schmidt in der SZ. Denn jetzt erscheinen die Storys dieses "unversöhnlichen Chronisten der amerikanischen Mentalitätsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg" noch einmal in einem anderen Licht, "diese Geschichten über ein scheinbar besseres Amerika der Vergangenheit, zu dem Trump zurück will und unter dem Yates zu seiner Zeit litt. Mit kaltem Grimm schrieb er an gegen den Geist der Fünfzigerjahre ... Yates hielt Amerika den Spiegel vor und zeigte es als Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten, und er protokollierte genau, wie sich Wut und Enttäuschung, statt politischer Protest zu werden, gegen die Schwächeren wenden."

Weiteres: In der NZZ erinnert Eleonore Frey noch einmal an die verstorbene Schriftstellerin Ilse Aichinger und aufs Feinste ausgewogene Werk: "Es mischt Heiterkeit mit Düsternis, Wärme mit Kühle." Der Freiburger Autor Thilo Dierkes ist verdient siegreich aus dem Berliner Wettbewerb Open Mike hervorgegangen, findet Jörg Magenau in der SZ. Zum Tod der Schriftstellerin Ilse Aichinger schreiben Michael Krüger (FAS), Klaus Kastberger (ZeitOnline) und der Schriftsteller Harald Hartung (FAZ).

Besprochen werden unter anderem Barbara Yelins und David Polonskys Comic "Vor allem eins: Dir selbst sei treu" über die israelische Schauspielerin Channa Maron (Jungle World), Gisela von Wysockis "Wiesengrund" (Zeit), Lauren Groffs "Licht und Zorn" (SZ) und Corinna Belzs Kinodokumentation über den Schriftsteller Peter Handke (online nachgereicht von der FAZ).

In der Frankfurter Anthologie schreibt der Schriftsteller Durs Grünbein über Wolf Biermanns Ballade "Berlin, du deutsche deutsche Frau":

"Berlin, du deutsche deutsche Frau
Ich bin dein Hochzeitsfreier
Ach, deine Hände sind so rauh
..."

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Kunst

Zum achtzigsten Geburtstag des Kunstkritikers Laszlo Glozer gratuliert Willibald Sauerländer (SZ).

Besprochen werden die Bosch-Ausstellung in der Gemäldegalerie in Berlin (Tagesspiegel), Lawrence Weiners Ausstellung "Wherewithal/Was es braucht" im Kunsthaus Bregenz (SZ), Regina Schmekens Fotoausstellung "Blutiger Boden - Die Tatorte des NSU" im Militärhistorischen Museum in Dresden (FAZ) und die Ausstellung "Die Gabe/The Gift" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (FAZ).
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Stichwörter: NSU, Tatort, Regina Schmeken

Musik

Die Wolf-Biermann-Festspiele gehen weiter: Vor kurzem erschien seine Autobiografie, morgen wird er achtzig und gestern vor vierzig Jahren hat er zur Halbzeit das legendäre Kölner Konzert gegeben, in dessen Anschluss die SED ihm die Rückkehr in die DDR verweigerte. Arno Widmann von der Berliner Zeitung war damals in Köln, auch wenn er damals kein Fan war - zu sehr war ihm Biermann damals noch marxistischen Dogmen verbunden. Beeindruckt hatte ihn der Auftritt des Liedermachers aber schon: "Der da unten, der wohl niemals vor mehr als allerhöchstens drei Dutzend Menschen aufgetreten war, brachte auch den ganz oben, weit von ihm entfernten Zuschauern in der riesigen Kölner Sporthalle jede Nuance seiner Message bei. Eine Rampensau, ein Zauberer, ein Verführer. Aber nicht immer erreichte er sein Publikum. Als er erklärte, er meine mit 'hier' die DDR, vielleicht aber könne das Publikum dieses 'hier' und sein Lied auch auf die eigene BRD-Situation beziehen, da gab es keinen Applaus. Biermann wartete. Es gab noch immer keinen Applaus. Die Wahrheit war: Die meisten der Versammelten waren scharfe Kritiker der BRD, aber keiner wollte weg aus ihr."

Joachim Güntner schreibt in der NZZ: "Unrecht und Duckmäusertum zu benennen, ist eines, ein wichtiges Zweites aber ist die Inbrunst, mit welcher der Dichter Biermann ruft: 'Ich hab es satt!'" In der FAS erinnert sich Barbara Klemm an das Konzert, das sie damals als Fotografin dokumentiert hat. Auf Youtube gibt es die dreieinhalb Stunden in voller Länge:



Weiteres: Dass nach dem Vinylhype nun auch die Musikkassette zurückkehrt, hält Irene Eidinger von der Jungle World für eine "fragwürdige Sehnsuchtsbewegung". Ihr Kollege Thorsten Ottens begrüßt die Rückkehr des obsoleten Mediums hingegen als Einladung, "wieder zuhören zu lernen." Ralf Fischer bringt in der Jungle World Hintergründe zu einem großen Rechtsrock-Konzert in der Schweiz, das auch den hiesigen Verfassungsschutz aufmerken ließ. Florian Werner befasst sich im Freitext-Blog von ZeitOnline mit Leonard Cohens Humor. Der Deutschlandfunk bringt Olaf Karniks und Volker Zanders Feature "Wie die Musik von morgen heute klingt". Und in der Welt reist Philipp Haibach in gedanken noch einmal mit Leonard Cohen und Marianne auf die griechische Insel Hydra.

Besprochen werden die intensive und poetische Collage aus Schostakowitschs fünfzehn Streichquartetten im Wiener Konzertsaal (Presse), Ralf Plegers Dokumentarfilm über die hinreißend talentlose Sängerin Florence Foster Jenkins (Tagesspiegel), das Folk-Album "Home On Native Land" der Hidden Cameras (taz), zwei Auftritte von Archie Shepp (taz), ein Konzert von Icke & Er (Berliner Zeitung), Oren Ambarchis "Hubris" (Pitchfork), die Wiederveröffentlichung des Punkklassikers "Double Nickels on the Dime" von den Minutemen (Pitchfork), Markus Beckers und Igor Levits Max-Reger-Konzert bei den Weidener Meisterkonzerten (FAZ) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter das zweite Album der deutschen Indieband Doctorella, das FAZ-Kritiker Dietmar Dath zum Einsatz "gegen Lügenbefall und Selbstzweifelpilz" bedenkenlos empfehlen kann. Daraus das aktuelle Video:

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