Efeu - Die Kulturrundschau

Die Hand lügt nicht

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15.11.2016. Nach der Berliner "Hugenotten"-Aufführung in Berlin jubelt die FAZ: Sage noch einer, man könne Meyerbeer nicht mehr aufführen! Auch die Welt ist hingerissen von den Gesangspartien. Der Standard lässt sich im Wiener Belvedere von Hubert Scheibl in die Alchimie des Sehens einführen. Die NZZ lernt in einer Hamburger Ausstellung alles über die Geschmeidigkeit von Schiffsarchitektur. Und Respekt findet auf dem Glatzer Schneeberg einen Weg in die Wolken.

Bühne


Meyerbeer will es so: Seine "Hugenotten" an der Deutschen Oper.

Die Deutsche Oper in Berlin bringt Giacomo Meyerbeers "Hugenotten" in einer Inszenierung von David Alden auf die Bühne und reiht sich damit unter die zahlreichen deutschen Spielhäusern ein, die in den letzten Jahren Meyerbeer wiederentdeckten. Auch die "Hugenotten" gab es mehrfach zu sehen, wobei die Berliner Inszenierung "die mit Abstand armseligste" sei, wie Eleonore Büning in der FAZ anmerkt. Umso grandioser fand sie jedoch die musikalische Leistung: "Sage noch einer, man könne Meyerbeers Opern nicht mehr aufführen, weil die Stimmen dafür fehlen! Hier waren sie zu hören: Juan Diego Flórez als himmelstürmender, platinglänzender Hugenottenprinz Raoul, mit unendlichem Atem; die junge Olesya Golovneva als eine sinnlich tief bis in Mezzosopran-Innigkeit absteigende, leicht und sicher bis in höchste Koloratursopranlabyrinthe sich versteigende Valentine."

In der Welt war auch Manuel Brug vor allem von Juan Diego Flórez und seiner wohldosierten Partie des Raoul hingerissen: "Wir sind heute ein paar mehr Phonstärken gewöhnt, aber auf die kann man verzichten, wenn Flórez wirklich das singt, was Meyerbeer fast unausführbar vorschreibt, wenn sein Charakter aus dem Licht der von der altmodischen Viola d'Amore begleiteten Pastoralrhapsodie des ersten Aktes bis zur Todesverzweiflung im fünften Akt voranschreitet und sich steigert." Clemens Haustein von der Berliner Zeitung fand immerhin auch Gefallen an Aldens Arbeit.

Weiteres: Tim Schleider meldet in der Stuttgarter Zeitung, dass Intendant Armin Petras das Schauspiel Stuttgart "aus familiären Gründen" frühzeitig verlassen werde.

Besprochen werden Nurkan Erpulats "Love it or leave it" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (SZ, mehr dazu hier), eine Wiener Bühnenfassung von Luchino Viscontis "Die Verdammten" (taz), Albert Camus' "Caligula" am Theater Basel (FAZ) und Albert Camus' "Der Fremde" an der Berliner Schaubühne in der Inszenierung von Philipp Preuss ("unschön länglich", stöhnt Irene Bazinger in der FAZ, Christine Wahl vom Tagesspiegel sieht "keinen überzeugenden Grund" für diesen Transfer auf die Bühne).
Archiv: Bühne

Architektur

Skywalk auf dem Schneeberg. Foto: Franek Architects.

Das tschechische Magazin Respekt widmet sich in seiner aktuellen Printausgabe unter anderem neuer tschechischer Bergarchitektur und zeigt online beeindruckende Fotos des neuen  Aussichtspunkt auf dem Glatzer Schneeberg (Králický Sněžník) im schlesisch-böhmisch-mährischen Dreiländereck: "Anstelle des traditionellen Turms windet sich hier ein Gehweg in Schlaufen über die Bäume hinweg bis in eine Höhe von fünfundfünzig Metern. Der Architekt Zdeněk Fránek hat diesen Weg in die Wolken geschaffen." Auf der Seite des Architekten gibt es tolle Bilder mit und ohne Wolkennebel.
Archiv: Architektur

Design

Cäsar Pinnaus Entwurf einer Motoryacht für den Sheikh von Kuweit. Foto: Altonaer Museum.

Als geschmeidigen Karrieristen, aber leider auch recht begabten Gestalter schildert Jürgen Tietz in der NZZ den Hamburger Architekten Cäsar Pinnau, dem Hamburg die wunderschöne Cap San Diego verdankt und dem das Altonaer Museum eine sehenswerte Ausstellung widmet: "Von den Anfängen in der Weimarer Republik über das Dritte Reich bis tief ins Nachkriegsdeutschland hinein gelang es dem gebürtigen Hamburger stets, mit prallem Segel durch die Stürme der Zeiten und Systeme zu navigieren, als Lieblingsarchitekt der Mächtigen. Ebenso gekonnt verstand es der gelernte Möbeltischler, auf der Klaviatur der Stile des 20. Jahrhunderts zu spielen. Im Flug wechselte Pinnau zwischen bieder-konservativem Klassizismus, nationalsozialistischem Gigantismus und einer moderaten Moderne - entsprechend der Bauaufgabe und den Vorlieben seiner Bauherren."
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Archiv: Design

Literatur

Als eine der wichtigsten Stimmen der Ukraine preist Ilma Rakusa in der NZZ den Dichter, Romancier und Rapper Serhij Zhadan und seinen neuen gedichtband "Warum ich nicht im Netz bin": "Aufklärerisch, luzid und poetisch verkörpert es eine Weltsicht, die jeder Art von Gewalt und ideologischer Manipulation dezidiert abschwört."

In einem sehr schönen Text huldigt Paul Bailey Pier Paolo Pasolinis Klassiker "Ragazzi di Vita", an dessen englischer Übertragung jetzt auch Ann Goldstein gescheitert sei, die zuletzt sehr gerühmte Übersetzerin von Elena Ferrante: Ihre "Street Kids" klingen viel zu nobel oder zu frivol, zu heutig oder zu altmodisch. Sofia Glasl war für die SZ beim Münchner Literatursymposium "Lasst uns über Sprache reden...". Katharina Schantz berichtet für die taz vom Berliner Open-Mike-Wettbewerb.

Besprochen werden Pola Oloixaracs "Kryptozän" (Tagesspiegel), Anna Weidenholzers "Weshalb die Herren Seesterne tragen" (Tagesspiegel), Germán Kratochwils "Territorium" (SZ)und Cristina De Stefanos Biografie über Oriana Fallaci (FAZ).
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Film

Viel zu zahm und unterwürfig kamen Frédéric Jaeger von critic.de die Filmgespräche bei der mal für ihre Streitkultur berüchtigten Duisburger Filmwoche vor - und dann noch stets die langweiligen Gesprächseinstiege, woher die Filmemacher denn so ihre Ideen her hätten. "Es liegt nahe, dass das Konzept des Festivals mit ausgiebigen Debatten, bei denen jeweils ein Mitglied der Auswahlkommission das Gespräch freundlich anleitet, sich überlebt hat. Sollen wirkliche Debatten entstehen, kann sich die Moderation nicht auf das wohlige Loben der Ansätze des Films zurückziehen, sondern muss die Widersprüche herausarbeiten und sie zur Diskussion anbieten. Der Raum dafür muss geschaffen werden, er ist nicht eh schon da, nur weil einige Leute nach dem Film zusammensitzen." Carolin Weidner berichtet in der taz von ihren Duisburger Filmsichtungen.

Besprochen wird Martin Gressmanns Langzeit-Dokumentarfilm "Das Gelände" über die Geschichte des Berliner Areal, auf sich heute die Topografie des Terrors befindet (SZ).


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Kunst


Hubert Scheibl, "Das ist eine sehr schöne Zeichnung, Dave..." (2001: Odyssee im Weltraum), 2008. Bild: Hubert Scheibl. Belvedere.

In die "Alchimie des Sehens" hat sich Standard-Kritikerin Andrea Schurian von der fantastischen Personale einführen lassen, die das Wiener Belvedere dem Österreicher Hubert Scheibl widmet: "Raum, Zeit, Bewegung sind Scheibls Parameter. Malerei als bildgewordene Körperspur, Bewegung als Form: 'Die Hand', sagt Scheibl, 'lügt nicht'. Der Rainer- und Weiler-Schüler, Jahrgang 1952, Teilnehmer der Biennalen von São Paulo und Venedig und in den 1980ern einer der Neuen Wilden, pinselt keine leicht lesbaren Geschichten auf die bis zu drei mal zwei Meter großen Leinwände. Sondern er erforscht mit den Mitteln der Malerei deren unendliche Möglichkeiten, ihre zarte Poesie und elementare Wucht, ihre Abgründe und Melodien. 'Seine Malerei bildet nicht ab, sie ist', schreibt Kurator Mario Codognato im Katalog."

Besprochen werden drei Berliner Ausstellungen zum 80. Geburtstag von Horst Bartnig (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Degas/Rodin - Wettlauf der Giganten zur Moderne" im Von der Heydt-Museum in Wuppertal (SZ).

Und Vice hat sich mit Marina Abramovic getroffen.

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Musik

Reinhard J. Brembeck sieht und staunt, was für ein Pensum Valery Gergiev runterreißt - ein paar Stunden Prokofjew an einem Sonntag, gleich im Anschluss eine Tour, dann noch hier und dort ein Konzert, der helle Wahnsinn. Eine bloße "Leistungsschau" sei das dennoch alles nicht, im Gegenteil, schwärmt der SZ-Kritiker: "Seine Putin-Treue schert kaum mehr jemanden, er hat ja auch nichts Verfängliches in dieser Sache mehr gesagt. Vor allem aber ist er die größte lebende Instanz in Sachen Schostakowitsch, Tschaikowsky und eben Prokofjew, dessen fünf Klavierkonzerte er beim Vorgängerfestival vor einem Jahr präsentierte."

Wolf Biermann wird achtzig - die taz widmet ihre erste Feuilletonseite dem DDR-Liedermacher und -Bürgerrechtler. Online finden sich die Texte untereinander gesammelt hier: Stefan Reinecke dankt dem Geburtstagskind, dass er die damalige West-Linke entkrampfte. Dirk Knipphals kann sich dem Punch der "sprachlichen Energie" in Biermanns Gedichten nur schwer entziehen. Anja Maier erinnert sich daran, wie es in der DDR war, als Schülerin den da schon ausgebürgerten Biermann heimlich zu hören. Im Tagesspiegel gratuliert außerdem der Schriftsteller Uwe Kolbe. In der Berliner Zeitung präsentiert Cornelia Geißler ein neues Gedicht, das sich Biermann selbst zum 80. geschrieben hat.

Weiteres: In der Zeit porträtiert Ulrich Stock den Jazzgitarristen Ronny Graupe. Der Schriftsteller Thomas Pletzinger heftet sich für das ZeitMagazin an die Fersen der Beginner. Anlässlich des Todes von Leonard Cohen hat der WDR ein 2005 entstandenes Radioporträt wieder online gestellt.

Besprochen werden eine stolze sechzehn CDs und ein Buch umfassende Box mit hauptsächlich bislang unveröffentlichten Aufnahmen von Rio Reiser (Freitag), eine Box mit allen für Sony entstandenen Aufnahmen von Philip Glass (Pitchfork), das neue Album von Alicia Keys (Berliner Zeitung), Leonard Cohens "You want it Darker" (Spex) und das Ambient-Album "Monument Builders" von Loscil (Pitchfork).
Archiv: Musik