Efeu - Die Kulturrundschau

Eine dunkle Sonne

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12.11.2016. In der Welt huldigt Jeffery Eugenides der großen Pelzjägerin Zadie Smith. Der Guardian erinnert daran, wie sich das Royal Ballet vor zehn Jahren gegen seinen heute allseits verehrten modernen Choreografie-Chef sträubte. In der taz spricht der Pariser Musikmanager Matthieu Couturier über die Schockstarre nach dem Attentat auf das Bataclan vor einem Jahr. In den Feuilletons herrscht weiter tiefste Trauer über den Tod Leonard Cohens, der doch die Melancholie in dunkel leuchtende Poesie verwandelte. Und auch Ilse Aichingers Tod betrübt die Kritiker.

Literatur

Die britische Schriftstellerin Zadie Smith bekommt den Welt-Literaturpreis. Der Amerikaner Jeffrey Eugenides schreibt eine Hommage auf seine Kollegin und Freundin, die er als ausgesprochen warm, herzlich und präsent schildert - außer in den Phasen des Schreibens: "Im letzten Winter wurden Zadies E-Mails an mich nicht nur seltener, sondern auch kürzer. Dann trat völlige Stille ein, wie es oft geschieht, wenn ein Freund mit dem Schreiben gut vorankommt. Schriftsteller sind wie Pelzjäger. Sie verschwinden für Monate oder gar Jahre in den nördlichen Wäldern, tauchen manchmal nie wieder auf, ergeben sich der Verzweiflung dort, werden sesshaft (anders gesagt: nehmen eine richtige Arbeit an) oder geraten mit dem Bein in die eigene Falle und verbluten leise im Schnee. Mit Glück kehren sie wieder, mit Pelzen beladen." Außerdem ehrt Richard Kämmerlings die Preisträgerin.

Ilse Aichinger ist gestorben. In der SZ widmet Kristina Maidt-Zinke der Schriftstellerin und Nachkriegsikone den Nachruf: "Ilse Aichinger, berühmt und umraunt seit den Fünfzigerjahren, war eine Gegenfigur zum Literaturbetrieb, die lebende Antithese schriftstellerischer Eitelkeiten. Aber sie war deshalb weder schlecht gelaunt noch verbittert oder ostentativ todessüchtig." In der Welt trauert Paul Jandl: "Sie war die zarte Grande Dame der Menschenfreundlichkeit und der Weltverachtung." Zu ihrem Tod schreiben auch Andreas Breitenstein (NZZ), Bert Rebhandl (Standard), Simone Fässler (Tagesspiegel) und Sabine Rohlf (FR).

Der Schriftsteller Elmar Schenkel schickt der FAZ eine Reportage über Prince Charles' Engagement in Siebenbürgen.

Besprochen werden Anne Garrétas geschlechtsneutraler Liebesroman "Sphinx" (taz), Peter Temples Thriller "Die Schuld vergangener Tage" (taz, unsere Besprechung hier), das von Fanny Esterházy herausgegebene Buch "Arno Schmidt - Eine Bildbiographie" (FAZ) und Corinna Belz' Filmporträt "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte" über Peter Handke (FAZ).
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Kunst

In London ist David Bowies Kunstsammlung vor einem illustren, sehr nobel gekleideten Publikum versteigert worden, was Rose-Maria Gropp von der FAZ fragen lässt, "ob diese heute so entschlossen bourgeoisen Herren einst am Bühnenrand standen, um 'Ziggy Stardust' zu huldigen? Oder ob sie wenigstens vor dreißig Jahren bei 'Let's dance' mitschwangen?"

Weiteres: In der SZ bringt Jan Kedves Hintergründe zum momentanen "Mannequin Challenge"-Videohype, bei dem Menschen einander bei möglichst ausdauernder Regungslosigkeit filmen. Für die SZ porträtiert Andrian Kreye den Illustrator Christoph Niemann.    

Besprochen werden die Ausstellung "Kunst in Europa 1945-1968" im ZKM Karlsruhe (FR), Niko Neuwirths Ausstellung "Facing Europe" in Frankfurt (FR), Christian Schulz' Fotoband "Die wilden Achtziger" mit Bildern aus Westberlin(taz), eine Ausstellung der Fotografien von Eva Kemlein im Centrum Judaicum in Berlin (Tagesspiegel) und die in Kölner Privatwohnungen stattfindende Ausstellung "Hausbesuche" des Museums Ludwig (FAZ).
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Stichwörter: David Bowie

Bühne


Steven McRae, Dawid Trzensimiech und Tristran Dye in "Chroma". The Royal Ballet. Foto: Royal Opera House, Bill Cooper, 2013

Im Guardian erinnert Judith Mackrell daran, wie das Royal Ballet vor zehn Jahren die Nase rümpfte, als der Choreograf Wayne McGregor die Kompanie übernahm. Moderner Tanz! Wie unvornehm! Heute sind seine minimalistischen Stücke wie Chroma bereits Klassiker und auch seine neue Choreografie "Multiverse" zu Steve Reich findet Mackrell zwar etwas ausufernd, aber von "klarer und lyrischer Schönheit".

Besprochen wird Werner Tritzschlers "Tote Babys auf glattem Eis" an der Berliner Volksbühne (Berliner Zeitung).

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Film

SZler Tobias Kniebe plaudert mit dem Schauspieler Jesse Eisenberg über Woody Allens neuen Film "Café Society". Besprochen wird Cynthia Beatts Film "Ein Haus in Berlin" über den Prenzlauer Berg (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Woody Allen

Musik

Die Feuilletons tragen heute in ihrer Trauer um Leonard Cohen dunkelstes Schwarz (frühe Stimmen zu dessen Tod brachten wir bereits gestern). Fast danken möchte Frank Junghänel von der Berliner Zeitung dem Verstorbenen für den Zeitpunkt des Dahinscheidens, lenkt die Trauer doch ab "von all den dunklen Gedanken. Weil die Trauer um Leonard Cohen in Erinnerung ruft, was das Leben in Wirklichkeit ist, jenseits der Realityshowpolitik, was es so einzigartig macht und so unerträglich: Liebe, Hass, Begehren, Einsamkeit, Verlust, Schönheit und natürlich - Tod."

In der Welt schreibt Michael Pilz: "Für Bob Dylan war es noch der Song, für den man die Poesie schrieb. Cohen ließ seine Musik der Poesie folgen als leise Dienerin." Auch Tania Martini verneigt sich in der taz vor dem Meister der letzten Dinge: "Cohen gab dem Schmerz eine Grenze und öffnete ihn zugleich ins Unendliche." Patrick Holzapfel steuert auf kino-zeit eine Skizze über das Verhältnis zwischen Cohen und dem Kino bei, das sich oft und gerne in dessen Fundus bedient hat. Für Kurt Kister von der SZ war Cohen ein Künstler mit der Gabe, "die Dunkelheit im Inneren der Seele strahlen zu lassen. Cohen war unter den Songwritern der Urvater der poetischen Melancholie." Für Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel war Cohens Stimme "eine dunkle Sonne, die wärmt, ein goldenes Amulett. Das Unüberbrückbare zwischen den Menschen, und das, was Menschen zusammenbringt und manchmal zusammenhält, fließt bei ihm in eine Melodie."

Im NZZ-Gespräch erinnert sich Dieter Meier von Yello an den Verstorbenen. Cohens "Musik eignete sich nicht gerade zur Teilnahme an Polonäsen", erklärt Edo Reents in der FAZ all jenen, die das bislang offenbar anders gesehen haben. SZler Thomas Steinfeld schreibt über Cohens Montreal. Weitere Nachrufe schreiben Christian Bos (Berliner Zeitung), Sylvia Staude (FR) und Manuel Gogos (NZZ). Einen Überblick über internationale Stimmen zum Tode Cohens schafft KeyFrame Daily. Und auf Mixcloud finden wir einen einstündigen Mix:



Am Sonntag jährt sich der islamistische Anschlag auf den Pariser Club Bataclan (hier unsere damalige Rundschau). Für die taz erkundigt sich Julian Weber bei dem Musikmanager Matthieu Couturier nach der Stimmung vor Ort: Nach einer Schockstarre habe sich die Pariser Szene erholt und wachse mittlerweile sogar. Inhaltlich aufgegriffen wurde das Ereignis allerdings noch nicht: "Wir waren derart schockiert, dass es kaum Aktivitäten gab. Wir mussten diese Brutalität erst einmal sacken lassen. Das war so krass, da wollte niemand banales Zeug in Songs oder auf Alben von sich geben. Die Leute waren zu paralysiert, um das künstlerisch zu verarbeiten, niemand wollte auf Kosten der Opfer Musik machen."

Weiteres: Ganz hingerissen ist Thomas Schacher in der NZZ von dem Zürcher Liederabend der Mezzosopranistin Anne Sofie Otter: "Ihre Stimme klingt wie die einer Chanson-Sängerin, nahezu befreit von aller 'Künstlichkeit', aller artifiziellen Überformung, wie sie die klassische Musikhochschultradition lehrt." Mit ihrer neuen Einspielung "Verismo" ist Anna Netrebko endgültig "zur Primadonna assoluta der Postmoderne" gekürt, schreibt Christine Lemke-Matwey in ihrer online nachgereichten Zeit-Besprechung. Jens Uthoff schaut sich für die taz in der Berliner Metalszene um. Steen Lorenzen porträtiert im Tagesspiegel die Kammerpop-Musikerin Agnes Obel. Gunnar Leue unterhält sich in der taz mit dem Cellisten Sonny Thet. Außerdem bringt die taz Carolin Pirichs Gespräch mit der Saxofonistin Asya Fateyeva.

Besprochen werden das wiederveröffentlichte Album "Systems/Layers" von Rachel's (Pitchfork), Shirley Collins' Comebackalbum "Lodestar" (Pitchfork) und Lady Gagas "Joanne" (The Quietus).
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