Efeu - Die Kulturrundschau

Unspezifisches Irgendwie-damals-Feeling

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11.04.2016. Die Feuilletons reagieren gespalten auf Frank Castorfs Inzenierung von Jaroslav Haseks "Abenteuern des braven Soldaten Svejk". Die SZ wurde glücklich im Denken, die FAZ war genervt, die Welt verschlief die erste Hälfte. Bei Armin Petras' Frank Witzel-Inszenierung wühlen sie im Morast der alten BRD. Die NZZ träumt von einem Publikum, das auf die Bühne springt und protestiert. Jungle World sehnt sich nach der intensiven Prosa von Henry James. Und die FAZ probiert bei großen Modenfirmen auf gläubige Musliminnen zugeschnittene Kleidung an.

Bühne






Nervt überhaupt nicht: Frank Castorfs "Švejk"-Inszenierung am Münchner Residenztheater. Foto: Matthias Horn

Am Münchner Residenztheater hat Frank Castorf unter einem Coca-Cola-Emblem Jaroslav Hašeks Roman "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg" auf die Bühne gebracht - oder zumindest eine erwartbar lockere Interpretation davon. Die Kritik reagiert gespalten. Egbert Tholl von der SZ etwa verließ das Haus "randvoll mit einem Abend, der klüger ist, als man es sein kann, der einen glücklich machte im Denken, im Betrachten grandioser Schauspielerei und der einen, erstaunlich genug bei Castorf, so gut wie nie nervte." Was Hubert Spiegel von der FAZ so gar nicht teilen mag: Er durchlitt in den fünf Stunden Spieldauer "mehrere Ewigkeiten", bescheinigt dem Regisseur viele "wirre Einfälle" und dem Abend "Selbstreferentialität, laue Witze und müde Provokationen." Doch immerhin: "Auch an einem solchen Abend gelingen Castorf noch immer einige betörende Bilder, in denen hinter einem Wall von Routine, erschöpfter Wut und der schütteren Allüre der Selbstgefälligkeit etwas wie Sehnsucht erkennbar wird." Und Welt-Kritiker Jan Küveler verschläft die erste Hälfte und wacht erst wieder auf, als Valery Tscheplanowa mit goldenem String auf die Bühne tritt: "Sie spielte die abgehalfterten, mittlerweile penispendelnden Ex-Machos, selbst die Schwulen, schon mit zwei, drei Schwüngen ihres Hinterns an die Wand. An Schlaf war nicht mehr zu denken."


Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Foto: Thomas Aurin

Die Berliner Schaubühne zeigt Armin Petras' Bühnenbearbeitung von Frank Witzels im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Die Erfindung...", in dem der Autor tief im Morast der alten BRD wühlt. Die Kritik reagiert gedämpft, aber wohlwollend. "Überzeugend wird die Inszenierung immer dann", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz, "wenn die Fotos, die Comicbilder, die Werbelogos von westdeutschen Marken der Fünfziger und Sechziger, die vor der Kamera in einer unentwegten Bildcollage ausgebreitet, übermalt und überschrieben werden, sowohl Zeitkolorit verbreiten als auch von der Mühsal der Arbeit der Erinnerung erzählen." Für den Geschmack von Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl rutscht der Abend zwar "in ein so unspezifisches Irgendwie-damals-Feeling", doch immerhin habe dem Autor selbst der Abend offenbar gut gefallen. "Die alte Bundesrepublik und ihre Pathologie bleiben einigermaßen unterbelichtet", bedauert Esther Slevogt auf Nachtkritik.

Bernd Noak fasst für die NZZ das Geschehen an deutschsprachigen Bühnen zusammen, applaudiert milde in Hamburg, München oder Zürich, protestiert lautstark in Stuttgart, irrt heimtalos durch Berlin und staunt über ostdeutsche Kleinstadt-Bühnen: "Im unangenehmer werdenden sozialen Klima, in dem Hass und Fremdenfeindlichkeit bedrohlich wachsen, übernehmen sie die Rolle des demokratischen Rettungsankers. In unmoralischer Zeit werden sie zur moralischen Anstalt, zu Zufluchtsorten (das wurden sie freilich auch in Städten wie Hamburg oder Berlin, wo Flüchtlinge unterkamen), oft genug zu den einzigen öffentlich zugänglichen Fluchtburgen demokratisch gesinnter Bürger. Die legen dann auch schon einmal ihre passive Zuschauerhaltung ab und gehen selber auf die Bühnen, um ihre ureigensten Ängste zu artikulieren. Ein Münchner, Zürcher Bürgerchor dagegen? Eigentlich undenkbar."

Weiteres: Andreas Zielcke wirft in der SZ einen Blick in deutsche Inszenierungen, die dem Rechtspopulismus auf den Zahn fühlen. Patrick Wildermann resümiert im Tagesspiegel das Berliner FIND-Festival.
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Kunst

In der FAZ erklärt Ursula Scheer, wie mittels Big Data und Algorithmen von einem 3D-Drucker ein neuer Rembrandt gemalt wurde. Mehr dazu hier und in diesem sehr anschaulichen Video:



Besprochen werden Isa Genzkens Schau "Mach Dich hübsch" im Berliner Gropiusbau (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Giorgio de Chirico - Magie der Moderne" in der Staatsgalerie Stuttgart (FAZ).

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Film

Netflix steht im Verdacht, für Evgeny Afineevskys oscarnominierten Maidan-Dokumentarfilm "Winter on Fire" unlizenziertes Material verwendet zu haben, erklärt Karoline Meta Beisel in der SZ. Die Berliner Zeitung hat Petra Ahnes ausführliches Interview mit Nicolette Krebitz aus der Samstagausgabe online nachgereicht. Beim Deutschlandfunk kann man Renate Jurziks Radioessay über Charlie Chaplin nachhören und -lesen. Besprochen wird Disneys Neuverfilmung des "Dschungelbuch" (Zeit).

Nach Literatur, Musik, Malerei und Theater lud der Bundespräsident nun also zur "Soiree zur Würdigung des deutschen Films", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Gemeinsam hoffte man auf den Ruck im deutschen Kino, denn: "Was wird dieses Jahr ohne Göhte und Zweiohrschweiger und was in den nächsten Jahren, wenn sich die Wahrnehmung eines Kinolandes immer mehr durch seine Präsenz in den Onlinediensten definieren wird, das deutsche Kino aber - auch aus Rechtegründen - dort kaum stattfinden dürfte?" Im Tagesspiegel schreibt Jan Schulz-Ojala über den Abend.
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Musik

Tazler Sascha Ehlert porträtiert die Hiphopperin Haiyti. In der taz schreibt Tim Caspar Boehme zum Tod von Tony Conrad.

Besprochen werden der neue Memoirenband "M Train" von Patti Smith (Zeit), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Seiji Ozawa (Tagesspiegel, SZ), die Wiederveröffentlichung des Spiritual-Jazz-Klassikers "Contemporary Jazz Mass" des James Tatum Trio Plus (Zeit), eine Aufnahme von Wolfram Grafs "Kammermusik" (NMZ), das erste Konzert von Guns N'Roses in ihrer klassischen Besetzung seit 23 Jahren (SZ), ein Auftritt von Jochen Distelmeyer (taz) und eine von Thomas Sanderling dirigierte Darbietung von Mieczysław Weinbergs fünfter Symphonie in Berlin (FAZ), Stacey Kents brasilianisch-leichter Jazz in der Zürcher Tonhalle (NZZ).
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Literatur

Maxim Billers neuer Roman "Biografie" biete der Literaturkritik weniger einen Gegenstand zur Besprechung als vielmehr einen Anlass zur Abrechnung, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel, der mit dieser "riesigen Wundertüte" von einem Buch allerdings auch seine Freude hat. Dass das Buch im Allgemeinen verrissen wird, findet er soweit ganz gut: "Die konsequente Ablehnung dürfte [Biller] nur bestätigen, nicht zuletzt in ihrer jeweiligen Größe (überall Aufmacher, wow!) und Superpünktlichkeit. Welchem großen Schriftsteller wird solche Ehre schon zuteil? Wenn ihn plötzlich alle lieben und loben würden, hätte Maxim Biller wirklich etwas falsch gemacht."

In der Jungle World erinnert Magnus Klaue an Henry James: "Die Genauigkeit, Intensität und konzentrierte Ruhe, die James' Prosa noch in ihrem grundlegenden Zweifel am bürgerlichen Fortschrittsoptimismus auszeichnen und ihn von seinen dekadenten Zeitgenossen unterscheiden, verdanken sich dem Bewusstsein, der vielleicht letzte Zeitgenosse einer Wirklichkeit zu sein, deren Erinnerung festzuhalten vornehmste Aufgabe des Künstlers sei. Dass es aber etwas zu retten gibt am europäisch-amerikanischen Kosmopolitismus, daran hat er nie gezweifelt. Nur das Gelingen dieser Rettung sah er mit Skepsis."

Weiteres: In der FR spricht Arno Widmann ausführlich mit der "Tausendundeinernacht"-Übersetzerin Claudia Ott. Im Casa Refugio Citlaltépetl in Mexiko-Stadt werden "verfolgte Schriftsteller, Karikaturisten und Dichter aus aller Welt aufgenommen", schreibt Knut Henkel in seiner taz-Reportage. Für die SZ berichtet Roswitha Budeus-Budde von der Kinderbuchmesse in Bologna. Über die Probleme, Herausforderungen und Chancen digitaler Nachlässe für Literaturarchive informiert Nadja Al-Khalaf in der FAZ.

Besprochen werden Orhan Pamuks "Diese Fremdheit in mir" (online nachgereicht von der Zeit), Will Eisners Comic "Ich bin Fagin" (Tagesspiegel), Christoph Heins "Glückskind mit Vater (FR), der Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze (SZ), Etgar Kerets "Die sieben guten Jahre" (Berliner Zeitung) und neue Hörbücher, darunter Irmgard Keuns "Kind aller Länder" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Gottfried Benns "Was man nennt...":

"Was man nennt: Gedankengänge
die ganze Philosophie
das ist doch alles Gestänge
..."
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Design

Julia Bähr greift in der FAZ die Debatte über die speziell auf Musliminnen zugeschnittene Kleidung auf. Das etwa von Elisabeth Badinter geforderte und in Frankreich kontrovers diskutierte Verbot keuscher Kleidung findet sie schwierig: "Die Entwürfe zeigen keine nackten Schultern oder Beine, doch sie betonen zumeist die Taille. Die religiöse Zuschreibung ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Das stellt die Forderung nach einer legislativen Lösung vor Probleme: Wie sollte man diese Art islamischer Mode verbieten, ohne das Verdecken von Knien im Allgemeinen zu verbieten? Die Kleider würden sich ganz sicher auch hierzulande in den Modeketten gut verkaufen, landeten jedoch direkt in den orientalischen Ländern, auf die sie zugeschnitten waren." (Foto: Zabbary von Belkis Baharcieva)
Archiv: Design