Efeu - Die Kulturrundschau

Rüde, billig und gerupft

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14.04.2016. Nicolette Krebitz' Film "Wild" überwältigt die Zeitungen weiterhin: Richtungsweisend, sind sich Freitag, Tagesspiegel und Hard Sensations einig. Gordian Mauggs "Fritz Lang" fällt bei der SZ hingegen durch.  Die Zeit schaut lieber Isa Genzken an, als Kuratoren zuzuhören. Maxim Billers Roman "Biografie"  treibt die deutsche Literaturkritik zu ungeahnten Höchstleistungen, findet der Freitag. Die NZZ flaniert durch die blühende Architektur Stettins.

Film

Nichts weniger als "das ganze Elend des deutschen Kinos von heute" offenbart sich SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier in "Fritz Lang", Gordian Mauggs fiktionaler Aufarbeitung der Dreharbeiten von Langs Tonfilmklassiker "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Der Film gebe sich damit zufrieden, einen Ausflug ins Museum darzustellen: Der Schauspieler Heino Ferch verkörpere "Lang nicht, er illustriert ihn - dauerrauchend, wohlfrisiert, mit Monokel. Das wirkt so miefig wie ein Raucherzimmer, das man seit achtzig Jahren nicht gelüftet hat und das nun mal wieder kurz fürs Publikum geöffnet wird. Denn genau das sind die Bilder in Mauggs Film: schiere Illustrationen zu einem gut aufgearbeiteten historischen Thema, zu einem informativen Text, den man den Figuren in den Mund gelegt hat."


Foto: Heimatfilm


Vom Elend zum Glanz des deutschen Kinos: Nicolette Krebitz' "Wild" über die Liebesgeschichte zwischen einer von Lilith Stangenberg gespielten Frau und einem Wolf schlägt die Filmkritik auch weiterhin in den Bann (mehr dazu in den letzten Efeus). Andreas Busche etwa schwebt im Freitag im siebten Kritikerhimmel angesichts dieses von Reinhold Vorschneider auch exzellent fotografierten Films: "Regisseurin, Hauptdarstellerin und Kameramann bilden eine Symbiose, wie sie das deutsche Kino lange nicht mehr gesehen hat. Stangenbergs irre, verstörende Dünnhäutigkeit, ihr abruptes Lachen, ihre schlaffe Haltung sind wie wunderbare Spezialeffekte beim Austesten unsichtbarer Grenzen von Körper und Gesellschaft. Radikal ist das allenfalls innerhalb der Tradition von Chantal Akerman, Catherine Breillat und Claire Denis, die in ihren Filmen Vorstellungen weiblicher Subjektivität hinterfragt haben."

Auch Sebastian Selig vom Filmblog Hard Sensations ist rundum begeistert: Dieser Film ist "ein geradezu richtungsweisendes Geschenk, wie es dem deutschen Kino, in den vergangenen rund 30 Jahren, in dieser Intensität, wohl kein zweites Mal gemacht wurde. Nicolette Krebitz ist mit Wild wirklich etwas ganz gewaltiges gelungen. ... Ich glaube, das war es jetzt mit dem verklemmten Leinenzwang. Ab jetzt gilt, wildes Kino ist eben doch möglich. Auch bei uns." Nur Lob auch bei Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel: "Dieser Film verwirrt, irritiert, überwältigt - und überzeugt - wie kein anderer aus Deutschland seit Langem." Die FAZ hat Verena Luekens Besprechung nachgeliefert.

Für die Welt hat sich Hannah Lühmann Nabil Ayouchs Film "Much Loved" angeschaut, der von vier Sexarbeiterinnen in Marrakesch erzählt und in Marokko verboten ist. Grandios, findet Lühmann, denn der Film zeigt: "die Frustration, welche die Unterdrückung der Sexualität in arabischen Gesellschaften auslöse, sei ungeheuer und Prostituierte müssten all diese Spannungen auffangen, noch mehr als anderswo."

Besprochen werden der neue "Dschungelbuch"-Film (taz, FR, SZ, Welt), Yorgos Lanthimos' auf DVD veröffentlichter Film "The Lobster" (Spex, unsere Kritik hier), Andy Sieges "Betti und Amare" (taz),Jayro Bustamantes "Ixcanul" (Freitag), Britta Wauers Dokumentarfilm "Rabbi Wolff" (Tagesspiegel), Tobias Lindholms "A War" (SZ) und die Serie "Pretty Little Liars" (Freitag).
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Literatur

Der neue Roman von Maxim Biller ist mit seinen fast 900 Seiten für Michael Angeles Geschmack viel zu umfangreich, weswegen er von einer Lektüre absieht. Große Freude allerdings bereiten ihm die zahlreichen Verrisse seiner Kollegen, die er im Freitag einer Sammelrezension (inkl. biografischer samt Preisangaben unter dem Text) unterzieht: Denn Biller habe "gezeigt, dass die deutsche Literaturkritik nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat, wenn nur der Richtige kommt. Und es sind ja nicht nur die Verrisse auf hohem Niveau, auch das bedingungslose Lob hat sich alle Mühe gegeben." Dazu passend hat aktuell auch der Tagesspiegel seine von Gerrit Bartels verfasste Besprechung online gestellt.

Weiteres: Die FAS hat Julia Enckes Reportage über ihren Besuch beim Literaturarchiv in Marbach online nachgeliefert, wo sie die Waffe in Augenschein nahm, mit der sich der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf vor drei Jahren das Leben genommen hatte. Im Tagesspiegel porträtiert Christian Schröder den Journalist Guido Eckert, der hinter dem Pseudonym Robert Kisch und dem im vergangenen Jahr veröffentlichten Roman "Möbelhaus" steckt, in dem er seine Erfahrungen als Journalist nach der Wirtschaftskrise verarbeitete.

Besprochen werden David Garnetts "Dame zu Fuchs" (FR), Ronja von Rönnes "Wir kommen" (Freitag), Juan Gabriel Vásquez' "Die Reputation" (taz), Stewart O'Nans "Westlich des Sunset" (FR), William Giraldis Thriller "Wolfsnächte" (FR),Bilal Tanweers "Die Welt hört nicht auf" (SZ), Charles Lewinskys "Andersen" (FAZ) und die Ausstellung über Friedrich Rückert im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt (SZ).
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Musik

Erwartbar hagiografisch fällt die große Rolling-Stones-Schau "Exhibitionism" in der Londoner Saatchi Gallery aus, meint Alexander Menden in der SZ: Von den legendären Spannungen innerhalb der Band erfahre man nichts. "Auch wenig erfreuliche, aber popkulturell bedeutende Aspekte wie das Altamont-Desaster 1969 kommen (abgesehen von einem Filmposter zu 'Gimme Shelter') nicht vor. 'Exhibitionism' ist in dieser Hinsicht kein bisschen exhibitionistisch, nicht einmal sacht erhellend. Da leistete sogar die viel nüchternere Fotoausstellung im Somerset House 2012 mehr."

Im Freitag schreibt Arno Frank über 40 Jahre Punk, der auf dem besten Weg ist, dort zu landen, wo er nie sein wollte: "Es gehört zur Tragik dieser Bewegung, sich ihrer Musealisierung durch ebenjene Kräfte, die sie immer bekämpfen wollte, nicht entziehen zu können. Es gehört auch zu ihrer inneren Logik." Thomas Schacher spricht in der NZZ mit Daniel Hope über seine neue Aufgabe am Zürcher Kammerorchester und lässt sich den Unterschied zwischen einem "Principal Conductor" und einem "Music Director"erklären.

Weiteres: Für die taz porträtiert Esther Slevogt die Sopranistin Mimi Sheffer, die sich auf die Wiederentdeckung verschollener jüdischer Musik spezialisiert hat.

Besprochen werden das neue Album von PJ Harvey (Tagesspiegel, mehr im gestrigen Efeu), ein Rachmaninow-Konzert von Daniil Trifonov (Tagesspiegel), Milan Kunas Biografie über den Komponisten Karel Reiner (NMZ) und ein Konzert von Emily Well  (FR).
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Stichwörter: PJ Harvey, Punk, Rolling Stones

Bühne

FAZler Josef Oehrlein bringt ein Update zu den üblichen Turbulenzen am Teatro Colón in Buenos Aires, wo im Intendantenkarussell nun Darío Lopérfido, der pikanterweise auch der Kulturdezernent ist und somit bei der Mittelvergabe aus dem Kulturetat der Stadt mehr als ein Wörtchen mitreden kann: "Wie lange er diesen Interessenkonflikt aushalten kann, ist offen. Insidern zufolge hat Lopérfido einiges mehr an Mitteln aus dem städtischen Haushalt dem Colón zugewiesen. Dass sich aber mit einem größeren Geldsegen allein das künstlerische Niveau kaum anheben lässt, zeigte jetzt die recht provinziell geratene Eröffnungspremiere der ersten von Lopérfido konzipierten Spielzeit mit einer Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts 'Don Giovanni'" durch den Regisseur Emilio Sagi.

Weiteres: Im Freitag würdigt Gert Ueding den Dramatiker Rolf Hochhuth. FAZlerin Gina Thomas schreibt zum Tod des Autors Arnold Wesker.
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Architektur

Nicht nur in Breslau, auch in Stettin bemüht man sich um deutsch-polnische Versöhnung, stellt Roswitha Schieb in der NZZ bei einem Spaziergang fest: "Die historische Bausubstanz wird mittlerweile liebevoll restauriert, so auch die alten Schlachthofgebäude im preußisch-berlinerischen Stil auf der Oder-Insel Lastadie, die in Restaurants, Buchhandlungen und Veranstaltungsräume für Diskussionen über die Geschichte der Stadt umgewandelt werden. Zur Verdichtung der Altstadt werden Barockgebäude wiedererrichtet. Touristenrouten führen durch die Stadt entlang der Häuser wichtiger Persönlichkeiten, ohne Unterschied, ob es sich um Deutsche oder Polen handelt..."

Weiteres: In der taz berichtet Rudolf Balmer von den Kontroversen in Frankreich rund um das frisch eröffnete "Canopée" nach einem Entwurf von Patrick Berger (mehr dazu hier, hier und hier).




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Kunst

Hanno Rauterberg kann in der Zeit dem Personenkult, den Galeristen- und Kuratorenphrasen, die Isa Genzken als bedeutendste Künstlerin der Gegenwart beschwören und denen auch die Ausstellung im Gropiusbau verfällt, nicht viel abgewinnen. Dabei gibt es in ihren "heiteren Gesten der Vergeblichkeit" auch so genug zu sehen, findet Rauterberg: "Genzken liebt es rüde, billig und gerupft, noch dem größten Plunder öffnet sie ihr Herz, der verbeutelten Backform, dem Pferdeaufkleber, zwei ausgeweideten Sofas oder auch dem geriffelten Kreppband, mit dem Blumenhändler ihre Töpfe aufrüschen. (...) Ihre Kunst gibt keinen Halt und sucht ihn nicht. Ihrem Drang zum Schöpferischen ist die Vergeblichkeit gleich mitgegeben. (Foto: Alex Delfanne. Isa Genzken. Installation view, 'Isa Genzken', Hauser & Wirth London, England, 2012.)

In der FAZ bringt Jürg Altwegg Hintergründe zu Caravaggios Holofernes-Bild, das vor zwei Jahren auf einem Dachboden bei Toulouse gefunden und nun der Öffentlichkeit präsentiert wurde (siehe dazu auch die Tickermeldung bei der SZ). Jonathan Jones vom Guardian meldet unterdessen erhebliche Zweifel an, ob das Bild tatsächlich aus der Hand des Künstlers stammt: Das Gemälde weise "zwar den Glanz und die Farben eines Caravaggios auf, etwa auch die kinoartigen Lichteffekte, für die er so berühmt ist. Doch an der psychischen Intensität mangelt es dem Bild völlig.

(Bild:Musée des Beaux Arts The Newborn Child. Georges de La Tour.)

Großartige Idee, dem französischen Maler Georges de La Tour eine Retrospektive im Prado zu widmen, findet Caroline Kessler in der NZZ. Erst hier offenbart sich der Einfluss der spanischen Malerei: "La Tours Nähe zur zeitgenössischen spanischen Malerei ist unverkennbar, mindestens in der ersten Werkphase. Es sind nicht nur die ähnlichen Gestalten, die an Ribera, Velázquez oder Zurbarán erinnern, sondern auch die Art ihrer Präsentation und ihre zurückhaltende Farbigkeit. Meist sind sie in unbestimmten dunklen, nahezu monochromen Räumen isoliert, womit La Tour eine spanische Tradition aufnimmt, die noch bei Manet ihre Wirkung zeigt."

Freitag-Kritiker Alexander Jürgs beschleicht beim Besuch der Ausstellung "Das imaginäre Museum: Werke aus dem Centre Pompidou, der Tate und dem MMK" im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main "häufig der Eindruck, dass hier ein melancholischer Blick auf die Kunst des Westens geworfen wird, auf den Kanon der Documenta-Kultur."

Besprochen werden Via Lewandowskys Ausstellung "Hokuspokus" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (taz) und die Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Bild und Selbstbild" im Brücke-Museum in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst