Efeu - Die Kulturrundschau

Umzingelt von gefährlichen Feinden

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11.11.2015. AfD und der Dramatiker Falk Richter haben mehr gemeinsam als ihnen lieb sein kann, knurrt die SZ. Großes Lob gibt es aber für den neuen Leiter des Jazzfests Berlin, Richard Williams. Gar nicht so übel findet die Presse das Steve-Jobs-Biopic von Danny Boyle. Der Guardian bewundert die Yogaposen auf den Mauern des Lukhang-Tempels in Lhasa. Pitchfork feiert das neue Album von Grimes.

Bühne


Falk Richter, Fear. Schaubühne 2015. Foto: Arno Declair

Wenn AfD-Sprecher Christian Lüth aus dem Parkett der Berliner Schaubühne heraus Falk Richters polemische Rechten-Beschimpfung "Fear" (mehr dazu hier) illegal mitfilmt, gibt er dem Stück einen "Anstrich von Relevanz" und befeuert lediglich das Bedürfnis nach einem Eklat, seufzt Peter Laudenbach genervt in der SZ. Das Stück ist ihm dann aber doch wichtig genug, um nochmal nachzulegen: "Falk Richters Bühnen-Hipster haben mit ihren Gegnern, den Pegida-Propagandisten und christlichen Fundamentalisten, letztlich mehr gemein, als ihnen recht sein kann. Genau wie sie sehen sie sich umzingelt von gefährlichen Feinden, die sie zur Versicherung der eigenen Gruppenidentität brauchen. ... Richters so aufgeregte wie analytisch unbedarfte Inszenierung funktioniert als reines Selbstbestätigungsangebot, also etwa als das Gegenteil von politischem Theater."

Weiteres: Helmut Ploebst unterhält sich für den Standard mit der Choreografin Lucinda Childs über ihre Arbeit "Available Light", die am Freitag in St. Pölten aufgeführt wird. In der NZZ stellt Barbara Villiger Heilig Luganos neues Kulturzentrum, das Lugano Arte e Cultura vor. Besprochen wird eine Auseinandersetzung der Performancegruppe notfoundyet mit Roberto Bolaños Roman "2666" in Leipzig (FAZ, Nachtkritik).
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Literatur

Die Londoner Bodleian Library hat ein verloren geglaubtes Gedicht von Shelley gekauft, berichtet Alison Flood im Guardian: "An incendiary lost poem by Percy Bysshe Shelley, in which the young poet attacks the 'cold advisers of yet colder kings' who 'coolly sharpen misery's sharpest fang … regardless of the poor man's pang', was made public for the first time in more than 200 years on Tuesday. Shelley was just 18 and in his first year at Oxford University when he wrote his 'Poetical Essay on the Existing State of Things'. The 172-line poem, accompanied by an essay and Shelley's notes, was written in support of the Irish journalist Peter Finnerty, who had been jailed for libelling the Anglo-Irish politician Viscount Castlereagh."

Weiteres: Die FAZ hat Lena Bopps Gespräch mit der Verlegerin und Agentin Elisabeth Ruge online gestellt. Besprochen werden Joachim Meyerhoffs "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (taz), Paco Rocas Comic "Die Heimatlosen" (Tagesspiegel), Benoît Duteurtres "Vorzimmer zum Jenseits" (FAZ), Alain Badious "Rhapsodie für das Theater" (Standard) und Anna Baars "Die Farbe des Granatapfels" (SZ).

Außerdem mehrfach täglich aktualisiert: Lit21, unser Meta-Blog über das literarische Leben im Web.
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Kunst



Im Guardian annonciert Emine Saner die Londoner Schau "Tibet's Secret Temple" mit Fotografien von Thomas Laird, die er 1986 im Lukhang Tempel in Lhasa gemacht hatte. Die Mauern des Tempels wurden im 17. Jahrhundert farbenprächtig bemalt mit Yogis in verschiedenen Yogapositionen, Buddhas, Wasserfällen, Wäldern und Tieren. "This is the Tibetan Sistine Chapel, explains Laird: 'The Sistine Chapel was painted by a great artist, commissioned by a pope and it tells us everything from God creating man to the resurrection. The whole world, as Christians viewed it, are there in images - and that's what's happening in the Lukhang.' The pictures show some of the most secret practices in tantric Buddhism: in one image, a yogi who has died transfers his spirit into a naked couple who are having sex; hidden in another corner, a tiny crystal surrounded by a rainbow represents enlightenment. 'It's like a map of the universe,' says Laird." (In diesem Video erklärt Laird genauer, was auf den Mauern des Lukhang Tempels dargestellt ist.)
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Architektur

Eva Claussen ist in der NZZ sehr zufrieden mit der Erweiterung des Dom-Museums von Florenz. Marion Löhndorf stellt in der NZZ die Museumsarchitekten Adam Caruso und Peter St John vor. Die Zeit hat das Gespräch mit Philipp Meuser aus ihrer Ausgabe vom 22. Oktober online nachgereicht, in dem der Architekt energisch die Senkung von Wohnstandards fordert, um bezahlbaren Wohnraum insbesondere auch für Flüchtlinge zu schaffen. Daniel Kortschak hat für die FR die Ausstellung "Daheim - Bauen und Wohnen in Gemeinschaft" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt besucht. In der SZ bespricht Christine Tauber neue Bücher über die Sowjetarchitekten Sergey Chernyshev und Iwan Scholtowski.
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Film



Gar nicht mal so übel findet in der Presse Andrey Arnold das Steve-Jobs-Biopic von Danny Boyle: Jobs, dargestellt von Michael Fassbender, wird zwar erwartbar als Kontrollfreak porträtiert. Aber Struktur und Aufbereitung des Films sind "eine willkommene Abwechslung zum patentierten Biopic-Format Hollywoods... Der Zuschauer wird Zeuge eines Backstage-Dramas in drei 40-minütigen Echtzeitaufzügen, die Jobs und seine geschäftige Equipe bei den letzten Vorbereitungen für historische Produktpräsentationen begleiten: Apple Macintosh (1984), Next Cube (1988) und iMac (1998). Die Zeitsprünge äußern sich im Format (16mm, 35mm, Digital) stärker als in der Charakterentwicklung - zu den Kernthemen des Narrativs gehört, dass sich Umstände wesentlich schneller als Menschen ändern."

Weiteres: Im Guardian plaudert Woody Harrelson über sein Leben und seine Rolle in "The Hunger Games". Besprochen wird Dagur Káris' Film "Virgin Mountain" (Standard).
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Musik

Auf Pitchfork feiert Jessica Harper das neue Album "Art Angels" von Grimes: "The album is an epic holiday buffet of tendentious feminist fuck-off, with second helpings for anonymous commenters and music industry blood-suckers. ... What's most exciting within 'Art Angels' is the sheer will and fearlessness of Boucher's fight to be heard and seen on her own terms. She's not a human Tumblr, as we called her (somewhat humiliatingly) in 2012; she's a human zeitgeist, redrawing all the binaries and boundaries by which we define pop music and forcing us to come along." Auf SpiegelOnline wiegelt Jurek Skrobala ab: Er vermisst die "impulsiv wirkenden, abseitigen Pop-Schönheit" der früheren Alben. Hier das aktuelle Video:



In Christian Broecking hat Richard Williams, der neue Leiter des Jazzfests Berlin, einen großen Fan gewonnen. In der SZ zeigt sich der Kritiker jedenfalls völlig hingerissen von Williams' erstem Festivaljahrgang: "Seit den Gründertagen in den Sechzigerjahren hat sich das Jazzfest Berlin selten so offen, so kosmopolitisch und vor allem so experimentell gezeigt wie bei der Eröffnung in diesem Jahr. ... Richard Williams' Mut und Wille zum Risiko wurden in diesem Jahr belohnt. Es waren Erlebnisse, die bleiben. Für immer." Für das Blog der Berliner Festspiele hat der Filmemacher Michael Krömer täglich Videos mit Impressionen von den Auftritten erstellt - die Aufnahmen gibt es hier im Überblick sowie in dieser Playlist:


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