Efeu - Die Kulturrundschau

Spielräume und Dissonanzen

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13.11.2015. Endlich mal keine Genies, ruft die SZ begeistert in der Ausstellung "Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter". Die Presse staunt, wie gefühllos die romantischen Maler sein konnten. Wo ist die digitalisierte Welt im Kino, fragt die Berliner Zeitung. Dem Freitag wird es eng im weiten Raum zwischen Marx und Heidegger. Die Filmkritiker kommen ergriffen aus Hiromasa Yonebayashis Anime "Erinnerungen an Marnie".

Kunst


Sylvia Sleigh, A.I.R. Group Portrait, 1977-78.

Sehr imponiert hat SZ-Kunstkritikerin Catrin Lorch die von Achim Hochdörfer, David Joselit und Manuela Ammer kuratierte Schau "Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter" im Museum Brandhorst in München, die sich erfrischend wenig um die Größe etablierter Namen schert und Entdeckungen wie etwa Sylvia Sleigh oder Ree Mortons gleichberechtigt präsentiert: "Wer nicht auf die alten, hierarchischen Bewertungsmuster zurückgreifen und so eine Ausstellung 'epochal' nennen will, kommt um die Prognose nicht herum, dass sie den Kanon erheblich erweitern wird. Hier wird tatsächlich Kunstgeschichte geschrieben. Hinter diese Auswahl wird kein Kurator zurückfallen können. ... So will man den Titel der Schau lieber als Ansage lesen, als Hinweis darauf, dass hier eine Generation von Kuratoren die Auswahl verantwortet, die nicht nur mit den Bildwelten des Digitalzeitalters vertraut sind, sondern Hierarchien und Elitismus ablehnen, und die Genie einfach nur langweilt."


Caspar David Friedrich, Die Lebensstufen, um 1834

Bettina Steiner besucht für die Presse die Ausstellung "Romantische Welten" in der Wiener Albertina, wie "gefühllos" und pathetisch die Romantiker sein konnten. Eine der Ausnahmen ist Caspar David Friedrich, fällt ihr auf: "Die Albertina hat ein paar besonders schöne Gemälde und Blätter aus Leipzig und aus Münchner Privatbesitz bekommen, darunter winzige Zeichnungen von Ankern und Fischernetzen (1831-1839). Wenn man diese Arbeiten mit denen seiner Kollegen vergleicht, fällt auf: Bei Caspar David Friedrich ist der Mensch stets mitgedacht. Er wird über die Lichtung hinweg diesen früh verschneiten Weg entlanggehen. Er wird ans Ufer kommen, wird diese Reusen und Netze in die Hand nehmen und sein Tagwerk beginnen. Er ist da - und sei es nur als Betrachter, als Maler."

Besprochen werden die Ausstellung "Lübeck 1500 - Kunstmetropole im Ostseeraum" im Museumsquartier in St. Annen (FAZ) und die 45 Bände umfassende Gesamtedition von Giorgio Vasaris Künstlerbiografien (SZ, mehr dazu hier).
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Bühne

Besprochen werden Frank Castorfs an der Volksbühne aufgeführte Bearbeitung von Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" (Freitag, mehr dazu hier) und die Performance-Installation "Söhne und Söhne" von SIGNA am Schauspielhaus in Hamburg (SZ).
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Literatur

Der Freitag feiert Fünfundzwanzigsten. Erhard Schütz erinnert sich, wie er als Literaturkolumnist zu dem Blatt stieß. Und der frühere Freitag-Literaturkritiker Jörg Magenau revidiert seine zur Blattgründung noch (in Abgrenzung zu Ulrich Greiners in der Zeit formulierten Kritik an der "Gesinnungsästetik") vertretene, marxistisch-ideologiekritische Haltung: Heute ziehe er mit Heidegger einen ergebnisoffeneren Zugang vor: "Denn dann erst fängt die Kunst, fängt die Literatur zu sprechen an. Wenn aber Spielräume und Dissonanzen unerwünscht sind und alles schon feststeht, dann wird es sogar in dem weiten Raum zwischen Marx und Heidegger eng. Dabei bleibt dann nicht nur das schrecklich Schöne auf der Strecke, sondern auch das Denken."

Weiteres: In der Literatur gewinnt langsam die "ernste Ironie" Boden auf Kosten der Postmoderne, meint Lars Classen in der NZZ und macht das an Beispielen von Nora Gomringer, Wolfram Lotz und Leif Randt fest. Marcus Müntefering unterhält sich im Freitag mit dem Schriftsteller Philip Kerr über dessen Fußball-Satire "Der Wintertransfer". In der Zeit-Reihe über die wichtigsten Romane des 21. Jahrhunderts wendet sich Ulrich Greiner Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" (hier unsere Rezensionsnotizen) zu. Roswitha Budeus-Budde von der SZ spricht mit der Schriftstellerin Cornelia Funke, die nun mit Breathing Books ihren eigenen Verlag gegründet hat. Die FAZ dokumentiert Rainald Goetz' bei der Büchnerpreisverleihung gehaltene "Amore"-Rede (hier als Audioaufnahme). Und Kaliber38 hat Thomas Wörtches aktuellen Leichenberg online gestellt.

Besprochen werden Tobi Dahmens Comic "Fahrradmod" (Jungle World), Friedrich Anis "Der namenlose Tag" (Freitag), Jeong Yu-jeongs "Sieben Jahre Nacht" (Freitag), Ulrich Effenhausers "Alias Toller" (Freitag), Fred Vargas' "Das barmherzige Fallbeil" (Freitag), Charlotte Otters "Karkloof Blue" (Freitag), Fuminori Nakamuras japanischer Krimi "Der Dieb" (Freitag), Wolfgang Schorlaus neuer Dengler-Fall "Die Schützende Hand" (Freitag), Bill Moodys "Der Spion, der Jazz spielte" (Freitag), Einzlkinds "Billy" (Freitag) und Dörte Lyssewskis "Der Vulkan oder Die Heilige Irene" (SZ).

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Musik

NZZ-Kritiker Christian Wildhagen ist immer noch ganz hin und weg von Prokofjews 3. Klavierkonzert mit Martha Argerich in Paris: "So schwerelos wirkt ihr Spiel, so souverän und fast ironisch pointiert, als amüsiere sie sich zuweilen selbst über all die aberwitzigen Verschränkungen der Daumen und Hände, das fortwährende Auf und Ab über die gesamte Tastatur, die bruitistischen Schlag-Effekte im äussersten Diskant. Doch diese Tastenkunststücke klingen bei Argerich - und das ist das eigentliche Wunder - stets so feinsinnig, so luzide in Geist und Klang, als habe sie stattdessen eines der C-Dur-Konzerte von Mozart unter den Fingern. Genau diese Werke werden hier dank Argerichs selbstvergessener Souveränität, aber auch dank der ebenso 'leicht-sinnigen' Begleitung durch das Lucerne Festival Orchestra, plötzlich als stilistische Folie für Prokofjews Neoklassizismus hörbar.§

Weitere Artikel: In der NZZ spricht der malische Musiker Vieux Farka Touré über die Situation in Mali und sein neues Album "Mon Pays". Und Rolf Urs Ringger stellt die Komponistin Bettina Skrzypczak vor, die das Programm für das Festival Neue Musik Zürich erstellt hat. Für die taz unterhält sich Gaby Sohl mit der portugiesischen Fado-Sängerin Mariza, der neues Album in der NZZ besprochen wird. Frederik Hanssen begrüßt im Tagesspiegel Robin Ticciati als neuen Dirigenten des Deutschen Symphonie-Orchesters. In der taz schreibt Diviam Hoffmann über Space Lady, die in den kommenden Tagen Konzerte in Hannover und Berlin absolvieren wird. Lorenz Jäger (FAZ) und Kai Müller (Tagesspiegel) gratulieren Neil Young zum Siebzigsten.

Besprochen werden die "hinreißende" Neueinspielung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" durch René Jacobs bei harmonia mundi (Welt), ein Konzert der Geigerin Julia Fischer und des Pianisten Igor Levit in Berlin (SZ), das neue Album von Grimes (The Quietus, Welt, mehr hier), Anna von Hausswolffs "The Miracolous" (The Quietus), ein Konzert des Jazzmusikers Michael Wollny (FR), das Berliner Konzert von Mercury Rev (taz), das Album "amERICa" von Wreckless Eric (taz) und ein Konzert von New Order (Tagesspiegel).
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Film



Möge das altehrwürdige japanische Trickfilmstudio Ghibli seine Drohung nur nicht wahrmachen und nach diesem Film die Produktion einstellen, hofft Lukas Foerster im Perlentaucher nach der ihn restlos euphorisierenden Sichtung von Hiromasa Yonebayashis sensibler Coming-of-Age-Geschichte "Erinnerungen an Marnie". Denn die im Vergleich zu den ökonomischer zupackenden Pixarfilmen "zärtlichere Ghibli-Phänomenologie, die keinen strikten Unterschied macht zwischen innen und außen, die außerdem dem Leben gegenüber offener ist, weil sie auch Stillstellungen und Blockierungen zulässt, wird dem Kino, wird der Welt fehlen." In der FR freut sich Daniel Kothenschulte über dieses "Geschenk aus der Vergangenheit", in der Welt schreibt Jan Küveler.

In der Berliner Zeitung denkt Sven von Reden über die sonderbar hinterhinkende Darstellung unseres zusehends durchdigitalisierten Alltags im Kino nach: Beobachten lasse sich, "wie häufig die Gegenwart analoger dargestellt wird, als sie ist". Was auch daran liege, dass unser Verhältnis zur Welt immmer mehr über Gadgets vermittelt ist: Die um Realismus bemühten Spielarten des Kinos "müssen sich mit einer immer unfilmischer werdenden Lebenswelt arrangieren, wenn sie nicht 'retro' werden wollen. Denn unser 'Fenster zur Welt' ist heute das Fenster, das sich öffnet, wenn wir den Startknopf unseres Computers drücken."

Weiteres: Patrick Heidmann plaudert für die Berliner Zeitung mit Woody Allen, dessen neuer Film "Irrational Man" in der Zeit und in der Welt besprochen wird. Besprochen werden außerdem Axel Rainischs "Alki Alki" (Perlentaucher), Danny Boyles "Steve Jobs" (ZeitOnline, Standard, mehr dazu hier), Peter Greenaways "Eisenstein in Guanajuato" (FAZ, unsere Kritik hier) und der Dokumentarfilm "My Name is Salt" über indische Salzbauern (Tagesspiegel).
Archiv: Film