Efeu - Die Kulturrundschau

Die Strickjacke ist eine heimliche Meisterin

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10.11.2015. Niemand denkt daran, eine Mauer zu errichten, versichert Olga Flor im Standard. In der FAZ empfiehlt Elisabeth Ruge den Verlagen, ab und zu eine einsame Entscheidung zu treffen. In der NZZ legt uns Raoul Schrott ein Buch über die Kerguelen ans Herz. Der Guardian erliegt lauscht der unbekannten Sprache von Alexander Calders Mobiles. Der Tagesspiegel hört ekstatischen Jazz. Und die Volksbühne verabschiedet Bert Neumann mit einen Maschinengewehrsalve und Wodka.

Kunst


Alexander Calder, Antennae with Red and Blue Dots ca 1953. © ARS, NY and DACS, London 2002

Im Guardian ist Adrian Searle höchst überrascht, wie modern und anrührend die Skulpturen von Alexander Calder, derzeit in der Tate Modern ausgestellt, noch sind. "The variety is enormous, though the principle remains the same. The sculptures shiver with light, turn like sentences in the mind. With their conflations of little dangling shapes, their blob shapes and ovoids and flights of coloured chevrons, their black and white discs and sometimes curlicued armatures, they approach a kind of unknown language written in space, indecipherable messages from alien civilisations. Whatever else they are, or whatever they allude to (plant life, shoals of fish, stars and so on), they have a palpably benign, generative air. Calder's sculptures dance together and alone, talk to one another, occupy the same space as us, are displaced by our presence."

1918 löste Modiglianis "Liegender Akt" einen Skandal aus, am Montag wurde er für 170,4 Millionen Dollar bei Christie's laut WSJ von dem chinesischen Milliardärspaar Liu Yiqian und Wang Wei ersteigert, meldet der Guardian. Gottfried Knapp (SZ), Bettina Steiner (Presse) und Rose-Maria Gropp (FAZ) schreiben zum Tod des Malers Ernst Fuchs.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Papierarbeiten von Slawomir Elsner und Uwe Wittwe in der Zürcher Galerie Lullin + Ferrari (NZZ) und die Ausstellung "Demo, Derrick, Discofieber" über die BRD-70s im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg (SZ).
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Design

In der taz denkt Elisabeth Wagner darüber nach, warum ausgerechnet die Strickjacke, "fashion's sad sack", wieder in Mode ist. Ihr Fazit: "Wunderbar mehrdeutig kann die Strickjacke sein. Sie kann grau und langweilig, genauso gut kann sie ins Gegenteil chan­gieren. Die Außengrenzen der Identität belässt sie als Provisorium. Sie panzert nicht. Sie ist keine Uniform. Die Soldaten des 19. Jahrhunderts trugen sie unter derselben. Junge Geschäftsleute kombinieren sie mit Anzug. So, als wollten sie die Glätte der Oberfläche aufrauen und, bewusst oder unbewusst, das Bild der eigenen Businesshaftigkeit souverän unvollendet lassen. Die Strickjacke bietet diesen Zwischenraum. ... Die Mode liebt die Ironie, so heißt es. In diesem Sinne ist die Strickjacke eine heimliche Meisterin."
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Stichwörter: Strickjacke, Mode

Bühne

In der Volksbühne feierte man von Sonntag auf Montag eine Abschiedsparty von Bert Neumann, dem im Juli überraschend gestorbenen Bühnenbildner des Hauses. Nach Volksbühnen-Manier ging es dabei recht deftig zu, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung: Punkt Zwölf "schossen hoch oben unter der rotweiß gleißenden Saalrückwand, auf der in kyrillischen Buchstaben für Coca-Cola geworben wird, vier Techniker die Magazine ihrer Faustfeuerwaffen leer. 'Salute, Bert!', rief der Intendant Frank Castorf von der Bühne gegenüber. Und Hunderte von Feiernden, die den von den Sitzreihen befreiten Saal füllten, kippten ihre Wodka-Becher und warfen sie hinter sich." Für die FAZ war Irene Bazinger unter den Wodkabecher-Werfern.

Weiteres: In der NZZ kann man die Laudatio Adolf Muschgs auf Milo Rau lesen, der mit dem Konstanzer Konzilspreis ausgezeichnet wurde. Besprochen werden Jossi Wielers "Fidelio"-Inszenierung an der Oper Stuttgart (NZZ), Ibrahim Amirs "Stirb, bevor du stirbst" am Schauspiel Köln (taz), Walter Sutcliffes Inszenierung von Alexander Zemlinskys "Der Zwerg" in Chemnitz (FAZ), Stephan Kimmigs Inszenierung von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" in Frankfurt (FAZ, SZ).
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Literatur

Im Standard denkt die Autorin Olga Flor über Stacheldrahtzäune, Wachtürme und Transiträume nach: "Es hat übrigens niemand die Absicht, Mauern zu errichten, nicht in diesem historisch so schön zusammengewachsenen Kontinent, nicht in einem so schön zusammengewachsenen Land, wenigstens nicht in Deutschland, diesmal nicht. Und in Österreich schon gar nicht, solange Österreich den einen oder anderen Schleusungskorridor aufrechterhalten kann, das läuft aber ganz gut, nicht nur in diesem schönen Transitland, das seine Schönheiten aber zu verbergen trachtet, damit der Transit nicht aufgehalten wird..."

Die Agentin Elisabeth Ruge genießt mit dem Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch, dem Buchpreis für Frank Witzel und dem Prix Goncourt für Mathias Énard gegenwärtig einen wahren Preisregen, war sie doch an allen dreien in irgendeiner Form beteiligt. Wenn sie, wie heute im FAZ-Gespräch mit Lena Bopp, den Verlegern ins Gewissen redet, sollten diese also besser zuhören: Sie hält es nämlich "für fatal, dass in manchen Häusern die Marketingabteilungen mittlerweile mehr zu sagen haben als die Lektoren - das war, als ich anfing und das Büro mit dem legendären Günther Busch teilte, einfach undenkbar. Auf diese Weise werden viele interessante Bücher abgelehnt, weil man vor allem more of the same möchte. Den Verlagen würde es richtig guttun, wenn es ab und zu eine einsame Entscheidung geben könnte, wenn man einfach mal einem engagierten, erfahrenen Lektor traute."

In der NZZ legt uns Raoul Schrott wärmstens Jean Greniers Buch "Die Inseln" ans Herz: "Gestoßen bin ich darauf vor mehr als dreißig Jahren zufällig irgendwo in Paris, habe es allein des Titels wegen - 'Die Inseln' - gekauft und völlig anderes entdeckt. Die darin beschriebenen Kerguelen, die Osterinsel und die St.-Peters-Insel, die Glückseligen und die Borromäischen Inseln haben weniger mit Geografie zu tun denn mit John Donnes Meditationen anlässlich sich eröffnender Gelegenheiten, deren berühmtes Zitat - 'Niemand ist eine Insel, in sich ganz' - sie ins Gegenteil verkehren. Denken Sie dabei aber nicht an in sich Gewandtes, eher an alltäglich Wirkliches, wie es uns in seiner und unserer Vereinzelung umgibt, und an eine Schrift, die es und uns gleichsam durchlässig macht, durchsichtig."

Wenig Freude hatten die Kritiker in diesem Jahr am Open-Mike-Wettbewerb in Berlin (mehr dazu in unserem gestrigen Efeu). Wolfgang Schneider von der FAZ beobachtete einen "Kampf mit der Irrelevanz". Kaum gnädiger schreibt Angela Leinen in der taz: "Schreiben können sie ja auch alle irgendwie. Schwere handwerkliche Fehler gibt es nicht mehr. ... Man müsste nur auch etwas zu erzählen haben." Auf Zeitonline ist Wiebke Porombka empört über die Entscheidungen der Jury: "Dass sie ausgerechnet drei Texte auszeichnete (zweimal Prosa, einmal Lyrik), die weit unter dem literarischen Niveau verschiedener anderer lagen, in sprachlicher sowohl wie in inhaltlicher Hinsicht, Texte, die nichts aufrissen in der Wahrnehmung und keinen eigenen Ton fanden, kann kaum anders als sprachlos machen."

Weiteres: Krimi-Autor Friedrich Ani im Glück: Er "wollte schon immer zu Suhrkamp", gesteht er gegenüber Rudolf Neumaier in einem Gespräch in der SZ-Krimi-Beilage. Rezensionen gibt es dort unter anderem Richard Price' "Die Unantastbaren" und Fred Vargas' "Das barmherzige Fallbeil".

Besprochen werden außerdem Nora Bossongs "36,9°" (Tagesspiegel), Stephan Wackwitz' "Die Bilder meiner Mutter" (Tagesspiegel), Pamela Moores "Cocktails" (FAZ), und die Ausstellung "Das bewegte Buch" im Literaturmuseum der Moderne im Marbach am Neckar (SZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Meta-Blog Lit21.
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Film

Für die taz unterhält sich Anke Leweke mit dem Regisseur Axel Ranisch, der es vorzieht, seine Filme im kleinen Kreis mit Freunden zu drehen. Tazlerin Carolin Weidner resümiert das Dokumentarsegment der 39. Duisburger Filmwoche. Dietmar Dath (FAZ) gratuliert Roland Emmerich zum Sechzigsten.

Besprochen werden Woody Allens "Irrational Man" mit Joaquin Phoenix (Presse) und eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum über den Filmarchitekten Heinz Fenchel (Tagesspiegel).

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Musik

Beim Jazzfest Berlin, dem ersten unter Richard Williams, konnte man einige Entdeckungen machen, schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Etwa das hierzulande selten zu erlebende Quartett um den Schlagzeuger Louis Moholo, der eine "ekstatische Form von Jazz" spielt. "Es ist ein fröhlicher Angriff von allen auf alles, und Moholo stellt die Rolle seines Instruments auf den Kopf, indem er es den Melodieinstrumenten überlässt, rhythmische Zuverlässigkeit herzustellen, während er abwechselnd mit Rods und Sticks ein pausenloses Feuer entfacht, mit dem er, meistens ahead of the beat, derwischhaft vor den anderen hertanzt." Klingt doch so, als sollte man sich das unbedingt näher anschauen - etwa hier:



Weiteres: In der Welt plaudert der 89-jährige Sänger Tony Bennett über sein Album mit Lady Gaga, Elvis und Jazz. Besprochen werden "Garden of Delete" von Oneohtrix Point Never (Pitchfork), das neue Album von Kurt Vile (FAZ.net), das Berliner Konzert der Foo Fighters (Tagesspiegel), ein Konzert von Christopher Dell (FR) und Christian Scotts neues Album "Stretch Music" (Zeit), aus dem es hier eine Hörprobe gibt:

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