Efeu - Die Kulturrundschau

Hier filmt ein Mensch

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07.11.2015. Karl Ove Knausgard beschreibt in der Welt, wie Medien den Menschen zur Masse machen. In der FAZ spricht Frank Witzel über das Lachen und die RAF. Die SZ geht vor dem Pianisten Igor Levit in die Knie. Echte Handarbeit bewundert sie bei alten Fotos aus dem Polizeiarchiv. In der NZZ schreibt Hans Belting über Goethe und Raffael.

Literatur

Karl Ove Knausgard hat den Welt-Literaturpreis erhalten. In seiner Dankesrede pocht er darauf, den Menschen in der Einzahl zu denken: Er verweist auf den Schock, den das Bild des toten kurdischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi ausübte. "Um auf den Mechanismus in unserer Gesellschaft hinzuweisen, der Menschen zu Masse macht, und darauf, wie verbreitet und wie eng er mit den Medien verbunden ist, die ihrem Wesen nach Abstand aufbauen, durch ihre Erzählstrukturen, die jedes Ereignis gleich machen, jedes Ereignis identisch werden lassen, und damit das Partikulare, das Außergewöhnliche, das Einzigartige aufheben, um auf diese Weise zu lügen, oder, anders ausgedrückt, die Realität zu fiktionalisieren. Diese Mechanik ist für uns praktisch unsichtbar." Sibylle Berg preist in ihrer Laudatio die Knausgardsche Kompromisslosigkeit.

Für die FAZ hat Jan Wiele ein sehr schönes Gespräch mit dem frischen Buchpreisträger Frank Witzel geführt. Unter anderem geht es auch um die Frage, ob Humor im Zusammenhang mit der RAF überhaupt statthaft sei: "Bei mir ist Humor immer dem Schmerz abgerungen. Er kommt immer erst als Lösung durch Arbeit, nach einem Durchleiden. Er ist nicht Zweck an sich. ... Ich nehme mir das Recht, über die RAF zu lachen, nachdem ich viele Jahre über sie geweint habe."

Weiteres: Der Standard stimmt mit einigen kurzen Autorenstücken auf die Buch Wien ein: "Mach mir die Ohren rot!", ruft etwa Mieze Medusa. In der Zeit-Reihe über die wichtigsten Romane des 21. Jahrhunderts schreibt Elisabeth von Thadden über Orhan Pamuks "Schnee" (hier unsere Rezensionsnotizen). In ihrem Online-Lesesaal lädt die FAZ zu einem Lektürezirkel um Truman Capotes "Wo die Welt anfängt".

Besprochen werden Kalin Terzijskis und Dejana Dragoevas "Alkohol" (taz), Anders Roslunds und Stefan Thunbergs "Made in Sweden" (taz), Luz' "Katharsis" (taz), Billy Hutters "Karlheinz" (FAZ), J.K. Rowlings neuer, unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlichter Krimi "Career of Evil" (SZ) und Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe" (NZZ).

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Musik

Mit seinem neuen CD-Set mit Einspielungen von Bachs Goldberg-Variationen, Beethovens Diabelli-Variationen und Frederic Rzewskis "The People United Will Never Be Defeated" hat der Pianist Igor Levit den SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck geradezu umgehauen. Eine "der spektakulärsten Klassik-CDs der letzten Jahre" liege hier vor: "Kühner hat kein Pianist den umfassenden Anspruch seiner Kunst formuliert."

Hier spielt Levit Schostakowitschs Klavierkonzert:



Laut einer neuen Studie gleichen sich die positiven und negativen Effekte von Musikstreaming aus, berichtet Daniel Kuhn im Freitag: Künstler, die über zu geringe Auszahlungen klagen, sollten sich nach Kuhns Ansicht besser bei ihren Labels beschweren. Die fortschreitende Gentrifizierung der internationalen Popmetropolen und die damit einhergehenden Mietteuerungen nehmen den Szenen den nötigen Raum zur Entfaltung, stellen Philipp Krohn und Ole Löding in der FAZ fest. Angesichts der restaurierten Beatles-Videos schwärmt Michael Pilz in der Welt, wie viel Mehrwert sich noch immer aus ihnen schlagen lässt. Den Berlinern empfiehlt Franziska Buhre in der taz das morgige Konzert von Cymin Samawaties Klassik/Jazz-Crossoverprojekt Diwan der Kontinente. Josef Engels tut dies in der Welt.

Besprochen werden eine Berliner Ausstellung von Ragnar Persson, die sich mit den Verbrechen der norwegischen Black-Metal-Szene der 90er Jahre befasst (taz).

Und für Chopin-Freunde gibt es heute kein Vorbeikommen an der Printausgabe der SZ: Über fünf opulent gestaltete Seiten des Buch Zwei erstreckt sich Renate Meinhofs Reportage, in der sich ein Notenblatt des Komponisten mit der Geschichte ihrer eigenen Familie verbindet.
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Architektur

In der SZ macht sich Gottfried Knapp Hoffnungen darauf, dass die Stadt München sich nach einer erbrachten Machbarkeitsstudie darauf einlässt, den Englischen Garten zu untertunneln, damit dieser nicht mehr von Straßen durchkreuzt werde.
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Film

Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel), Gerhard Midding (Berliner Zeitung), Verena Lueken (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) und gratulieren Alain Delon zum 80. Geburtstag. Besprochen wird der Dokumentarfilm "Die Hälfte der Stadt" über die Vertreibung der Juden von Kozienice (Tagesspiegel).
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Bühne

Das Theater kennt Religion nur als Karikatur, als "aufgesetzte Frömmelei" oder rasenden Fundamentalismus, klagt Dirk Pilz in der NZZ: "Religion wird dabei zum diffusen Sammelbegriff für alles, was irgend fremd, unvernünftig oder irrational ist. Sie wird als das vorgeführt, was moderne, aufgeklärte Menschen nicht brauchten. Gläubig sind für das Theater deshalb immer die Anderen, meistens die Absonderlichen."

Besprochen werden Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Naser Ghiasis "Taxigeschichten" am Theater Oberhausen (SZ)
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Kunst

Jeder Bildoptimierung widerstehende Fotografien hat Christa Benzer für den Standard in der Ausstellung "crisscoss" Galerie Raum mit Licht entdeckt, die Arbeiten der Künstlerinnen Käthe Hager von Strobele und Eva Stenram zeigt. Über Stenram schreibt sie: "Ausgangspunkt ihrer Serie Parts (2013-2014) sind Pin-up-Fotografien aus den 1960er-Jahren, für die man leichtbekleidete Frauen in Wohnräumen fotografiert hat. In den für die Zeit typischen Interieurs wurden sie in lasziven Posen auf Betten, Sofas oder auch auf dem Boden inszeniert, wo man jetzt nur noch Fragmente, vorwiegend Beine sieht." (Bild: © EVA STENRAM, "Drape (Print I)" 2014, Galerie Raum mit Licht)

In der NZZ glaubt der Kunstwissenschaftler Hans Belting, dass Goethe bei der Erlösungsszene seines Fausts II Raffaels "Sixtinische Madonna" vor Augen hatte: "Raffaels Meisterwerk war zu Goethes Lebzeiten Gegenstand einer ähnlichen Kontroverse um Religion oder Kunst, wie sie von der Schlussszene in 'Faust II' ausgelöst wurde. Es war im Zeitalter der Aufklärung, trotz seinem religiösen Thema, allein ein Exemplum von klassischer Kunst gewesen. Dieser Widerspruch war ihm als Museumsbild eingeschrieben, nachdem es einmal ein Altarbild gewesen war. Man könnte das Werk die Mona Lisa jener Zeit nennen. Seit Winckelmann genoss es bei Goethe einen Kultstatus. Es war das einzige nachantike Werk, das der Archäologe auf eine Stufe mit der antiken Kunst stellte. Die frömmelnde Sicht der Romantik aber musste dem Weimarer Dichter zutiefst fremd bleiben." (Bild: Raffael: Die Sixtinische Madonna, SKD Museum)

Nicht nur wegen seines Gewichts von über zwei Kilo sehr beeindruckend findet Annette Ramelsberger von der SZ den von Jochem Hendricks und der Ex-Terroristin Magdalena Kopp zusammengestellten Fotoband "Revolutionäres Archiv: Crime Terror Riots" über den linken Terrorismus der 70er Jahre. Die versammelten Bilder entstammen allesamt Polizeiarchiven. Die Arbeit der Ermittler zeichnet sich dabei ganz nebenbei ab: "Hier fliegt keine Drohne in entfernter Höhe, hier arbeitet keine Überwachungskamera still vor sich hin. Hier filmt ein Mensch, der Polizist. Alles noch Handarbeit, fast nostalgisch. Und auf den Bildern erkennt man die Gefühle: Erstaunen, manchmal Mitleid, oft Angst, Schrecken, auch Verachtung."

Besprochen werden die Ausstellung über das Motiv der Prostitution in der Kunst des 19. Jahrhunderts im Musée d'Orsay in Paris (Tagesspiegel) und die Schau "Furor floralis" im Textilmuseum in St. Gallen, die textile Blumenmotive und historische Gartentypen gegenüberstellt (NZZ).
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