Efeu - Die Kulturrundschau

Die Melancholie in digitalen Zeiten

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19.12.2014. Was Goethe nicht fremd war, war es Rembrandt schon lange nicht, lernt die FR in einer Frankfurter Ausstellung. Ab 2015 werden in der Schweiz nur noch Schweizer Musiker leben, berichtet die taz. In Oslo bewundert der Tagesspiegel die große Traurigkeit des Künstlers Ed Atkin über die neue digitale Welt. Zuviel Text, stöhnen die Theaterkritiker über Dietmar Daths "Farbenblinde Arbeit" in Mannheim. Die NZZ sieht eine Wolkenstadt in Shenzhen entstehen.

Kunst

Auf nach Frankfurt, ins Goethehaus, ruft Christian Thomas in der FR: Dort kann man derzeit in "einer kleinen, sehr feinen Schau" mit Rembrandt-Radierungen den alten Meister, aber auch den Eindruck, den er auf Goethe gemacht hat, wiederentdecken: "Goethes faustischer Natur war bestimmt nichts fremd. In der intensiven, ja minuziösen Beschreibung der Radierung vom Hl. Samariter ignorierte er den in der Bildmitte kackenden Hund. Rembrandts kreatürlicher Natur war auf andere Weise nichts fremd." (Bild: "Der barmherzige Samariter, 1633. Foto: Klassik Stiftung Weimar Fotothek)


Ed Atkins,Warm, Warm, Warm Spring Mouths, 2013. Courtesy of Galerie Isabella Bortolozzi and Cabinet Gallery London

Nicola Kuhn sah für den Tagesspiegel zwei Ausstellungen, die Künstler der Post-Internet-Art vorstellen: Ryan Trecartins Ausstellung in den Kunst-Werken Berlin begegnet dem "Irrwitz der digitalen Möglichkeiten", indem er noch einen draufsetzt. Die durch die Welt tourende, derzeit im Osloer Astrup-Fearnley-Museum zu bewundernde Ausstellung "Europa, Europa", deren heimlicher Star der Brite Ed Atkins ist, gestattet dagegen einen Blick auf die Melancholie in digitalen Zeiten, erklärt Kuhn: Hier "verdichten sich die Sehnsüchte, die Ängste einer jungen Künstlergeneration, die mit neuen Technologien operiert - wie in den vergangenen Jahrhunderten die Maler mit dem Pinsel. Ihre Bildsprache entspringt dem Internet. Der Computer hat auf ihre Arbeit den gleichen Einfluss wie wissenschaftliche und industrielle Erfindungen einst auf das Werk von Impressionisten und Kubisten, ist Museumsdirektor Gunnar Kvaran überzeugt. Bei Ed Atkins wirkt diese Bildsprache elegisch, sie ist von einer großen Traurigkeit und einem Wunsch nach Schönheit getragen."

Ach, Velázquez, schwärmt Rose-Maria Gropp (FAZ) nach ihrem Besuch der dem spanischen Maler gewidmeten Schau im Kunsthistorischen Museum in Wien. Die Unergründlichkeit seiner Bilder macht aus Velázquez in ihren Augen einen modernen Künstler. "Und moderner als die, zumindest kommerziell, erfolgreiche Kunst unserer Gegenwart mit ihrem Hang zur Dekorativität und Konsumierbarkeit. Denn Velázquez ist der Meister einer Art von Unschärfe, die ihr Ziel eingrenzt und erfasst, ohne es preiszugeben."

Besprochen werden eine Niki-de-Saint-Phalle-Ausstellung im Grand Palais in Paris (Welt), die Edgar-Degas-Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle (NZZ) und eine Ausstellung über Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg im Museum für Fotografie in Berlin (Tagesspiegel).
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Bühne


"Farbenblinde Arbeit", Mannheim. Foto: © Christian Kleiner

Genügend Stoff für drei Romane: Dietmar Daths in Mannheim aufgeführter Theatertext "Farbenblinde Arbeit" bietet viel zu viel Input, stöhnt Jürgen Berger in der SZ. Etwas detaillierter formuliert es Martina Senghas von der Nachtkritik: Allerlei Reflexionen werden hier "sprachmächtig angegangen, übereinander und aneinander gelegt und widergespiegelt, so dass eine Art Prisma entsteht, in dem alle Farben zur Geltung kommen sollen. Dath will das Gegenteil von Farbenblindheit, will eine geschärfte Wahrnehmung erzielen. Und dabei geht es keineswegs nur ernst zu, sondern ist auch Selbstironie, Persiflage und absurder Humor am Werk. ... Immer wieder wird der Text zu mächtig, kippt ins Vorlesungshafte, Essayistische, Unverständliche."

Besprochen werden eine von Alexei Ratmansky choreografierte Aufführung von "Paquita" in München ("unfreiwillig komisch", winkt Sylvia Staude in der FR ab) und der von russisch-stämmigen, in Deutschland aufgewachsenen Schauspielern konzipierte, Berliner Theaterabend "Hundeleben" (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Auf ZeitOnline resümiert Helmut Böttiger das literarische Jahr 2014 und ist soweit - Nobelpreis für Modiano, größere und kleinere Preisvergaben in Deutschland - zufrieden. Aber er notiert auch eine Veränderung: Marketing und Konsumforschung - und damit eben auch die Literatur - hätten sich professionalisiert. "Das hat zwangsläufig auch ästhetische Folgen. Autoren, Journalisten und Funktionäre durchlaufen zunehmend dieselben Studiengänge und begreifen sich unisono als Lobbyisten des Literaturbetriebes. "Kritik" ist dabei vor allem eine Dienstleistung und qualifiziert zum Key-Account-Management."

Jürg Altwegg greift in der FAZ die Meldung über Michel Houellebecqs kommenden Roman "Soumission" über einen muslimischen Präsidenten in Frankreich auf (der Plot in unserem Resümee) und erwartet eine "Satire auf den hysterischen Umgang der intellektuellen und politischen Öffentlichkeit mit den Le Pens".

Weitere Artikel: In der Welt gratuliert Tilman Krause dem französischen Romancier Michel Tournier zum Neunzigsten. ZeitOnline bringt die Krimi-Bestenliste des Jahres: Auf Platz 1 steht James Lee Burkes "Regengötter".

Besprochen werden Friederike Mayröckers Prosaband "cahier" (Standard), Adam Zagajewskis "Die kleine Ewigkeit der Kunst" (Tagesspiegel), Albert Ostermaiers Gedichtband "Außer mir" (SZ) und Nick Bostroms "Superintelligenz" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Film

Warum gelingt es den Amerikanern mit Serien wie "Game of Thrones" oder "Homeland" komplexe Frauenfiguren zu zeichnen, während sie in deutschen Serien auf dem Pferd zur Arbeit reiten, weil Frauen ja Pferde mögen, fragt sich Sophie Charlotte Rieger auf kino-zeit.de. Nach einer eingehenden Analyse meint sie: "Selbstredend sind die hier bemängelten Darstellungen weiblicher Serienfiguren Teil eines viel größeren Problems der deutschen TV-Produktion, der es einfach nicht gelingt, auch ein Publikum unter 60 anzusprechen. Was aber in dieser Diskussion häufig untergeht, ist die Tatsache, dass das Scheitern des deutschen Fernsehens an der Umsetzung junger Stoffe und Erzählkonzepte auch mit dem Festhalten an gestrigen Frauen- und Männerfiguren sowie sexistischen Strukturen in Verbindung steht."

Weitere Artikel: Mit großer Freude beobachtet Andreas Busche auf ZeitOnline, wie sich Kristen Stewart vom Twilight-Star zur erstklassigen Schauspielerin mausert (aktuell ist sie in Olivier Assayas" "Die Wolken von Sils Maria" zu sehen - hier unsere Besprechung). Außerdem hat die FAZ nun ihr gestriges Interview mit Ray Liotta online gestellt. In Österreich denkt man derzeit intensiv darüber nach, wie man die heimischen Filme auf Streaming-Plattformen sichtbarer machen kann.

Besprochen werden Olivier Assayas" "The Clouds of Sils Maria" (Presse), Susanne Biers "Serena" (Tagesspiegel, FR, Presse), Bent Hamers "1001 Gramm" (Tagesspiegel) und Tommy Lee Jones" "The Homesman" (FR, Presse, Perlentaucher, mehr).

Die italienische Filmschauspielerin Virna Lisi ist gestorben. In deutschen Zeitungen gibt es dazu heute nur eine kurze Tickermeldung. Der Guardian würdigte sie gestern mit einem Nachruf: "In the 1960s, like many other female Italian actors of the time, Virna Lisi was tempted to try her luck in Hollywood. However, after films in which her co-stars included Jack Lemmon, Tony Curtis and Frank Sinatra, she returned to Europe, where she had painstakingly built up a reputation, particularly in Italy and France. It was in these countries that Lisi, who has died aged 78, had the opportunities to show her mettle."

Sie war sogar noch umwerfend, wenn sie in Hollywood aus einer Torte steigen musste:


Archiv: Film

Musik

Die Schweiz macht den freischaffenden Musikern aus Nicht-EU-Staaten Leben und Arbeiten im Land schwer, erfahren wir im taz-Gespräch, das Agnes Monka mit dem Lautenisten Orí Hamelin geführt hat: "Ab 2015 dürfen freischaffende Musiker aus Nicht-EU-Ländern nicht mehr in der Schweiz wohnen. Sie können nur dann eine Aufenthaltsbewilligung bekommen, wenn sie eine feste Stelle haben, bei der sie mindestens 75 Prozent der Arbeitszeit tätig sind. Aber dann sind sie nicht mehr freischaffende Musiker."

Weitere Artikel: Für die Spex führt Thomas Vorreyer ein letztes Gespräch mit der Electro-Band To Rococo Rot. In der British Library ist das wahrscheinlich älteste vielstimmige (und hier bereits eingesungene) Musikstück der abendländischen Musikgeschichte aufgetaucht, berichtet Johan Schloemann in der SZ (mehr dazu hier). Besprochen werden neue Alben von Silk Rhodes (Standard) und Cat Stevens (NZZ). Und ab an den grauen Strand: Spex präsentiert das neue Video von Kreidler:



Besprochen werden D"Angelos erstes neues Album seit 15 Jahren (taz), das neue Album von Kante, die darauf ihre in den letzten Jahren entstandenen Theaterlieder versammeln (taz), und das neue Album von Weezer (SZ).
Archiv: Musik

Architektur


Bild: Urban Future Organization and CR-Design

Ein schwedisches Konsortium will in Shenzhen, im Hinterland von Hongkong, eine Megastadt als Hochhaus bauen, berichtet Adrian Lobe in der NZZ: Das ganze ist ein Ensemble riesiger, miteinander verwobener Wolkenkratzer, "eine gigantische, wolkenartige Verdichtung von Bauwerken auf einer Fläche von 170 Hektaren, deren höchster Turm mit rund 680 Metern den Komplex überragen soll. Würde Cloud-Citizen so realisiert, wäre es zurzeit das zweithöchste Gebäude der Welt. Ausladende Terrassen und Parks sollen die Gebäudetrakte so miteinander verbinden, als würde man von einem Stadtteil zum nächsten spazieren. Konzipiert ist Cloud-Citizen als integraler Bestandteil des urbanen Ökosystems von Shenzhen. Regenwasser soll gesammelt, Strom aus Solarenergie und Wind erzeugt, die schmutzige Stadtluft gefiltert werden. Sieht so die Zukunft unserer Städte aus?"

Ebenfalls in der NZZ stellt Angelus Eisinger das Oberengadin als urbanistisches Projekt vor.
Archiv: Architektur