Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2023. Bei den Europäischen Filmpreisen räumte Justine Triets "Anatomie eines Falls" ab, berichten die Feuilletons und feiern Sandra Hüller als beste Schauspielerin: Sie kann einfach alles, schwärmt die taz. Die Nachtkritik spürt Yael Ronens seelische Erschütterung im Musical "Bucket List" an der Schaubühne. Die FAZ geht auf die Knie vor Lukas Geniušas' sensibler neuer Rachmaninow-Aufnahme, die selbst die Amseln in den Bäumen zu ihrem Recht kommen lässt. Der Tagesspiegel freut sich, dass die Komödien von Pia Frankenberg wiederentdeckt werden: Ihre Filme standen damals einsam in den Achtzigern herum.
09.12.2023. Die Feuilletons blicken geteilt auf Lluis Pasquals Inszenierung von Verdis "Don Carlo" in Mailand: Die FAZ ist hingerissen von Anna Netrebkos stimmlicher Brillanz, die FR findet das alles ein bisschen altbacken, der Tagesspiegel erkennt die politische Dimension des Abends. Die israelische Filmcommunity steht unter den Schockeindrücken des 7. Oktobers, berichtet der Filmdienst. Die taz schwebt mit Moritz von Oswald in ambientiöse Klangwolken und trifft dort auf schimmernde Chöre in Regenbogenfarben.
08.12.2023. Die FR lässt sich mit den Gemälden von Harald Schulz den Mistral um die Nase wehen. Der Tagesspiegel ärgert sich, dass Katharina Grosse in der Wiener Albertina zwar große Kunst, aber wenig Moralbewusstsein zeigt. Von Takehiko Inoues Basketball-Film "The First Slam Dunk" lassen sich Standard und Artechock gerne umwerfen. Die taz schwebt über allen Wolken mit Andre Peklers Stratosphären-Boogie. In Jon Fosses Nobelpreis-Rede kommt die "stumme Sprache zu Wort", erkennt die SZ.
07.12.2023. FAZ und SZ denken mit Molly Manning Walkers Film "How to Have Sex" über einvernehmlichen Sex nach. Heute wird in Berlin das 25-jährige Jubiläum der Washingtoner Erklärung gefeiert: Zeit und Tagesspiegel fragen angesichts der dürftigen Restitutionen der letzten Jahre, was genau eigentlich gefeiert wird. Im Standard erklärt Milo Rau, weshalb er sich als "linksradikal" versteht: Um ihn herum gibt es nur noch "faschistischen Realismus", meint er. Die NZZ hat die Nase voll vom Lavieren des PEN Berlin in Sachen Israel. Und die taz hört die coole Vorgängerin von Taylor Swift: Nanci Griffith.
06.12.2023. Franz Kafka wird heute vor allem als Meister des abgrundtief Komischen gefeiert, meint Reinhard Stach im Standard mit Blick auf die "Verwandlung". Die berückte Welt hört in Düsseldorf die Poesie des Unsagbaren in Manfred Trojahns "Septembersonate". In Reinhard Keisers Barockoper "Nebucadnezar" wird derweil das Orchester von der moralischen Leine gelassen, freut sich die FAZ. Die NZZ lässt sich derweil in einer Pariser Stockhausen-Inszenierung von Weihrauch einnebeln und freut sich anlässlich eines Zürcher Bach-Konzerts über barocken Unsinn.
05.12.2023. Die FAZ lässt sich von Lydia Steiers wirkmächtiger Inszenierung von Verdis "Aida" überwältigen - die FR muss bei so viel Drastik ein bisschen schlucken. Die NZZ sieht geplatzte Architekturträume in Basel. Die Welt besucht eine erstaunlich nachdenkliche Architekturtriennale im Arabischen Emirat Schardscha. Und der Literaturwissenschaftler Dan Sinykin erklärt ZeitOnline, warum man heutzutage von "Konzern-Autoren" sprechen sollte.
04.12.2023. Die NZZ entdeckt im Museo d'Arte in Mendrisio Roger de la Fresnaye als Dandy unter den Kubisten. Die FAZ besucht Übersetzerinnen russischer Literatur, denen seit der russischen Invasion in der Ukraine die Existenzgrundlage wegbricht. Außerdem sieht sie mit Stephanie Mohrs Inszenierung des "Himbeerpflückers" eine vor Bosheit triefende Komödie in Wien. Die deutschen Produzenten schlagen Alarm: Immer mehr TV-Sender und Auftraggeber ziehen sich aus der deutschen Produktion zurück, sagt Branchensprecher Björn Böhning der SZ. Und die Feuilletons sitzen mit einem jubelnden Kinopublikum im neuen Werbefilm von Beyoncé.
02.12.2023. Die FAZ erliegt im Frankfurter Städel den kosmischen Verführern des Künstlers Miron Schmückle. Die SZ betrachtet fassungslos das Aggro-Auto der Stunde von Tesla. Die Welt gratuliert Sharon Dodua Otoo zu ihrer souveränen Reaktion auf die Aussetzung des Peter-Weiss-Preises. Der Filmdienst denkt über die andere Vielsprachigkeit des Kinos nach. Im Standard erzählt William Kentridge, warum er seinen Animationsfilm "Oh to Believe in Another World" mit Schostakowitschs Zehnter unterlegt hat.
01.12.2023. Späte Reue und eine Geldzahlung sind das Resultat des eingestellten Verfahrens gegen den Choreografen Marco Goecke, melden SZ und Zeit. Für die taz ist Christiane Mudras neues Stück "Hotel Utopia" mit den Erfahrungen Geflüchteter harter Tobak. Ridley Scotts "Napoleon" sorgt in der NZZ weiterhin für Diskussionsstoff. Die FAZ spürt den Einflüssen Kafkas auf die Kunst nach. Reichlich irritiert ist der Tagesspiegel von Eva Menasses PEN-Stellungnahme zu Fragen der Trennung von Autor und Werk. Und alle trauern um Shane MacGowan.
30.11.2023. Sharon Dodua Otoo weist den Peter-Weiss-Preis nun ihrerseits zurück und bereut ihre Unterschrift unter einer Petition von Artists for Palestine, meldet die FAZ. Deutsche Filmschaffende sind frustriert von ihrer Arbeit bei den Öffentlich-Rechtlichen: Immer geht es nur um Technik, nicht um Inhalte, beklagen Drehbuchautoren und Regisseure. Ein geglücktes Experiment hört der Standard mit John Scofields neuem Album, auf dem er unter anderem Bob Dylan in den Bereich der Jazzgitarren-Improvisation überführt. Die taz fragt sich in einer Ausstellung im Haus am Lützowplatz, was eigentlich eine schlechte Mutter ist.