Efeu - Die Kulturrundschau

Anziehung und Bezirzung

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02.12.2023. Die FAZ erliegt im Frankfurter Städel den kosmischen Verführern des Künstlers Miron Schmückle. Die SZ betrachtet fassungslos das Aggro-Auto der Stunde von Tesla. Die Welt gratuliert Sharon Dodua Otoo zu ihrer souveränen Reaktion auf die Aussetzung des Peter-Weiss-Preises. Der Filmdienst denkt über die andere Vielsprachigkeit des Kinos nach. Im Standard erzählt William Kentridge, warum er seinen Animationsfilm "Oh to Believe in Another World" mit Schostakowitschs Zehnter unterlegt hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2023 finden Sie hier

Kunst

Miron Schmückle, Cosmic Attractors I, recto, 2023


FAZ-Kritiker Stefan Trinks steht im Frankfurter Städel staunend vor "zwanzig gewaltigen, bis zwei mal drei Meter messenden Aquarellen ..., überzogen von Pflanzengeflechten, die es so in der Natur gar nicht gibt. Sie hängen auf dunklem Aubergine, der Farbe einer Pflanze, als wüchsen sie aus der Wand". Gemalt hat diese Bilder der rumänisch-deutsche Künstler Miron Schmückle. Wer hätte gedacht, dass Pflanzen solche kosmischen Verführer sind? "Tatsächlich finden sich in den lianenhaften Gespinsten Adern, lungenförmige oder gehirnartige Partien, immer wieder auch Organe oder skelettartige Formationen, die stets saftig, glatt und fleischig sind und zusammen mit ihrer leuchtenden Farbigkeit die verlockende Anziehungskraft der Begattungsikonografie ins scheinbar harmlose Pflanzenreich verlegen, weshalb das Billy-Idol-Zitat 'Flesh for Fantasy' als Titel zutrifft. Das Reich der Flora aber ist seit Darwins Forschungen nicht eins des Überlebens der Robustesten, sondern der Schönsten und Bestangepassten, eins von Anziehung und Bezirzung, weshalb die neue Serie 'Cosmic Attractors' heißt."

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Julian Weber unterhält sich für die taz mit Marie Arleth Skov, die ein Buch über Punk in der bildenden Kunst geschrieben hat. Sie ist überzeugt, dass eine Punk-Haltung wie sie etwa der Künstler Asger Jorn verkörperte, gerade heute wieder wichtig sein könnte: "Die Idee, eine Überraschung zu kreieren, indem man etwas Disruptives unternimmt, um den Morast des Alltags aufzuwirbeln und die Langeweile aufzuwerfen, ist archetypisch punk. ... Punk ist meist links, aber nicht auf Parteilinie, es hat libertäre Seiten. Wenn man sich an diese Wurzeln erinnert, minimieren sich Falschauslegungen. Es ist eine Bewegung von unten, gegen Macht, gegen Bigotterie, gegen Kapitalismus, gegen Protz, und trotzdem kann es Glam sein. Das ergibt nach wie vor Sinn und bleibt wichtig. So wichtig wie seit 1977 nicht mehr."

Weitere Artikel: Wer sich für die Ausstellung von John Akomfrah in der Schirn begeistert, kann gleich weiter nach Plymouth fahren, wo Akomfrah in "The Box" eine zweite Ausstellung hat, meldet Adrian Searle im Guardian. Boris Pofalla trifft sich für die Welt mit dem Maler Bernhard Martin in Zeitz (Sachsen-Anhalt) um über dessen Kunstwerk "Holobionten" zu sprechen. In der FAZ schreibt Freddy Langer zum Tod des Fotografen Elliott Erwitt, in der SZ schreibt Marc Hoch. Im Interview mit der SZ bekennt der Museumsmann Eike Schmidt, dass er sich durchaus vorstellen könne, Bürgermeister von Florenz zu werden - wenn er nicht als Museumsdirektor nach Neapel berufen wird. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) stellt Andreas Platthaus die Kunstvermittlerin Galka Scheyer vor, deren Biografie der Theatermacher Gilbert Holzgang gerade veröffentlicht hat.
Archiv: Kunst

Literatur

Wie Gerrit Bartels (hier unser Resümee) findet auch Dirk Knipphals von der taz Eva Menasses Statement für den PEN Berlin zum Schutz von Sharon Dodua Otoo (die auch gut alleine in eigener Sache auftreten konnte) "schwierig". Diese "Mail ist kurz davor, nahezulegen, dass durch die kulturellen Institutionen dieses Landes derzeit zensurwütige Mobs toben, denen Einhalt geboten werden muss. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr ist vielerorts eine Unsicherheit darüber mit Händen zu greifen, wie mit der aktuellen Situation umgegangen werden soll - und diese Unsicherheit ist auch nur zu verständlich." In der Literarischen Welt findet auch Mara Delius Otoos Verhalten in dieser Debatte beachtlich - und deutlich souveräner als das von Adania Shibli in einer ähnlich gelagerten Kontroverse zuvor. War Otoos Statement "ein Akt der 'Selbstzensur', wie es die deutsch-amerikanisch-jüdische Philosophin Susan Neiman für viele deutsche Kulturschaffende in einem kritischen Essay in der New York Review of Books behauptet hatte, gar ein Einknicken vor einem philosemitischen Mainstream, die nächste Weiterdrehung von Cancel Culture? So liest sich Otoos Statement nicht im Geringsten; es ist eine Erklärung gegen Antisemitismus in Deutschland und reflexhafte Israelkritik einerseits, die andererseits anerkennt, dass sich nicht jede Differenz durch jede eineindeutige Positionierung ausräumen lässt. ... Otoo hat mit ihrer souveränen Aktion - Selbstreflexion, keine Selbstzensur - vermutlich mehr für die aktuelle Debattenkultur im Literaturbetrieb getan, als es mit einer der gewöhnlichen Literaturpreisdankesreden möglich gewesen wäre. Adania Shiblis Schweigen wirkt dagegen umso hermetischer."

Astrid Kaminski spricht in "Bilder und Zeiten" der FAZ mit der syrischen Autorin Samar Yazbek über die Erfahrung, seit nunmehr zwölf Jahren aus dem Exil über und für die Heimat zu schreiben. "Ich bin zwar im Ausland, aber nicht wirklich außerhalb meiner sozialen Umgebung. Im Gegensatz zu Zeiten von Walter Benjamin oder Edward Said werde ich Sekunde um Sekunde von Nachrichten erreicht, bin ständig im Austausch. ... Meine Hauptmotivation ist ein Schuldgefühl. Ich konnte nicht andere Menschen dem Tod überlassen, während ich sicher war. Auch meine Tochter hatte ich in Sicherheit gebracht. Aber ich erklärte ihr, dass ich zurück nach Syrien gehen müsse. Man mag mich verrückt nennen, aber ich fühlte, dass ich keine Wahl hatte. Susan Sontag hat über die Wichtigkeit geschrieben, das Leid anderer zu betrachten. Diese Sichtweise ist für mich als Autorin und Mensch lebenswichtig."

Weitere Artikel: Mara Delius unterhält sich in der Literarischen Welt ausführlich mit Michael Krüger, der seinen 80. Geburtstag feiert. Friedrich Dieckmann jubelt in "Bilder und Zeiten" der FAZ über die von Jens-Fietje Dwars herausgegebene Zeitschrift Palmbaum, "einer der exklusivsten und interessantesten deutschen Literaturzeitschriften" (wenngleich online offenbar nicht gerade eine der aktuellsten). "Bilder und Zeiten" dokumentiert außerdem Line Hovens Laudatio auf den Schriftsteller Jochen Schmidt zur Verleihung des Stahl-Literaturpreises. Jeffrey Eugenides erzählt in der Literarischen Welt, wie er in seinen Anfangstagen als Schriftsteller beinahe gescheitert wäre - und wie ihn gerade das zum Schriftsteller gemacht hat. Der Literaturwissenschaftler Mathias Mayer befasst sich für die FAZ damit, wie Hugo von Hofmannsthal auf andere Künstler und Schriftsteller blickte. Clemens Klünemann erinnert in der NZZ an den Schriftsteller Maurice Barrès. Außerdem kürt die Welt die besten Sachbücher des Monats. Auf der Nummer 1: Florian Illies' "Zauber der Stille" über Caspar David Friedrich.

Besprochen werden Peter Handkes "Die Ballade des letzten Gastes" (Zeit), Joanna Bators "Bitternis" (taz), Rainer Hanks "Die Pionierinnen" über die ersten Journalistinnen in der jungen Bundesrepublik (Zeit), Valery Tscheplanowas "Das Pferd im Brunnen" (Freitag), Jon Fosses "Ein neuer Name. Heptalogie VI-VII" (Literarische Welt) und der Auftakt der Jeremias-Gotthelf-Ausgabe beim Diogenes-Verlag (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Die Kultur vereinnahmt die Kunst, lautet Patrick Holzapfels Befund in seinem Filmdienst-Essay: Während Film gerade in der hohen Kunst der Perspektiv-Auffaltung zu sich kommt, verlangt die Kultur die eindeutige Aussage, das eindeutige Bekenntnis. "Gerade wenn Bildproduktion mit Beweisführung verwechselt wird und der mediale Diskurs sich erhitzt, könnten Filmbilder auf die Komplexität der Dinge verweisen. Ihre ständige Botschaft müsste lauten: So einfach ist es nicht, schaut hin. ... In ihren stärksten Ausprägungen vermögen Kinobilder auch heute noch der widersprüchlichen Vielsprachigkeit jeder Gesellschaft zu entrinnen. Sie produzieren eine andere Vielsprachigkeit, eine, die eigenen Gesetzen folgen könnte. Vielleicht würde es helfen, den Fokus zu ändern. Man müsste sich für diejenigen interessieren, die Filme sehen, und nicht für diejenigen, die sie machen. Zumindest ein bisschen. Damit ist aber nicht gemeint, dass wir uns darüber kaputtreden sollen, wie wer warum ins Kino geht. Nein, es soll hier um diesen Zwischenraum gehen, der Film und Zusehende verbindet. Dieser Raum öffnet etwas, in ihm wird Ambivalenz zum Verstoß gegen das Bestehende und Sichergeglaubte." Aber "einzufordern, dass ein Film, dass irgendeine Kunst eine eindeutige Haltung zu politischen, gesellschaftlichen oder ideologischen Themen einnimmt, zeugt von einer Gesellschaft, die der Kunst keinen Eigenwert mehr beimisst."

Außerdem: Im Lichte heutiger Debatten wirkt der RomCom-Klassiker "Tatsächlich Liebe" ziemlich müffelig, muss Heide Rampetzreiter in der Presse feststellen. Besprochen werden die fünfte Staffel von "Fargo" (FAZ) und der ARD-Sechsteiler "Die Saat" (FAZ). Und ein Mediathek-Tipp: Der SWR bietet derzeit Egon Kochs schönes O-Ton-Feature "Die Bilderwerfer" über kleine Kinos und die Menschen, die sie betreiben, an.
Archiv: Film
Stichwörter: SWR

Architektur

Peris+Totale, Living Lattice, Bon Pastor, Barcelona


In der FAZ singt Klaus Englert eine Hymne auf den vorbildlichen sozialen Wohnungsbau der Architekten Peris + Total in Barcelona. Zuletzt errichteten sie im nördlichen Viertel Bon Pastor, wo hunderte maroder einfacher Arbeiterwohnungen abgerissen worden waren, "einen Block mit 54 Sozialwohnungen in unmittelbarer Nähe der Häuschen... Der jetzt fertiggestellte Neubau grenzt nördlich an die überdeckelte Autobahn der Ronda Litoral und den dahinter sich erstreckenden Rio Besòs. Für die ehemaligen Bewohner der Casas Baratas dürfte der Verlust schmerzlich sein, weil sie ihre Wohnungen in den Straßenraum verlängerten. Den Mangel versuchten Peris + Toral nun durch intelligente Wohnungsgrundrisse auszugleichen, die gute Belüftung und natürliche Belichtung garantieren. Hinter dem Eingangsbereich des abgeschlossen wirkenden Wohnblocks tun sich Grünflächen auf. So verfügen die Bewohner im Erdgeschoss über einen kleinen Garten, während die Mieter der oberen vier Geschosse im Gegenzug eine Terrasse mit Rankgerüsten sowie den Ausblick über die Flusslandschaft des Rio Besòs erhalten." Bon Pastor soll Teil eines neuen "Ökodistrikts" werden. Ob sich Arbeiter dann noch dort Wohnungen werden leisten können, bleibt allerdings abzuwarten.
Archiv: Architektur

Bühne

In der Welt informiert Matthias Heine über das "Living Archive" des Royal Court Theatre in London, das "2.000 Stücke von etwa tausend Autoren" online zugänglich macht, darunter Stücke von "Edward Bond, Caryl Churchill, David Hare, Wole Soyinka, David Edgar, Mary O'Malley, Hanif Kureishi und Jez Butterworth. Auch die 'Rocky Horror Show' wurde dort 1973 uraufgeführt. Die ersten hundert sind schon online. Der Rest soll nach und nach folgen, wenn weitere Sponsoren gefunden sind. Der erste war die Bloomberg-Stiftung." Vielleicht könnte das eine Inspiration auch für deutsche Bühnen sein?

Weitere Artikel: In der Welt schreibt Manuel Brug eine kleine Hommage zum hundertsten Geburtstag der Callas, in der NZZ würdigt Christian Wildhagen die Primadonna assoluta, die auch heute noch "allen den Kopf" verdreht. Dazu gibt es eine Bilderstrecke. Auch der Dlf brachte gestern ein langes Feature zur Callas. Valery Gergievs Treue zu Putin zahlt sich immerhin in Russland aus: Er wird der neue Chef des Bolschois, nachdem der bisherige Leiter Wladimir Urin wegen seiner Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gehen musste, meldet die SZ. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) würdigt Andreas Nentwich die "Schreibtechnik der Entzauberung" des Theaterkritikers und Essayisten Alfred Polgar.

Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sonne/Luft" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Pınar Karabuluts Inszenierung von Kafkas "Prozess" am Schauspiel Köln (SZ), Nuran David Calis' Inszenierung von Lessings "Nathan" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Gob Squads "Handle with Care" am HAU Berlin (nachtkritik) und Bastian Reibers "Genesis" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Design

Völlig fassungslos steht SZ-Kritiker Gerhard Matzig vor dem "Cybertruck", den Elon Musks Tesla nun auf den Markt gebracht hat. Sieht aus, als wäre er aus dem letzten "Mad Max"-Film übriggeblieben: "Es ist das Aggro-Auto der Stunde, denn es ist geschaffen für eine postapokalyptische Ära, die einzig noch vom Futurismus des Elon Musk und vom Überleben einer gut motorisierten Minderheit auf diesem Planeten erzählt... Der Futurismus, den sich Faschisten wie Marinetti in Paris ausgedacht haben, erlebt heute in Austin/Texas sein Comeback - in Form des aggressivsten, vielleicht aber auch zeichenhaftesten und mit Sicherheit die Automobilgeschichte ins Explizite, ja pornografisch Obszöne vorantreibenden Autodesigns, das je erdacht wurde. Ken Adam, der Erfinder der Bond-Hauptquartiere des Bösen, wirkt so jutebeutelhaft versponnen wie Hundertwasser gegen die Schöpfer des Cybertruck-Designs... Musk lässt das Auto, das seiner Meinung nach die Zukunft repräsentiert, konsequenterweise nicht mehr als niedliche, rundbauchige, elegante oder auch nur funktionale Apparatur erscheinen - sondern als tödlich explosives Geschoss." Der Werbefilm lässt daran keinen Zweifel:

Archiv: Design
Stichwörter: Musk, Elon, Tesla, Autodesign, Auto

Musik

Im Standard spricht Katharina Rustler mit dem Künstler William Kentridge, der heute in Wien gemeinsam mit dem von Michael Sanderling dirigierten Luzerner Sinfonieorchester seinen neuen Animationsfilm "Oh to Believe in Another World" als visuelle Begleitung zu Schostakowitschs Zehnter zeigt. Hier "finden Fragmente der Sprache von Wladimirowitsch Majakowski und der Musik von Schostakowitsch zusammen", verspricht Kentridge. "Schostakowitsch ist ein fantastischer Komponist, um einen Film zu machen - er war selbst sehr vertieft in die Filmwelt, hat auch Musik speziell für Filme geschrieben. Und selbst Lieder, die nicht dafür komponiert wurden, scheinen für die Bewegung verfasst worden zu sein. ... Ich kann einem Notenblatt folgen, aber ich bin kein Musiker, kein Sänger, kein Dirigent und spiele auch kein Instrument. Ich verlasse mich auf sehr gutes Musikpersonal um mich herum, das mit mir zusammenarbeitet. Aber ich erkenne, was die Musik mit den Darstellern auf der Bühne und den so entstehenden Bildern anstellt." Hier ein Auszug:



Außerdem: Maurice Conrad wünscht sich in der taz, dass die Deutschrap-Szene sich doch endlich mal von ihrem breitbeinigen Männlichkeitsgehabe lösen würde. In der Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller an seine Begegnung mit Serge Gainsbourg.

Besprochen werden ein Konzert von Jakub Józef Orlinski (BLZ, Tsp), ein Auftritt von Rin (FR) und weihnachtliche CDs für den Advent (FAZ).
Archiv: Musik