Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.10.2026. Ein Linksbündnis in Berlin rückt näher, das Problem mit dem Antisemitismus will man durch bürokratische Prozeduren neutralisieren - aber es bleiben viele skeptische Stimmen. Wenn die Linken nun regieren, werden sie feststellen, dass sie die Mieten nicht senken können, sagt der Neuköllner Bürger Martin Hikel im Tagesspiegel. Die Welt erzählt unterdessen, wie in Britannien die Green Party gleich zum Zentralhub für linken Antisemitismus umgepolt wurde. Die FAZ bespricht eine Rudolf-Augstein-Biografie, in der sich herausstellt, dass der Spiegel-Gründer noch mehr alte Nazis beschäftigte als bisher bekannt.
In Halle fand vor sieben Jahren das rechtsextreme Attentat auf die Synagoge statt. Zwei Menschen waren ums Leben gekommen. Des heutige Gedenken steht unter dem Vorzeichen, dass nun die AfD das Land Sachsen-Anhalt regiert, schreibt David Muschenich in der taz. Max Privorozki, Vositzender der Jüdischen Gemeinde in der Stadt will es an diesemTag um die Opfer gehen lassen und nicht politisieren. "Um 12.03 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten tödlichen Schüsse, soll es eine Schweigeminute geben. Auch die Straßenbahnen und Busse in Halle sollen dafür an geeigneter Stelle stillstehen, eine Durchsage soll den Passagieren erklären, worum es bei dem Gedenken geht. Dann sollen alle Kirchenglocken der Stadt läuten. Am Nachmittag steht eine öffentliche Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz in Halle an."
Na bravo, in Berlin ist das Problem mit den Juden entsorgt - nun können Linke, Grüne und SPD in Sondierungsgespräche gehen, um dereinst das Regime in der Hauptstadt zu übernehmen. Für eventuell aufkommenden Antisemitismus hat man eine Prozedur erfunden, erläutert Uwe Rade in der taz: "Jede der drei Fraktionen kann bei einer strittigen Äußerung den Mechanismus in Gang setzen, der klären soll, ob es sich bei dieser Äußerung um Israel-Kritik handelt oder um Antisemitismus. Zunächst beraten darüber die Parlamentarischen Geschäftsführer und - werden die sich nicht einig - drei Personen des öffentlichen Lebens, die noch benannt werden müssen. Am Ende entscheiden dann die Fraktionen über Sanktionen bis hin zum Fraktionsausschluss. … Auf dieser Leistung können Linkspartei, Grüne und SPD nun aufbauen."
Schon erstaunlich, was es jetzt braucht, um gemeinsam regieren zu können, denkt sich bei Zeit online Fritz Zimmermann: "Der SPD-Mann Steffen Krach versichert immer wieder, dass dieses Papier nicht nur ein Bekenntnis sei, sondern eine zukünftige Koalition 'alles' dafür tun werde, dass das Leben für Jüdinnen und Juden in Zukunft sicherer werde. So eine Vereinbarung, sagt Krach, gebe es in keiner anderen Koalition im ganzen Land. Außerdem wolle er auch noch etwas sagen, das ihm nach den letzten Tagen 'wirklich wichtig' sei. 'Die Gleichsetzung von Linkspartei und AfD halte ich für absolut falsch', sagt Krach. Die AfD sei im Kern eine antidemokratische Partei, hier aber stünden vor den Journalisten 'drei demokratische Parteien'. ... Es ist ein Moment, in dem klar wird, dass die Vereinbarung der drei Parteien nur der Anfang einer größeren Auseinandersetzung werden dürfte. Denn dass die gemeinsame Erklärung überhaupt nötig war, weist auf ein grundsätzliches Problemder Linken hin, nicht nur in Berlin, aber eben auch hier. Die Partei hat kein Beschlussproblem, sie hat ein Problem, die eigenen Entscheidungen innerhalb der Partei durchzusetzen."
Antisemitismus würde auch nicht das einzige Problem einer regierenden Linken sein, glaubt im Interview mit dem Tagesspiegel Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD), der im Herbst nicht wieder antritt, weil seine Partei es ihm verübelt, dass er den Begriff "antimuslimischer Rassismus" ablehnt: "Es würde sehr schnell klar werden, dass auch unter einer linken Bürgermeisterin die Wohnungsbaugesellschaften nicht innerhalb der Wahlperiode vergesellschaftet werden können. Und selbst wenn das gelingen würde, fehlte dem Land Berlin das Geld, um die Mieten auf das suggerierte Niveau zu subventionieren bei gleichzeitig hohem Standard. Der Haushalt ist jetzt schon über das Limit ausgequetscht. Das Dramatische wird also sein, dass die Mieten auch unter den Linken nicht sinken werden. Das wissen die Linken eigentlich, sagen es den Menschen aber nicht. Das ist das beste Konjunkturprogramm für die AfD."
In der Welt findet Alan Posener es gefährlich, dass auch von konservativer Seite eine Rot-rot-grüne Regierung in Berlin unterstützt wird mit dem Argument, dann könne nämlich auch die Brandmauer gegen die AfD fallen (zum Beispiel hier in der Welt): "Wenn Grüne und Sozialdemokraten von Konservativen faktisch aufgefordert werden, den Antisemitismus in der Linkspartei nicht als Ausschlussgrund einer Koalition zu betrachten, geben jene Konservativen auch zu erkennen, dass sie den Antisemitismus nicht so schlimm finden und den latenten Antisemitismus in der AfD nicht als Hinderungsgrund einer Regierungsübernahme ansehen würden."
Der "Roten Hilfe" geht's gut, sagt Vorstandsmitglied Hartmut Brückner im Gespräch mit Pascal Maier von der taz. Nachdem Elif Eralps ehemalige Mitgliedschaft in dem Verein bekannt wurde, der linken Aktivisten Rechtshilfe gibt, ist die Mitgliederzahl noch mal gewachsen. Brückner bestätigt, dass der Verein seine Hilfe in Frage stellt, wenn Angeklagte mit den Behörden kooperieren: "Wir lassen in der Regel keine Beschuldigten fallen, aber kürzen zum Beispiel Mittel. Wir sehen Distanzierungen nicht gerne, weil es meistens dazu führt, dass Mitangeklagte im Regen stehen gelassen werden. Wir sind ein Solidaritätsverein und erwarten, dass sich Angeklagte so verhalten, dass niemand anderes reingeritten wird."
In der SZ ist es dem Historiker Volker Weiß unbehaglich, dass einzelne Kommentatoren - wie Jürgen Kaube kürzlich in der FAZ - der Linken vorwerfen, den "Sturz des kapitalistischen Systems mithilfe von Migranten" erreichen zu wollen: "Kaubes Behauptung, die Linke setze nun auf Migranten und Clans für den Umsturz, bauscht nicht nur die sozialpolitischen Forderungen der Partei auf. Sie nimmt auch das Neuköllner Milieu für die Mehrheit, eine klassische Verzerrung des ethnisierenden Blicks." Weiß fände es wichtiger, über die Nähe der Linken "zu jenen Gruppen zu reden, die sich unter dem Banner der 'Palästina-Solidarität' versammeln. Schon die Parolen, mit denen diese in vielen Städten ausgerechnet zum Jahrestag des palästinensischen Massakers an Kibbuzniks und Festivalbesuchern für ihre Demonstrationen mobilisieren, zeugen weder von Frieden noch von Versöhnung. Sie zeugen vom Willen zu einem globalen 'Volkskrieg' gegen den jüdischen Staat. Wer die antisemitischen Semantiken dieser Propaganda nicht erkennt, hat sich offensichtlich nie mit der Thematik befasst und nicht nur in Berlin lässt die Linkspartei jeden Abstand zu diesem Milieu vermissen."
Solche Vorbehalte würden Zack Polanski, den Chef der britischen Grünen, wohl nicht anfechten. "Polanski hat die Grünen vom Öko-Milieu auf Gaza-Aktivismus umgepolt", berichtet Henry Donovan in der Welt. Und ihm geht es dabei sehr wohl um Wählerstimmen von Migranten: "Die alte Landlinke und wohlhabende Bourgeoisie, mit Lastenrad und Wildblumenwiese, ist nicht mehr die Zielgruppe. Die Blaupause dafür lieferte die Nachwahl in Gorton and Denton: Im Februar gewannen die Grünen dort ihre erste Nachwahl, in einem Wahlkreis, in dem mehr als jeder vierte Einwohner Muslim ist. Ein Flugblatt auf Urdu forderte auf, Labour 'für Gaza zu bestrafen'. Es funktionierte. Also wird es wiederholt. Zum Kommunalwahlkampf forderte Polanski prompt, das Handelsabkommen mit Israel aufzukündigen. Kein Wort zu China, kein Wort zum Iran. Immer nur Israel. Das Problem sind dabei nicht die muslimischen Wähler. Die meisten von ihnen wählen nach Themen wie Jobs, Schulen und Mieten - wie alle anderen. Das Problem ist eine Partei, die britische Bürger nicht als Briten anspricht, sondern als Glaubensgemeinschaft - und zwar aus Anlass eines Krieges, der Tausende Kilometer entfernt geführt wird. Großbritannien ist als multiethnische Gesellschaft erfolgreich, weil bisher ein stiller Vertrag galt: Egal, wo man herkommt - an der Wahlurne ist man Brite und streitet über britische Dinge."
Die britischen Grünen haben sich übrigens in einer Mehrheitsentscheidung dafür ausgesprochen, Zionismus als Rassismus zu behandeln. Das ist vereinfachend und leugnet die ursprüngliche Idee des Zionismus, "dass das jüdische Volk ebenso wie jedes andere Volk, einschließlich des palästinensischen, das Recht auf einen Staat hat", meint der Historiker Michael Brenner im Interview mit der SZ. "Man muss kein großer Schelm sein, um zu erahnen, dass die britischen Grünen damit eine legitime Kritik, wie sie die aktuelle israelische Regierung unbedingt verdient, umlenken auf das gesamte historische Projekt eines jüdischen Staates, um dann diese komplette Idee zu delegitimieren."
Jannis Koltermann staunt in der FAZ über Juli Zehs Kunst der "Recusatio". So nannte man es im Mittelalter, wenn ein Fürst aus ostentativer, aber berechnender Bescheidenheit die ihm angetragene Kaiserkrone zunächst zurückwies. Bei Zeh, die in vielen Interviews erklärt, warum sie nicht Bundespräsidentin werden wolle, obwohl sie sehr wohl dafür geeignet sei, ist der Unterschied allerdings, dass niemand ihr das Amt antrug: "So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr durch Journalisten befeuertes Liebäugeln mit der eigenen Eignung und Weigerung vor allem dem Zweck dient, sich in der Öffentlichkeit noch stärker ins Spiel zu bringen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Majd El-Safadi liest für die FAZ Martin Doerrys und Hauke Janssens Biografie jenes charismatischen Medienmanns, der selbst noch sein Nachrichtenmagazin ein "Sturmgeschütz" nannte. Die beiden sind ehemalige Spiegel-Leute, erläutert er, schenken ihrem ehemaligen Chef aber nichts. Was Rudolf Augsteins bleibende Sympathie für alte Nazis und SS-Finsterlinge, die er mit Vorliebe zu Redakteuren machte, angeht, greifen sie auf Recherchen des früh verstorbenen Lutz Hachmeister zurück. Nur "stellen Doerry und Janssen fest, dass deutlich mehr ehemalige Nazi- und SS-Funktionäre in der Redaktion arbeiteten als bisher angenommen. Die Bedenkenlosigkeit, mit der Augstein einstige SS-Leute einspannte, lasse sich nicht mit Unwissen erklären. Die Beteiligung der SS am Massenmord an den Juden sei längst bekannt gewesen. Augstein gab später zu, er habe die Mitarbeiter aus 'Nützlichkeitserwägungen' engagiert, sie hätten über ein 'Expertenwissen' verfügt, das er 'andernorts nicht zu finden glaubte'."
Simon Strauß denkt in der FAZ nochmal darüber nach, was es eigentlich heißt, wenn "propolästinensische" Aktivisten ausgerechnet das Datum des 7. Oktober kapern, um für ihren Hass auf Israel zu demonstrieren, wie in Berlin geschehen. "An diesem 7. Oktober ist das Abhalten einer solchen Demonstration nicht einfach eine Geschmacklosigkeit. Es ist eine Herausforderung, eine Provokation. Vielleicht sogar ein Vorzeichen." Strauß hat sich die nicht schlecht besuchte Demo angesehen und auch das schüttere Häuflein der Gegendemonstranten: Ihre verschwindend geringe Zahl beweise, "dass der Kampf gegen links nach wie vor keine große Mobilisierungskraft erzeugt. Gerade deshalb hätte der deutsche Innenminister an diesem Abend im Grunde hier am Oranienplatz stehen müssen, um vor realem Hintergrund vor Antisemitismus zu warnen. Aber es war außer der Polizei fast niemand da."
Um einen wissenschaftlichen Nobelpreis zu bekommen, ist man am besten Mann, Amerikaner, weiß und um die fünfzig. Die Ungerechtigkeit hat viele Ursachen, erläutert Philipp Brandstädter in der taz: "Weil Preise oft erst Jahrzehnte nach einer Entdeckung vergeben werden, spiegeln sie auch die Geschlechterverteilung in den Laboren von damals. Der Lithium-Ionen-Akku entstand in den 1980ern, die blaue LED in den 1990ern, die Preise kamen 2019 und 2014. Auch die Optogenetik wird erst jetzt geehrt, gut zwei Jahrzehnte nach den ersten Arbeiten. Zum anderen ist eine Spitzenposition für eine Würdigung hilfreich. In Deutschland ist nicht einmal jede dritte Professur mit einer Frau besetzt, in Mathematik und Naturwissenschaften jede vierte, in der Physik nur etwa jede siebte. Schließlich hat die Fachwelt selbst nicht die gesamte Welt im Blick. Forschende aus einkommensschwächeren Ländern werden viel seltener als ErstautorInnen genannt. Rund vier von fünf PreisträgerInnen stammen aus Europa oder Nordamerika, dort, wo am meisten Geld in die Forschung fließt."
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