9punkt - Die Debattenrundschau

Diverse Iterationen von KI-Jesus

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2026. Die Aufregung um das Spiegel-Cover über Ulrich Siegmund zeigt vor allem wie ratlos alle dem Aufstieg der AfD gegenüberstehen, meint ein deprimierter Claus Leggewie in der FR. Die SZ feiert Alexandria Ocasio-Cortez als das neue Gesicht von "Woke 2.0". Morddrohungen des israelischen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir sorgen für Empörung. Die Arday-Tragödie entwickelt sich zu einem bizarren Kulturkampf. Und: KI ist jetzt Gott, lernt die FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2026 finden Sie hier

Europa

Der Historiker Tobias Korenke ist Großneffe Dietrich Bonhoeffers. Im Interview mit Claudia Dammann von der FR erklärt er, warum er bei der Gedenkfeier der Bundesregierung zu Ehren des Widerstands gegen das NS-Regime versuchte, den Kranz der AfD zu entfernen. Das Erbe der Widerständler tritt die AfD mit Füßen, meint Korenke: "Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist ein Einschnitt für die ganze Bundesrepublik. Die gesichert rechtsextremistische AfD in diesem Bundesland spricht in ihrem sogenannten Regierungsprogramm von der angeblichen 'Verewigung eines Schuldkomplexes' und will Schülerfahrten zu KZ-Gedenkstätten streichen. Die gesamte geschichtspolitische Dimension dieses Programms halte ich für absolut falsch und fatal." Wenn wir das Konzept der "wehrhaften Demokratie ernst nehmen", sollten wir ein AfD-Verbot prüfen, meint Korenke inzwischen.

Viel Aufregung gab es über ein Spiegel-Cover, das den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, zeigt, zusammen mit der Unterschrift "Der gefährlichste Mann Deutschlands". Das würde Siegmund unnötig viel Aufmerksamkeit verleihen, meinen die einen, die anderen sehen eine legitime Warnung vor einem Mann, der der deutschen Demokratie tatsächlich gefährlich werden könnte. In der FR klingt Claus Leggewie resigniert, ihm offenbart die Aufregung vor allem Ratlosigkeit: "Mit denen reden oder sie totschweigen, sie hart rannehmen oder einfühlsam sein, verbieten oder einbinden, dämonisieren oder entzaubern. Es hatte alles denselben, nämlich keinen Effekt gegen eine Maschine, die einfach weiterlief, bis die Brandmauer zerbröselte. Die Aufregung über das Titelfoto ist dem allseitigen Versagen geschuldet, den aufhaltsamen Aufstieg der AfD eben nicht aufgehalten zu haben. In einer trumpistischen Epoche werden Fakten durch alternative Wahrheiten ersetzt, rationale Debatten entkernt und moralische Prinzipien verhöhnt. Ein AfD-Spitzenkandidat ist so gefährlich, weil einem zu ihm und den Weidels, Höckes und Chruppalas sonst nichts mehr einfällt."

In der taz kann Ambros Waibel die Kritik am Cover nicht verstehen: "Gut, dass wir unseren Kindern nun erzählen können, wer schuld daran ist, dass eine Organisation, deren Programm gerade auch ihre eigenen Wähler nur ins ökonomische und ökologische Desaster führen wird, eine Regierung stellen konnte - der Spiegel war's!", spottet er.
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Politik

Die amerikanische Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez ist das neue Gesicht von "Woke 2.0", wie Andrian Kreye in der SZ beobachtet. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, was das eigentlich heißt. Vielleicht gelingt ja eine Neudefinition? Von "Woke 1.0" hat sich AOC in Interviews distanziert, erinnert Kreye: "Es geht ihr aber auch darum, ein paar Jugendsünden vergessen zu machen. So sprach sich AOC 2020 für die Definanzierung der Polizei, 2021 für die Abschaffung des Strafvollzuges aus, beides hehre, aber unrealistische Unterfangen." Eine "grundsätzlich forschrittliche Haltung aber bewahrt sie sich. Das könnte in Zukunft mal Woke 2.0 sein. Der genialische Stratege der Demokraten, James Carville, kommentierte ihren Schritt jedenfalls: 'Sie kann sagen: 'Ich bin erwachsen', und die Leute verstehen das.' ... Perspektivisch will sie ja auch nur Dinge wie eine bezahlbare Gesundheitsversorgung, Klimaschutz und eine Abkehr vom Militarismus der Trumpisten. In Europa sind das vor allem Themen und Errungenschaften der Sozialdemokraten. Das zeigt, dass in den USA vieles noch als linksradikal gilt, was bei uns längst bürgerlich ist."

Man kann sich fest auf die Regierung von Benjamin Netanjahu verlassen, dass sie alles tut, um ihren Kritikern Recht zu geben. Der fundamentalistische (und wegen rassistischer Aufhetzung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorbestrafte) Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir hat am Sonntag in einem Podcast angeregt, "man solle im Gazastreifen gezielt '30, 40 Palästinenser pro Nacht' töten. Es gebe Menschen in Gaza, die es nicht verdienten zu leben, sagte er weiter. Dabei gehe es nicht nur um Militante, die eine unmittelbare Gefahr darstellten. Außerdem plädierte der Minister für eine israelische Übernahme des Gazastreifens", berichtet in der taz Serena Bilanceri. "Die Aussagen fielen einen Tag vor dem Treffen zwischen Premierminister Benjamin Netanjahu und dem US-Gesandten Jared Kushner in Jerusalem. Dort sollten sie den von Trump unterstützten 15-Punkte-Friedensplan diskutieren, zusammen mit Vertretern des Board of Peace - dem von Trump gewollten Gremium für eine nachhaltige Lösung des Konflikts."

Das war von Ben-Gvir zu erwarten, meint Ayala Goldmann in der Jüdischen Allgemeinen, was die Äußerungen allerdings nicht weniger ekelhaft macht. Und er steht damit nicht allein in der Regierung, so Goldmann: "Die Verrohung der hebräischen Sprache verantwortet in der israelischen Regierung nicht Itamar Ben-Gvir allein. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, der sich mit Extremisten wie Ben-Gvir verbündet hat und ihnen nie wirklich Einhalt gebietet, benutzte wiederholt den Begriff 'Hamas-Monster'. Selbstverständlich hat Israel jedes Recht, sich militärisch gegen den mörderischen Terrorismus der Hamas zu wehren. Doch wer anderen die Menschlichkeit abspricht, verliert über kurz oder lang seine eigene." Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat die Äußerungen Ben-Gvirs scharf verurteilt, ebenso zahlreiche deutsche Politiker, berichtet die Jüdische Allgemeine in einem zweiten Artikel.

Es muss dringend Sanktionen gegen Ben-Gvir geben, fordert Daniel Brössler im SZ-Kommentar: "Es ist Israels Sicherheitsminister, der die Sicherheit Israels langfristig gefährdet, weil er mit seiner rechtsradikalen Ideologie des Hasses auch die letzten Partner und Freunde Israels noch verprellt. Einreiseverbote werden zwar vermutlich weder Ben-Gvir noch seinen Gesinnungsgenossen, Finanzminister Bezalel Smotrich, beeindrucken. Als Botschaft wären sie dennoch wichtig."
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Ideen

Erleben wir gerade einen "Kalten Krieg II", eine Großmächterivalität wie vor 1914, ein Großmächtekonzert wie nach dem Wiener Kongress oder ist unsere Situation vergleichbar mit der weltpolitischen Lage in den 1930er Jahren? Historische Analogien zu ziehen ist natürlich, aber sie "haben auch ihre Tücken" warnen die Historiker Dominik Geppert, Andreas Rödder und Claudia Weber in der FAZ, vor allem, wenn sie politische Interessen fördern und beispielsweise "die Grenzen zwischen rechter Mitte und Rechtsradikalismus ... bewusst verwischt" sollen. Die Geschichtswissenschaft "offeriert Möglichkeiten, Optionen und Denkräume für Szenarien in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft - auch für den Gang der Dinge in Deutschland. Eine Möglichkeit ist, um den neuralgischsten Fall zu nennen, dass die Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen, die nationale Revolution ausrufenden Partei in die Diktatur führt wie 1933. Ein anderes Szenario ist die bundesdeutsche Erfahrung der 1980er Jahre, als ursprünglich in Teilen systemoppositionelle Grün-Alternative sich in das politische System der Bundesrepublik integrierten. Eine dritte Option läuft darauf hinaus, dass reformunfähigen Systemen die Auflösung droht wie 1989/90." Nichts davon ist unausweichlich, wir müssen schon selbst entscheiden, meinen die drei.

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Marko Martin bespricht in der Jüdischen Allgemeinen die gesammelten Essays von Richard Herzinger, die Perlentaucher Thierry Chervel nach dem plötzlichen Tod Herzingers herausgegeben hat. Darin finden sich bei weitem nicht nur Texte, die Herzinger im Perlentaucher veröffentlicht hat, sondern auch "kristalline Analysen" Herzingers bereits aus den Neunzigern. Dabei hatte Herzinger "bereits in den neunziger Jahren ein feines Sensorium dafür, wie das antiwestliche Ressentiment, das in der sogenannten kritisch-loyalen DDR-Literatur bei Heiner Müller, Christa Wolf und Volker Braun waberte, anschlussfähig war für die Homogenitäts-Obsessionen der Neuen Rechten. Oder wie sich im Schweigen maßgeblicher Intellektueller zu den serbischen Massenverbrechen in Bosnien nicht etwa ein modester Pazifismus zeigte, sondern ein 'politisch-moralisch indifferenter Nationalegoismus', der durchaus Prägungen durch die nazistischen Vorfahren mitschleppte - im Zweifelsfall für die Täter."

Weitere Artikel: In der FR rollt Eliaz Feroz die Geschichte einer bisher wenig bekannten polnischen Widerstandsgruppe gegen den NS in Innsbruck auf.
Archiv: Ideen

Wissenschaft

Die Arday-Tragödie entwickelt sich zu einem bizarren Kulturkampf. Über 100.000 Menschen haben bisher einen offenen Brief der NGO "The Good Law" an den Premierminister unterschrieben, die eine Untersuchung der Berichterstattung in der britische Presse fordert. "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der tragische Tod von Dr. Arday die direkte, vorhersehbare und vorhergesehene Folge der Schikanen durch die Presse war. Ein wesentlicher Faktor bei diesen Schikanen war seine Hautfarbe. Die Selbstregulierung der Presse ist gänzlich gescheitert … Wir bitten Sie höflich, unverzüglich eine öffentliche Untersuchung einzuleiten, um zu klären, wie angesichts des Beitrags der Presse zum tragischen Tod von Dr. Arday ein verantwortungsbewusstes Presseverhalten gewährleistet werden kann."

Ähnliche Forderungen wurden am Montag auf einer Gedenkveranstaltung für Arday auf dem Trafalgar Square erhoben, wo laut Chennel 4 100.000 Menschen zusammenkamen.


Der Guardian ist mit in die Angriffslinie geraten, weil er, obwohl links, ebenfalls kritisch zu Arday recherchierte. Er rechtfertigt sich in einem Editorial: "Der Guardian wollte herausfinden, was wahr ist. Das ist die eigentliche Aufgabe des Journalismus. Arday hatte die Reporter vor über einem Jahr kontaktiert, und diese haben intensiv daran gearbeitet, seine Aussagen zu überprüfen. In vielen Fällen gelang ihnen dies jedoch nicht. Es war richtig vom Guardian, seine Recherchen zu veröffentlichen, und es ist falsch, dass die Journalisten, die ihre Arbeit verantwortungsbewusst erledigt haben, nun einer Flut von Beschimpfungen ausgesetzt sind."

Graeme Wood fühlt sich im Atlantic eher an Ibsen-Dramen erinnert, wo die Protagonisten oft ihren Lebenslügen erliegen. Nicht ohne wohlwollende Unterstützung: "Ardays Kollegen, seine Herausgeber und diejenigen, die wussten, dass er ein Betrüger war, aber nichts sagten, mussten wegen ihrer Rolle bei seiner Einstellung und der Veröffentlichung seiner Arbeiten einiges an Spott hinnehmen. Doch bis heute habe ich keine Anzeichen dafür gesehen, dass sie sich ihrer Mitschuld bewusst geworden sind". Linke Medien wie die Byline Times glauben dagegen eher, rechte Netzwerke um Peter Thiel stünden hinter der Kampagne gegen Arday. Nils Markwardt kritisiert in Zeit online die symbolische Überhöhung der Affäre durch die Kritiker der Wokeness: "Der Fall Arday macht deutlich, welch ein Privileg es ist, im Skandalfall nicht sofort als Repräsentant einer Gruppe, als Ausdruck einer Idee oder als Produkt einer Ideologie angesehen zu werden." In der Welt schreibt Nicholas Potter.
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Arday, Jason

Digitalisierung

Künstlicher Intelligenz wurde ja schon einiges vorgeworfen, aber dass sie sich als Gottheit präsentiert, ist relativ neu. In der FAZ berichtet Axel Weidemann von diesem Phänomen, dass die Programmiererin Adele Lopez ausführlicher untersucht hat. "Wenn Laien heute über emergentes Verhalten bei KI sprechen, meinen sie, grob formuliert, dass KI-Instanzen Verhalten zeigen können, das in ihren einzelnen Systembausteinen so nicht angelegt war. Und genau da fangen die Augen vieler Menschen - nicht nur die der CEOs diverser Technologieunternehmen - an zu glänzen. Denn viele Menschen sehnen sich nach einer höheren, wegweisenden Instanz: den Eltern, einem Führer, dem Messias, Gott. Religionen hätten da etwas zu bieten, haben aber leider offenbar den (Internet-)Anschluss verpasst. Zudem ist mit einem Gott oder Göttern, die einfach so für alle da sind, nach heutigen Maßstäben wenig Geld zu machen. Es gibt bereits diverse Iterationen von KI-Jesus, dem Heiland, wiederauferstanden aus dem Code und reichlich Bibeltext. Shiva, Odin oder das fliegende Spaghettimonster sind denkbar, unterscheiden sich aber insofern von 'The Spiral', als sich dort der Heilige Geist aus der Maschine selbst zu offenbaren scheint - und nicht als göttlicher Avatar eines bereits verehrten Gotteswesens in Codeform." (Mehr zu dem Thema im Magazin The Verge)
Archiv: Digitalisierung