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06.05.2026. Faschismus ist nur eine Vokabel, sie erklärt in unserer Gegenwart gar nichts, meint in der FAZJan-Philipp Reemtsma. In der NZZ stellt sich der Publizist Sigbert Gebert die Frage: Wann ist Gewalt legitim? taz und Politico berichten über den Sturz der konservativen Regierung in Rumänien durch ein Bündnis aus Sozialdemokraten und extremer Rechter. Nein, die Linke ist nicht schuld an der Auflösung des Wahrheitsbegriffs, ruft Robert Misik in der taz. Weniger NS-Geschichten in den Medien, dafür einen Lehrstuhl für Holocaustforschung wünscht sich in der FR der Historiker Ulrich Herbert.
Bewegen sich die USA unter Donald Trump Richtung Faschismus? Überflüssige Frage, findet Jan-Philipp Reemtsma in einem ganzseitigen Essay für die FAZ. Faschismus sei eine Vokabel, die unsere Gegenwart nicht erklären kann, sondern vor allem signalisieren soll, zu welcher Gruppe derjenige gehört, der sie benutzt: "Man sucht nach einer wechselseitigen Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit", was sehr viel bequemer sei, als das als Faschismus beschriebene Phänomen konkret zu untersuchen. "Kurz nach 1945 beobachtete George Orwell in England, wie sehr das Wort 'Faschist' in aller Munde war und alles und jeden bezeichnete, den man irgendwie nicht mochte. Orwell versuchte hinter dem Gerede etwas zu sehen, worauf es möglicherweise denen ankam, die alles Mögliche 'faschistisch' nannten, und kam zu der Antwort: Bullyness. Gewalttätigkeit, Willkür, von 'Disruptivität' würden wir heute sprechen. Diese Bullyness macht kognitive Probleme, weil sie emotional überfordert. Lion Feuchtwanger hat es in dem Roman 'Die Geschwister Oppermann' 1933 schon als einfache Einsicht ausgesprochen: 'Darum sind die (die Nazis) heute an der Macht. Sie haben Mittel angewandt von solcher Primitivität, dass die andern sie einfach nicht für möglich hielten.'" Erst wenn man die Sprachlosigkeit darüber, die sich letztlich hinter der Bezeichnung "Faschismus" verbirgt, durchbricht und analysiert, "welche Gefahren bestimmte Herrschaftstechniken implizieren", kommt man nach Reemtsma zu nützlichen Einsichten über unsere Gegenwart.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Philosoph Thomas Grundmann hält "epistemischen Individualismus" für überbewertet - zumindest, was Fachfragen angeht, wie er im Zeit-Online-Interview mit seinem ehemaligen Studenten Lars Weisbrod erklärt. Das heißt, Laien sollten sich in speziellen Fragen mehr an Expertenmeinungen halten, denn "viele Theorien wirken für Laien verrückt, aber sind trotzdem wahr": "Nehmen Sie die Zwillingstürme des World Trade Centers am 11. September 2001. Die sind nach dem Einschlag der Flugzeuge irgendwann eingestürzt. Dieser Einsturz hat jeweils zwischen 14 und 16 Sekunden gedauert. Und dann haben Leute gesagt: 'Moment mal, ein Stein im freien Fall aus der Höhe des Daches hätte neun Sekunden bis zum Boden gebraucht. Diese Gebäude sind also fast so schnell kollabiert wie ein frei fallender Stein? Also das kann ja nun wirklich nicht stimmen! (...)' Und das wurde als Argument präsentiert dafür, dass es in Wirklichkeit eine kontrollierte Sprengung gewesen sein muss. Dabei haben Experten den Einsturz genau nachvollzogen und nachgerechnet, dass diese 14 bis 16 Sekunden ungefähr der erwartbaren Zeit entsprechen. Dass dieser geringe Wert auf Laien irgendwie absurd wirkt, das kann ja nicht gegen das Expertenurteil sprechen."
In der NZZ denkt der Publizist Sigbert Gebert über die Phänomene Gewalt und Gegengewalt nach. Wann ist Gewalt legitim? Und wann führt sie in eine "Gewaltspirale", aus der es kaum ein Entrinnen gibt?: "International zwingt Gewalt die Mittel auf. Bei Konflikten wie dem Ukraine-Krieg kommt es zum Rüstungswettlauf und gerät man neben dem klassischen Krieg wieder ins Sicherheitsdilemma: Jede Seite sieht ihre Aufrüstung als abschreckende Verteidigung, der Gegner hingegen als Angriffsfähigkeit. Ohne gegenseitiges Vertrauen drohen dann Präventivschläge. Bei asymmetrischen Konflikten kann eine effektive Terror- oder Aufstandsbekämpfung nur begrenzt Rücksicht auf Zivilisten und die Menschenrechte nehmen - schon weil man oft nicht weiss, wer Terrorist und wer Zivilist ist. Bei wie vielen zivilen Opfern und bei welchen Methoden (Folter) wird man aber selbst zum Terroristen? Bei direkten Interventionen ist - falls man sich nicht schon bei den Stärkeverhältnissen verkalkuliert - weniger die Gewaltlösung problematisch als vielmehr die anarchische Situation nach einem Systemwechsel und die komplexe Friedenssicherung."
Wo wird die Ukraine im Jahr 2030 stehen, fragt Sergei Gerasimov in der NZZ. Ein Ende des Krieges ist jedenfalls nicht in Sicht, antwortet er düster, trotz der angeblich so "entschlossenen" Unterstützung aus Europa: "Wird die Ukraine weiterhin so selbstlos kämpfen wie bisher? Nein, denn Russlands immense militärische Macht wird nicht mehr allein in diesem Krieg gebunden sein. Wird Russland die Ukraine einfach in Ruhe lassen und sich anderen Zielen zuwenden? Das wird definitiv nicht passieren. Es könnte sein, dass die Ukraine bis 2030 den Krieg verloren haben wird. Auch wenn sie 'entschlossen' unterstützt wurde. Wenn die Ukraine verliert, wird sie in rauchenden Trümmern liegen. Zwei Drittel der ukrainischen Männer werden umgekommen oder verstümmelt sein, und eine riesige russische Armee, bereit zum Angriff, wird sich auf einer Strecke von mehr als 3000 Kilometern, von Bulgarien bis Finnland, an der Grenze aufstellen. Dann wird klarwerden, dass mit Europas 'Entschlossenheit' etwas nicht stimmte."
In Rumänien haben die Sozialdemokraten und die extreme Rechtegemeinsam die Regierung von Ilie Bolojan, Chef der liberalkonservativen PNL, durch ein Misstrauensvotum gestürzt, berichtet Barbara Oertel in der taz. Bolojan war nicht mal ein Jahr im Amt. "Für den Erfolg des Misstrauensvotums maßgeblich mitverantwortlich ist die Sozialdemokratische Partei (PSD), die der Koalition angehört hatte. Laut des ausgehandelten Koalitionsvertrages hätte sie den Posten des Ministerpräsidenten im Zuge eines Rotationsverfahrens 2027 besetzen sollen. Aber bereits im vergangenen Monat hatte die PSD versucht, Ilie Bolojan zu Fall zu bringen und schließlich die Koalition verlassen." Grund waren die Sparmaßnahmen Bolojans.
"Rumänien leidet unter einer galoppierenden Inflation und weist das höchste Haushaltsdefizit in der EU auf. Sollte das Land bis August keine wesentlichen Reformen umsetzen, droht ihm der Verlust von rund 11 Milliarden Euro an EU-Mitteln", fürchten Tim Ross und Ferdinand Knapp bei Politico. "Das sechstbevölkerungsreichste Land der Europäischen Union - und ein wichtiges NATO-Mitglied an der Grenze zur Ukraine - steht nun vor einer ungewissen Zukunft, während es versucht, die Gefahr einer Wirtschaftskrise in den kommenden Monaten abzuwenden. Es wird nun erwartet, dass der gemäßigte, zentristische Präsident Nicușor Dan Konsultationen mit den Parteivorsitzenden führt, um eine Einigung über eine neue Koalition zu erzielen, die die Regierungsgeschäfte übernehmen soll. Bolojans Niederlage wurde zum Teil vom rechtsextremen Politiker George Simion orchestriert, der 'ein Ende der zehn Monate' versprach, 'in denen die sogenannten Pro-Europäer nichts als Steuern, Krieg und Armut gebracht haben'. Simions Versuch, den Ministerpräsidenten zu stürzen, war jedoch nur deshalb erfolgreich, weil seine rechtsextreme Allianz für die Union der Rumänen sich mit der Mitte-Links-Partei Sozialdemokratische Partei (PSD) verbündete, die im vergangenen Monat aus Bolojans Koalitionsregierung ausgetreten war."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nein, die Linke ist nicht schuld an der Auflösung des Wahrheitsbegriffs, Postmoderne hin oder her, ruft Robert Misik in der taz. "Es gibt Fakten. Dass zwei plus zwei vier ist, ist zwar eine spekulativ-abstrakte Konvention, deswegen ist es aber noch lange nicht so, dass zwei plus zwei auch fünf sein kann. Nur weil ich jedes reale Geschehen und die Wechselwirkung realer Geschehen auf unterschiedliche Weise interpretieren kann, heißt das nicht, dass man das reale Geschehen einfach abstreiten und die verrücktesten Wechselwirkungen behaupten kann, für die es nicht einmal Indizien gibt. Klar, 'Wahrheit' ist in der Physik etwa anderes als in der theoriegeleiteten Soziologie oder der spekulativen Gesellschaftstheorie. Aber auch in Letzterer ist es einfach blödsinnig und unzulässig, reales Geschehen einfach zu ignorieren, wenn es nicht in die Kopfgeburt der Fantasiebildung hineinpasst. In diesem Sinn ist die Galilei zugeschriebene Formel 'Und sie bewegt sich doch' plötzlich wieder ein Kampfruf der Verteidigung der Vernunft gegen ihre Feinde."
Für die Gleichsetzung des Gazastreifens mit den Ghettos der Nazis (mehr dazu im Perlentaucher) bekommt man heutzutage den Pulitzer-Preis, und die New York Times ist stolz drauf.
Columnist M. Gessen has been awarded the 2026 Pulitzer Prize in opinion writing, for "an illuminating collection of reported essays on rising authoritarian regimes that draw on history and personal experience to probe timely themes of oppression, belonging and exile." pic.twitter.com/ddrhM11EkT
- New York Times Opinion (@nytopinion) May 4, 2026
Matthias Krupa porträtiert für Zeit online den bretonischen Tycoon Vincent Bolloré und betont vor allem seine Herkunft aus einem extrem fundamentalistischen Katholizismus. Er gehört zu den Milliardären, die in Frankreich die Medienlandschaft besitzen, "Es ist nicht ungewöhnlich in Frankreich, dass reiche Industrielle Zeitungen oder Fernsehsender kaufen. Meist achten sie darauf, dass diese unternehmerfreundlich berichten. Klassische Verleger sind eher selten. Doch Bollorés Interventionen gehen weit darüber hinaus. Meist wiederholt sich dabei ein ähnliches Muster: Der Milliardär übernimmt einen Titel, hievt einen Gefolgsmann an die Spitze und tauscht anschließend die Redaktion aus. Besonders offensichtlich geschah das beim Journal du Dimanche." Und jüngst bei dem Verlag Grasset.
Im FR-Interview sieht der Historiker Ulrich Herbert wenig Sinn in einer Dauerbeschallung mit dem Thema NS-Zeit, beispielsweise durch schlechte Fernsehfilme. Eine differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung hält er aber sehr wohl für wichtig, denn "Kenntnisse über die NS-Zeit sind unentbehrlich für jeden, der über unsere Geschichte spricht und die Gegenwart verstehen will": "Dem Übermaß an medialer Aufmerksamkeit, etwa im TV, wie erwähnt, steht paradoxerweise gegenüber, dass es in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für Holocaustforschung gibt. Und dass es nur noch ganz wenige Geschichtsprofessorinnen und -professoren gibt mit einem Schwerpunkt in der NS-Geschichte. Das war vor 20 Jahren noch ganz anders. Nun hört man ja oft: Die NS-Geschichte sei ja nun erforscht. Das ist insofern skurril, als das, sagen wir, für die Französische Revolution oder Kaiser Augustus in ungleich größerem Maße gelten müsste. Aber keiner käme auf die Idee zu sagen: Schluss mit der Alten Geschichte, die ist genug erforscht. Denn jede Generation stellt ihre eigenen, neuen Fragen an die Vergangenheit. Und das gilt für die NS-Zeit in ganz besonderem Maße."
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