9punkt - Die Debattenrundschau

Sie stellt die schwierigsten Fragen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.04.2026. Die Wahlen in Bulgarien hat der Moskau-freundliche Rumen Radew gewonnen: Ein neuer Orban ist er aber nicht, glauben Tagesspiegel, FAZ und taz. In der NZZ erklärt der ukrainische Schriftsteller Andri Ljubka, warum er jetzt doch in den Krieg zieht. Politico erzählt, wo Donald Trump Wahlkampfhelfer für ausländische Staatschefs spielte. In der SZ erklärt der Kölner Theaterintendant Kay Voges, warum er keine linke Blase bedient, wenn er mit EU-Fördergeldern die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen von Rechtsextremen auf die Bühne bringt. Die taz fragt sich, ob es wirklich hilfreich ist, analoge und digitale Gewalt gleichzusetzen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 finden Sie hier

Europa

Bulgariens künftiger Ministerpräsident Rumen Radew, der am Sonntag die Parlamentswahlen gewonnen hat, gilt als Moskau-freundlich, aber ist er auch Moskau-hörig wie ein Viktor Orbán, fragt sich Maria Kotsev im Tagesspiegel. "Es gebe keine Belege dafür, dass Radew aus Moskau beeinflusst werde, sagt Svetoslav Malinov, Analyst am Thinktank 'Center for the Study of Democracy' in Sofia. 'Auch, wenn Radew Dinge sagt, die ein russischer Agent sagen würde.' Malinov beschreibt Radew als Populisten, der pro-russisch eingestellte Wähler geschickt anspricht. Laut Analysen seines Thinktanks spielten dabei Plattformen wie TikTok und Facebook eine Schlüsselrolle. 'Dutzende Facebook-Seiten, die 'Progressives Bulgarien' unterstützten, wurden für Radews Kampagne umbenannt', sagt Malinov. Einige dieser Seiten hätten zuvor pro-russische Inhalte verbreitet. Auf TikTok erreichten Videos, die Radews Bündnis unterstützten, bis Mitte März über sechs Millionen Aufrufe - mehr als für jede andere Partei. Eine aus Russland gesteuerte Kampagne könne aber nicht nachgewiesen werden."

In der FAZ macht sich Michael Martens wenig Sorgen, Radew könnte der neue Orbán werden - selbst wenn er die absolute Mehrheit gewinnt, wie es derzeit aussieht: "Für eine Blockadepolitik im Sinne Moskaus à la Orbán hätte Radew keine Rückendeckung." Laut Umfragen des bulgarischen Instituts Alpha Research sorgen sich die Bulgaren in erster Linie um ihre Wirtschaft und um die Korruption im Land, so Martens. "Auf die Frage nach Bulgariens bevorzugten strategischen Partnern nannten mehr als 56 Prozent die EU an erster Stelle, gefolgt in weitem Abstand von Russland mit 19,5 Prozent und den USA mit kaum acht Prozent. Für eine Ausrichtung Bulgariens an Russland hätte Radew also keine Mehrheit. Eine andere Frage ist, ob er mit dem Argument, dies werde die Inflation senken, den Import von russischem Öl und Gas propagieren könnte." Das hält auch der Politologe und Publizist Veselin Stojnew für wahrscheinlich, den Barbara Oertel in der taz zitiert: "Der ehemalige Präsident könne nur zu einer 'abgeschwächten Version' Orbáns werden, so Stojnew gegenüber der BBC. Vielmehr müsse man sich auf eine allmähliche geopolitische Neuausrichtung des Landes, eine mögliche Rückkehr zu alten Energieabhängigkeiten und ein konfliktreicheres Verhalten innerhalb der EU einstellen."

In der NZZ legt der ukrainische Schriftsteller Andri Ljubka dar, weshalb er sich jetzt dazu entschieden hat, sich für die ukrainische Armee mobilisieren zu lassen. Er habe das Gefühl gehabt, dies seinem Land und seiner Familie zu schulden: "Man stelle sich vor, man spiele mit seinen Kindern auf einem Spielplatz. Neben einem stehe eine Frau mit ihren Kindern, deren Mann seit vier Jahren an der Front kämpfe. Und man habe Blickkontakt. Solche Situationen waren für mich schwer auszuhalten. Hinzu kam noch etwas anderes. In diesem Jahr wird meine ältere Tochter zur Schule gehen. Sie ist sehr klug und stellt die schwierigsten Fragen. Ich wollte nicht warten, bis sie mich ansieht und fragt: 'Papa, die Väter vieler meiner Klassenkameraden sind im Krieg, warum du nicht?' Ich würde bei dieser Frage, die ich mir selbst seit Jahren stelle, am liebsten im Boden versinken. Ich habe keine Antwort, die nicht wie eine Ausrede klingen würde."
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Politik

Russland und die USA, beides Länder, die sich viel auf ihre Souveränität zu gute halten, haben keine Probleme damit, sich in die Wahlkämpfe anderer Länder einzumischen, schreibt bei Politico Sasha Issenberg, der sich darüber mit Dov Levin unterhalten hat, einem auf das Thema spezialisierten Professor für internationale Beziehungen an der Universität Hongkong. Besonders Donald Trump ist führend in Sachen Wahlkampfhilfe: "In den Jahren seitdem er Boris Johnson im Wahlkampf unterstützt hatte, "hat Trump die explizite Wahlkampfunterstützung für ausländische Staatschefs zu einem festen Bestandteil seines Ansatzes in der Außenpolitik gemacht. Neben Takaichi und Orbán hat Trump auch den Polen Andrzej Duda, den Brasilianer Jair Bolsonaro, den Argentinier Javier Milei und Nasry Asfura aus Honduras unterstützt, mit gemischten Ergebnissen bei den lokalen Wählerschaften. ... Am Tag nach der Wahl in Ungarn berichtete Reuters, dass US-Beamte in Paris kürzlich mit Führungskräften der französischen Partei 'Rassemblement National' zusammengetroffen seien, darunter Jordan Bardella, der voraussichtlich der nächste Präsidentschaftskandidat der Partei sein wird. Der Reuters-Bericht räumte ein, dass die Amerikaner möglicherweise nach einem Kandidaten für die Wahl im nächsten Jahr suchen, dass Bardellas Partei diese Unterstützung aber möglicherweise gar nicht will - oder zumindest lieber geheim halten möchte."
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Kulturpolitik

Die EU fördert derzeit mit einer Million Euro eine Kollaboration europäischer Theater mit investigativen Journalistenplattformen, die das Schauspiel Köln zusammen mit der European Theatre Convention organisiert. Kay Voges, Intendant des Schauspiels Köln, verteidigt im Interview mit der SZ die Förderung gegen Kritik in der FAZ, hier ließen sich Theater "ihre wohlfeile (weil blaseninterne!) Kritik an Rechtsparteien finanzieren" (unser Resümee) und stellt sein Konzept des "faktenbasierten Theaters" vor, unter anderem am Beispiel einer Inszenierung der Correctiv-Recherche des Potsdamer Treffens von Rechtsextremen: "Durch diese Recherche und unsere Aufführung konnte man erfahren, dass AfD-Politiker hinter verschlossenen Türen Massenabschiebungen planen, auch von Bürgern mit deutschem Pass. Da ging es erst einmal um ein besseres Verständnis: Was wollen die wirklich? Das zu zeigen, halte ich absolut für aufklärerisch. Die Aufführung wurde gestreamt, das haben insgesamt etwa 1,5 Millionen Menschen gesehen." Dass hier nur eine linke Blase bedient werde, glaubt er nicht: "Ich habe noch nie so viele BWL-Studenten, Steuerberater, Manager oder Finanzamtsbeamte im Publikum gesehen wie bei dem Abend über 'Aufstieg und Fall des Herrn René Benko'. Die interessieren sich vielleicht nicht unbedingt für Theater, aber der Stoff, das Thema hat sie interessiert."
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Ideen

In der taz fragt sich Christian Rath, ob es wirklich hilfreich ist, analoge und digitale Gewalt gleichzusetzen, wie es viele Aktivisten und Medien, aber auch die SPD-Justizministerin Stefanie Hubig kürzlich tat. Daneben spricht man auch von "psychischer Gewalt" und "verbaler Gewalt". Das deutsche Strafrecht gehe allerdings bei Gewalt immer noch in der Regel von physischer Gewalt aus (weshalb Sitzblockaden beispielsweise nicht als Gewalt gelten): "In dieser diffusen Lage wird es zunehmend schwer, verständlich über Gewalt zu sprechen. Was bedeutet es, wenn gemeldet wird, dass Gewalt in der Schule zunimmt oder in Beziehungen? Wird mehr zugeschlagen und zugestochen oder beruht der Zuwachs auf dem Anfertigen von sexualisierten Bildaufnahmen?" Rath schlägt vor, entweder den Gewaltbegriff entweder immer durch ein Adjektiv zu ergänzen. "Oder - besser - man verzichtet auf die bewusste Undeutlichkeit und spricht nur bei körperlicher Gewalt von 'Gewalt', wie es der Alltagssprache entspricht. Für digitales Unrecht gäbe es genügend andere Worte, die auch nichts unter den Tisch kehren, etwa 'digitale Übergriffe' oder 'digitale Aggressionen'."

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Die Energiewende wird gerade wieder zurückgedreht, um der Zukunft eins auszuwischen, meint die Philosophin Eva von Redecker im Interview mit Zeit Online. "Mit der Zerstörung ist eine Form der Souveränität verbunden. Sie gewährt eine bestimmte Form von Macht und Freiheit: Macht als Verfügungsgewalt eines Quasi-Eigentümers; Freiheit als dessen Willkürspielraum. Indem man Windräder verbietet und stattdessen fossile Brennstoffe fördert, nimmt man gewissermaßen Rache am zukünftigen Leben. Die Zerstörung der planetaren Zukunft ist deshalb auch kein Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird, sondern eine willkommene Machtdemonstration. Wobei letztere auch deshalb so entfesselt wird, weil sie weiß, dass sie auf tönernen Füßen steht." Die einzige Hoffnung der Erneuerbaren könnte paradoxerweise der Iran-Krieg sein. "Es wäre tatsächlich ein Treppenwitz der Geschichte, wenn die Energiewende nun nicht aus ökologischer Vernunft möglich würde, sondern aus kriegsstrategischen Gründen. Oder vielleicht sollte ich in dem Fall sagen 'passieren würde'. Denn zum 'Gelingen' gehört doch eine demokratische Willensbildung und nicht diese Art der Erpressung zum Vernünftigen."
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Medien

In Bayern liegt ein neuer Entwurf des Rundfunkgesetzes vor, das eine "Informationsquote" im linearen Fernsehen von 60 Prozent vorschreibt, konstatiert Claudia Tieschky in der SZ. Was erstmal trocken klingt, könnte sich als erheblicher Eingriff herausstellen. Die Definition für Information lautet im aktuellen Medienstaatsvertrag "'Nachrichten und Zeitgeschehen, politische Information, Wirtschaft, Auslandsberichte, Religiöses, Sport, Regionales, Gesellschaftliches, Service und Zeitgeschichtliches'. Mit anderen Worten: Auch ein Garten- oder Bergsteigermagazin lässt sich notfalls als Information etikettieren. Künftig wäre das aber keine BR-interne Angelegenheit mehr, sondern am Ende Einschätzung der Staatsregierung. Aus ARD-Kreisen hört man, falls die Bayern-Idee in anderen Bundesländern aufgegriffen würde, müsste man sich klarmachen, was eine AfD-Regierung aus der Infoquote machen würde."
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Kulturmarkt

Der Eklat um den Pariser Verlag Grasset, dessen Verleger Olivier Nora vom rechtsextremen Besitzer Vincent Bolloré gefeuert wurde, zieht weitere Kreise. 300 Autoren fordern nun eine "Gewissensklausel", die es Autoren ermöglicht, leichter aus ihren Verträgen herauszukommen, wenn ein Verlag politisch die Richtung wechselt. AFP zitiert, hier im Parisien aus dem, Papier: "Der Konzern, zu dem Hachette und Grasset gehören, bildet nun ein einheitliches Geflecht aus Medien, Verlagen und Plattformen, dessen ideologische Ausrichtung in der öffentlichen Debatte deutlich erkennbar ist. Diese bewusste Entwicklung findet weder im Arbeitsrecht noch im Urheberrecht ihren Niederschlag."
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