9punkt - Die Debattenrundschau

Wie Schlachtvieh

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2026. Donald Trump hat mit seinen Drohungen gegen den Iran jede Grenze überschritten, meint die SZ unter Berufung auf den Historiker Timothy Snyder. Auch innenpolitisch scheint ihm der Krieg geschadet zu haben: MAGA liegt im Sterben, zitiert die FAZ die New York Times. In der taz erzählt der Rapper Behrad Ali Konari von dem Psychoterror, dem er in iranischen Gefängnissen ausgeliefert war. Die Zeit erinnert an das "größte Kriegsverbrechen der Gegenwart": die Abschlachtung der Bewohner der sudanesischen Stadt Al-Faschir. Ebenfalls in der Zeit ermuntert Aleida Assmann die Leser, eine neue Suchmaschine für die NSDAP-Mitglieder-Kartei zu nutzen, um die eigene Familiengeschichte in der NS-Zeit zu erkunden.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2026 finden Sie hier

Politik

Wie hätte man Trumps Drohungen gegenüber dem Iran einschätzen sollen, jetzt, wo es scheinbar wieder vorbei ist, fragt sich Charlotte Walser in der SZ. "Der Faschismusforscher Timothy Snyder schrieb ein paar Stunden vor Ablauf des Ultimatums: 'Wie jeder Historiker, der sich mit Gräueltaten befasst, weiß, gibt es so etwas wie 'bloß Worte' nicht.' Der Gedanke, eine ganze Zivilisation auszulöschen, bleibe bestehen, sobald er einmal ausgesprochen sei. Der US-Präsident habe die Welt bereits zum Schlechten verändert. 'Wenn wir nichts zu diesem Grauen sagen, lassen wir zu, dass es uns verändert.'"

Innenpolitisch scheint der Irankrieg Donald Trump geschadet zu haben: In der FAZ verzeichnet Nina Rehfeld seit dem Beginn des Krieges Absetzbewegungen von Donald Trump im MAGA-Lager: "Der konservative Denker Christopher Caldwell mutmaßt, dass 'das Ende des Trumpismus' anstehen könnte. Der Krieg habe das Projekt MAGA untergraben, das meinte, es habe die 'Bürokratenklasse' entmachtet und die Demokratie zurückerobert. Das Vertrauen in einen selbst erklärten Volkspräsidenten, der den Wählerwillen mit 'untadeligem Charakter und Respekt vor der Verfassung' durchsetzt, versiege angesichts eines Krieges, in dem 'keines von beidem wirksam ist'. 'Wo ist der Trump, den MAGA gewählt hat?', fragt das Onlineblatt The Hill, die New York Times zitiert eine republikanische Strategin mit der Einschätzung, 'MAGA liegt im Sterben'."

In der Zeit erzählen iranische Ärzte von ihrer Arbeit als "Patriotic Doctors of Iran", ein Netzwerk von etwa 100 iranischen Ärzten weltweit, "an die Patienten sich anonym wenden können, etwa über Telegram. Dazu muss man wissen: Iranische Krankenhäuser gehören für Oppositionelle zu den gefährlichsten Orten. Seit Beginn der jüngsten Proteste wurden Verletzte auf Klinikfluren hingerichtet, und das medizinische Personal, das ihnen geholfen hatte, wurde direkt verhaftet. Wir Ärzte im Ausland arbeiten eng mit Kollegen im Iran zusammen, denen wir vertrauen. Meist geht es um Schusswunden: Wenn etwa eine Kugel in der Rückenmuskulatur festsitzt, sagen wir, ob die rausmuss - und wie man sich allein zu Hause hilft. Seit Kriegsausbruch haben wir weniger Patienten, weil kaum Widerständler auf der Straße sind, mit Kriegswunden hat man in den Kliniken nichts zu befürchten. Doch die Regierung nutzt den Krieg, um immer brutaler gegen die Bevölkerung vorzugehen: Es wird gefoltert, vergewaltigt, erschossen. Inhaftierte Demonstranten, auch Minderjährige, werden massenhaft hingerichtet'", schreibt beispielsweise Siroos Mirzaei, ein in Wien lebender Nuklearmediziner und Experte für Folterdiagnostik.

"Rapper sind seit langem ein aktiver Teil der iranischen Protestbewegung", sagt Behrad Ali Konari im taz-Gespräch. Vor kurzem konnte er seine Heimat verlassen, nachdem er wegen seiner regimekritischen Tracks mehr als zwei Jahre in Haft saß. Dort sah er auch, wie seine Freunde ermordet wurden: "Man zwang mich immer wieder, ihre Leichen anzusehen. Sie sollten ein falsches Geständnis unterschreiben, haben sich aber bis zuletzt standhaft geweigert. Ihre Furchtlosigkeit bewundere ich. Auch ich war in der Haft Psychoterror ausgesetzt. ... Bei den Verhören, zu denen man mich zerrte, war es Standard, dass man mich und die anderen Häftlinge auf den Boden zwang, Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Füße waren in Ketten gelegt und dann zogen sie uns die Decke hoch, wie Schlachtvieh. Nur unser Gesicht hatte noch Kontakt zum Boden."

Zwei Tage vor dem Angriff der USA und Israel auf den Iran brach zwischen Afghanistan und Pakistan ein Krieg aus, der seitdem in den Hintergrund geraten ist, schreibt die Islamwissenschaftlerin Almut Wieland-Karimi in der NZZ. "Vor allem für Afghanistan wächst die Gefahr, wiederum zu einem Austragungsort eines Stellvertreterkriegs zwischen den 'großen drei' zu werden: China, Russland und den Vereinigten Staaten. Die ersten beiden wünschen sich Ruhe und Stabilität in ihrer Nachbarschaft, um nicht zuletzt bei der Ausbeutung afghanischer Ressourcen und der Nutzung von verbindender Infrastruktur voranzukommen. Bei den USA ist die Interessenlage zumindest unklar, wenn nicht unberechenbar."

Neben dem Ukrainekrieg und dem Irankrieg ist der Bürgerkrieg im Sudan fast völlig aus der Berichterstattung verschwunden, obwohl dort die schlimmsten Kriegsverbrechen stattgefunden haben. Im Dossier der Zeit erinnern Wolfgang Bauer und Johanna-Maria Fritz an das Massaker in der Stadt Al-Faschir, die im Oktober 2025 "zum Schauplatz des größten Kriegsverbrechens der Gegenwart" wurde, so die beiden Reporter. "Anderthalb Millionen Menschen haben hier vor zwei Jahren gelebt. Jetzt sollen es noch 27.000 sein. ... Im Vielvölkerstaat Sudan passierte das Schlimmste: Ethnie begann gegen Ethnie zu kämpfen, Stamm gegen Stamm, Hautfarbe gegen Hautfarbe. Hell gegen Dunkel. ... Was diesen Konflikt besonders blutig macht: Es geht nicht um Geld allein, es geht auch um die Verteilung von Land, um Lebensraum. Die Reste der regulären sudanesischen Armee kämpfen gegen die Rapid Support Forces (RSF), geführt von Mohammed Hamdan Daglo, bekannt als Hemedti. Die RSF sind ein Zusammenschluss von Kämpfern Dutzender arabischer Darfur-Milizen, die angetrieben werden vom Hass auf Angehörige nichtarabischer Völker, der Zaghawa, der Fur, der Masalit, und von der Aussicht auf reiche Beute. Dieser Konflikt scheint so fremd zu sein, so weit weg, und doch hat er sehr viel mit Europa und den USA zu tun. Denn es geht auch um deutsche Arbeitsplätze, deren Erhalt Politiker ihren Wählern versprochen haben, ohne sich zu fragen, zu welchem Preis."
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Europa

Viktor Orbáns Fidesz-Partei versucht den Wahlkampf für die anstehenden Präsidentschaftswahlen am 12. April auf den letzten Metern zu gewinnen, indem sie die Kriegsangst schürt, berichtet in der FAZ Florian Mühlfried, Professor für Sozialanthropologie an der Ilia State University in Tiflis. Überall sehe man mit KI erstellte Videos, die ungarische Väter im Ukrainekrieg zeigten, wohin die EU sie geschickt haben soll. Mit genau dieser Strategie hat die Partei Georgischer Traum in Georgien die Wahlen gewonnen, so Mühlfried: Sie spielte mit den Kriegsängsten der Georgier, die eine Invasion Russlands befürchteten, und "positionierte sich als einzige politische Kraft, die in der Lage sei, einen solchen Krieg zu verhindern. Auch hier hieß es: Wählt ihr uns, bekommt ihr Frieden; wählt ihr die anderen, gibt es Krieg. Der Georgische Traum konnte die Parlamentswahlen am 26. Oktober 2024 tatsächlich für sich verbuchen, allerdings nur durch Wahlfälschungen und Einschüchterungen, sodass von einem echten Gewinn der Wahl keine Rede sein kann. Allerdings war der Anteil der Wähler des Georgischen Traums auch nicht unbeträchtlich; Schätzungen sehen diesen bei 40 bis 45 Prozent. Die Motivation 'Hauptsache, keinen Krieg' spielte für viele von ihnen eine entscheidende Rolle."

Dass Orbán-Herausforderer Péter Magyar die Wahlen in Ungarn gewinnt, obwohl er in den Umfragen vorne liegt, ist noch nicht ausgemacht, berichtet auch Bernadette Conrad in der taz. Nicht nur der Wahlkampf sei unfair, sondern das ganze, auf Fidesz zugeschnittene Wahlsystem: "Zsuzsanna Szelényi, Professorin der unabhängigen Central European University, zweifelt gar daran, in ihren Augen wäre eine Zweidrittelmehrheit ein Wunder. Dies ist aber der einzige Weg zum Regimewechsel. Gleichwohl habe man es nicht mit einer normalen Wahl zu tun, denn Orbán, Fidesz und deren Anhängerschaft lehnen alles ab, was Demokratie ausmacht: Gewaltenteilung. Zu dieser Logik gehört das Wahlgesetz, das zugunsten von Fidesz designt wurde: Fidesz würde mit 45 Prozent der Stimmen gewinnen, während Tisza erst ab 55 Prozent die einfache Mehrheit hätte. Im Falle der einfachen Mehrheit bliebe ein Löwenanteil der Macht beim Fidesz: Medienaufsicht, Rechnungshof, Verfassungsgericht, Staatspräsident - alle diese Ämter sind durch die Zweidrittelmehrheit zementiert."

Ein Heilsbringer ist Péter Magyar vielleicht nicht gerade, meint Ulrich Ladurner, der in der Zeit auch auf die problematischen Seiten des Orbán-Herausforderers eingeht, aber besser als Orbán ist er allemal: Magyar "steht für konservative Werte. Er vermeidet konfliktbeladene, kulturkämpferische Themen" wie LGBTQ-Rechte, den Ukrainekrieg oder die EU. "Auch beim Thema Migration wird er nicht viel anders machen als Orbán, dessen harte Migrationspolitik populär ist. 'Wir wollen', sagt einer von Magyars engsten Mitarbeitern, 'eine bessere Fidesz sein. Eine Fidesz ohne Korruption!' Das klingt beiläufig, ist aber von fundamentaler Bedeutung. Wenn Magyar als Regierungschef damit ernst machte, würde er einen Systemwechsel einleiten. Denn die Aushöhlung des Rechtsstaates durch Orbán hat Ungarn zu einer Kleptokratie gemacht. Das ist einer der Hauptgründe für die Konflikte mit der EU. Ein gegen die Korruption kämpfender Magyar würde Ungarn wieder näher an die EU heranführen - die ja im Kern eine Rechtsgemeinschaft ist."
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Gesellschaft

Die Zeit hat eine Suchmaschine für die NSDAP-Mitglieder-Kartei veröffentlicht. Im Zeit-Interview mit Maximilian Probst spricht die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann darüber, was diese neue Möglichkeit, die eigene Familiengeschichte zu recherchieren, für die Erinnerungskultur bedeutet. "Ich glaube, wir haben es mit einem neuen Kapitel in der Erinnerungsgeschichte zu tun. Bislang gab es eigentlich nur noch eine zentrale Frage in dieser Erinnerungsgeschichte, und die war in die Zukunft gerichtet: Wie werden wir die Erinnerung an den Holocaust sichern, wenn es keine Zeugen mehr gibt? Jetzt tut sich plötzlich ein Fenster in die Vergangenheit auf, das uns zwingt, anders auf diese Geschichte zurückzublicken. (...) Die NSDAP-Akten erinnern uns daran, dass wir Deutsche von uns selbst befreit werden mussten. Daraus kann zweitens mehr Dankbarkeit gegenüber den Alliierten und den europäischen Partnern wachsen, weil sie uns so tatkräftig beim Aufbau unserer Demokratie unterstützt haben. Und drittens kann sich nun jeder selbst informieren und die Familienerzählungen hinterfragen, anstatt sich auf wohlfeile Gewissheiten zu verlassen."

Es gälte wohl als antisemitisch, würde man jüdische MeToo-Täter zum Anlass nehmen, Juden allgemein eine besondere Affinität zum sexuellen Missbrauch zu unterstellen, oder als muslimfeindlich, würde nach muslimischen Terroranschlägen Muslimen allgemein eine Neigung zum terroristischen Fundamentalismus unterstellt werden. Bei Männern scheint ein solches Verallgemeinerungsverbot allerdings nicht zu gelten, wundert sich Nele Pollatschek nach dem Ulmen-Skandal in der Zeit. "In großen Zeitungen bezichtigten sich männliche Journalisten selbst, teilten ihren Schmerz und ihre Scham für etwas, das sie (soweit ich weiß) nicht getan haben. (...) Überall sieht man sie, die Medienmänner, die sich schämen. Das Zweite, was passiert ist, war, dass Menschen, die das obige Gruppencharakteristikum nicht teilen, erklärten, dass das alles einfach nicht ausreiche. Dass Frauen sich womöglich komplett von Männern fernhalten sollten. Was Mitglieder dieser Gruppe tun können, um sich von der Kollektivschuld zu befreien, bleibt vage, mitunter entsteht der Eindruck: gar nichts."
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