9punkt - Die Debattenrundschau
Ein Schiff ohne Kapitän
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.01.2026. Die Zeit stellt 29 Intellektuellen die Frage, ob Europa mit den USA brechen sollte. Der Historiker Karl Schlögel erklärt ebenfalls in der Zeit, warum Trump so interessiert an Grönland ist: Die Nord-Ost-Passage in der Arktis, die durch den Klimawandel freigelegt wird, ist die neue Seidenstraße. In der FAZ stellt der Historiker Bodo Mrozek die megalomanischen Geheimprojekte der US-Armee während des Kalten Krieges in Grönland vor. Minderheiten leben unter der neuen syrischen Regierung in ständiger Angst, erklärt Ahmad Mansour in der Welt.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
29.01.2026
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Politik
Die Zeit lässt heute im Feuilleton 29 Intellektuelle zu Wort kommen, die sich mit der Frage auseinandersetzen, ob man mit den USA brechen sollte. Hier eine kleine Auswahl der Positionen:
Der Politikwissenschaftler Yasha Mounk meint: Wir haben gar keine andere Wahl als weiter mit den USA zusammenzuarbeiten: "Bei aller verständlichen Wut, die Europäer etwa wegen Trumps Flirt mit dem Kreml empfinden, sind es nach wie vor amerikanische Waffen und Geheimdienstberichte, dank derer die Ukraine sich verteidigen kann. Und welchen Verfechtern europäischer Werte sollten wir uns annähern, wenn wir beschlössen, einen klaren Schnitt mit Uncle Sam zu machen: Narendra Modi in Delhi? Xi Jinping in Peking? Wladimir Putin in Russland?"
"Amerika abzuschreiben, wäre töricht", meint der Historiker Heinrich August Winkler und hofft auf die Zwischenwahlen: "Trump ist nicht Amerika, auch seine Maga-Bewegung nicht. Es gibt, anders als im Deutschland der frühen 1930er, in den USA viele Verfassungspatrioten, die die Gründungswerte von 1776 verteidigen. Trump hat die amerikanische Demokratie in eine tiefe Krise gestürzt. Die Opposition auszuschalten, wird ihm nicht gelingen." Ähnlich sieht es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der allerdings anmerkt, dass Trump auch nach dem Ende seiner Karriere ein "machtvolles kulturelles Erbe" in den USA hinterlassen wird: "Es ist möglich, Institutionen mit Gesetzen und politischen Maßnahmen wiederaufzubauen. Sehr viel schwieriger wird es aber sein, eine Ordnung wiederherzustellen, in der Amtsträger verstehen, dass sie dem Gemeinwohl dienen."
"Zwischen Russland, das seine Macht durch militärische Gewalt demonstriert, und den USA, die in Richtung einer Monokratie zu driften scheinen, muss Europa wie ein Schiff navigieren, das keinen Kapitän hat", meint die Philosophin Oxana Timofeeva. Dabei ist seine größte Stärke seine kulturelle Diversität und Freiheitlichkeit. Diese sollte man nicht aufs Spiel setzen: "Militarisierung, geschlossene Grenzen, eine starke Antimigrationspolitik und Menschenrechtsbeschränkungen sind nicht Zeichen von Macht, sondern von Angst. Die echten Waffen, die das Schiff Europa an Bord hat, sind Intelligenz, Diplomatie und sogar eine Art politische List, die es Europa ermöglichen werden, offen zu bleiben."
In den USA werden durch die Trump-Regierung wie in anderen totalitären Staaten systematisch die Bedeutung von Begriffen wie "Strafverfolgung" verschoben, konstatiert der Historiker Timothy Snyder in der SZ. "Öffentliche Hinrichtungen durch Trumps Schlägertrupps" sind keine "Strafverfolgung", sondern "Staatsterror" und sollten auch genau so benannt werden, so Snyder. "In diesem Sinne sind diejenigen, die aktiv lügen, mitschuldig an den Tötungen in Minnesota und an allen weiteren, die noch kommen werden. Aber auch Menschen in den Medien, die Propaganda wie eine Nachricht behandeln, die von Lügen statt von Ereignissen ausgehen, sind mitschuldig. Die Grenze ist der Riss, die Lügen sind der Keil, und die Menschen, die diese Lügen akzeptieren, öffnen diesen Riss noch weiter. Worte haben Bedeutung, egal ob sie zum ersten Mal ausgesprochen oder wiederholt werden. Sie schaffen eine Atmosphäre, sie normalisieren - oder auch nicht. Wir müssen uns dafür entscheiden, hinzuschauen, die Dinge beim Namen zu nennen und Menschen, die lügen, zu verurteilen."
Donald Trump hat sich hinsichtlich seiner Annexions-Pläne von Grönland erstmal beruhigt, aber das geopolitische Interesse wird bleiben, erklärt der Historiker Karl Schlögel im Zeit-Interview. Erstens, weil Grönland für Trumps Raketenabwehrsystem Golden Dome unabdingbar ist, es gibt aber einen zweiten Grund: "Es geht um die Öffnung der Nord-Ost-Passage in der Arktis. Weil sie durch die Erwärmung des Polarmeeres eisfrei wird und damit einen ganz neuen Seeweg eröffnet. Nicht mehr mühsam über den Sueskanal und Singapur, sondern obenherum, durchs Eis, kürzer und preisgünstiger. Russland und China sind an dieser 'Seidenstraße' seit Langem interessiert."
In Syrien hat sich unter der Herrschaft der islamistischen Zentralregierung wenig verändert, konstatiert Ahmad Mansour in der Welt. Für den Westen erscheint die Regierung als zuverlässig, für die Minderheiten in Syrien, vor allem für die Kurden im Moment, bleibt sie eine ständige Bedrohung. "Syrien befindet sich nicht 'in einer schwierigen Übergangsphase'. Es steckt mitten in der Logik der alten, strukturellen Gewalt, die im Nahen Osten oft endemisch ist. Wird die eine Macht schwach, kommt die nächste und kopiert deren Brutalität, um Kontrolle zu demonstrieren. An Minderheiten wird diese Logik stellvertretend ausagiert: So rächen wir uns an unseren Gegnern!" Es sollte endlich der Traum von einem Zentralstaat aufgegeben werden, den sich vor allem der Westen wünscht. "Die Antwort kann in einer föderalen, ethnisch und religiös abgesicherten Neuordnung Syriens liegen - einer Art Vier-Staaten-Lösung innerhalb eines losen Rahmens: Autonomiegebiete für Alawiten, Drusen, Kurden und Sunniten. Nicht, weil Trennung ideal wäre, sondern weil mit erzwungener Einheit derzeit erneut die Vorstufe zu einer nächsten 'Säuberung' droht."
Der Politikwissenschaftler Yasha Mounk meint: Wir haben gar keine andere Wahl als weiter mit den USA zusammenzuarbeiten: "Bei aller verständlichen Wut, die Europäer etwa wegen Trumps Flirt mit dem Kreml empfinden, sind es nach wie vor amerikanische Waffen und Geheimdienstberichte, dank derer die Ukraine sich verteidigen kann. Und welchen Verfechtern europäischer Werte sollten wir uns annähern, wenn wir beschlössen, einen klaren Schnitt mit Uncle Sam zu machen: Narendra Modi in Delhi? Xi Jinping in Peking? Wladimir Putin in Russland?"
"Amerika abzuschreiben, wäre töricht", meint der Historiker Heinrich August Winkler und hofft auf die Zwischenwahlen: "Trump ist nicht Amerika, auch seine Maga-Bewegung nicht. Es gibt, anders als im Deutschland der frühen 1930er, in den USA viele Verfassungspatrioten, die die Gründungswerte von 1776 verteidigen. Trump hat die amerikanische Demokratie in eine tiefe Krise gestürzt. Die Opposition auszuschalten, wird ihm nicht gelingen." Ähnlich sieht es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der allerdings anmerkt, dass Trump auch nach dem Ende seiner Karriere ein "machtvolles kulturelles Erbe" in den USA hinterlassen wird: "Es ist möglich, Institutionen mit Gesetzen und politischen Maßnahmen wiederaufzubauen. Sehr viel schwieriger wird es aber sein, eine Ordnung wiederherzustellen, in der Amtsträger verstehen, dass sie dem Gemeinwohl dienen."
"Zwischen Russland, das seine Macht durch militärische Gewalt demonstriert, und den USA, die in Richtung einer Monokratie zu driften scheinen, muss Europa wie ein Schiff navigieren, das keinen Kapitän hat", meint die Philosophin Oxana Timofeeva. Dabei ist seine größte Stärke seine kulturelle Diversität und Freiheitlichkeit. Diese sollte man nicht aufs Spiel setzen: "Militarisierung, geschlossene Grenzen, eine starke Antimigrationspolitik und Menschenrechtsbeschränkungen sind nicht Zeichen von Macht, sondern von Angst. Die echten Waffen, die das Schiff Europa an Bord hat, sind Intelligenz, Diplomatie und sogar eine Art politische List, die es Europa ermöglichen werden, offen zu bleiben."
In den USA werden durch die Trump-Regierung wie in anderen totalitären Staaten systematisch die Bedeutung von Begriffen wie "Strafverfolgung" verschoben, konstatiert der Historiker Timothy Snyder in der SZ. "Öffentliche Hinrichtungen durch Trumps Schlägertrupps" sind keine "Strafverfolgung", sondern "Staatsterror" und sollten auch genau so benannt werden, so Snyder. "In diesem Sinne sind diejenigen, die aktiv lügen, mitschuldig an den Tötungen in Minnesota und an allen weiteren, die noch kommen werden. Aber auch Menschen in den Medien, die Propaganda wie eine Nachricht behandeln, die von Lügen statt von Ereignissen ausgehen, sind mitschuldig. Die Grenze ist der Riss, die Lügen sind der Keil, und die Menschen, die diese Lügen akzeptieren, öffnen diesen Riss noch weiter. Worte haben Bedeutung, egal ob sie zum ersten Mal ausgesprochen oder wiederholt werden. Sie schaffen eine Atmosphäre, sie normalisieren - oder auch nicht. Wir müssen uns dafür entscheiden, hinzuschauen, die Dinge beim Namen zu nennen und Menschen, die lügen, zu verurteilen."
Donald Trump hat sich hinsichtlich seiner Annexions-Pläne von Grönland erstmal beruhigt, aber das geopolitische Interesse wird bleiben, erklärt der Historiker Karl Schlögel im Zeit-Interview. Erstens, weil Grönland für Trumps Raketenabwehrsystem Golden Dome unabdingbar ist, es gibt aber einen zweiten Grund: "Es geht um die Öffnung der Nord-Ost-Passage in der Arktis. Weil sie durch die Erwärmung des Polarmeeres eisfrei wird und damit einen ganz neuen Seeweg eröffnet. Nicht mehr mühsam über den Sueskanal und Singapur, sondern obenherum, durchs Eis, kürzer und preisgünstiger. Russland und China sind an dieser 'Seidenstraße' seit Langem interessiert."
In Syrien hat sich unter der Herrschaft der islamistischen Zentralregierung wenig verändert, konstatiert Ahmad Mansour in der Welt. Für den Westen erscheint die Regierung als zuverlässig, für die Minderheiten in Syrien, vor allem für die Kurden im Moment, bleibt sie eine ständige Bedrohung. "Syrien befindet sich nicht 'in einer schwierigen Übergangsphase'. Es steckt mitten in der Logik der alten, strukturellen Gewalt, die im Nahen Osten oft endemisch ist. Wird die eine Macht schwach, kommt die nächste und kopiert deren Brutalität, um Kontrolle zu demonstrieren. An Minderheiten wird diese Logik stellvertretend ausagiert: So rächen wir uns an unseren Gegnern!" Es sollte endlich der Traum von einem Zentralstaat aufgegeben werden, den sich vor allem der Westen wünscht. "Die Antwort kann in einer föderalen, ethnisch und religiös abgesicherten Neuordnung Syriens liegen - einer Art Vier-Staaten-Lösung innerhalb eines losen Rahmens: Autonomiegebiete für Alawiten, Drusen, Kurden und Sunniten. Nicht, weil Trennung ideal wäre, sondern weil mit erzwungener Einheit derzeit erneut die Vorstufe zu einer nächsten 'Säuberung' droht."
Europa
Die Musikerin Maria Kalesnikava war fünf Jahre lang in belarussischer Haft bis sie durch einen Gefangenenaustausch freikam. Im Zeit-Interview mit Alice Bota und Michael Thumann erzählt sie, was ihr während dieser Zeit Kraft gab, auch als sie drei Jahre lang in Einzelhaft keine Sonne gesehen hat: Musik, Literatur, ihre Familie und ihr eigener unerschütterlicher Humor hätten sie gerettet. Was könnten die Europäer tun, um Lukaschenko zu schwächen? Sanktionen sind nicht der richtige Weg, meint Kalesnikava: "Je mehr Belarus jetzt selbstständig Beziehungen zu westlichen Ländern aufbaut, desto schneller entfernt es sich von Russland. (...) In Belarus leben Menschen, die Europäer sind. Belarus war einmal führend bei der Vergabe von Schengen-Visa. Die Belarussen identifizieren sich mit der EU und der europäischen Mentalität. Sehr viele von ihnen sind innerlich isoliert von der Welt, zu der sie gehören. Sie können nicht normal in die EU reisen. Das liegt an den Sanktionen. Diese Menschen müssen sich fast zwangsläufig Russland zuwenden. Das ist sehr gefährlich."
Außerdem: Die Welt druckt (zuerst erschien es bei Le Figaro) ein Interview mit dem französischen Schriftsteller Emmanuel Carrère, der den Film "Der Magier im Kreml", basierend auf der Buchvorlage von Giuliano da Empoli, mit Olivier Assayas realisiert hat.
Außerdem: Die Welt druckt (zuerst erschien es bei Le Figaro) ein Interview mit dem französischen Schriftsteller Emmanuel Carrère, der den Film "Der Magier im Kreml", basierend auf der Buchvorlage von Giuliano da Empoli, mit Olivier Assayas realisiert hat.
Gesellschaft
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, erklärte vor Kurzem, dass viele Jüdinnen und Juden unter eine AfD-Regierung erwägen würden, auszuwandern, schreibt Richard C. Schneider in der NZZ. So wird die AfD nicht direkt den Rechtsstaat abschaffen (können), doch durch die schrittweise Verschiebung und den Abbau von Minderheitenrechten für ein immer gefährlicheres Umfeld sorgen. "Die Verunsicherung entsteht genau in diesem Dazwischen. Die AfD könnte regieren und scheitern. Sie könnte sich entzaubern, an Koalitionen, Gerichten und Verwaltung zerschellen. Objektiv betrachtet könnte 'nichts passieren'. Man könnte, scheinbar, aufatmen. Und doch wäre selbst dieses Nichts nicht nichts. Denn Macht wirkt auch symbolisch. Sie verändert den Ton. Sie entscheidet darüber, wer sich ermutigt fühlt, lauter zu werden. Und wer beginnt, sich zurückzunehmen. Antisemitismus braucht keine neuen Gesetze."
Geschichte
Der Historiker Ralf Zerback zeichnet in einem sehr lesenswerten Artikel in der der Zeit die heute wenig bekannte Geschichte des Arabischen Aufstands von 1936 bis 1939 nach, der als ein Ausgangspunkt für den bis heute ungelösten jüdisch-arabischen Konflikt gelten kann. Zerback zeigt, wie die britische und französische Kolonialmacht daran scheiterte, eine friedliche Lösung zwischen den Arabern, die seit dem 7. Jahrhundert das Land bewohnten und den Juden, die vor dem Antisemitismus in Europa flohen, zu unterstützen. Es ist vor allem die "Landfrage", die die Situation letzendlich eskalieren lässt: "Zu ersten Massenausschreitungen kommt es am 19. April 1936 in Jaffa. Arabische Männer demolieren jüdische Läden, Fensterscheiben klirren, Flammen fressen sich durch die Holztore. Britische Polizisten schießen Warnsalven in die Luft, doch die Menge tobt weiter. (...) Die Araber proben den Generalstreik - gegen die britische Herrschaft, gegen die jüdische Zuwanderung, gegen den Verlust des eigenen Landes. Händler schließen ihre Läden, Bauern lassen die Felder brach liegen, ganze Dörfer verweigern die Steuerzahlung. Die Briten antworten mit Razzien und Ausgangssperren. Jüdische Siedler errichten Wachtürme und legen Stacheldraht. Drei Jahre lang flackert das Land zwischen Hoffnung und Hass. Als der Aufstand 1939 in Erschöpfung endet, ist nichts mehr wie zuvor. Man zählt fast 6.000 Tote."
Nachzutragen bleibt ein Vorschlag von Welt-Autor Henryk Broder zum Holocaust-Gedenktag, der zwar nicht aufgegriffen wurde, der aber, wie zu fürchten steht, auch im nächsten Jahr noch beherzigt werden kann: "Wohl wissend, dass es nicht darauf ankommt, was ich mir wünsche, möchte ich vorschlagen, dass der diesjährige Gedenktag den Leiden der Ukrainer gewidmet wird; dass ein Überlebender des Massakers von Butscha die Festrede im Bundestag hält, dass alle öffentlichen Gebäude und Denkmale, vom Holstentor in Lübeck über das Brandenburger Tor in Berlin bis zum Siegestor in München, blau-gelb beleuchtet werden, dass um 12 Uhr mittags alle Alarmsysteme angehen, alle Autos anhalten und alle Fußgänger stehen bleiben - für eine Minute des Gedenkens."
"Geostrategische Begehrlichkeiten" der USA Grönland gegenüber gab es schon lange: Der Historiker Bodo Mrozek stellt in der FAZ zwei historische Geheimprojekte der amerikanischen Armee zu Beginn der Sechziger Jahre vor, die ziemlich nach Science-Fiction klingen: "Unter dem Codenamen Iceworm plante die US-Armee auf Grönland ein System aus überdachten Gräben, die sich über ein Gebiet von 52.000 Quadratmeilen ziehen sollten. Unter dem Eis sollten um die 11.000 Truppen einquartiert und 60 gepanzerte Abschusszentren installiert werden, samt Spezialflugzeugen und Landebahnen. In den Eistunneln wollte man Atomraketen situativ zu verschiedenen Abschusspunkten transportieren, um so zu einer Gesamtreichweite von 80 Prozent aller möglichen Ziele in Europa und der UdSSR zu gelangen." Allerdings stellte der "Betrieb bei 24 Grad minus, vor allem aber die mangelnde Stabilität Tausende meilenlanger Tunnel unter Druck und Spannung der beweglichen Eismassen ein unüberwindliches Risiko dar, sodass US-Verteidigungsminister Robert McNamara das Projekt 1963 stillschweigend wieder auf Eis legte."
Nachzutragen bleibt ein Vorschlag von Welt-Autor Henryk Broder zum Holocaust-Gedenktag, der zwar nicht aufgegriffen wurde, der aber, wie zu fürchten steht, auch im nächsten Jahr noch beherzigt werden kann: "Wohl wissend, dass es nicht darauf ankommt, was ich mir wünsche, möchte ich vorschlagen, dass der diesjährige Gedenktag den Leiden der Ukrainer gewidmet wird; dass ein Überlebender des Massakers von Butscha die Festrede im Bundestag hält, dass alle öffentlichen Gebäude und Denkmale, vom Holstentor in Lübeck über das Brandenburger Tor in Berlin bis zum Siegestor in München, blau-gelb beleuchtet werden, dass um 12 Uhr mittags alle Alarmsysteme angehen, alle Autos anhalten und alle Fußgänger stehen bleiben - für eine Minute des Gedenkens."
"Geostrategische Begehrlichkeiten" der USA Grönland gegenüber gab es schon lange: Der Historiker Bodo Mrozek stellt in der FAZ zwei historische Geheimprojekte der amerikanischen Armee zu Beginn der Sechziger Jahre vor, die ziemlich nach Science-Fiction klingen: "Unter dem Codenamen Iceworm plante die US-Armee auf Grönland ein System aus überdachten Gräben, die sich über ein Gebiet von 52.000 Quadratmeilen ziehen sollten. Unter dem Eis sollten um die 11.000 Truppen einquartiert und 60 gepanzerte Abschusszentren installiert werden, samt Spezialflugzeugen und Landebahnen. In den Eistunneln wollte man Atomraketen situativ zu verschiedenen Abschusspunkten transportieren, um so zu einer Gesamtreichweite von 80 Prozent aller möglichen Ziele in Europa und der UdSSR zu gelangen." Allerdings stellte der "Betrieb bei 24 Grad minus, vor allem aber die mangelnde Stabilität Tausende meilenlanger Tunnel unter Druck und Spannung der beweglichen Eismassen ein unüberwindliches Risiko dar, sodass US-Verteidigungsminister Robert McNamara das Projekt 1963 stillschweigend wieder auf Eis legte."
Kulturmarkt
Nach 21 Jahren tritt der Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boos ab und macht Platz für Joachim Kaufmann, der vom Hamburger Carlsen-Verlag kommt. Andreas Platthaus skizziert im Leitartikel der FAZ, was sich unter einem neuen Direktor alles ändern wird und sollte. Die Hallenbelegung wird beispielsweise geändert: "Publikumsträchtige Verlage sollen in die Erdgeschosse, um Besucherströme besser lenken zu können. Die Folge: Angestammte Plätze gehen verloren, eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Nicht beseitigt wurde das unzeitgemäße Fachbesucherprivileg. Viel leichter wären Massen zu bewältigen, wenn sie sich auf alle fünf Tage verteilten. Aber dann könnte man nicht mehr sündteure Eintrittspreise vom Fachpublikum verlangen - das aber ohnehin spärlicher kommt. Kaufmann will stattdessen für normale Besucher abseits des Messegeländes mehr Literaturevents bieten - obwohl Frankfurt dieses Erfolgsrezept der Konkurrenz in Leipzig bereits kräftig kopiert hat."
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