9punkt - Die Debattenrundschau
Vereinigung der Kämpfe
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2026. Die FAZ zieht eine Bilanz des Schreckens im Iran: Ayatollah Khamenei setzte auch irakische Söldner ein, um die eigene Bevölkerung abzuschlachten. Die SZ wirft einen Blick auf die gespaltene Exil-Opposition des Iran. Die taz beschreibt das gefährliche Leben von Oppositionsführern in Afrika. Die Times of Israel porträtiert die französische Journalistin Nora Bussigny, die undercover in der linksextremen Szene Frankreichs recherchierte. Die SZ bereitet sich mit den Polen auf Krieg vor.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
19.01.2026
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Politik
Friederike Böge zieht in der FAZ eine Bilanz des iranischen Schreckens der letzten Tage. Die Zahl von 3.000 oder 4.000 Toten scheint längst nicht mehr plausibel, es werden wohl über 10.000 Tote gewesen sein. Gemordet wurde auf Anweisung des Ayatollah Khamenei persönlich, der zu perfiden Mitteln griff: "Der Einsatz ausländischer Kräfte wird in dem Lagebericht laut CNN als Teil einer Strategie beschrieben, 'jede Möglichkeit einer Solidarisierung von Repressionskräften mit den Demonstranten zu neutralisieren'. Eine irakische Sicherheitsquelle sprach gegenüber dem Sender von fast 5.000 irantreuen Milizionären aus dem Irak. Sie wurden in der Vergangenheit von der iranischen Revolutionsgarde ausgebildet und bewaffnet und betrachten Khamenei als ihren religiösen Führer."
Erst als er an die Macht kam, habe sich Ayatollah Ali Khamenei radikalisiert, erklärt sein im Exil lebender Neffe Mahmoud Moradkhani im FR-Interview. Er sei ein "schlauer, aber böser" Mann, und vor allem völlig skrupellos der eigenen Bevölkerung gegenüber. Deshalb muss sich die Opposition organisieren, um die Mullahs zu stürzen, meint Moradkhani: "Ali Chamenei kann nur gestürzt werden, wenn sich die Opposition vor den Demonstrationen zusammentut, organisiert und erst dann auf die Straße geht. Die Wut des Volkes genügt nicht für eine Revolution. Hunger und Elend auch nicht. In der Islamischen Revolution 1979 hatten die Basar-Händler genügend Mittel, um im Kampf gegen das Schah-Regime neun Monate auszuhalten. Heute haben die Leute keine Reserven. Viele sind daher zu Hause geblieben. Sie warteten ab, ob die Amerikaner eingreifen."
Wie gespalten die iranische Opposition ist, kann man auch in Deutschland beobachten. In Köln fanden am Wochenende sieben unterschiedliche Demonstrationen für den Iran beinahe gleichzeitig statt, berichtet Isabel Schayani in der SZ. In der Exil-Opposition gibt es Linke aller Couleur, dann die sogenannten Volksmudschahedin, die "eine Art islamischen Sozialismus" anstreben. Es gibt Schah-Anhänger und die ethnischen Minderheiten wie die Kurden oder Balutschen, die ihre eigenen Ziele haben. Der Schah-Sohn Reza Pahlavi könnte sie vielleicht einen, meint Schayani: "Waren es früher tendenziell eher die Linken, die den Diskurs in Deutschland dominiert haben, scheinen es jetzt jene zu sein, die darauf hoffen, dass der Sohn des letzten Schah es schafft, das Regime endlich zu stürzen. Er hat viel mediale Präsenz, offenbar potente Geldgeber und vor allem auswärtige Mächte an seiner Seite. So hört man auch in Deutschland zahlreiche Stimmen von Iranern, die bis vor Kurzem weder Schah-Anhänger noch Monarchisten waren, die auch keiner Partei angehören, die einfach nur hoffen, dass Pahlavi es schaffen könnte. Für den Moment ist er die Führungsfigur, die auch junge Iraner mobilisiert."
Madonna gehört zu den wenigen Stars de Kulturindustrie, die ihre Solidarität mit den Iranern erklären. Auf Twitter schreibt sie: "Wir halten so vieles für selbstverständlich, ich selbst eingeschlossen. Die Freiheit, die Welt zu bereisen. Zu tragen, was ich tragen möchte. Auf einem Pferd durch die Wüste zu reiten. Frei zu sprechen und nicht durch Bestrafung, Folter und möglicherweise den Tod zum Schweigen gebracht zu werden. Zu singen. Zu tanzen. Meinen eigenen spirituellen Weg zu wählen, nicht den eines anderen. Die Frauen im Iran haben diese Freiheit nicht. Ich stehe ihnen zur Seite."
Trump droht mit Strafzöllen gegen einige Länder der EU, falls man ihm Grönland nicht einfach mit einem Schleifchen um den Hals serviert. tazlerin Anne Diekhoff hat eine Idee aus der modernen Pädagogik: "Bei einem emotional noch nicht reifen Kind, mit dem in einem extremen Moment nicht mehr zu kommunizieren ist, würde man eine paradoxale Intervention empfehlen. Ein plötzliches, gerne absurdes Ablenkungsmanöver, das ein anscheinend unkontrollierbares Verhalten abrupt ausbremsen würde. Aber dass sich jemand vor Trump stellt und ihn auf die Weise aus seiner tumben Erstarrung löst und zur Vernunft bringt, ist leider nicht realistisch." Die FAZ berichtet unterdessen, dass man sich in Italien freut, weil Trump das Land nicht in seine Sanktion einbezogen hat. Ade, Europa?
Die Effekte von Trumps Zollpolitik schildert in der taz Hansjürgen Mai: "Die Einnahmen aus Trumps Zöllen haben zwar die Kassen des amerikanischen Finanzministeriums gut gefüllt, doch die Auswirkungen auf die US-Wirtschaft sind bisher eher negativ. Bis Ende November haben Trumps Zölle Einnahmen von mehr als 230 Milliarden US-Dollar eingebracht. Doch die Auswirkungen auf die globalen Handelsbeziehungen und die weltweiten Lieferketten haben zu höheren Preisen für Unternehmen und Verbraucher geführt."
Nachdem letzte Woche in Minneapolis eine Demonstrantin gegen die Abschiebungspolizei ICE erschossen wurde, gehen die Demos in der Stadt weiter, berichtet Frauke Steffens in der FAZ, die die beiden Aktivistinnen Carol und Susan begleitet: "Mehrere Tausend Bürger tun inzwischen das, was Carol und Susan an diesem Nachmittag tun: Sie folgen den Fahrzeugen der ICE-Angestellten, filmen sie, notieren die Nummernschilder in einer zentralen Liste - und warnen die Anwohner. Das ist legal, solange die 'constitutional observers', die sich auch 'commuters' (Pendler) nennen, die Einsätze nicht behindern."
Steht in afrikanischen Ländern ein Oppositionsführer (meist ein Mann) gegen einen seit Ewigkeiten regierenden Gerontokraten auf, macht das das Leben des Oppositionsführers in der Regel nicht leichter, erzählt Dominic Johnson in der taz. So erging es Ugandas Oppositionsführer Bobi Wine und Mosambiks Oppositionsführer Venancio Mondlane, die beide außer Landes fliehen mussten. "Ein ähnliches Szenario durchlebt Kamerun seit den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2025. Präsident Paul Biya, der schon seit 1984 regiert, wurde von der Wahlkommission zum Sieger gegen den Oppositionellen Issa Tchiroma erklärt - aber das gilt als fragwürdig, es gab schwere Proteste, und Tchiroma musste über Nigeria nach Gambia fliehen, wo er jetzt im Exil ausharrt. Sein prominenter Unterstützer Anicet Ekane, Führer einer Oppositionspartei, blieb im Land und überlebte seine Festnahme nicht. Der 92jährige Biya hat nach seiner Wiederwahl noch immer keine neue Regierung gebildet, das Land hängt politisch in der Schwebe."
Erst als er an die Macht kam, habe sich Ayatollah Ali Khamenei radikalisiert, erklärt sein im Exil lebender Neffe Mahmoud Moradkhani im FR-Interview. Er sei ein "schlauer, aber böser" Mann, und vor allem völlig skrupellos der eigenen Bevölkerung gegenüber. Deshalb muss sich die Opposition organisieren, um die Mullahs zu stürzen, meint Moradkhani: "Ali Chamenei kann nur gestürzt werden, wenn sich die Opposition vor den Demonstrationen zusammentut, organisiert und erst dann auf die Straße geht. Die Wut des Volkes genügt nicht für eine Revolution. Hunger und Elend auch nicht. In der Islamischen Revolution 1979 hatten die Basar-Händler genügend Mittel, um im Kampf gegen das Schah-Regime neun Monate auszuhalten. Heute haben die Leute keine Reserven. Viele sind daher zu Hause geblieben. Sie warteten ab, ob die Amerikaner eingreifen."
Wie gespalten die iranische Opposition ist, kann man auch in Deutschland beobachten. In Köln fanden am Wochenende sieben unterschiedliche Demonstrationen für den Iran beinahe gleichzeitig statt, berichtet Isabel Schayani in der SZ. In der Exil-Opposition gibt es Linke aller Couleur, dann die sogenannten Volksmudschahedin, die "eine Art islamischen Sozialismus" anstreben. Es gibt Schah-Anhänger und die ethnischen Minderheiten wie die Kurden oder Balutschen, die ihre eigenen Ziele haben. Der Schah-Sohn Reza Pahlavi könnte sie vielleicht einen, meint Schayani: "Waren es früher tendenziell eher die Linken, die den Diskurs in Deutschland dominiert haben, scheinen es jetzt jene zu sein, die darauf hoffen, dass der Sohn des letzten Schah es schafft, das Regime endlich zu stürzen. Er hat viel mediale Präsenz, offenbar potente Geldgeber und vor allem auswärtige Mächte an seiner Seite. So hört man auch in Deutschland zahlreiche Stimmen von Iranern, die bis vor Kurzem weder Schah-Anhänger noch Monarchisten waren, die auch keiner Partei angehören, die einfach nur hoffen, dass Pahlavi es schaffen könnte. Für den Moment ist er die Führungsfigur, die auch junge Iraner mobilisiert."
Madonna gehört zu den wenigen Stars de Kulturindustrie, die ihre Solidarität mit den Iranern erklären. Auf Twitter schreibt sie: "Wir halten so vieles für selbstverständlich, ich selbst eingeschlossen. Die Freiheit, die Welt zu bereisen. Zu tragen, was ich tragen möchte. Auf einem Pferd durch die Wüste zu reiten. Frei zu sprechen und nicht durch Bestrafung, Folter und möglicherweise den Tod zum Schweigen gebracht zu werden. Zu singen. Zu tanzen. Meinen eigenen spirituellen Weg zu wählen, nicht den eines anderen. Die Frauen im Iran haben diese Freiheit nicht. Ich stehe ihnen zur Seite."
Trump droht mit Strafzöllen gegen einige Länder der EU, falls man ihm Grönland nicht einfach mit einem Schleifchen um den Hals serviert. tazlerin Anne Diekhoff hat eine Idee aus der modernen Pädagogik: "Bei einem emotional noch nicht reifen Kind, mit dem in einem extremen Moment nicht mehr zu kommunizieren ist, würde man eine paradoxale Intervention empfehlen. Ein plötzliches, gerne absurdes Ablenkungsmanöver, das ein anscheinend unkontrollierbares Verhalten abrupt ausbremsen würde. Aber dass sich jemand vor Trump stellt und ihn auf die Weise aus seiner tumben Erstarrung löst und zur Vernunft bringt, ist leider nicht realistisch." Die FAZ berichtet unterdessen, dass man sich in Italien freut, weil Trump das Land nicht in seine Sanktion einbezogen hat. Ade, Europa?
Die Effekte von Trumps Zollpolitik schildert in der taz Hansjürgen Mai: "Die Einnahmen aus Trumps Zöllen haben zwar die Kassen des amerikanischen Finanzministeriums gut gefüllt, doch die Auswirkungen auf die US-Wirtschaft sind bisher eher negativ. Bis Ende November haben Trumps Zölle Einnahmen von mehr als 230 Milliarden US-Dollar eingebracht. Doch die Auswirkungen auf die globalen Handelsbeziehungen und die weltweiten Lieferketten haben zu höheren Preisen für Unternehmen und Verbraucher geführt."
Nachdem letzte Woche in Minneapolis eine Demonstrantin gegen die Abschiebungspolizei ICE erschossen wurde, gehen die Demos in der Stadt weiter, berichtet Frauke Steffens in der FAZ, die die beiden Aktivistinnen Carol und Susan begleitet: "Mehrere Tausend Bürger tun inzwischen das, was Carol und Susan an diesem Nachmittag tun: Sie folgen den Fahrzeugen der ICE-Angestellten, filmen sie, notieren die Nummernschilder in einer zentralen Liste - und warnen die Anwohner. Das ist legal, solange die 'constitutional observers', die sich auch 'commuters' (Pendler) nennen, die Einsätze nicht behindern."
Steht in afrikanischen Ländern ein Oppositionsführer (meist ein Mann) gegen einen seit Ewigkeiten regierenden Gerontokraten auf, macht das das Leben des Oppositionsführers in der Regel nicht leichter, erzählt Dominic Johnson in der taz. So erging es Ugandas Oppositionsführer Bobi Wine und Mosambiks Oppositionsführer Venancio Mondlane, die beide außer Landes fliehen mussten. "Ein ähnliches Szenario durchlebt Kamerun seit den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2025. Präsident Paul Biya, der schon seit 1984 regiert, wurde von der Wahlkommission zum Sieger gegen den Oppositionellen Issa Tchiroma erklärt - aber das gilt als fragwürdig, es gab schwere Proteste, und Tchiroma musste über Nigeria nach Gambia fliehen, wo er jetzt im Exil ausharrt. Sein prominenter Unterstützer Anicet Ekane, Führer einer Oppositionspartei, blieb im Land und überlebte seine Festnahme nicht. Der 92jährige Biya hat nach seiner Wiederwahl noch immer keine neue Regierung gebildet, das Land hängt politisch in der Schwebe."
Gesellschaft
"Weich wie Schneeflocken, zart wie Kaschmir, scheu wie ein Häschen": Die Menschen werden heute von einem fürsorglichen Staat allzusehr in Watte gepackt, meint in der FAS Jochen Buchsteiner, mit schlimmen Folgen: "Vier von zehn deutschen Studenten streben mittlerweile eine Anstellung im öffentlichen Dienst an, auch weil dort niemand von ihnen verlangt, Risiken einzugehen. Ein wachsender Teil des akademischen Nachwuchses will nicht mehr Träume verwirklichen, sich ausprobieren, das Land mit Ideen oder Erfindungen voranbringen, sondern drängt in die Komfortzone der Verwaltung. Und verwalten heißt allzu oft: der schrumpfenden Zahl derer, die sich noch in der freien Wirtschaft abmühen, das Leben mit weiteren Regeln zu erschweren."
Kulturpolitik
Sonja Zekri berichtet in der SZ, wie sich polnische Kulturinstitutionen auf das Szenario eines russischen Angriffs vorbereiten. Wie schnell kann ein Museum evakuiert werden, wo sind die Werke sicher vor Bomben? Diese Fragen stellt sich zum Beispiel der Kunsthistoriker Andrzej Betlej, Direktor des Wawel-Schlosses in Krakau: "Und während man ihm zuhört, spürt man Kampfgeist und eine Dringlichkeit, die aus deutscher Perspektive gleichermaßen mitreißend wie fremd wirkt. Bei aller Sorge über den russischen Expansionismus: Probe-Evakuierungen der Berliner Museumsinsel für den Fall eines Angriffs? Schwer vorstellbar. "
Europa
Robert Sarner porträtiert für die Times of Israel die junge französische Journalistin Nora Bussigny, die für ihr Buch "Les Nouveaux Antisemites" monatelang undercover in der linksextremen antisemitischen Szene Frankreichs recherchierte. Die Autorin ist selbst halb jüdischer, halb muslimisch-marokkanischer Herkunft. Für ihr Buch hat sie in Frankreich den vom Senat verliehenen Preis für das beste politische Buch des Jahres bekommen. Der 7. Oktober kam der extremen Linken wie gerufen, sagt sie im Gespräch mit Sarner: "Es ist ironisch, denn historisch gesehen war die extreme Linke zersplittert. Viele radikale Gruppen kamen nie miteinander klar, obwohl sie von einer Vereinigung ihrer Kämpfe träumten. Vor dem 7. Oktober war ich überzeugt, dass sie sich nur durch ihren gemeinsamen Hass auf die Polizei und das, was sie für sie symbolisiert, vereinen könnten. Aber jetzt habe ich gesehen, dass ihr Hass auf Juden, oder besser gesagt Zionisten, um ihren Begriff zu verwenden, sie wirksamer für eine gemeinsame Sache zusammenbringt." Bussignys Buch ist ein Bestseller, wenn auch nicht ohne Widerstände, wie die Autorin erzählt: "Viele Buchhandlungen haben mein Buch boykottiert. Einige haben Kunden, die es bestellen wollten, sogar gesagt, dass sie diese Art von Büchern nicht bestellen wollen.""Nur wenn die Sanktionsschrauben deutlich angezogen werden, könnte das jetzige Wirtschaftsmodell Russlands infrage gestellt sein - mit entsprechenden Konsequenzen für seine Kriegsanstrengungen", betont in der NZZ der emeritierte Professor für Friedens- und Konfliktforschung Herbert Wulf: "Die russische Wirtschaft hat die ersten Jahre des Krieges überstanden, zwar mit einigen Blessuren, ohne aber unter dem Druck von außen einzubrechen. Durch Umstrukturierung in Russland selbst und Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, vor allem mit China, aber auch mit vielen Ländern des globalen Südens, ist es gelungen, den Bruch der Beziehungen mit dem Westen weitgehend zu kompensieren. Entsprechend könnte der Krieg in der Ukraine von Russland weiterhin ökonomisch unterfüttert werden."
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