Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.12.2025. Die Feuilletons diskutieren weiter über die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann: Die FAZ findet die Vorwürfe übertrieben, die SZ prangert Druck von Seiten der israelischen Regierung an. Der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh blickt in der Zeit mit Hannah Arendt auf die Assad-Diktatur in Syrien. Der Soziologe Natan Sznaider fragt derweil in der SZ, was Arendt den Juden heute noch zu sagen hätte. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge wundert sich, dass im "Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung die Reichen gar nicht vorkommen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor 50 Jahren ist die Philosophin Hannah Arendt gestorben. Der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh überträgt Arendts politische Theorie in seinen Essays auf die Zeit der Assad-Herrschaft in Syrien. Im Zeit-Gespräch erklärt er, wie sich der Begriff des radikalen Bösen auf die Folterer in den syrischen Gefängnissen übertragen lässt, in denen er selbst ganze sechzehn Jahre saß. Al-Haj Saleh spricht hier aber auch vom "intimen" Bösen: "In Syrien habe ich das beobachtet, was ich 'manuelle Herrschaft' nenne: Die Hand war das Hauptorgan der Macht. Sie schlägt und foltert mit physischer Kraft. Es gibt keine Distanz zum Körper des Opfers. Heute erlaubt fortgeschrittene Technologie, Millionen Menschen zu töten, während der Täter elegant im Anzug dasitzt und die zerstörten Körper nicht sieht. Aber in Syrien dominierte, aufgrund fehlender Bürokratisierung und nur moderater Technologisierung, die manuelle Herrschaft. Auch ich wurde gefoltert. Dabei spürt man manchmal, dass der Folterer kreativ wird, er erfindet aus Langeweile etwas Neues."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Politikwissenschaftlerin und Hannah Arendt-Biografin Grit Straßenbergerbetont im FR-interview mit Michael Hesse Hannah Arendts Fähigkeit, sich durch neue Einsichten von ihren Ansichten zu lösen und gänzlich neu zu denken. Dies gilt vor allem für den Eichmann-Prozess: "'I changed my mind'. Die Erfahrung des Prozesses, das Lesen der Akten: All das habe sie zu der Überzeugung gebracht, dass nicht die metaphysische Radikalität, sondern die furchtbare Banalität des Bösen die angemessene Kategorie sei. Radikal sei, streng genommen, nur das Gute, das Böse sei in diesem Sinne banal. Das ist, und darauf würde ich bestehen, keine Banalisierung der Taten und keine Entschuldung des Täters. Es ist der Versuch, darauf hinzuweisen, dass sich auch vermeintlich normale Menschen an solchen Verbrechen beteiligen können. Es heißt ausdrücklich nicht, in jedem Menschen stecke ein Eichmann - das hat sie vehement bestritten. Sie wollte sagen: Eichmann war ein Verwaltungsmassenmörder, der genau wusste, was er tat, der Abläufe mitorganisierte, sich aber keine eigenen Gedanken über die Bedeutung dieses Tuns machte."
Was kann Hannah Arendt uns heute noch über jüdisches Leben sagen, fragt der Soziologe Natan Sznaider in der SZ und fokussiert dafür vor allem auf die religiöse Seite der Philosophin. Denn ja, Arendt war gläubig, meint er: "Vielleicht anders, als man sich fromme Juden oder Jüdinnen heute vorstellt, doch die Jahre in Paris und danach in New York sorgten dafür, dass sie sich als Teil einer jüdischen Schicksalsgemeinschaft verstand." Auch ihr Verständnis des Zionismus könnte für die Gegenwart relevant sein: "Wie die Zionisten glaubte sie daran, dass die Juden eine Nation darstellten und dass sie eine Heimstätte als Kollektiv weiterhin mehr als nötig hätten. Aber sie vertrat eine Form des Zionismus, die heute kaum noch wahrzunehmen, kaum zu finden ist. Vor der Staatsgründung Israels plädierte sie in ihren Beiträgen im politischen Feuilleton für eine jüdische Heimstätte, einen Staat - jedoch im Rahmen eines multiethnischen politischen föderativen Konstrukts. Nur so, glaubte sie, könnte die jüdische Nation Teil der Nationen dieser Welt werden."
Christian Meier meldet sich in der FAZ in der Kontroverse um Sophie von der Tann zu Wort und widerspricht deutlich dem FAZ-Beitrag von Esther Schapira (unser Resümee), die von der Tanns Israel-Berichterstattung scharf kritisierte: "Schapira fordert, dass deutsche Medien - die keinen Zugang zum Gazastreifen haben - über politische Hintergründe berichten. Gleichzeitig sollen sie aber nicht mit lokalen Mitarbeitern arbeiten, weil die angeblich 'ausschließlich der Hamas genehme Bilder und Aussagen' produzieren. Wie soll die Berichterstattung dann funktionieren? Soll man umgekehrt vielleicht ganz darauf verzichten? Soll man auch kein menschliches Leid mehr abbilden, weil dies ja im Sinne der Hamas sei? In komplexen Berichterstattungslagen wie dieser stellen sich schwierige Fragen an journalistische Ethik und Praxis, aber die sollte man dann auch ernsthaft und sachlich diskutieren."
Der Fall Sophie von der Tann könnte auch ein Licht auf die derzeitige Lage von Pressevertretern in Israel werfen, schreibt Sonja Zekri in der SZ. "Nicht nur Journalisten-Organisationen, sondern auch viele Berichterstatter aus dem Nahen Osten kritisieren wachsenden Druck durch die israelische Regierung. Knapp 60 deutschsprachige Journalistinnen und Journalisten, die regelmäßig über den Nahen Osten berichten, veröffentlichen am Donnerstag auf der Webseite von Reporter ohne Grenzen einen offenen Brief. Diskreditierungsversuche durch die israelische Regierung gehörten inzwischen 'zu unserem Alltag'. Während Israel nach wie vor den Zugang für ausländische Journalisten in den Gazastreifen blockiere, häuften sich die Angriffe auf Korrespondenten. Sie zielten darauf ab, 'kritischen Journalismus' insgesamt zu 'delegitimieren'." Kristiana Ludwig zeichnet in der SZ den gesamten Fall von der Tann nochmal nach.
In der Welt hält Christoph Lemmer an dem Vorwurf gegen Tann fest. Er kritisiert außerdem, dass die ARD bzw. der BR jegliche Stellungnahme ablehne: "Schriftliche Nachfragen ignoriert die Anstalt gleich gänzlich. Beispielsweise wollte Welt wissen, warum von der Tann niemals darüber berichtete, wie die von ihr stets in Schutz genommenen Palästinenser über Adolf Hitler denken. Die Frage ist höchst relevant. Hitler ist in den Palästinensergebieten populär. Deutsche, die es dort hin verschlägt, werden umstandslos auf Hitler angesprochen. Der nationalsozialistische Menschheitsverbrecher wird weithin als positive Figur gesehen, und zwar deshalb, weil er Millionen Juden ermorden ließ."
In der Zeit fragt sich auch Götz Hamann, was eigentlich von der Tanns Chefs zu der Debatte sagen. Der Sender reagierte wohl zögerlich: "Einer ist in dieser Debatte erstaunlich still, der Chef von Sophie von der Tann. Dies ist der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Christian Nitsche. Der BR schreibt aber: Nitsche sei 'für das Team rund um die Uhr erreichbar. Er beantwortet auch seit Jahren persönlich Zuschriften, die sich mit den Inhalten des Studios auseinandersetzen. Zudem hat er mehrfach auf Kritiker im Internet reagiert, so etwa im August, Oktober, November und Dezember auf X, ebenso im November auf LinkedIn.' Eine große Öffentlichkeit erreicht er damit nicht. Vielleicht ist hier erneut zu beobachten, wie schwer sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch immer damit tut, auf die Dynamiken zu reagieren, die entstehen, wenn sich in anderen Medien und in sozialen Netzwerken eine Kritikwelle gegen ARD und ZDF aufbaut."
Die Bevölkerung in Venezuela wird wohl kaum gegen den Machthaber Nicolas Maduro aufbegehren, dafür hat dieser die Freiheiten zu stark eingeschränkt, konstatiert Jan Heidtmann in der SZ. "Die Erwartungen an einen Wandel im Land formulieren deshalb andere. Das verheißt nicht zwangsläufig Gutes, denn es sind vor allem die Eliten, die sprechen. Zum Beispiel die wohlhabenden Exilvenezolaner in Miami, die ein auch gewaltsames Eingreifen der USA begrüßen, um selbst wieder an die Macht zu kommen. Oder auch María Corina Machado, die aus einer der reichen Industriellenfamilien des Landes stammt. Spätestens, seitdem ihr im Oktober der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde, ist die 58-Jährige die eigentliche Oppositionsführerin. Eine mutige Frau, die an unbekanntem Ort in Venezuela ausharrt, aber irritierend enge Verbindungen zu Kreisen der extremen Rechten und Libertären in aller Welt unterhält. Ihren Friedensnobelpreis hat sie zum Teil Donald Trump gewidmet."
Der neue "Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung führt erstaunlicherweise eine Gruppe nicht auf: Die Reichen, staunt der PolitikwissenschaftlerChristoph Butterwegge in der SZ. "Wie sich der Fachliteratur, aber nicht dem Regierungsbericht entnehmen lässt, besitzen die fünf reichsten (Unternehmer-)Familien in Deutschland zusammen ein Privatvermögen von 250 Milliarden Euro, mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung, immerhin über 40 Millionen Menschen. Von den bekannten Familiendynastien, in deren Händen sich der Reichtum zunehmend konzentriert, taucht keine einzige im siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung auf. Auch die Namen großer Konzerne, von Groß- und Privatbanken oder von Finanzkonglomeraten wie Blackrock finden sich nirgends. Vielmehr ist das Dokument in Bezug auf die extreme Verteilungsschieflage über weite Strecken eine Blackbox."
Im taz-Interview mit Frederik Eikmanns berichten Friederike Lorenz-Sinai, Professorin für Sozialarbeitsforschung, und Marina Chernivsky, Psychologin, über die Folgen des 7. Oktober für das Leben deutscher Juden und Jüdinnen.
Im amerikanischen (oder auch russischen) Friedensplan (unsere Resümees) für den Ukraine-Krieg steht, dass beide Länder sich nach dem Friedensschluss zu einem Bildungsprogramm verpflichten, das Rassismus und Vorurteile abbauen soll, schreibt der Schriftsteller Sergej Gerasimow in der NZZ. "Für Putin besteht der optimale Weg, Toleranz durchzusetzen und Rassismus zu beseitigen, darin, so viele Menschen wie möglich zu töten. Vorzugsweise Zivilisten, vorzugsweise schlafend und vorzugsweise mit möglichst vielen Kindern. Ohne Kindsmord ist echte Toleranz schwerer zu erreichen. Diese Methode eignet sich auch hervorragend, um ewige Freundschaft mit dem Kannibalen zu stiften, weshalb Putin immer so vorgeht, wenn ihn der Wunsch umtreibt, dass die Ukraine sich so schnell wie möglich mit ihm anfreundet: töten, töten und wieder töten."
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