9punkt - Die Debattenrundschau

Das taktische Zittern

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.11.2025. In der SZ warnt Pussy-Riot Aktivisten Maria Aljochina: Sie habe auch nicht geglaubt, dass es in Russland so schlimm kommen könnte: Aber "es wurde Realität". Die Diskussion um die BBC geht weiter - sie hat sich allerdings auf die Auseinandersetzung mit Trump verengt. Ein richtiger Eklat war die Rede von Jason Stanley in der Frankfurter Westend-Synagoge nicht, findet Ronen Steinke in der SZ, und intellektuell sei sie ein bisschen dürftig. Die Zeitungen trauern um Micha Brumlik
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.11.2025 finden Sie hier

Europa

Tayyip Erdogan backt keine kleinen Brötchen, wenn es gilt, einen Widersacher aus dem Weg zu räumen. dpa meldet (hier in der taz): "Knapp acht Monate nach der Festnahme und Absetzung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu hat die Staatsanwaltschaft dem Staatssender TRT zufolge bis zu 2.352 Jahre Haft für den populären Oppositionspolitiker gefordert."

Buch in der Debatte

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Die Pussy-Riot Aktivisten Maria Aljochina hat ein Buch über die Zeit nach ihrer Entlassung aus einer russischen Strafkolonie bis zu ihrer Flucht aus Russland 2022 geschrieben. Nach Russland kann sie nicht zurück, weil sie sofort verhaftet werden würde. Im SZ-Interview mit Alexander Menden betont sie, dass sich viele im Westen immer noch nicht klargemacht haben, wie schnell eine vermeintliche dystopische Wirklichkeit real werden kann: "Wenn Sie mir vor 15 Jahren gesagt hätte: Dein Land wird die Ukraine bombardieren und es eine 'militärische Spezialoperation' nennen, man wird für einen Instagram-Post inhaftiert werden, das Regime wird deine Freunde zusammenschlagen, vergewaltigen und umbringen, dann hätte ich gesagt, das ist Schwachsinn, so was gibt es nur noch in Geschichtsbüchern. Aber es wurde Realität. Deswegen liest sich mein Buch auch wie die Beschreibung einer sehr, sehr seltsamen Dystopie. Deshalb verstehe ich sogar, wenn im Westen manche sagen: Das ist alles übertrieben, das ist anti-russische Propaganda. Aber es ist die Wahrheit."

Zum ersten Mal seit vierzig Jahren findet die Unesco-Generalversammlung mit 5.000 Delegierten aus 194 Ländern nicht in Paris statt, berichtet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, sondern in Usbekistan. Keine zufällige Wahl, meint Schaper: Usbekistan, die ehemalige Sowjetrepublik, mache glänzende Geschäfte auch mit dem Westen (von der Abhängigkeit zu Russland schweigt er in diesem Fall). "Mit den USA kam gerade ein Acht-Milliarden-Dollar-Deal zustande, Usbekistan kauft im großen Stil bei Boeing Flugzeuge ein." Präsident Shavkat Mirziyoyev präsentiert sich nach außen weltoffen, im Inneren sieht es anders aus. Er "regiert Usbekistan seit 2016. Zur Begrüßung der Unesco-Konferenz spricht er von der Notwendigkeit inklusiver Erziehung und Chancengleichheit. Er fordert Toleranz in einer Zeit bewaffneter Konflikte, warnt vor der Klimakrise und betont die Bedeutung universeller humanistischer Werte. Doch um die Menschenrechte steht es in Usbekistan nicht gut. Homosexualität gilt als Straftatbestand ebenso wie die Beleidigung des Präsidenten. Human Rights Watch spricht von zunehmender Gewalt und Repression gegen Blogger und Aktivisten."
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Medien

Die Diskussion über die Verfehlungen der BBC verengt sich auf einen Aspekt, den falschen Zusammenschnitt der Rede Donald Trumps am, 6. Januar 2021. Die zahlreichen Belege für eine antiiisraelische Tendenz, die der Journalist und ehemalige Berater der BBC Michael Prescott in seinem Bericht auflistet, geraten aus dem Blick. Trump hat die Diskussion durch einen Post auf "Truth Social" und eine Klage gegen die BBC an sich gerissen - für die BBC ist das eher von Vorteil, da sie nun als Opfer einer MAGA-Verschwörung dasteht. Gina Thomas lotet in der FAZ die Chancen für Trumps Klage aus: "Rechtsexperten beurteilen den Fall unterschiedlich. Einige meinen, dass Trump es schwer haben werde, den bei Verleumdung entscheidenden Vorsatz zu beweisen."

Der manipulative Zusammenschnitt der Trump-Rede durch die BBC ist in diesem französischen Video der Publizistin Abnousse Shalmani sehr gut zu sehen und zu hören. Zusammengeschnitten wurden zwei Sätze, die in seiner Brandrede fünfzig Minuten entfernt lagen. Ab Minute 1.39 hört man den ersten Satz. Ab Minute 2.06 den zweiten Satz und ab Minute 2.24 den in der Tat extrem manipulativen Zusammenschnitt, der suggeriert, als bildeten Satz 1 und Satz 2 eine Sinneinheit (dass die Rede in der Tat ein Aufruf zum Aufruhr war, steht außer Frage, die BBC macht es zu schön um wahr zu sein).

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Ideen

Der bekannte Erziehungswissenschaftler, Autor und ehemalige Leiter des Fritz Bauer Instituts Micha Brumlik ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Tania Martini schreibt in ihrem Nachruf für die FAZ: "Sein Denken ließ sich vielleicht am treffendsten als eines beschreiben, das Widersprüche und Aporien nicht verschleierte, sondern produktiv zu wenden versuchte."

Stefan Reinecke würdigt ihn in der taz: "Brumlik, 1947 in der Schweiz als Sohn von Hitler vertriebener jüdischer Deutscher geboren, war ein 68er und undogmatischer Linker in Frankfurt. Anders als Joschka Fischer blieb er allerdings immun gegen die Verlockungen der Militanz. Universell gebildet, beherrschte er die Religionswissenschaft ebenso souverän wie die Kritische Theorie und den Marxismus. Er gehörte zur Post-68er-Szene, unterstützte das Sozialistische Büro und saß für die Grünen im Frankfurter Stadtparlament. Ein linker Bürger - doch mit einem weiteren Horizont als die erst linksradikale, später grüne Szene." Brumlik war Unterzeichner der "Jerusalemer Erklärung", die anders als die Ihra-Deklaration scharf antiisraelische Positionen wie die der Israelboykottbewegung als "nicht per se" antisemitisch auffasst. Steinecke weiß Brumlik als Linken auf seiner Seite: "In dem Anti-BDS-Beschluss des Bundestages 2019 erkannte er, der präzise, tiefenscharfe Analysen auch mal mit ad hoc einleuchtenden buzz-Worten zu plausibilisieren verstand, einen heraufdämmernden 'McCarthyismus'." Am Ende von Reinekes Artikel verlinkt die Redaktion auf einige wichtige Brumlik-Artikel in der taz.

Der Autor und Menschrechtsaktivist Dieter Maier kannte Michael Brumlik seit seiner Kindheit. In der FR erinnert er sich: "Die Frage, was jüdische Identität sein könnte, beschäftigte ihn ein Leben lang. Zur jüdischen Herkunft gehörte in seiner Generation untrennbar die Erinnerung an die Judenvernichtung. Micha blieb trotz seinem Bruch mit dem Zionismus - mit einigen Schwankungen - gläubiger Jude im liberalen Sinn. Er hielt sich nicht streng an die Gebote des Alten Testaments, ging aber - nicht regelmäßig - in die Synagoge. Wenn es möglich war, ließ er am Sabbat den Computer aus (...) Micha privatisierte sein Judentum nicht, und er war kein Schreibtischgelehrter. Er war Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, das zum Holocaust forscht. Das war zu den Hochzeiten des Instituts. 'Friede seiner Asche', sagte er, als sich dessen Niedergang später abzeichnete."   

Der Publizist Richard Herzinger wird am 21. November in Berlin beigesetzt, meldet der Perlentaucher in eigener Sache.
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Stichwörter: Brumlik, Micha

Gesellschaft

Im Perlentaucher sehnt sich Nasrin Amirsedghi nach einem Denken, das wieder Farbe zeigt: "Ich habe die Farblosigkeit satt. Die Farblosigkeit der Wiederholung, der sich endlos drehenden Floskeln, der gepflegten Langeweile einer Gesellschaft, die sich selbst hypnotisiert. Ich habe die Farblosigkeit der Politikerlüge satt, dieses immergleiche Vokabular aus Verantwortung, Haltung und Dialog, hinter dem nichts als das taktische Zittern einer erschöpften Klasse steht. Ich habe die Farblosigkeit der woken Narrative satt, die in schrillen Farben daherkommen und doch nur das Grau ihrer moralischen Selbstgefälligkeit ausstrahlen. Ich habe die Farblosigkeit eurer Demokratie satt, die so korrekt geworden ist, dass sie jeden Funken Leidenschaft misstrauisch beäugt."

Einen "Eklat" würde Ronen Steinke in der SZ die Ereignisse um die Rede des Faschismus-Forschers Jason Stanley zum 9. November (unser Resümee) jetzt nicht gerade nennen, aber ein bisschen Aufregung gab es schon in der Frankfurter Westend-Synagoge. Die Reaktionen waren durchaus gemischt, meint Steinke: "Als Stanley dann noch die Formulierung 'Massenvernichtung in Gaza' in den Raum stellte, soll es in Teilen des Auditoriums sogar Applaus gegeben haben, wie Teilnehmer berichten - zugleich aber auch hörbares Entsetzen. Die Rede, die Stanley in der Westend-Synagoge hielt, enthielt schließlich auch noch den knalligen, wenn auch intellektuell eher dürftigen Talking point, die historischen Zionismus-Skeptiker Hannah Arendt und Albert Einstein 'dürften heute in Deutschland nicht mehr sprechen'. Als sei der Gegenwind, den man bei streitbaren Nahost-Thesen heute in Talkshows, Zeitungskolumnen oder auf Bühnen erhält, bereits gleichbedeutend mit Zensur." Steinkes Artikel ist ein bisschen ambivalent, einerseits hält er es für "legitim" eine "gefühlsschonende Trauer- und Gedenkveranstaltung" und "einen Raum für Tränen, Stille und Schmerz" schaffen zu wollen, andererseits hätte man Jason Stanley zu Ende reden lassen sollen, findet er. In der FR formuliert es Michael Hesse ein bisschen melodramatischer: "Faschismus-Experte Jason Stanley aus Synagoge in Frankfurt geworfen - Zum Schweigen gebracht".
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Stanley, Jason

Wissenschaft

Das Studierendenparlament der HU hat einen Beschluss von 2018 aufgehoben, in dem die Studierendenschaft die BDS-Bewegung als antisemitisch ablehnte, berichtet Eva Murašov im Tagesspiegel: "Eingebracht wurde die Aufhebung des BDS-Banns von der Linken Liste (LiLi), nach Eigenbezeichnung eine parteiunabhängige Hochschulgruppe, die sich unter anderem für Bildungsgerechtigkeit, Antifaschismus, Feminismus und Antirassismus einsetzt. Die HU teilte auf Anfrage dazu mit, das Präsidium werde den Beschluss 'sorgfältig auswerten und prüfen, ob daraus gegebenenfalls Konsequenzen in Bezug auf Raum- oder andere Ressourcenvergaben zu ziehen sind'. Es habe die Rechtsaufsicht über die verfasste Studierendenschaft. Die HU weist darauf hin, dass das Studierendenparlament nur die Meinung der im Studierendenparlament vertretenen Gruppen wiedergebe."
Archiv: Wissenschaft

Kulturmarkt

Michael Wurmitzer möchte im Standard wissen, weshalb es immer häufiger zu Lieferengpässen bei wichtigen Titeln kommt, wie jüngst etwa bei Dorothee Elmigers Roman "Die Holländerinnen", der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die Druckereien geben vor allem den Verlagen die Schuld, erfährt Wurmitzer von Stefan Thomes, bei der deutschen Druckerei GGP Leiter des Marktbereichs Buch: "Erstens agieren Verlage heute 'deutlich risikoaverser' als früher. Wo einst eine Erstauflage 50.000 Exemplaren ausmachte, erteilen Verlage jetzt häufig fünf Aufträge à 10.000 Stück, sagt Thomes. Damit entgeht ein Verlag zwar der Gefahr, auf großen Mengen sitzenzubleiben. Denn der Mittelbau an Titeln, die nie zum Bestseller werden, rutscht heute angesichts von sinkenden Leserzahlen einerseits und Booktok sowie Hypes andererseits zunehmend ab. Es mag auch mit der Verlagerung der Käufe vom beratenden Handel hin zu Bestsellerlisten erstellenden Onlineplattformen zu tun haben, dass sie immer weniger Kundschaft finden. Bücher, die nicht verkauft werden, verursachen aber neben Druck- auch Lagerkosten." Thomes wünscht sich auch mehr Vorausschau bei den Verlagen.
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Verlage, Österreich