9punkt - Die Debattenrundschau

Falsche Freunde

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2025. In der Zeit sieht Herfried Münkler eine neue Hegemonialmacht im Nahen Osten erstehen: die Türkei. In der NZZ hofft Sergei Gerasimow: Sobald klar wird, dass Putin diesen Krieg verliert, wird sein eigenes Volk ihn stürzen. Die SZ hat einige Vorschläge, deutsche Stadtbilder, an denen sich Friedrich Merz stört, schöner und sicherer zu machen: Zum Beispiel, indem er mit den ewigen Baustellen biblischen Ausmaßes aufräumt. Außerdem plädiert sie für einen digitalen Postkolonialismus. Und in der Zeit zieht Maram Stern ein bitteres Fazit nach dem 7. Oktober: Wir sind allein.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2025 finden Sie hier

Politik

In der Zeit blickt der Historiker Herfried Münkler auf die Machtverschiebungen, die sich im Nahen Osten in den letzten Monaten vollzogen haben. Während Russland Einfluss verloren hat, ist es vor allem die Türkei, die von der Situation profitiert, sie "hat ihren Einflussbereich über Syrien hinaus nach Süden vorgeschoben und steht im Begriff, sich zunehmend von Europa zu entfernen und eine Hegemonialmacht des Nahen Ostens zu werden. Sie kehrt damit in die Rolle zurück, die sie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Osmanisches Reich in diesem Raum gespielt hat. Der europäische Teil dieses Reichs war im späten 19. Jahrhundert durch die nationalistischen Bewegungen auf dem Balkan und am westlichen Rand des Schwarzen Meeres immer weiter zurückgedrängt und verkleinert worden, was die Aufmerksamkeit der damaligen Reichselite auf den Osten und Süden gelenkt hat. Das scheint sich mit der Nichtaufnahme der Türkei in die Europäische Union nun zu wiederholen: Die Türkei ist zwar weiterhin Nato-Mitglied, aber sie betreibt inzwischen im Nahen Osten die Politik einer selbstständigen Mittelmacht, die mit den europäischen Verbündeten nicht abgestimmt ist."

In Myanmar tobt seit fünf Jahren ein Bürgerkrieg gegen die Militärjunta, für den sich niemand interessiert. David Pfeifer hat sich für die SZ bei den Menschen umgehört, die gegen die Junta kämpfen, zum Beispiel in kleinen Rebellen-Gruppen, sogenannten PDFs ('People's Defence Force'): "Nwey Nwey ist 37 Jahre alt, vor dem Coup, sagt sie, hatte sie eine Edelstein-Firma in der Nähe von Mandalay, dreihundert Mitarbeiter. Das Gebiet ist jetzt unter Kontrolle der Junta. Sie habe sich nach dem Putsch einen Monat lang angeschaut, was die Soldaten in ihrem Ort so anrichteten. Dann sei sie gegangen, habe alles zurückgelassen, die Firma, das Haus, ist in den Dschungel geflohen, um sich einer PDF-Einheit anzuschließen. Man merkt Nwey Nwey an, dass sie mal ein anderes Leben gelebt hat. Ihr Lippenstift ist fein aufgetragen. Sie ist Kommandeurin einer PDF, die sich 'White Tiger Squadron' nennt, 'spezialisiert auf den Einsatz von Drohnen'. Als über dem Camp plötzlich ein Kampfjet die Stille der Nacht durchbricht, erstarrt sie. Erst als keine Explosionen zu hören sind, entspannt sie sich. 'Nur ein Aufklärungsflug', sagt sie und redet weiter über ihre Einheit. Nach zwei Jahren Bürgerkrieg sei das Militär immer besser darin geworden, die Rebellen in den Hügeln aufzuspüren und zu attackieren, vor allem mit Kampfdrohnen aus China. 'Also habe ich vorgeschlagen, dass wir eine Drohneneinheit gründen.'"
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Stichwörter: Münkler, Herfried

Ideen

Hoffnung entwickelt sich nicht beim Blick in die Geschichte, meint die albanisch-britische Politikwissenschaftlerin und Philosophin Lea Ypi im Interview mit dem Spiegel. Also nicht so viel zurückblicken, empfiehlt sie, sondern eigene Ideen entwickeln. Dann kann man auch wieder Sozialist sein und an die universellen Werte der Aufklärung glauben: "Die sozialdemokratische Tradition lag niemals darin, es dem Kapitalismus bequem zu machen, sondern darin, demokratische Strukturen zu schaffen. Aber wenn wir in einem Kapitalismus leben, wo ein einzelner Mensch so viel Geld hat wie Elon Musk, funktioniert die demokratische Idee, dass jede Stimme gleich viel Wert hat, nicht mehr. ... Wenn ich mir den Sozialismus ansehe, würde ich sagen, dass diese Ideologie nicht in ihrer Kapitalismuskritik falschlag. Der Sozialismus ist gescheitert, weil er Freiheit unterbunden hat. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, wo der Liberalismus scheitert. Dem Liberalismus ist es nur gelungen, uns in Bezug auf individuelle Rechte zu befreien, aber er befreit uns nicht aus ökonomischer Abhängigkeit und Ungleichheit."

Erinnert sich noch jemand an die "Dritte Kultur", der Frank Schirrmacher vor 25 Jahren das FAZ-Feuilleton öffnete? Geprägt hat den Begriff John Brockman, ein ehemaligen Banker und späterer Literaturagent und Verleger, der auf seiner Webseite edge.org, von der die FAZ und später auch die Süddeutsche eine Reihe von Artikeln übersetzen ließ, einen "Gegenkanon" aufstellte, so beschreibt es in der FAZ der sehr kritische Medienwissenschaftler Martin Müller, "der geisteswissenschaftliche Fragen mit naturwissenschaftlichen Konzepten zu klären versprach. Genetik statt Geschichte. Kognition statt Hermeneutik. Singularität statt Cultural Studies. Mit seinem Buch 'The Third Culture' gab Brockman dieser Verschiebung ein Programm. Der Titel versprach Dialog, doch gemeint war Ausschluss. In diesem 'neuen Humanismus' war für die pessimistischen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts kein Platz. Poststrukturalisten und Sozialkonstruktivistinnen galten Brockman als Gefangene eines 'wuchernden Spiralkreislaufs von Kommentaren über Kommentare, an dessen Ende die reale Welt verschwindet'. Statt historisierender Selbstbefragung setzte Brockman auf technowissenschaftliche Funktionalität." Damit setzte laut Müller der Niedergang der Geisteswissenschaften ein und es entstand "eine Wissensordnung, die Kritik durch futuristische Naturbeherrschung ersetzte".

Außerdem: die taz veröffentlicht Marko Martins Dankesrede zum Ovid-Preis 2025, den das PEN-Zentrum verleiht.
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Gesellschaft

"Wir Juden haben nun endgültig etwas verstanden. Wir werden niemals vergessen: Wir sind allein." Dieses sehr bittere Fazit zieht Maram Stern, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses und Sohn von Holocaustüberlebenden, in der Zeit nach den weltweiten Reaktionen auf den Anschlag vom 7. Oktober: Der linke Antisemitismus, die Hetzjagd auf Juden in Amsterdam, der Anschlag auf die Synagoge in Manchester, Aktivisten, die letzte Woche in New York "ein Totengedenken abhielten für Top-Terroristen, die die Vernichtung des jüdischen Staates planten und von der israelischen Armee getötet wurden: darunter Hamas-Führer Yahya Sinwar und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah" zeigen ihm: "Nein, es herrscht kein Frieden. Der Albtraum geht weiter. In Nahost und weltweit. ... Unsere Einsamkeit im Angesicht des weltweiten Judenhasses ist fürchterlich. Sie wird auch nicht gelindert durch die Solidarität unserer falschen Freunde: der Islamhasser, die uns instrumentalisieren wollen für ihren Kampf gegen Muslime ... Diese falschen Freunde werden sich im nächsten Moment auch gegen uns Juden wenden, weil auch wir ihrem Bild der einheitlich weißen, christlichen Kultur nicht entsprechen."

Hamburgs Antisemitismusbeauftragter Stefan Hensel ist nach vier Jahren von seinem Amt zurückgetreten. Im Interview mit der Zeit erklärt er, warum: "Es gibt immer mehr Fälle, in denen Kinder und Jugendliche psychische und körperliche Gewalt erlebt haben. Das geht nah an einen ran. Was mich aber noch mehr dazu bewegt, zu sagen, ich will das nicht mehr machen, ist, dass wir in der Stadt keine überzeugenden Konzepte haben, die darauf eingehen."
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Europa

Düster klingt Sergei Gerasimows Zukunftsvision in der NZZ zunächst: Die Ukraine wird nie wieder sein, wie sie war und "dem Drachen des Weltkrieges wächst bereits ein dritter Kopf, aber die westliche Welt schaut gleichwohl nur von der Seitenlinie zu." Aber, es gibt trotzdem Hoffnung - denn Russlands Schwachstelle ist Putin selbst: "Wer Putins Interview mit Tucker Carlson gesehen hat, könnte denken, dass Putin von der Ukraine besessen ist. Tatsächlich ist dies nicht der Fall: Er interessiert sich nicht für die Ukraine, Russland oder irgendetwas anderes. Putin interessiert sich nur für sich selbst, und jetzt weiß Putin, der sich durch Dummheit, Arroganz und Amoral in das Abenteuer der Eroberung der Ukraine gestürzt hat, nicht, wie er daraus wieder herauskommen soll. Putin befindet sich jetzt in derselben Situation wie seine 'Orks', die durch Gas- und Abwasserrohre kriechen, um nach Pokrowsk oder Kupjansk zu gelangen: Er kann weder umkehren noch ausweichen. Das ist sicherlich keine gewinnbringende Position. Sobald die Ukraine diesem schneckengleichen Kriechen ins Nirgendwo ein Ende setzt, ist Putin verloren. Sobald klar wird, dass Putin diesen Krieg verliert, wird sein eigenes Volk ihn stürzen."

Friedrich Merz hat sich mit seinen Aussagen zum "Stadtbild" blamiert und sah sich in der Folge nicht zu einer Entschuldigung genötigt (unser Resümee). In der SZ fragt Susan Vahabzadeh warum sich die Politik, wenn sie um das Stadtbild so besorgt ist, nicht mal den ganz konkreten Baustellen widmet: "Ein schönes Beispiel für Veränderungen, die zum allgemeinen Gefühl der Mulmigkeit beitragen, ist die Münchner Schützenstraße, die noch vor wenigen Jahren ein sehr annehmlicher Ort war. Man schaut dort auf die Überreste des Hauptbahnhofs, einer inzwischen ewigen Baustelle biblischen Ausmaßes, eingerahmt ist all das von den Skeletten längst verblichener Traditionskaufhäuser und verbretterter Ladenlokale, all dies in einer deutschen Prachtmetropole, Abteilung 'Blüten des Spätkapitalismus'. Sind an diesen und anderen ewig währenden Baustellen und Leerstellen die Ausländer schuld? Tatsächlich befinden sich deutsche Städte, nicht zuletzt aufgrund jahrelanger Fehlplanungen, in der Krise, auch die mittleren und die kleinen, weil sie mit Leerstand auf ihren Einkaufsstraßen zu kämpfen haben. Auch kleine Orte auf dem Land, denen Kaufhaus-Pleiten nichts ausmachen, weil sie nie ein Kaufhaus hatten, haben oft leer stehende Ladenlokale."
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Stichwörter: Ukrainekrieg, Putin, Wladimir

Internet

Wir brauchen einen "digitalen Postkolonialismus", fordert Andrian Kreye in der SZ. Das heißt: Europa muss sich unabhängig machen von amerikanischer Technologie, was ihm auch die Ausstellung "City in the Cloud. Data on the Ground" in der Pinakothek der Moderne in München vor Augen führt. Der Medienwissenschaftler Martin Andree von der Universität Köln erklärt Kreye, dass "60 bis 75 Prozent der öffentlichen Debatten von digitalen Medien bestimmt sind. Doch 86 Prozent aller digitalen Güter, also Medieninhalte, Cloud Services und generative KI, kommen aus den USA. Nur zwei Prozent aus Europa." Ein Infrastrukturplan ist "für Europa der einzige Weg, sich daraus zu befreien. Eigene Rechenzentren, Serverfarmen, KI-Modelle, all das, was in der Pinakothek der Moderne gerade gezeigt wird. Eine digitale Welt, die auf einem Fundament aus Stahl, Beton und seltenen Rohstoffen ruht. Gar nicht so anders als im 19. Jahrhundert, nur unsichtbarer. Die US-Konzerne reagieren auf solche Sorgen und gründen lokale Firmensitze mit eigenen Infrastrukturen in Europa. Die Abhängigkeiten bleiben."
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