9punkt - Die Debattenrundschau
Aristoteles ist nicht nur Grieche
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2025. Die Hamas hat die ersten sieben Geiseln freigelassen, meldet die Jüdische Allgemeine. Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Zeit Online. Solange die Hamas die Waffen nicht abgibt und Israel sich nicht aus Gaza zurückzieht, ist ein dauerhafter Frieden nicht in Sicht, fürchtet Politico. Die SZ vermisst auf einer Basler Konferenz ein lustmaximierendes Angebot der Linken für die Zukunft der Gesellschaft. In einer Leipziger Rede blickt Nino Haratischwili aus postkolonialer Perspektive auf Europa. In der FAZ fragt der Historiker Felix Ackermann, warum das Auswärtige Amt ausgerechnet beim Forum für historische Belarus-Forschung sparen will.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
13.10.2025
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Politik
Das Wichtigste zuerst: "Die Hamas hat die Geiseln Alon Ohel, Matan Angrest, Guy Gilboa-Dallal, Eitan Mor, Gali und Ziv Berman und Omri Miran freigelassen", meldet die Jüdische Allgemeine. "Die Ankündigung wurde auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv mit großem Jubel begrüßt. Seit fünf Uhr morgens haben sich dort Tausende versammelt, um der Freilassung der Männer entgegenzufiebern. Gegen neun Uhr soll die Hamas weitere 13 Männer, die zweite Gruppe der noch lebenden Geiseln, an das Rote Kreuz übergeben." Zugleich ist Trumps großer Friedensplan ins Stocken geraten, weil sich die Hamas weigert, ihre Waffen abzugeben, heißt es in einer zweiten Meldung. Nur unter dieser Bedingung ist die israelische Armee jedoch bereit, sich aus Gaza zurückzuziehen.
Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Johanna Haberer bei Zeit Online mit Blick auf den Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas: "Trump war nach all dem der Einzige, der Israels Regierungschef zwingen konnte, seine rechtsradikalen Minister zum Schweigen zu bringen, die mehr oder weniger geräuschvoll von der israelischen Besiedlung des Gazastreifens träumen und der Vertreibung aller Palästinenser aus dem Westjordanland. Die radikalen Parteien auf beiden Seiten, die sich mit dem Slogan 'From the River to the Sea' auf den Lippen unversöhnlich gegenüberstehen, sie sind bis auf Weiteres still. Macht das einen neuen Donald Trump? Nein, das nicht. Aber es macht uns, die Zeugen dieses politischen Wunders, klar, dass nicht immer gute Menschen Gutes tun und schlechte Menschen Schlechtes. Es zeigt uns einmal mehr, dass, wie das Sprichwort sagt, Gott auf krummen Linien gerade schreiben kann und dass die moralistische Vorstellung - der übrigens bereits Aristoteles anhing - ein guter Mensch könne nur Gutes bewirken und ein schlechter nur Schlechtes, schlicht ein gedanklicher Irrtum ist."
Dass die Radikalen still sind, würde Peder Iblher in Politico nicht unterschreiben. Donald Trump Friedensplan beruhe im wesentlich auf älteren Plänen, mit dem Unterschied, "dass er nicht versucht, einen palästinensischen Staat zu gründen oder zu definieren, welches Land zu Israel und welches zu Palästina gehören wird. Die übergeordnete Idee ist, dass sich das Leben der Bewohner Gazas mit der Zeit wirtschaftlich verbessern wird und sie ein berechtigtes Interesse an Frieden haben werden. Ebenso werden die Israelis erkennen, dass sie mit den Palästinensern als friedliche Nachbarn koexistieren können und keine Angst um ihre Sicherheit oder das Überleben ihres Staates haben müssen. ... Eine entmilitarisierte Hamas wird keine Rolle in der Regierungsführung spielen." Das sieht die Hamas jedoch ganz anders und die Regierung Netanjahu wohl auch: "Laut Gina Abercrombie-Winstanley von der Scowcroft Middle East Security Initiative enthält der Plan Elemente, die sowohl für Israel als auch für die Hamas 'ein Gräuel' sind. 'Die Hamas will nicht entwaffnen und ihre Rolle in der Zukunft Palästinas aufgeben', sagte sie. 'Und Israel will sich nicht vollständig aus dem Gazastreifen zurückziehen, die Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde zulassen oder einem späteren palästinensischen Staat zustimmen.'"
In der Côte d'Ivoire, der Elfenbeinküste, soll bald gewählt werden. Doch in der taz blickt Dominic Johnson mit wenig Optimismus auf die Zukunft der Ivorer. Der Streit um die Einwanderer aus dem ehemaligen Französisch-Westafrika, vor allem aus Burkina Faso, die Staatsgründer Felix Houphouet-Boigny in den 60ern, als die Kakaopreise hoch waren, herzlich willkommen geheißen hatte, schwelt weiter. Und die beiden Konkurrenten um das Amt des Präsidenten sind über achtzig Jahre alt: "Die Stabilität der Elfenbeinküste hängt am seidenen Faden. Schon die Wahl 2020 führte zu Unruhen mit Dutzenden Toten. 2025 dürfte kaum ruhiger werden. Zu einer 'Nacht der Hyänen', wie der ivorische Schriftsteller Venance Konan Ende 2010 in der taz Gbagbos Repression nach seiner gestohlenen Wahl nannte, dürfte es kaum kommen: niemand hat Lust auf Krieg und Ouattara ist kein Gewaltherrscher wie Gbagbo damals. Aber es hängen Schatten über der Elfenbeinküste. Die Elfenbeinküste schaffte es nie, den Traum einer offenen Gesellschaft mit Demokratie und Nachhaltigkeit zu vereinbaren. An seine Stelle rückten Alpträume, und eine unbelastete neue Ära will sich einfach nicht einstellen."
Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Johanna Haberer bei Zeit Online mit Blick auf den Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas: "Trump war nach all dem der Einzige, der Israels Regierungschef zwingen konnte, seine rechtsradikalen Minister zum Schweigen zu bringen, die mehr oder weniger geräuschvoll von der israelischen Besiedlung des Gazastreifens träumen und der Vertreibung aller Palästinenser aus dem Westjordanland. Die radikalen Parteien auf beiden Seiten, die sich mit dem Slogan 'From the River to the Sea' auf den Lippen unversöhnlich gegenüberstehen, sie sind bis auf Weiteres still. Macht das einen neuen Donald Trump? Nein, das nicht. Aber es macht uns, die Zeugen dieses politischen Wunders, klar, dass nicht immer gute Menschen Gutes tun und schlechte Menschen Schlechtes. Es zeigt uns einmal mehr, dass, wie das Sprichwort sagt, Gott auf krummen Linien gerade schreiben kann und dass die moralistische Vorstellung - der übrigens bereits Aristoteles anhing - ein guter Mensch könne nur Gutes bewirken und ein schlechter nur Schlechtes, schlicht ein gedanklicher Irrtum ist."
Dass die Radikalen still sind, würde Peder Iblher in Politico nicht unterschreiben. Donald Trump Friedensplan beruhe im wesentlich auf älteren Plänen, mit dem Unterschied, "dass er nicht versucht, einen palästinensischen Staat zu gründen oder zu definieren, welches Land zu Israel und welches zu Palästina gehören wird. Die übergeordnete Idee ist, dass sich das Leben der Bewohner Gazas mit der Zeit wirtschaftlich verbessern wird und sie ein berechtigtes Interesse an Frieden haben werden. Ebenso werden die Israelis erkennen, dass sie mit den Palästinensern als friedliche Nachbarn koexistieren können und keine Angst um ihre Sicherheit oder das Überleben ihres Staates haben müssen. ... Eine entmilitarisierte Hamas wird keine Rolle in der Regierungsführung spielen." Das sieht die Hamas jedoch ganz anders und die Regierung Netanjahu wohl auch: "Laut Gina Abercrombie-Winstanley von der Scowcroft Middle East Security Initiative enthält der Plan Elemente, die sowohl für Israel als auch für die Hamas 'ein Gräuel' sind. 'Die Hamas will nicht entwaffnen und ihre Rolle in der Zukunft Palästinas aufgeben', sagte sie. 'Und Israel will sich nicht vollständig aus dem Gazastreifen zurückziehen, die Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde zulassen oder einem späteren palästinensischen Staat zustimmen.'"
In der Côte d'Ivoire, der Elfenbeinküste, soll bald gewählt werden. Doch in der taz blickt Dominic Johnson mit wenig Optimismus auf die Zukunft der Ivorer. Der Streit um die Einwanderer aus dem ehemaligen Französisch-Westafrika, vor allem aus Burkina Faso, die Staatsgründer Felix Houphouet-Boigny in den 60ern, als die Kakaopreise hoch waren, herzlich willkommen geheißen hatte, schwelt weiter. Und die beiden Konkurrenten um das Amt des Präsidenten sind über achtzig Jahre alt: "Die Stabilität der Elfenbeinküste hängt am seidenen Faden. Schon die Wahl 2020 führte zu Unruhen mit Dutzenden Toten. 2025 dürfte kaum ruhiger werden. Zu einer 'Nacht der Hyänen', wie der ivorische Schriftsteller Venance Konan Ende 2010 in der taz Gbagbos Repression nach seiner gestohlenen Wahl nannte, dürfte es kaum kommen: niemand hat Lust auf Krieg und Ouattara ist kein Gewaltherrscher wie Gbagbo damals. Aber es hängen Schatten über der Elfenbeinküste. Die Elfenbeinküste schaffte es nie, den Traum einer offenen Gesellschaft mit Demokratie und Nachhaltigkeit zu vereinbaren. An seine Stelle rückten Alpträume, und eine unbelastete neue Ära will sich einfach nicht einstellen."
Ideen
Andreas Tobler resümiert für die SZ eine wissenschaftliche Konferenz unter dem Titel "Gegenmoderne" in Basel, auf der prominente Theoretiker wie Oliver Nachtwey (mehr) und Carolin Amlinger (mehr) über Rechtspopulismus und die Situation in den USA disktuierten. "Steile Thesen" gab es einige, so Tobler, woran es mangelte waren dann eher die Lösungen: "Eine Diskussionsteilnehmerin brachte das Dilemma der Kritischen Theorie in diesem Zusammenhang sehr gut auf den Punkt: Während die Rechte große Versprechen auf eine bessere Zukunft mache - erwähnt wurde die von Elon Musk verheißene Umsiedlung auf den Mars angesichts des drohenden Klimakollapses -, würden die verfeinerten Theorien, über die auf der Konferenz nachgedacht wurde, allenfalls in kleinen linken ökologischen Nischen funktionieren, in der alte Radios repariert statt weggeworfen würden. Nach diesem Votum kam es im Hörsaal zu einer kurzen, aber ziemlich emotionalen Diskussion. Wie könnte einer Strömung begegnet werden, die laut Nachtwey und Amlinger von 'Zerstörungslust' angetrieben wird? Müsste das linke Angebot genauso lustvoll, ja lustmaximierend sein, wenn auch im positiven Sinne?"
Die Schriftstellerin Nino Haratischwili hat am 9. Oktober beim Leipziger Gedenktag an die friedliche Revolution die "Rede zur Demokratie 2025" gehalten (mehr hier). Die Rede ist jetzt bei leipzig.de als pdf-Dokument zu lesen. Darin nimmt die georgisch-deutsche Autorin eine für Westler ungewohnte "postkoloniale" Perspektive ein, indem sie die kulturellen Begriffe des "Westens" und des "Ostens" gegenüberstellt: "Aristoteles ist nicht nur Grieche, Caravaggio ist nicht nur Italiener, Bach nicht nur Deutscher, Van Gogh nicht nur Niederländer, Cervantes nicht nur Spanier, Shakespeare nicht nur Brite, Freud nicht nur Österreicher, etc. Sie sind alle in erster Linie Europäer, sie sind ein fester Teil der sogenannten 'abendländischen Kultur'. Will man das auf Osteuropa übertragen, stößt man sehr schnell an seine Grenzen. Um dies zu gewährleisten, müssten wir genügend lettische, rumänische, moldawische, slowakische Autoren kennen, georgische und estnische Maler, armenische und ukrainische Musiker. Aber das tun wir nicht. Ein Land, dessen Kultur wir alle kennen und das die unsere gut kennt, ist Russland. Russland ist quasi die 'fatale Verbindung' zwischen uns allen. Alles, was wir über einander wissen, wissen wir hauptsächlich aus siebzigjähriger Kolonialperspektive."
Die Schriftstellerin Nino Haratischwili hat am 9. Oktober beim Leipziger Gedenktag an die friedliche Revolution die "Rede zur Demokratie 2025" gehalten (mehr hier). Die Rede ist jetzt bei leipzig.de als pdf-Dokument zu lesen. Darin nimmt die georgisch-deutsche Autorin eine für Westler ungewohnte "postkoloniale" Perspektive ein, indem sie die kulturellen Begriffe des "Westens" und des "Ostens" gegenüberstellt: "Aristoteles ist nicht nur Grieche, Caravaggio ist nicht nur Italiener, Bach nicht nur Deutscher, Van Gogh nicht nur Niederländer, Cervantes nicht nur Spanier, Shakespeare nicht nur Brite, Freud nicht nur Österreicher, etc. Sie sind alle in erster Linie Europäer, sie sind ein fester Teil der sogenannten 'abendländischen Kultur'. Will man das auf Osteuropa übertragen, stößt man sehr schnell an seine Grenzen. Um dies zu gewährleisten, müssten wir genügend lettische, rumänische, moldawische, slowakische Autoren kennen, georgische und estnische Maler, armenische und ukrainische Musiker. Aber das tun wir nicht. Ein Land, dessen Kultur wir alle kennen und das die unsere gut kennt, ist Russland. Russland ist quasi die 'fatale Verbindung' zwischen uns allen. Alles, was wir über einander wissen, wissen wir hauptsächlich aus siebzigjähriger Kolonialperspektive."
Europa
Der Historiker Felix Ackermann hat in der FAZ absolut null Verständnis dafür, dass das Auswärtige Amt ausgerechnet beim Forum für historische Belarus-Forschung sparen will (bei dem er im Beirat sitzt): "Belarus gehört zu den Sowjetrepubliken, in denen der deutsche Vernichtungskrieg besonders viele Opfer forderte. Die Berliner Historikerin Franziska Exeler schätzt die Zahl auf mehr als 1,8 Millionen. Die historische Verantwortung für ein von Wehrmacht und SS vollständig zerstörtes Land endet 2025, weil es in der Bundesrepublik heute kein Bewusstsein dafür gibt, dass der Völkermord an den Juden und die Verfolgung der slawischen Bevölkerung erheblich zu einer langfristigen Schwächung der Zivilgesellschaft vor Ort beitrugen. Während Berlin die Verantwortung für die Ukraine unter russischem Beschuss übernimmt, gibt es Belarus als souveränen Staat de facto preis und entlässt das Land in die Arme von Russland."
Die SZ widmet ihre Seite drei einem "der ruchlosesten Verbrechen des russischen Regimes": Katja Gloger und Georg Mascolo sichten die Akten, die die Vergiftung des ehemaligen FSB-Offiziers Alexander Litwinenko in London dokumentieren. In zwei großen Umzugskartons "archiviert", erzählen die Akten von dem Mord an Litwinenko, der mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde, und vom Versagen der deutschen Russlandpolitik: "Im Jahr 2007 weist die britische Regierung dann zum ersten Mal nach elf Jahren wieder russische Diplomaten aus - ausdrücklich als Reaktion auf mangelnde Moskauer Kooperation. Merkel erklärt, diese Entscheidung zu unterstützen. Doch aus Deutschland wird niemand ausgewiesen. Erst 2023, als es gar nicht mehr anders geht, müssen auf deutsche Anordnung insgesamt vier der fünf russischen Generalkonsulate schließen, Hamburg gehört dazu. Dass in ihnen neben Diplomaten immer auch jede Menge Spione arbeiteten, war allen Bundesregierungen seit den Neunzigerjahren bekannt."
Zelda Biller besucht für die NZZ die Prager Redaktion von Radio Free Europe, das mit Sparmaßnahmen zu kämpfen hat, seit Trump Gelder strich. "Endzeitstimmung" herrscht hier aber nicht, so Biller, obwohl die politische Situation in Europa nicht gerade hoffnungsvoll aussieht: "Der Pressereferent Lukas Bagin, ein kleiner Mann mit viel Elan führt zu einer riesigen, an der Wand hängenden Landkarte nebenan. Hier sind alle 23 Länder in Osteuropa, im Kaukasus, in Zentralasien und im Nahen Osten bunt markiert, in die RFE/RL heute in 27 Sprachen sendet, weil es dort keine unabhängige Berichterstattung gibt. Weltweit würden fast fünfzig Millionen Hörer, Leser und Zuschauer pro Woche erreicht, sagt Bagin. Oft seien es Exilanten, die ihren mal mehr, mal weniger unterdrückten Landsleuten Mut zusprächen und die im Übrigen, sollten sie ihren Job und damit ihre Aufenthaltsgenehmigung verlieren und unfreiwillig in ihre Heimatländer zurückkehren müssen, teilweise in Lebensgefahr wären. Was an der Karte auffällt: Viele Länder, die von ihr nach Ende des Kalten Krieges verschwunden waren, sind jetzt wieder da. Nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien beispielsweise kehrte RFE/RL vor ein paar Jahren zurück."
Die Migrationskontrolle an den Grenzen ist "ausgeufert", klagt die Fluchtforscherin Judith Kohlenberger im Interview mit dem Spiegel. In der Begründung macht sie es sich ein bisschen einfach (muss man halt mehr Wohnungen und Schulen bauen), aber ein Punkt sitzt: Die Rückwirkungen auf die europäischen Gesellschaften. "Unsere Gesellschaften gewöhnen sich an die Brutalität, die an der Grenze herrscht - auch weil die permanenten Rechtsbrüche nicht geahndet werden. Schutzsuchende sind die ersten Opfer solcher Methoden, aber in der Regel nicht die letzten. Vor ein paar Jahren haben serbische Grenzschützer begonnen, mit Schallkanonen gegen Migranten vorzugehen. Inzwischen werden sie bei Demonstrationen gegen die Regierung in Belgrad eingesetzt. Die Migrationspanik befördert die autoritäre Wende, die wir überall in der westlichen Welt beobachten können. Auch deshalb ist es so wichtig, aus diesem Denkmuster auszubrechen."
Die SZ widmet ihre Seite drei einem "der ruchlosesten Verbrechen des russischen Regimes": Katja Gloger und Georg Mascolo sichten die Akten, die die Vergiftung des ehemaligen FSB-Offiziers Alexander Litwinenko in London dokumentieren. In zwei großen Umzugskartons "archiviert", erzählen die Akten von dem Mord an Litwinenko, der mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde, und vom Versagen der deutschen Russlandpolitik: "Im Jahr 2007 weist die britische Regierung dann zum ersten Mal nach elf Jahren wieder russische Diplomaten aus - ausdrücklich als Reaktion auf mangelnde Moskauer Kooperation. Merkel erklärt, diese Entscheidung zu unterstützen. Doch aus Deutschland wird niemand ausgewiesen. Erst 2023, als es gar nicht mehr anders geht, müssen auf deutsche Anordnung insgesamt vier der fünf russischen Generalkonsulate schließen, Hamburg gehört dazu. Dass in ihnen neben Diplomaten immer auch jede Menge Spione arbeiteten, war allen Bundesregierungen seit den Neunzigerjahren bekannt."
Zelda Biller besucht für die NZZ die Prager Redaktion von Radio Free Europe, das mit Sparmaßnahmen zu kämpfen hat, seit Trump Gelder strich. "Endzeitstimmung" herrscht hier aber nicht, so Biller, obwohl die politische Situation in Europa nicht gerade hoffnungsvoll aussieht: "Der Pressereferent Lukas Bagin, ein kleiner Mann mit viel Elan führt zu einer riesigen, an der Wand hängenden Landkarte nebenan. Hier sind alle 23 Länder in Osteuropa, im Kaukasus, in Zentralasien und im Nahen Osten bunt markiert, in die RFE/RL heute in 27 Sprachen sendet, weil es dort keine unabhängige Berichterstattung gibt. Weltweit würden fast fünfzig Millionen Hörer, Leser und Zuschauer pro Woche erreicht, sagt Bagin. Oft seien es Exilanten, die ihren mal mehr, mal weniger unterdrückten Landsleuten Mut zusprächen und die im Übrigen, sollten sie ihren Job und damit ihre Aufenthaltsgenehmigung verlieren und unfreiwillig in ihre Heimatländer zurückkehren müssen, teilweise in Lebensgefahr wären. Was an der Karte auffällt: Viele Länder, die von ihr nach Ende des Kalten Krieges verschwunden waren, sind jetzt wieder da. Nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien beispielsweise kehrte RFE/RL vor ein paar Jahren zurück."
Die Migrationskontrolle an den Grenzen ist "ausgeufert", klagt die Fluchtforscherin Judith Kohlenberger im Interview mit dem Spiegel. In der Begründung macht sie es sich ein bisschen einfach (muss man halt mehr Wohnungen und Schulen bauen), aber ein Punkt sitzt: Die Rückwirkungen auf die europäischen Gesellschaften. "Unsere Gesellschaften gewöhnen sich an die Brutalität, die an der Grenze herrscht - auch weil die permanenten Rechtsbrüche nicht geahndet werden. Schutzsuchende sind die ersten Opfer solcher Methoden, aber in der Regel nicht die letzten. Vor ein paar Jahren haben serbische Grenzschützer begonnen, mit Schallkanonen gegen Migranten vorzugehen. Inzwischen werden sie bei Demonstrationen gegen die Regierung in Belgrad eingesetzt. Die Migrationspanik befördert die autoritäre Wende, die wir überall in der westlichen Welt beobachten können. Auch deshalb ist es so wichtig, aus diesem Denkmuster auszubrechen."
Gesellschaft
Die Diskussion um das Abtreibungsrecht ist inzwischen arg verengt, findet in der FAZ Irene Gerlach, Leiterin des Forschungszentrums Familienpolitik an der Evangelischen Hochschule in Bochum. Das Lebensrecht des Embryos komme - anders als das Selbstbestimmungsrecht der Mutter - in der Diskussion kaum noch vor, obwohl die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche heute "fast so hoch wie vor dreißig Jahren" sei "und das, obwohl es damals viel mehr Frauen im gebärfähigen Alter gab" und die sozialen Leistungen sich stark verbessert haben. "Um eines klarzustellen: Es kann Lebenssituationen geben, in denen die Geburt eines (weiteren) Kindes unvorstellbar erscheint, das sehen auch Bundesverfassungsgericht und der Gesetzgeber so. Aber anders zu der Zeit, als Helene Stöcker lebte, gibt es heute nicht nur ein differenziertes Angebot an unterstützenden Leistungen für Familien, sondern auch eine breite Palette von Verhütungsmitteln. Und: Ursächlich für eine Schwangerschaft ist in der Regel sexueller Verkehr. Warum wird die damit einhergehende Verantwortung nicht diskutiert?"
Digitalisierung
Der Ökonom Terry Gregory erklärt im Interview mit dem Spiegel, warum es ein Mythos ist, dass KI vielen Menschen die Jobs wegnehmen wird: "Tatsächlich bestehen Berufe aus Bündeln von Tätigkeiten. Von denen können in der Regel einige automatisiert werden. Wenn dann bestimmte Tätigkeiten wegfallen, gewinnen andere Aufgaben an Gewicht. Wir sehen das immer wieder. Wenn man das berücksichtigt, fällt das Automatisierungspotenzial deutlich geringer aus. Meine Kollegen und ich sind in einer Studie für die Industrieländerorganisation OECD zum Beispiel auf Werte von um die zehn Prozent gekommen. Ganz wichtig: Auch das heißt noch lange nicht, dass zehn Prozent der Leute danach keinen Job mehr haben. Es bedeutet, dass jeder zehnte Job einem starken Wandel durch Technik ausgesetzt ist."
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