Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2025. Das Attentat von Manchester war vorhersehbar, und es geschah in einem gesellschaftlichen Umfeld, das den Täter nur ermutigen konnte, schreibt der Historiker Simon Sebag Montefiore im Jewish Chronicle. Auch in Deutschland kursieren Morddrohungen, warnt die taz. Der Spiegel erzählt, warum die mongolische Kultur in China jetzt nur als "Kultur der Nordgrenze" bezeichnet wird. In der SZ erklärt die Reporterin Natalie Amiri, warum sie auch Hoffnungen in Benjamin Netanjahu setzt. Welt-Autor Thomas Schmid sucht nach der eigentlichen Erklärung für den Erfolg der AfD.
Zornig kommentiert Simon Sebag Montefiore, Autor eines berühmten Buchs über die Geschichte Jerusalems, das Attentat auf die Synagoge in Manchester, bei dem zwei Menschen getötet wurden. In The Jewish Chronicleschreibt er: "Dies war das unvermeidliche Ergebnis von zwei wilden Jahren antijüdischen Rassismus und Radikalismus, entmenschlichender antijüdischer Parolen und abstoßender, schändlicher Bilder, Verleumdungen, Aufrufen zum Mord, Unterstützung für Terror, 'globalise the intifada' und 'decolonise Israel now', die auf den Straßen und in den Medien tönten und weder von Polizisten, die tatenlos zugesehen haben, oder von Politikern, die zwischen publikumswirksamen manichäischen Übertreibungen und vernünftigen, ausgewogenen Beschwichtigungen schwankten, unterbunden wurden; noch von den Fernsehmoderatoren, die den edlen Beruf des Journalismus durch fanatische Feindseligkeit, unverantwortliche Übertreibungen und fehlerhafte Berichterstattung, die nie korrigiert wird, in Verruf gebracht haben; noch von den NHS-Ärzten, die offen den Tod von Juden fordern, die trotz der Kommentare von Wes Streeting immer noch in Krankenhäusern arbeiten. Und ich brauche gar nicht erst die Tastatur-Missionare zu erwähnen, zu deren Lügen und Übertreibungen nun auch gehört, den leidenden Bewohnern Gazas zu empfehlen, ein praktikables Friedensabkommen, das auf dem Tisch liegt, nicht zu akzeptieren." Für die tazberichtet Daniel Zylberstzajn-Lewandowski aus Manchester.
Auch der RomancierHoward Jacobson hat sich geäußert:
"Do you feel in fear now in this country?"
"Yes I do."
The Manchester synagogue attack has led to Jews removing their skullcaps and Stars of David in fear of persecution, says Booker Prize winning novelist and journalist Howard Jacobson. pic.twitter.com/lA5HG0Ur2d
In Tschechien hat erneut der Rechtspopulist Andrej Babis die Wahlen gewonnen. Der Politologe Vit Dostalgibt im Gespräch mit Florian Bayer von der taz eher Entwarnung: "Er ist kein prinzipieller EU-Gegner und hat nicht vor, sie absichtlich zu sabotieren. Bei der Klimapolitik könnte er aus innenpolitischen Gründen Widerstand leisten. Entscheidend werden jene sein, die mit ihm zusammenarbeiten: Eine Kooperation mit Rechtsradikalen würde westeuropäische Staatschefs abschrecken. Eine mit Mainstream-Parteien wäre handhabbarer." Hier Bayers Bericht zum Wahlabend.
Von der hiesigen Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen, fanden in Georgien aus Anlass der Kommunalwahlen verzweifelte Demonstrationen der Opposition statt, berichtet Nastasia Arabuli ebenfalls für die taz: "Am Abend des 4. Oktober färbt das Licht der brennenden Barrikaden die Fassade des Parlaments in Tbilissi orange. Vor dem Gebäude stehen Zehntausende Menschen, dicht gedrängt, erschöpft, aber laut. Einige halten Kerzen, andere ihre Handys hoch, filmen, was sie längst auswendig kennen: Polizeihelme, Transparente, das Schlagen auf Metallzäune. In der Nähe des Präsidentenpalasts lodert Feuer, Rauch zieht über die Allee, die Stimmen vermischen sich zu einem dumpfen Chor aus Wut und Müdigkeit. Währenddessen zeigt das Fernsehen ein anderes Georgien. Im staatlichen Fernsehsender TV Imedi flimmert der Wahlsieg über die Bildschirme. Die Sprecherin verkündet mit ruhiger Stimme: Der 'Georgische Traum' habe in allen großen Städten gewonnen."
Weder linke noch konservative Versuche, den Erfolg der AfD zu erklären, überzeugen den Welt-Autor Thomas Schmid. Für ihn kommt es darauf an zu verstehen, in welchem Umfeld geschwächter Institutionen und Medien sie agiert - und wie sie davon profitiert: "Die Stärke der Partei rührt daher, dass sie als eine Art Klagemauer funktioniert, an der die Unzufriedenen ihre realen oder vorgestellten Beschwernisse abladen können. Die AfD ist modern darin, dass sie ein gutes Gespür für die gesellschaftlichen Biotope hat, in denen Enttäuschung und Wut gedeihen. Ganz unzeitgemäß ist sie jedoch darin, dass sie eine völlig illusionäre Rückvereinfachung der Gesellschaft in Aussicht stellt. Käme die AfD zum Zuge, würde das nicht zuletzt ihre eigene Klientel schmerzlich zu spüren bekommen: als Sicherheits-, vor allem aber Wohlstandsverlust."
In der Welt gratuliert Mathias Döpfner Thomas Schmid zum Achtzigsten und rühmt dessen "ewige Neugier auf das Nichtnaheliegende".
Die Kirchen konnten jahrzehntelang trotz zurückgehender Mitgliederzahlen recht prächtig existierten - so üppig flossen die Kirchensteuern in einem wirtschaftlich florierenden Deutschland. Für die nächsten Jahre sind nun aber drastische Verringerungen ins Auge zu fassen, berichtet Reinhard Bingener in der FAZ: Allein das geistliche Personal soll sich bis 2035 halbieren. "Die Synode der Evangelischen Kirche der Pfalz hat darum im Frühjahr eine einschneidende Reform auf den Weg gebracht, die binnen zehn Jahren zu Einsparungen in Höhe von 45 Prozent des Budgets führen soll. Die Zahl der Kirchenbezirke wird dafür von 15 auf vier reduziert. Aufgrund der finanziellen Nöte fällt auch der Unterhalt der Gebäude zunehmend schwer. Auch durch immer weitere Fusionen von Kirchengemeinden lässt sich das Problem nicht länger bewältigen."
Wer in Neukölln das Existenzrecht Israels verteidigt, hat's nicht einfach. Den Betreibern der Kneipe Bajszel wurde schon häufiger die Fenster eingeschlagen, aber jetzt kursiert ein Mordaufruf (unser Resümee). In der tazrecherchiert eine Reportergruppe: "Es ist kein Einzelfall. Es steht in einer Reihe mit Mordaufrufen und Billigungen von Morden, die seit Mai 2024 in Berlin öffentlich ausgehängt wurden und miteinander zusammenhängen dürften. Fotos aus dieser Reihe liegen der taz vor. Die Plakate betreffen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen und fanden sich in Neukölln, in Mitte, in der Nähe der Humboldt-Universität und dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Uni."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der SZ will Natalie Amiri, die gerade eine Reportage über den "Nahost-Komplex" veröffentlicht hat, Trumps Kriegsplan nicht von vornherein für verloren erklären. Und auch auf Benjamin Netanjahu wirft sie einen differenzierten Blick (die Hamas kommt im Interview allerdings - wie so oft - praktisch nicht vor): "Wenn es Netanjahus Ziel war, dass die letzte Zeile seines Wikipedia-Eintrages einmal nicht lautet: '... und ermöglichte durch seine Ignoranz den Schlag der Hamas am 7. Oktober' - dann hat er das zweifelsohne erreicht. Der Artikel wird nun weitergehen mit einem Kapitel zu seinem grausamen Krieg in Gaza und mit einem zu der Befreiung, die sein Feldzug gegen Iran der Region gebracht hat. Ohne den hätte Assad in Syrien nicht so schnell gestürzt werden können, hätte Libanon nicht die Chance, die Hisbollah zu entwaffnen. Mein Vater und sein Stammtisch mit Exiliranern, die seit Jahrzehnten von einer Rückkehr nach Iran träumen und sich schon so oft sicher waren, dass es bald so weit ist, haben nun vielleicht eine realistischere Chance, dass ihr Traum Wirklichkeit wird."
In China werden Minderheitenimmer stärker drangsaliert, was Spiegel-Reporter Georg Fahrion am Beispiel der Mongolen deutlich macht: Klöster und Mönche werden kontrolliert, die mongolische Kultur heißt jetzt offiziell "Kultur der Nordgrenze", immer mehr Schulfächer werden nur auf Mandarin unterrichtet, überhaupt wächst der Druck, Mandarin statt Mongolisch zu sprechen. Hintergrund dieser Politik sei Xis Furcht, China könnte sich eines Tages auflösen wie die Sowjetunion, wofür er auch deren Multikulturalismus verantwortlich macht: "Der Fachbegriff dafür lautet 'Sinisierung', gemeint ist eine staatlich forcierte Assimilation. 'Die Entwicklung geht dahin, die mongolische Kultur zu verwässern, zu marginalisieren und ihr die Bedeutung zu nehmen', sagt James Leibold, Professor an der La Trobe University in Melbourne und eine Koryphäe auf dem Gebiet von Chinas Minderheitenpolitik. 'In der Inneren Mongolei existiert kaum mehr eine ausgeprägt mongolische Kultur, sondern bestenfalls eine Mischform, die immer stärker Han-chinesisch als mongolisch daherkommt.'" Auch die Europäer bekommen diesen Assimilationsdruck zu spüren: "Eine geplante Innere-Mongolei-Ausstellung in Frankreich kam 2020 nicht zustande, weil die chinesische Seite darauf beharrte, Begriffe wie 'mongolisch' sowie Bezüge zu Dschingis Khan zu tilgen, was der Museumsdirektor ablehnte."
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