9punkt - Die Debattenrundschau
Gefühl des inneren Widerstands
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2025. In der Welt bittet die israelische Autorin Zeruya Shalev die Europäer, "sich der Komplexität bewusst zu sein, in der wir hier leben". In der FAZ fragt der Fimproduzent Martin Moszkowicz, warum gerade seine Branche Israel fallen lässt. In der NZZ lotet der Schriftsteller Christoph Brumme das kulturelle Missverständnis zwischen dem Westen und Russland aus. Die Absetzung des Late-Night-Comedian Jimmy Kimmel beschäftigt die deutschen Medien weiter.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
19.09.2025
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Politik
"Ein Bürgerkrieg droht nicht", meint FAZ-Korrespondent Majid Satar mit Blick auf die gespaltene amerikanische Öffentlichkeit. Aber eine Idylle schildert er im Leitartikel auch nicht: "Den MAGA-Leuten geht es nicht darum, die Demokraten aufzufordern, sich von radikalen Kräften in ihrem Lager zu distanzieren. Die Trumpisten sehen ihre Chance, die kulturelle Dominanz des linksliberalen Establishments in den Medien, in den Universitäten und in Hollywood, dessen Glaubwürdigkeit ohnehin schon von vielen Amerikanern in Zweifel gezogen wird, endgültig zu brechen. Ihre Mittel sind Einschüchterungen, Drohungen und Klagewellen." Nicht dass die Linken sich nicht angreifbar gemacht hätten. Satar rät ihnen "Rückbesinnung auf die liberalen Werte".
Auch FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld schreibt zum Thema und besonders über die Absetzung des Late-Night-Stars Jimmy Kimmel: "Die Plattform- und KI-Tycoone liegen Trump zu Füßen und stellen ihre Algorithmen für ihn ein."
In der taz kommentiert Thomas Salter: "Der Instinktpolitiker Trump weiß um die Bedeutung von Kimmel und Co, die trotz abnehmender Einschaltquoten mittels Clips auf Social-Media-Plattformen immer noch in aller Munde sind. Sie werden nicht so ernst genommen wie publizistische Bollwerke wie die New York Times - auf die es der Präsident ebenso abgesehen hat. Aber Komiker halten ein von vielen US-Amerikanern geteiltes Gefühl des inneren Widerstands am Leben." Johannes Drosdowski inspiziert für die taz die vielen Schlachtfelder von Trumps Krieg gegen die Medien.
Daniele Dell'Agli fragt in einer Intervention für den Perlentaucher, warum die Vereinten Nationen, außer Resolutionen gegen Israel zu verabschieden, nicht auch Vorschläge für eine Lösung der Krise machen. Er erinnert daran, dass von der UNO geführte Interventionen in der Vergangenheit durchaus möglich waren, etwa in Kuwait 1990 unter der Führung der Amerikaner: "Vier Monate hatte es gedauert, diesen gefährlichen Brandherd, der eine ganze Weltregion zu destabilisieren drohte, zumindest politisch zu löschen." Wer "immer noch behauptet, die Vereinten Nationen könnten in Gaza nicht einschreiten, hat offenbar nicht verstanden, dass sie es nicht wollen... Das Prinzip der Schutzverantwortung, das die UNO als ganze bindet und auf das sie sich - wie 2011 für Libyen - für eine Intervention berufen könnte, überlässt sie perfiderweise Israel, das die Zivilisten in Gaza nicht nur vor der Hamas schützen, sondern auch humanitär versorgen soll - und für die teilweise misslingende Erfüllung dieses paradoxen Anspruchs, man staune, obendrein des 'Genozids' beschuldigt wird."
Kacem El Ghazzali erzählt in einem interessanten Hintergrundartikel für die NZZ die Geschichte der marokkanisch-israelischen Beziehungen. Lange Zeit gab es einen Widerspruch von offizieller Ablehnung, Vertreibung der heimischen Juden und geheimer Kooperation, nun herrscht offiziell ein Frieden, der in der Bevölkerung umstritten ist: "Die Abraham-Abkommen waren letztlich weniger eine ideologische Wende als ein strategisches Geschäft. Im Zentrum steht der Konflikt um das Gebiet der Westsahara, das sowohl Marokko als auch Algerien für sich beanspruchen. König Mohammed VI. hatte die Sahara-Frage einst als 'die Linse, durch die Marokko die Welt betrachtet', beschrieben. Die USA machten die Anerkennung des Anspruchs Marokkos auf die Westsahara von der Normalisierung der Beziehungen mit Israel abhängig."
"Ich würde die Europäer bitten, sich der Komplexität bewusst zu sein, in der wir hier leben", sagt die israelische Autorin Zeruya Shalev im Gespräch mit Constantin Schreiber für die Welt. Mit Blick auf die neuen Angriffe der israelischen Armee in Gaza sagt sie: "Meine Augen füllten sich mit Tränen, wie die so vieler Israelis, aber weinen hilft uns nicht weiter, und so sind wir wieder auf die Straße gegangen, um gegen den Krieg zu protestieren. Ich muss hinzufügen, dass in erster Linie die Hamas dafür verantwortlich ist, die Geiseln freizulassen und den Krieg zu verhindern, zum Wohle der Menschen in Gaza, aber ich habe keine Erwartungen an die Hamas. Früher hatte ich Erwartungen an die israelische Regierung, aber nach diesen schrecklichen Jahren habe ich sie völlig verloren. Erst wenn sie ersetzt wird, werden wir unsere Zukunft zurückbekommen. Aber manchmal befürchte ich, dass es dafür schon zu spät ist."
Auch FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld schreibt zum Thema und besonders über die Absetzung des Late-Night-Stars Jimmy Kimmel: "Die Plattform- und KI-Tycoone liegen Trump zu Füßen und stellen ihre Algorithmen für ihn ein."
In der taz kommentiert Thomas Salter: "Der Instinktpolitiker Trump weiß um die Bedeutung von Kimmel und Co, die trotz abnehmender Einschaltquoten mittels Clips auf Social-Media-Plattformen immer noch in aller Munde sind. Sie werden nicht so ernst genommen wie publizistische Bollwerke wie die New York Times - auf die es der Präsident ebenso abgesehen hat. Aber Komiker halten ein von vielen US-Amerikanern geteiltes Gefühl des inneren Widerstands am Leben." Johannes Drosdowski inspiziert für die taz die vielen Schlachtfelder von Trumps Krieg gegen die Medien.
Daniele Dell'Agli fragt in einer Intervention für den Perlentaucher, warum die Vereinten Nationen, außer Resolutionen gegen Israel zu verabschieden, nicht auch Vorschläge für eine Lösung der Krise machen. Er erinnert daran, dass von der UNO geführte Interventionen in der Vergangenheit durchaus möglich waren, etwa in Kuwait 1990 unter der Führung der Amerikaner: "Vier Monate hatte es gedauert, diesen gefährlichen Brandherd, der eine ganze Weltregion zu destabilisieren drohte, zumindest politisch zu löschen." Wer "immer noch behauptet, die Vereinten Nationen könnten in Gaza nicht einschreiten, hat offenbar nicht verstanden, dass sie es nicht wollen... Das Prinzip der Schutzverantwortung, das die UNO als ganze bindet und auf das sie sich - wie 2011 für Libyen - für eine Intervention berufen könnte, überlässt sie perfiderweise Israel, das die Zivilisten in Gaza nicht nur vor der Hamas schützen, sondern auch humanitär versorgen soll - und für die teilweise misslingende Erfüllung dieses paradoxen Anspruchs, man staune, obendrein des 'Genozids' beschuldigt wird."
Kacem El Ghazzali erzählt in einem interessanten Hintergrundartikel für die NZZ die Geschichte der marokkanisch-israelischen Beziehungen. Lange Zeit gab es einen Widerspruch von offizieller Ablehnung, Vertreibung der heimischen Juden und geheimer Kooperation, nun herrscht offiziell ein Frieden, der in der Bevölkerung umstritten ist: "Die Abraham-Abkommen waren letztlich weniger eine ideologische Wende als ein strategisches Geschäft. Im Zentrum steht der Konflikt um das Gebiet der Westsahara, das sowohl Marokko als auch Algerien für sich beanspruchen. König Mohammed VI. hatte die Sahara-Frage einst als 'die Linse, durch die Marokko die Welt betrachtet', beschrieben. Die USA machten die Anerkennung des Anspruchs Marokkos auf die Westsahara von der Normalisierung der Beziehungen mit Israel abhängig."
"Ich würde die Europäer bitten, sich der Komplexität bewusst zu sein, in der wir hier leben", sagt die israelische Autorin Zeruya Shalev im Gespräch mit Constantin Schreiber für die Welt. Mit Blick auf die neuen Angriffe der israelischen Armee in Gaza sagt sie: "Meine Augen füllten sich mit Tränen, wie die so vieler Israelis, aber weinen hilft uns nicht weiter, und so sind wir wieder auf die Straße gegangen, um gegen den Krieg zu protestieren. Ich muss hinzufügen, dass in erster Linie die Hamas dafür verantwortlich ist, die Geiseln freizulassen und den Krieg zu verhindern, zum Wohle der Menschen in Gaza, aber ich habe keine Erwartungen an die Hamas. Früher hatte ich Erwartungen an die israelische Regierung, aber nach diesen schrecklichen Jahren habe ich sie völlig verloren. Erst wenn sie ersetzt wird, werden wir unsere Zukunft zurückbekommen. Aber manchmal befürchte ich, dass es dafür schon zu spät ist."
Gesellschaft
Martin Moszkowicz, bis vor kurzem Vorstandschef der Constantin Film, stellt in der FAZ eine von einem breiten Bündnis unterstützte Petition gegen Antisemitismus vor: "Nie wieder heißt jetzt - Fünf Punkte gegen Antisemitismus!" Antisemitismus soll konsequent entgegen getreten werden, erläutert er: "Jüdisches Leben soll sichtbar und sicher im öffentlichen Raum verankert werden, Normalität soll den Rückzug ersetzen. Außerdem sollen Partnerschaften und jüdische Kultur gefördert sowie Brücken gebaut werden, um Vielfalt sichtbar zu machen." Die Petition ist mit dem Aufruf zu einer großen Demo in München am 5. Oktober verknüpft. Moszkowicz fragt sich in seinem Artikel allerdings auch, warum sich ausgerechnet Moszkowiczs eigene Branche bei dem Thema so zurückhält: "Keine Filmhochschule, kein großer Sender, keine bedeutende Produktionsfirma, kein Branchenverband" hat unterschreiben. "Einige haben abgesagt - zum Beispiel die Deutsche Filmakademie oder der Bundesverband Regie, die sich sonst gern als moralische Instanzen inszenieren. Die meisten aber, so die Initiatoren des D-A-CH Bündnisses, haben nicht geantwortet. Dieses Schweigen ist irritierend. Film und Fernsehen sind weit mehr als bloße Unterhaltung. Sie prägen Bilder, erzählen Geschichten, formen Werte und wirken tief in die Gesellschaft."
Ist Tyler Robinson, der Mörder Charlie Kirks, ein Terrorist ohne Eigenschaften, weder ein Linker noch ein Rechter, geprägt weniger von jenen sozialen Medien, die in unseren abgehangenen Medien als der Hort aller Gefährdungen beschrieben werden, sondern von Subkulturen und Onlinespielen, fragt Leon Holly in der taz. Er bezieht sich auf den Begriff der "Brainrot-Morde" der Autorin Berit Glanz: "Damit spielt sie auf einen Memetrend an, der auf sinnentleerten, 'hirntoten' Humor setzt. Einiges spricht dafür, dass der Kirk-Schütze Teil dieses neueren Phänomens ist: Junge Menschen - nicht besonders politisch, dafür aber sehr aktiv in Online-Subkulturen - begehen Attentate, mit denen sie ihre Memereferenzen und Insider-Jokes in brutaler Weise in die echte Welt tragen." Auch die Wissenschaft denkt darüber nach, ob Brainrot wirklich existiert: Amber X. Chen berichtet im Smithonian Magazine.
Auch Jörg Häntzschel spekuliert in der SZ über Tyler Robinson, schildert aber vor allem, wie skrupellos die MAGA-Rechte den Mord für sich ummünzt: "Die Trump-Leute verschweigen nicht nur, dass auch die Linken den Mord einhellig verurteilten. Sie konnten bislang auch keine Belege dafür liefern, dass Robinson sich selbst überhaupt als links versteht oder mit linken Gruppen in Kontakt war. Sie erwähnen auch nicht, dass die meisten Terroranschläge in den letzten Jahrzehnten von rechten oder islamistischen Tätern verübt wurden, die wenigsten hingegen von linken."
Ist Tyler Robinson, der Mörder Charlie Kirks, ein Terrorist ohne Eigenschaften, weder ein Linker noch ein Rechter, geprägt weniger von jenen sozialen Medien, die in unseren abgehangenen Medien als der Hort aller Gefährdungen beschrieben werden, sondern von Subkulturen und Onlinespielen, fragt Leon Holly in der taz. Er bezieht sich auf den Begriff der "Brainrot-Morde" der Autorin Berit Glanz: "Damit spielt sie auf einen Memetrend an, der auf sinnentleerten, 'hirntoten' Humor setzt. Einiges spricht dafür, dass der Kirk-Schütze Teil dieses neueren Phänomens ist: Junge Menschen - nicht besonders politisch, dafür aber sehr aktiv in Online-Subkulturen - begehen Attentate, mit denen sie ihre Memereferenzen und Insider-Jokes in brutaler Weise in die echte Welt tragen." Auch die Wissenschaft denkt darüber nach, ob Brainrot wirklich existiert: Amber X. Chen berichtet im Smithonian Magazine.
Auch Jörg Häntzschel spekuliert in der SZ über Tyler Robinson, schildert aber vor allem, wie skrupellos die MAGA-Rechte den Mord für sich ummünzt: "Die Trump-Leute verschweigen nicht nur, dass auch die Linken den Mord einhellig verurteilten. Sie konnten bislang auch keine Belege dafür liefern, dass Robinson sich selbst überhaupt als links versteht oder mit linken Gruppen in Kontakt war. Sie erwähnen auch nicht, dass die meisten Terroranschläge in den letzten Jahrzehnten von rechten oder islamistischen Tätern verübt wurden, die wenigsten hingegen von linken."
Europa
Das Missverständnis zwischen dem Westen und Russland beruht auf einer doppelten Paradoxie, schreibt der in der Ostukraine lebende Schriftsteller Christoph Brumme in der NZZ: "Westler definieren ihre Wohlfühlgesellschaften oft als postheroisch. Viele verzichten lieber auf ihre Rechte, als sie unter Einsatz ihres Lebens zu verteidigen. In Russland ist man eher davon überzeugt, dass erst durch Kampf und Heldentum das Leben des Einzelnen eine Bedeutung gewinnt, auch wenn der Kampf von Anfang an aussichtslos ist. Zu Russlands erfolgreichsten Exportprodukten gehören neben Gas und Öl auch Furcht und Schrecken. Freiheit ist nur ein anderer Begriff für Chaos, für einen Mangel an Kontrolle."
Medien
Die FAZ hat ihr Epaper überarbeitet, jene Schnittstelle zu den Lesern, die das Papier nun also wirklich ablösen soll und für das Leser monatlich stattliche Summen zahlen. Wie bei so vielen Reformen handelt es sich um eine Verschlechterung, die sich als Verbesserung verkauft. Artikel, die der Leser anklickt, darf er nun nicht mehr markieren. Das heißt, er kann sich nicht mal für eigene Zwecke einen Namen, eine bibliografische Angabe, einen bemerkenswerten Satz eines Kommentators kopieren und merken. Es sei denn, er schreibt sie ab oder fotografiert sie, wie einst beim Papier. Wehrt sich die Zeitung so gegen Übergriffe gieriger KI-Bots? Nachfragen bei der FAZ-Aboabteilung nach dem Sinn dieser Reform blieben bislang unbeantwortet.
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