9punkt - Die Debattenrundschau
Feind meines Feindes
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.07.2025. In der FAS macht sich die Schriftstellerin Maryam Aras Gedanken über die israelischen Bombardierungen im Iran: Ist der Feind meines Feindes automatisch mein Freund? Außerdem geht der Blick nach Syrien: Die neuesten Ausschreitungen gegen die drusische Minderheit beweisen der FAS einmal mehr, dass die neue Regierung kaum als "gemäßigt" gelten kann. Die NZZ erklärt, warum die Drusen die toleranteste Form des Islam ausüben. Die SZ sieht den Streit um Frauke Brosius-Gersdorf vor allem als "misogynen Backlash".
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
19.07.2025
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Politik
Buch in der Debatte

In der SZ äußert sich Ronen Steinke angesichts der Ankündigungen der israelischen Regierung, die Bevölkerung von Gaza in einem Camp in Rafah unterzubringen, zu Euphemismen in der Politik. So verschleiert die Rhetorik der israelischen Politiker die eigentlichen Umstände: "'Humanitäre Stadt', so will die israelische Regierung das nennen, was sie gerade im Süden des Gazastreifens plant. In den Überresten der zerbombten Stadt Rafah. Kurz gesagt: Die israelische Regierung will, dass zwei Millionen Menschen dort hingehen. Menschen, die sich bisher großteils noch an anderen Orten des Gazastreifens befinden. Richtiger gesagt: Die israelische Regierung will diese Menschen dorthin zwingen. Denn der Rest des Gazastreifens wird ja weiterhin beschossen und bombardiert. Und seien wir genau: Wenn man jemanden vor die Wahl stellt, entweder beschossen und bombardiert zu werden oder das zu tun, was man ihm 'empfiehlt', dann ist das keine Empfehlung, sondern Zwang. Vis absoluta heißt das im Juristenlatein. Übersetzt: Gewalt, die keinen freien Willen mehr lässt."
In der FAS sammelt Frauke Steffens Stimmen zum umstrittenen New Yorker Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani. Auch die jüdische Community ist gespalten, lesen wir, "die Bandbreite jüdischer Politiker im Land reicht von dem lauten Israelkritiker Bernie Sanders bis zu dem rechten Abgeordneten Max Miller aus Ohio, der nach dem 7. Oktober sagte, Gaza müsse 'ausgelöscht' und 'in einen Parkplatz verwandelt' werden." Es "gebe nicht die eine jüdische Meinung zu Mamdani, sagt auch Andrew Silverstein, der den Wahlkampf für das jüdische Magazin Forward beobachtet hat. (...) In der Nachbarschaft in Queens leben Menschen aus vielen Kulturen und sozialen Schichten, und hier fand Silverstein Stoff für viele verschiedene Perspektiven auf Mamdani, erzählt er im Gespräch. Viele junge Juden seien begeistert von dessen politischen Vorschlägen; Mamdani sei eine inspirierende Figur für sie, wie sie die Demokraten lange nicht hatten. Andere, oft Ältere, hätten Angst davor, dass er Spannungen anfachen und Judenhasser ermutigen könnte. 'Manche denken bei Intifada eben an Kinder, die aus Verzweiflung Steine auf einen Panzer werfen, aber viele andere Menschen denken an Busse, die von Bomben in die Luft gesprengt werden', sagt Silverstein."
In Syrien werden Angehörige der drusischen Minderheit von islamistischen Beduinenstämmen angegriffen und getötet. Für Ronya Othmann in der FAS bestätigt das nur, was viele seit dem Sturz des Assad-Regimes denken: Die Erzählung von den "gemäßigten Islamisten" war und ist ein Märchen: "Jetzt haben wir Mitte Juli, und die Einheiten unter dem Befehl Damaskus' sind in dem überwiegend drusischen Suwaida im Süden den Landes eingefallen. Ich sehe Videos von alten drusischen Männern, denen die Islamisten die traditionell drusischen Schnurrbärte abrasieren. Diese Bilder der Erniedrigung sind kaum zu ertragen. Eine Aktivistin, die ich Anfang des Jahres in Suwaida kennengelernt habe und die auch schon bei den Protesten gegen Assad aktiv war, schreibt mir: 'Ich hoffe, dass du unsere Stimme übermitteln wirst, dass Suwaida einem Vernichtungskrieg ausgesetzt ist, dass Massaker an der Zivilbevölkerung verübt werden, Anhänger des Regimes stehlen und zerstören und dass wir internationalen Schutz für die Zivilbevölkerung fordern.'"
In der NZZ erklärt der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll den Glauben der Drusen, deren Auslegung des Islam auf Toleranz aufbaut: "Die religiöse Lehre der Drusen weicht erheblich von anderen muslimischen Richtungen ab, weshalb viele - vor allem fundamentalistische - Muslime die Drusen nicht mehr zu den islamischen Völkern zählen. Von daher besteht die ständige Gefahr aggressiver Übergriffe gegen Drusen vonseiten strikt religiöser Muslime sowohl des sunnitischen wie des schiitischen Lagers. In der Tat beginnen die Abweichungen bereits an der Basis der koranischen Lehre und erlauben es den Drusen, im Unterschied zu den meisten religiösen Muslimen, andere Religionen zu akzeptieren, etwa Christentum, Buddhismus, Hinduismus und Judentum. Gleichermaßen tolerant verhalten sie sich gegenüber philosophischen Richtungen wie dem Platonismus, und es spricht gemäß ihren Auffassungen auch nichts dagegen, mit Andersgläubigen - der Koran kennt diesen Begriff nicht - in Frieden zusammenzuleben."
Während der Süden Syriens von Gewalt beherrscht wird, kehren immer mehr Menschen, die vor dem Assad-Regime flohen, in den syrischen Norden zurück, wie wir in einer FR-Reportage von Marine Caleb und Philippe Pernot lesen. Die Rückkehrer sehen sich schweren Bedingungen ausgesetzt: "Die Bäume sind das Symbol Syriens, seit zwölf Jahren verlassen oder geplündert - und Azzam will ihnen neues Leben einhauchen. Doch wie Millionen anderer zurückkehrender Geflüchteter sieht er sich einer ausgetrockneten Landschaft und rissigem Boden gegenüber. Syrien leidet laut der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, unter der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren mit 40 bis 50 Prozent weniger Niederschlägen im Winter als in den Vorjahren. Dank eines Brunnens im Garten kann Azzam jedoch die Bäume gießen - einige sehen bereits besser aus. Unter der blendenden Sonne wachsen sogar Granatäpfel."
Gesellschaft
Eine "Standardsituation des misogynen Backlashs" macht Marie Schmidt in der SZ in der seit Tagen tobenden Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf aus (unser Resümee). Das ließe sich schon daran sehen, dass das Wort "Frau" in der ganzen Debatte völlig ausgeklammert wird: "Der Vorwurf hieß, sie sei 'lebenskritisch', sie argumentiere für 'Abtreibung bis zur Geburt' und erkenne Embryos die Menschenwürde ab. Das verzerrt vollkommen Brosius-Gersdorfs Argument, das selbstverständlich den Schutz der Grundrechte des Embryos und Fetus würdigt, aber eben in Abwägung mit den Rechten der Mutter. Wobei sie zu unterschiedlichen Gewichtungen kommt, je nach Stadium der Schwangerschaft. Um diesen Gedankengang, dieses variable Einerseits-Andererseits kümmern sich die empörten Kulturkämpfer, die sich hier ein Feindbild zurechtzimmern, nicht. Ihr Vokabular vermittelt (...) den Eindruck, so ein Embryo schwebe in einem losgelösten Uterus, einem gestaltlosen Milieu, und eine allenfalls vorbeispazierende, unbeteiligte Person hebe oder senke beliebig den Daumen über sein Fortbestehen."
In der taz fassen Dinah Riese und Amelie Sittenauer die Debatte zusammen. Obwohl sogar der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, Frauke Brosius-Gersdorf in Schutz nahm, machten "die rebellierenden Abgeordneten der CSU und der CDU indes noch keine Anstalten, von ihrem Baum herunterzukommen. Und auch die begleitende Medienkampagne läuft weiter. Stimmung wird nun auch gegen die zweite SPD-Kandidatin für das Amt der Bundesverfassungsrichterin, Ann-Katrin Kaufhold, gemacht. Die profilierte Juraprofessorin von der Universität München, die insbesondere zu Verwaltungs- und Klimarecht arbeitet, wird von rechten Onlinemedien und AfD-Politikern als 'grüne Klimaaktivistin' mit 'ideologischer Agenda' bezeichnet, ihre Nominierung als 'gefährlich für die Demokratie.'"
In der taz fassen Dinah Riese und Amelie Sittenauer die Debatte zusammen. Obwohl sogar der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, Frauke Brosius-Gersdorf in Schutz nahm, machten "die rebellierenden Abgeordneten der CSU und der CDU indes noch keine Anstalten, von ihrem Baum herunterzukommen. Und auch die begleitende Medienkampagne läuft weiter. Stimmung wird nun auch gegen die zweite SPD-Kandidatin für das Amt der Bundesverfassungsrichterin, Ann-Katrin Kaufhold, gemacht. Die profilierte Juraprofessorin von der Universität München, die insbesondere zu Verwaltungs- und Klimarecht arbeitet, wird von rechten Onlinemedien und AfD-Politikern als 'grüne Klimaaktivistin' mit 'ideologischer Agenda' bezeichnet, ihre Nominierung als 'gefährlich für die Demokratie.'"
Geschichte
Morgen wäre Frantz Fanon 100 Jahre alt geworden. In der taz plädiert der Hamburger Kurator Gabriel Schimmeroth für einen differenzierten Blick auf den "Denker der Dekolonisierung". "Wenn man ihn pauschal als Apologeten der Gewalt diffamiert, geht verloren, dass er universalistische Werte zu einem Zeitpunkt verteidigte, an dem er das nicht hätte tun müssen." Hat Fanon den Einfluss des Islam auf die FLN in Algerien, die er unterstützte, unterschätzt? "Fanon war Atheist. Sein Verhältnis zum Islam ist aber interessant. Er hat Französisch gesprochen, die Sprache der Kolonialmacht, kaum Arabisch und galt durch seine Hautfarbe als Außenseiter. Vielleicht hat er unterschätzt, welche identitären religiösen Triebkräfte es in der algerischen Revolution gegeben hat. Fanon passt nicht in die binäre Reduktion, mit der er heute oft in Beschlag genommen wird."
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