Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.12.2024. Der Attentäter von Magdeburg war offenbar der Psychiater Taleb Al-A., der auf Twitter als ein scharfer Islamkritiker bekannt war - der FAZ hatte er vor fünf Jahren ein Interview gegeben, in dem er erzählte, wie er saudi-arabischen Frauen auf der Flucht half. Wir zitieren aus diesem Interview. Außerdem: Richard Herzinger warnt in seinem Blog davor, Trump als "Friedensbringer" zu sehen. In der FR blickt die in Deutschland lebende Iranerin Noshin Shahrokhi mit Skepsis auf Syrien.
Die Zeitungen sind heute voller besinnlicher Texte über "Trost" und Interviews mit Baumpaten. Sie wussten noch nicht, was gestern Abend geschehen würde und was sich im Aufmacher von Spiegel onlineso liest: "Offenbar völlig ungebremst steuert der Fahrer das Auto durch eine Gasse des Weihnachtsmarkts, mehrere Hundert Meter weit. Handy-Videos, die im Netz kursieren und offensichtlich vom Tatort stammen, zeigen, wie er zahlreiche Menschen anfährt und wie diese zu Boden gehen. Auf späteren Aufnahmen ist zu sehen, wie Menschen zwischen den beleuchteten Buden Verletzte versorgen und trösten, vereinzelt sind Schreie zu hören." So weit bisher bekannt sind bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg zwei Menschen ums Leben gekommen, viele wurden verletzt.
Der Täter ist ein Psychiater aus Saudi-Arabien, der seit 2006 in Deutschland lebt. Laut Bild-Zeitung handelt es sich um Taleb Al-A., der der FAZ im Jahr 2019 ein Interview gegeben hatte. Er soll saudischen Regimekritikern zur Flucht verholfen haben und bekannte sich als Ex-Muslim und Islamkritiker, der angeblich dem säkularen Blogger Raif Badawi nahestand. Das Interview hatte er der FAZ am 14. Juni 2019 gegeben. In dem Interview (unser Resümee) sprach er ausführlich über die Unterdrückung der Frauen in Saudi-Arabien. Nachdem er sein Twitter-Konto eröffnet hatte, erzählte er dort, hätten sich saudi-arabische Frauen an ihn gewandt: "Als ich mich vor drei Jahren bei Twitter registriert habe, wollte ich eigentlich nur den Islam kritisieren, nichts anderes. Aber eine halbe Stunde nachdem ich meinen Account eröffnet hatte, schrieb mir eine saudi-arabische Frau. Sie bat mich um Hilfe, weil sie Asyl in Deutschland beantragen wollte. Wenn mich jemand um Hilfe bittet, sage ich nicht nein. Und so hat es angefangen. Ich habe ihr geholfen, es haben sich mehr Frauen bei mir gemeldet. Irgendwann habe ich eine Chatgruppe auf Telegram eröffnet, und vor zwei Jahren kam mein Online-Forum 'We are Saudis' dazu." Sein Twitter-Konto ist noch aktiv. Ein islamistischer Hintergrund für die Tat ist lautSpiegel online "ausgeschlossen".
Screenshot des FAZ-Interviews mit Taleb Al-A.von 2019.
Es ist wirklich ein Abgrund, wie die Europäer den verhassten Trump zugleich als "Friedensbringer" anstaunen, konstatiert Richard Herzinger in seinem Blog und erinnert an die vielen "faulen Deals", die Trump abgeschlossen hat, etwa mit den Taliban. Trumps großmäulige Behauptung, er könne in 24 Stunden in der Ukraine Frieden schaffen, wird nur auf Kosten der Ukraine gehen, so Herzinger. "Unberechenbar" sei nichts an dem Friedenschluss mit dem Aggressor, den sich Trump und sein Vize Vance vorstellen: "Dieser darf demnach die gewaltsam geraubten Gebiete behalten, die Ukraine muss zudem auf eine NATO-Mitgliedschaft verzichten - und als 'Gegenleistung' sollen die russischen Mordbrenner an einer 'entmilitarisierten' Zone stehenbleiben, die von irgendwelchen europäischen Soldaten bewacht werden soll. Dieser Plan ist in Wahrheit nichts als eine schlecht camouflierte Kapitulationsaufforderung an die Ukraine und eine Einladung an den russischen Terrorstaat, seinen Vernichtungsfeldzug nicht nur gegen das überfallene Land zu intensivieren..."
Vor 25 Jahren veröffentlichte Angela Merkel ihren berühmten Artikel in der FAZ mit dem charakteristisch trockenen Titel: "Die von Helmut Kohl eingeräumten Vorgänge haben der Partei Schaden zugefügt." Arno Widmann erinnert sich in der FR: "Am 22. Dezember überreichte Angela Merkel in der FAZ Helmut Kohl sein Weihnachtsgeschenk. Einen Dolchstoß."
Dominik Baur kommt in der taz auf die Geschichte des Ingolstädter Zeitungsverlegers Wilhelm Reissmüller zurück, der jahrelang ein großer Mann in der bayerischen Provinz war und nur notdürftig kaschierte Lügen über sich als Widerstandskämpfer unter den Nazis in Umlauf gebracht hatte - auch die SZ hat seine Geschichte neulich erzählt (unser Resümee). Natürlich war er selber Nazi. Man will ihm jetzt die Ehrenbürgerwürde posthum aberkennen, so Baur, aber "es ist, als habe man auch drei Jahrzehnte nach seinem Tod noch Angst vor dem Einfluss des Verlegers. Reissmüller gehörte zweifelsohne zu den ganz Mächtigen in Ingolstadt. Mit seiner Zeitung schrieb er Stadtgeschichte - so oder so."
Äußerst pikiert reagiert die Redaktion von Le Monde auf einen Artikel des Figaro, der den renommierten Kollegen eine dezidiert antiisraelische Position vorwarf. Unter anderem war in dem Artikel von einer Art Wandzeitung die Rede, die die luftigen Großraumbüros von Le Monde schmückte und in der mit vielen Bildern der israelische "Genozid" angeprangert wurde (unser Resümee). In der Erklärung von Le Monde heißt es dazu: "Die Existenz dieser Bilder war der überwiegenden Mehrheit der Mitglieder unseres Hauses nicht bekannt und wurde auch nie den verschiedenen Hierarchien gemeldet. Wir verstehen, dass einige der Bilder schockierend waren, sie wurden daher entfernt. Wir bedauern, dass eine einfache interne Diskussion über diese Bilder nicht möglich war und dass sie dazu dienten, einen besonders feindseligen Vorwurf gegen uns zu nähren."
Die in Deutschland lebende Iranerin Noshin Shahrokhi, Religionswissenschaftlerin, ist skeptisch, wenn sie nach Syrien blickt: "Auch wir haben damals - wie heute die Syrer - Glückstränen vergossen", schreibt sie in der FR. Und sie erinnert sich, wie es im Iran lief: "Der Führer hatte sich vor der Revolution in Paris für die Selbstbestimmung der Frauen ausgesprochen. Nach der Revolution wollte er lieber predigen als regieren und wurde zu einem brutalen Despoten. Anfangs durften wir Frauen noch ohne Kopftuch rumlaufen. Die Kopftuchpflicht wurde erst bei den Beamtinnen eingeführt, dann an Unis sowie Schulen und danach in der ganzen Gesellschaft. Damals waren mir andere Freiheiten wichtiger als das Kopftuch. Täglich mussten wir Schülerinnen am gemeinsamen Gebet auf den Schulhof teilnehmen. Ich weigerte mich. Und sie warfen mich aus der Schule."
Die Politologin Katajun Amirpurschreibt in der NZZ über die "Frau Leben Freiheit"-Bewegung im Iran und gibt zu bedenken, dass "es beim Widerstand gegen das Kopftuch nicht nur um das Kopftuch oder das Kopftuch an sich" gehe. Darauf folgt die etwas doppeldeutig klingende Erläuterung: "Das Kopftuch ist eng verwoben mit der Geschichte der Emanzipation in Iran, im Sinne einer Befreiung von Bevormundung - und nicht erst seit 1978, dem Jahr der iranischen Revolution, sondern seit 1936. In jenem Jahr verbot Reza Schah den Hijab. Er wollte das Land mit allen Mitteln modernisieren. Vor allem äußerlich. Die Staatsmacht entblößte deshalb Tschador tragende Frauen auf der Straße."
Syriens Diktator Baschar al-Assad hat sein Land in den wirtschaftlichen Abgrund geführt, berichtet Andreas Mihm auf den Wirtschaftsseiten der FAZ. Das Bruttoinlandsprodukt Syriens sei von 61,4 Milliarden Dollar im Jahre 2010 auf nicht einmal mehr neun Milliarden Dollar im vergangenen Jahr eingebrochen. Floriert hat nur noch der Drogenhandel: "Die US-Zeitschrift Foreign Affairs zitierte unlängst einen Thinktank in Washington, wonach das Assad-Regime im Jahr 2021 bis zu 5,7 Milliarden Dollar mit dem Verkauf des unter dem Handelsnamen Captagon bekannten Mittels eingespielt habe. Jordanien, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate versuchen lange schon, den Handel einzudämmen. Jordanien habe Dutzende von Schmugglern getötet und Luftangriffe gegen Händler und Lager geflogen. Die Emirate hätten bei nur einer Razzia im September 2023 Captagon im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar beschlagnahmt."
Die RAF-Terroristin der letzten Generation Daniela Klette wurde vor einigen Monaten nach jahrzehntelanger Fahndung festgenommen. Ihre Weggefährten Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg konnte die Polizei nicht greifen. Letzterer meldet sich jetzt mit einem Schreiben, das die taz dokumentiert. Garweg hatte zuletzt eine trübsinnige Existenz auf einem "alternativen Bauwagenplatz im Stadtteil Friedrichshain" geführt. In dem Schreiben gibt er aber keine der ersehnten Auskünfte, etwa über die letzten Morde der RAF an Gerold von Braunmühl 1986, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, an dem Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, drei Jahre später, oder an Treuhandchef Detlev Rohwedder, so Konrad Litschko in der taz: "'Grüße aus der Illegalität' - so beginnt sein Schreiben. Er richtet es an seine Familie, an frühere Bekannte, an den Wagenplatz, an 'Genoss*innen'. Er holt zur Fundamentalkritik am Kapitalismus, am internationalen Rechtsruck, am Staat und dessen Sicherheitsbehörden aus. Und er appelliert an die linke Szene, wieder aktiv zu werden." Hier das Schreiben für alle Freunde dieser Art von trocken Brot.
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