Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.11.2024. "Wir sind ja schon in einer Kriegssituation", sagt Karl Schlögel im Interview mit der dpa und warnt vor Einflussagenten Putins in Deutschland wie der AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht. In der FAZ fordert die CDU-Politikerin Anne König eine "feministische Innenpolitik", vor allem mit Blick auf "Häusliche Gewalt". Backstage Classical zieht eine katastrophale Bilanz der Arbeit Joe Chialos.
Der Historiker Karl Schlögel, der heute den Gerda-Henkel-Preis erhält, warnt in einem Gespräch, das offenbar dpa mit ihm führte (hier im Spiegelzitiert) vor Appeasement gegenüber Russland: "'Wir sind ja schon in einer Kriegssituation', sagt Schlögel. 'Ein Krieg fängt ja nicht von heute auf morgen an, sondern es gibt Vorstufen.' Russland versuche, 'die EU zu zerlegen' und Fluchtbewegungen auszulösen. Acht Millionen Ukrainer seien durch den russischen Angriffskrieg vertrieben worden. 'Es gibt fortwährend Versuche der Einmischung, Sabotageakte, Versuche, die politischen Parteien zu instrumentalisieren, also die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht ... Russland testet, wie weit es gehen kann.'"
Inzwischen versucht sich die Ukraine einen Reim auf die kommende Trump-Regierung zu machen, die überaus widersprüchliche Signale zu dem Krieg sendet, berichtet Stefan Locke in der FAZ: "Es gibt durchaus wohlwollende Reaktionen zu Marco Rubio, Trumps künftigem Außenminister, und zu Mike Waltz oder auch zur überraschenden Personalie im Amt des Verteidigungsministers, Pete Hegseth. Der hatte zumindest nach dem russischen Überfall mehr Militärhilfe für Kiew gefordert und Putin einen Kriegsverbrecher genannt. Fast noch häufiger hört man aber auch Sorgen etwa über J. D. Vance, den künftigen Vizepräsidenten, der erklärt hat, sich nicht sonderlich für die Ukraine zu interessieren, oder gar Tulsi Gabbard, Trumps künftige Geheimdienstchefin, die Kreml-Propaganda verbreitet, indem sie die NATO für Russlands Angriff verantwortlich macht."
Was "feministische Außenpolitik" ist, weiß die CDU-Politikerin Anne König auch nach vier Jahren Annalena Baerbock nicht, aber bei der feministischen Innenpolitik könnte die Bundesregierung noch deutlich zulegen, fordert sie in der FAZ: "Die Zahlen des aktuellen Lagebildes 'Häusliche Gewalt' des Bundeskriminalamts belegen wieder einmal das wachsende Unsicherheitsgefühl, gerade unter Frauen. Jede dritte Frau in Deutschland wird mindestens einmal im Leben Opfer von Gewalt. Die Union hat deshalb einen Gesetzentwurf eingebracht, der den strafrechtlichen Schutz insbesondere für Frauen stärkt. Wir wollen, dass die Ausnutzung körperlicher Überlegenheit bei der Bestrafung von Tätern berücksichtigt wird, eine elektronische Fußfessel für Täter und mehr Schutzhäuser für Frauen. Die Ampel hat diese Initiativen in zum Teil polemischer Form kritisiert. Wenn es gesetzgeberisch ernst wird, gilt im links-grünen Politikspektrum leider Täter- vor Opferschutz. Eine europaeinheitliche Sanktionierung von Vergewaltigungen ist am Widerstand Deutschlands gescheitert." König legt außerdem Wert auf die Feststellung, "dass ausländische Tatverdächtige deutlich überrepräsentiert sind", was den Opfern häuslicher Gewalt allerdings auch nicht weiterhilft.
Axel Brüggemann zieht bei Backstage Classical eine katastrophale Bilanz der Arbeit von Kultursenator Joe Chialo, der die Kürzungspläne des Berliner Senats weitgehend emotionslos begleite und sich lieber in der Nähe von Friedrich Merz blicken lasse, weil er auf den Posten des Bundeskulturministers hoffe. In Berlin selbst agiere Chialo dagegen eher dilettantisch: "Ein Beleg für die angespannte Stimmung ist die überdurchschnittliche Fluktuation seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Büroleiterin, Referentin und Sprecher haben bereits den Hut genommen. Außenstehende haben schon lange keine Lust mehr, nach Chialos Pfeife zu tanzen. Zwei Mitglieder der Findungskommission für die Intendanz des Konzerthauses hatten das Handtuch geworfen, nachdem Chialo seiner Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson das Gremium entrissen hatte. Unter ihnen auch der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe. Chialo würde von klassischer Musik nur wenig verstehen, heißt es aus Kreisen der Kommission."
Die Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind erinnern auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite in der FAZ an den 25. November 1941, an dem erste jüdische Deutsche, die kurz zuvor nach Litauen deportiert worden waren, durch Erschießung ermordet wurden. Es war eine der ersten Episoden des Holocaust. Unter den Erschossenen waren tausend Juden aus München. Bei den Erschießungen halfen auch litauische Partisanen. Die Autorinnen schildern einen der finstersten Gewaltkontexte im 20.Jahrhundert: "Als die Sowjetunion im Juni 1940 Litauen besetzte, empfand die Mehrheitsgesellschaft dies als Verrat, für den auch die Juden verantwortlich gemacht wurden. Die Litauische Aktivistenfront (LAF), die im November 1940 in Berlin von Exillitauern begründet worden war, plante, die Unabhängigkeit Litauens mithilfe der Deutschen wiederherzustellen und das Land von Juden, die als Bolschewisten galten, zu 'säubern': Wie auch in vielen anderen Ländern war 'der linke Jude' in Litauen das Feindbild Nummer eins. Für die jüdische Bevölkerung selbst waren die Sowjets im Vergleich zu den Deutschen, die keinen Hehl aus ihrem antisemitischen Wahn machten, durchaus das geringere Übel."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Jürgen Kaube verweist im Feuilletonaufmacher der FAZ auf den Band "Bücher und ihre Wege - Bibliomigration zwischen Deutschland und Polen seit 1939", der die Geschichte der verlorenen Bücher der Staatsbibliothek Berlin auch im Kontext der Plünderungen der Nazis in Polen und anderswo erzählt. Viele Bücher der Stabi lagern heute in Polen. In Berlin erhebe die Staatsbibliothek "ausweislich ihres Netzauftritts, 'auf alle Materialien, die mit ihren historischen Stempeln versehen sind, Eigentumsanspruch.' Den für Forscher wichtigen Hinweis darauf, wo sich die verlorenen Bände heute befinden, empfände man wohl als eine Art Aufgabe dieses Anspruches. Diese Bücher seien, formulierte ein deutscher Diplomat einst nicht sehr geschmackssicher, 'die letzten deutschen Kriegsgefangenen'. Will sagen: Sie haben einen Anspruch darauf, nach Hause zurückzukehren."
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