9punkt - Die Debattenrundschau

Verblüffend einfache Evidenzen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.07.2019. In der FAZ erinnert sich Jürgen Habermas an Agnes Heller. Ebenfalls in der FAZ sucht Udo Di Fabio nach Ursachen für die Blüte der Identitätsdiskurse. In der Financial Times lokalisiert Simon Kuper den Ursprung des Brexit im Ökosystem von Oxford. Im Filmdienst schlägt Lars Henrik Gass vor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen sein zu lassen und sich mit den Mediatheken zu begnügen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2019 finden Sie hier

Ideen

Die Feuilletons reichen jetzt große Agnes-Heller-Nachrufe nach (hier die ersten Meldungen und Nachrufe vom Samstag). In der FAZ schreibt Jürgen Habermas, der seit den fünfziger Jahren mit Heller befreundet war: "Zu dieser Person passt nur ein plötzlicher Tod. Und nun die Nachricht, dass sie vergangenen Freitag während ihres Urlaubs auf den Plattensee hinausschwamm - und nicht zurückkehrte." Was sie für ihn "als Philosophin auszeichnet und mit Hannah Arendt tatsächlich verbindet, ist die Fähigkeit, diese Emphase für erhebende Ideen mit den verblüffend einfachen Evidenzen alltagskluger Erfahrungen und Weisheiten zusammenzuführen".

Ralf Leonhard schreibt in der taz: "Wenige Philosophen und Philosophinnen haben ihr eigenes Denken so sehr in Frage gestellt und immer wieder kritischer Reflexion unterzogen wie Heller, die in ihrem 2017 erschienenen Buch 'Eine kurze Geschichte meiner Philosophie' einen kritischen Blick auf ihr eigenes Denkgebäude wirft. Dabei habe sie nicht alles verworfen, was sie vorher geschrieben hatte, vielmehr 'muss ich Teile durch andere Teile ersetzen, aber nicht das ganze Gebäude niederreißen'. Sonst könne man 'kein anderes Gebäude aufbauen', erklärte sie damals."

Weitere Nachrufe: Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer, in der SZ Willi Winkler, in der Welt Mara Delius.

Traditionelle Institutionen wie Parteien, Kirchen und Medien schmelzen wie Eis in der Sonne, es entstehen unkontrolliert irrationale Identitätsideologien. Schuld am ganzen Verfall sind staatsübergreifende Organisationen wie die Europäische Union, die Globalisierung und die Säkularisierung, diagnostiziert der ehemalige Verfassungsrichter und heute konservative Publizist Udo Di Fabio in der FAZ: "Die Säkularisierung und Individualisierung westlicher Demokratien hat den Identitätsbedarf, sich in einer Gemeinschaft zu finden, nicht verschwinden lassen. Es gibt auch in der rationalen Gesellschaft eine metaphysische Konstante. Ein Land, das sich von traditionellen Religionen entfernt, kann plötzlich und gerade auch im säkularen Bereich einer metaphysischen Sehnsucht folgen. Wachsende Rationalität führt nicht zu einem Verschwinden des Hungers nach Emotionalität, sondern lässt ihn nur an neuen Orten und in neuen Gestalten auftreten."

Schuld an der Blüte der Identitätsdiskurse sind nicht nur rechte bis rechtsextreme Politiker wie Donald Trump, auch Politikerinnen der Demokraten sorgen für eine immer stärkere Ausrichtung der Politik nach Identitäten, schreibt Anna Sauerbrey im Tagesspiegel. eine schwarze Politikerin wie Kamela Harris betone anders als noch Barack Obama stets ihre persönliche Diskriminierungserfahrung - für Sauerbrey kann das politisch nicht funktionieren: "Nun steht natürlich außer Zweifel, dass jeder Mensch, auch jeder Politiker, von seinen persönlichen Erfahrungen geprägt ist und dass Weiße tatsächlich die Erfahrung nicht nachempfinden können, als Schwarzer in einer rassistischen Gesellschaft leben zu müssen. Doch in der Politik geht es nicht um das 'Nachempfinden', es geht darum, zu verstehen und politische Lösungen zu entwickeln."
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Europa

Der Migrationsforscher Herbert Brücker zieht im Gespräch mit Andrea Dernbach vom Tagesspiegel eine flüchtlingspolitische Bilanz mit Blick auf die große Einwanderung von 2015. 40 Prozent der Flüchtlinge hätten inzwischen Jobs: Insgesamt seien die Flüchtlinge "im Schnitt besser gebildet und ausgebildet als die Bevölkerung ihrer Heimatländer, und zwar deutlich. Der Akademikeranteil ist etwa doppelt so hoch, Analphabeten machen bestenfalls 15 Prozent aus. Die Schulbildung ist allerdings polarisiert: Es gibt zwar einen Anteil von 40 Prozent, die weiterführende Schulen besucht haben, aber auch 25 Prozent, die nur eine Grundschule oder gar keine Schule besucht haben."

Der Financial-Times-Kolumnist Simon Kuper ist selbst ein Oxford-Absolvent. Aber Oxford ist nicht Oxford. Er kam nicht, wie Boris Johnson, Michael Gove oder Jacob Rees-Mogg, außerdem noch von einer vornehmen Privatschule. In einem langen Hintergrundartikel erklärt er, welche Rolle der Debattierclub Oxford Union und die Studentenzeitung Cherwell für all die heutigen Brexiters spielte: "Die meisten Studenten, die in Oxford ankamen, wussten kaum, dass es die Oxford Union gibt, aber Johnson besaß die Eingeweihtheit seiner Klasse: Er hatte den Debattierclub in Eton geleitet, und sein Vater Stanley war 1959 mit der Absicht nach Oxford gekommen, Präsident der Union zu werden. Er scheiterte, aber Boris war sofort ein Star… Johnson war auch von vornherein mit jenem besonderen dichten Netzwerk ausgestattet, das ein Internat der Oberklasse bietet. Normale Schulkinder verbringen acht Stunden Zeit am Tag mit ihren Klassenkameraden, aber im Internat leben sie zusammen und haben oft Verwandtschaftsverhältnisse, die Generationen zurückreichen. Johnson kannte schon Dutzende von Leuten, als er in Oxford ankam, während Kinder aus Staatsschulen ganz genau null Personen kannten."

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