9punkt - Die Debattenrundschau

Die Unbarmherzigkeit des Verfahrens

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2017. Mit Unbehagen beobachtet die SZ, wie die #MeToo-Kampagne in Willkür und Denunziation abdriftet. Außerdem fragt sie mit Blick auf Moskau und Peking, ob der Westen wirklich den Kalten Krieg gewonnen hat. In der NZZ fürchtet Herfried Münkler, dass nach jedem kleinteiligen Nationalismus eine Zeit großer Reiche kommt. Donald Trump ist auch eine Folge kurzatmiger Aufmerksamkeit, glaubt der Tagesspiegel. Und der Guardian empfiehlt, sich die Anhörungen von Facebook, Twitter und Google im amerikanischen Kongress anzusehen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2017 finden Sie hier

Gesellschaft

Sonja Zekri wird in der SZ immer unbehaglicher angesichts der #MeToo-Kampagne, die schon gar nicht mehr unterscheide zwischen Vergewaltigungen, übergriffigen Gesten und zotigen Sprüchen: "Es liegt in der Dynamik solcher Enthüllungs- und Bekenntnisschübe zumal in Zeiten von Facebook und Twitter, dass sie sich nicht um juristische Standards scheren. Und doch stellt sich inzwischen ein Unbehagen über die Unbarmherzigkeit des Verfahrens ein. Die Beschuldigten sind sozial, politisch - inzwischen auch: künstlerisch - erledigt, ohne Verfahren, ohne Verteidigung. Ihr Vergehen mag Jahre zurückliegen, aber anders als fast jede andere Tat verjährt es nie. Die Schattenseiten der Kampagne sind Willkür, Denunziation, Mob."

(via Turi2). Der Hollywood Reporter meldet schon, dass Netflix Kevin Spacey aus der letzten Staffel herausschreibt.

Ebenfalls in der SZ hat Annette Ramelsberger keine Nachsicht mehr mit der Verteidigung im NSU-Prozess, die mit immer neuen Befangenheitsanträgen das Verfahren lahm legen: "Was im Gerichtssaal vorgeführt wird, hat mit Wahrheitsfindung nichts mehr zu tun, es ist nur noch eine Leistungsschau juristischen Durchhaltevermögens."
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Politik

Vielfach verlinkt wird der Hindergrundreport von AP, der en détail nachzeichnet, wie russische Hacker die E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampagne angriffen.

Im Guardian empfiehlt Natalie Nougayrède nachdrücklich, sich die Anhörungen im amerikanischen Kongress anzuhören, bei denen die Vertreter Facebook, Twitter und Google gegrillt wurden: "My favourite moment is when senator Dianne Feinstein leans into the microphone and says sternly to the Facebook, Twitter and Google representatives (whose evasive answers have exasperated her): 'You don't get it! This is a very big deal. What we're talking about is cataclysmic. It is cyber warfare. A major foreign power with sophistication and ability got involved in our presidential election.'"
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Medien

Vor einem Jahr hat die wahl Donald Trumps die Welt in eine Depression gestürzt. Im Tagesspiegel sieht Christoph von Marschall keine Chance auf ein baldiges Ende seiner Präsidentschaft und gibt auch den Medien eine Mitschuld an seinem andauernden Erfolg: "Die Kurzatmigkeit des Nachrichtenzyklus nützt Trump. Kaum eine Streitfrage wird nüchtern und systematisch durchdiskutiert. Jeder neue Aufreger verdrängt die vorige Schlagzeile. Trump fordert Todesstrafe für den New-York-Attentäter? Sogleich sinkt das Interesse an den Anklagen gegen seinen Wahlkampfmanager Paul Manafort in der Russland-Affäre.

Auf Bloomberg.com berichten Benjamin Elgin und Vernon Silver, dass Facebook und Google direkt mit politischen Kampagnen von Rechtsaußen zusammengearbeitet hat. In den USA war es vor allem die Lobbygruppe Secure America Now, in Deutschland soll Facebook allerdings auch die AfD beraten haben.
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Ideen

In der SZ blickt Jens Bisky auf die Oktoberrevolution und ihre Erbe zurück und kommt unter anderem auf diesen aufschreckenden Gedanken: "Der Economist hat vor Kurzem den ehemaligen KGB-Offizier Wladimir Putin als neuen Zaren porträtiert. Nimmt man hinzu, dass Russland wieder eine geopolitisch entscheidende Rolle spielt, die Volksrepublik China unter Führung der Kommunistischen Partei eine prosperierende Weltmacht ist, in Washington gerade geprüft wird, inwiefern die Präsidentschaftswahlen von Moskau aus beeinflusst wurden, und dass Nordkorea eine ernsthafte militärische Bedrohung ist, dann stellt sich die Frage, wer den Kalten Krieg gewonnen hat, auf neue Weise. Postkommunistische Situation? Wirklich?"

In der NZZ verspürt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler eine neue Sehnsucht nach Grenzen und Überschaubarkeit und ahnt den Beginn eines neuen Zyklus: "Der strukturelle Wechsel zu einer kleinräumigen Weltordnung lässt die Wahrscheinlichkeit von Kriegen um Räume und Einfluss wachsen. Die Wohlstandszonen reagieren darauf in der Regel damit, dass sie ein Übergreifen auf ihr Gebiet zu verhindern suchen. Nach einiger Zeit kommen sie aber infolge immer weiter um sich greifender Krisen nicht umhin, sich um die Stabilisierung ihrer Peripherie zu bemühen, wirtschaftlich wie politisch, und je mehr sie das tun, desto stärker wachsen sie wieder in die Rolle eines Hüters der Ordnung hinein - und ein neuer Trend zur Großräumigkeit beginnt.

In der FAZ gratuliert Hans Riebsamen dem Erziehungswissenschaftler und Intellektuellen Micha Brumlik zum Siebzigsten.
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