9punkt - Die Debattenrundschau

Er hat sich nie im Kreis von Russen besoffen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2016. Trump, trumper am trumpesten: In der NZZ beweist Nicholas Taleb, dass man zugleich Finanzmathematiker sein und ressentimentgeladenen Stuss über Intellektuelle verbreiten kann - NZZ-Feuiletonchef René Scheu stimmt ihm auch noch zu. Herfried Münkler sieht das Problem in der Welt dann doch eher bei Trump selbst. Die Debatte um Facebook wird schärfer: Hat Facebook Instrumente zur Neutralisierung von Fake News bewusst nicht eingesetzt?, fragt Gizmodo. Buzzfeed berichtet, das Facebook-Angestellte eine inoffizielle Taskforce aufbauen, um Vorwürfe gegen die Plattform zu prüfen.

Politik

In der NZZ beweist Nicholas Taleb, dass man zugleich Finanzmathematiker ("Der schwarze Schwan")  sein und einen vor Ressentiment triefenden Stuss über Intellektuelle schreiben kann: "Die Intellektuellen-Idioten scheinen allgegenwärtig in unserem Leben, obwohl sie nach wie vor eine kleine Minderheit darstellen und selten außerhalb spezifischer Biotope - Think-Tanks, Medien, Universitäten - gesichtet werden; die meisten Leute gehen einer richtigen Arbeit nach, und in diesem Bereich gibt es kaum Nischen für den Intellektuellen-Idioten." Was Taleb dem Intellektuellen-Idioten außerdem noch vorwirft: "Er hat sich nie im Kreis von Russen besoffen."

Feuilletonchef René Scheu sekundiert in einem zweiten Artikel in der NZZ Talebs Attacke auf die "Intellektuellen-Idioten": "Unter Intellektuellen hat sich seither die Rede von den Frustrierten, Verlierern, Rassisten, Sexisten und Xenophoben verselbständigt. In vielen Foren hat sich daraus längst eine gebildete Form der hate speech entwickelt, die sich ungefiltert über einen Teil der amerikanischen Bevölkerung ergießt. Es ist salonfähig geworden, die Mündigkeit der Bürger in Zweifel zu ziehen und Qualifikationen für demokratische Partizipation zu fordern. Jene, die das Unheil nicht kommen sahen, wissen nun plötzlich, woher es kam - von ebenjenen Leuten, über die sie herziehen, ohne sie zu kennen."

(Wie mündig ist ein Bürger, der für einen Rassisten stimmt? Scheu sieht's gerade falsch herum: Nicht wer einen Rassisten einen mündigen Bürger nennt, nimmt ihn ernst, sondern wer ihm den Rassismus nicht durchgehen lässt.)

Herfried Münkler entwirft in der Welt ein ganz anderes Szenario. Was passiert, wenn Trumps Wähler aufmurren, weil er sie enttäuscht? "Dann werden wir uns auf unruhige Zeiten einstellen müssen, denn dann tritt ein, wovor im Vorfeld der Wahl immer wieder gewarnt wurde: ein unberechenbarer Präsident, der weder von seinen Beratern noch vom Regierungsapparat im Zaum gehalten werden kann. Aus populistischer Sicht wäre das die Wiederherstellung der Demokratie, aus elitentheoretischer Perspektive würde derlei zwangsläufig im Chaos enden. Wie dieses Chaos aussehen kann, wird zurzeit von den Apokalyptikern unter den Politikkommentatoren ausgemalt."
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Medien

Vier der dreizehn festgenommenen Cumhuriyet-Redakteure sind inzwischen unter Konditionen wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Viele Medien veröffentlichen aus Solidarität einen Text der Redaktion, der über die aktuelle Lage informiert - "Wir ergeben uns nicht: Von den freigelassenen Journalisten haben wir erfahren, was der Staatsanwalt wissen wollte: 'Warum habt ihr so eine Nachricht veröffentlicht?' 'Warum habt ihr so getitelt?' 'Warum habt ihr das hervorgehoben?' Der Staatsanwalt beschuldigte uns also mit nichts anderem, als Journalisten zu sein. Die Worte des Politikwissenschaftlers John Keane fassen unsere Lage zusammen: 'Manche wollen nicht, dass manche Dinge irgendwo veröffentlicht werden. Diese Dinge nennt man Nachrichten.'"

Die taz meldet in diesem Zusammenhang, dass deutsche Verleger aus Anlass der Istanbuler Buchmesse, bei der Deutschlad Gastland ist, mit einer Mahnwache vor dem Gefängnis gegen die Inhaftierung der Schriftstellerin Aslı Erdoğan protestieren.

Mit zwei Maßnahmen will Schweden seine Medienförderung, die bisher nur Printmedien galt, aufbauen, berichtet Reinhard Wolff in der taz. Es soll ein öffentlich-rechtlicher Digitalkanal mit 500 Journalisten entstehen, und "die bisherige Förderung für Printmedien wird zu einer plattformunabhängigen Medienförderung ausgebaut. Mit einem um rund ein Drittel auf umgerechnet 75 Millionen Euro aufgestockten Budget sollen nun auch digitale und Gratis-Medien, Bild- und Nachrichtenbüros ökonomische Unterstützung erhalten können. Grundsätzlich alle 'allgemeinen Nachrichtenmedien, die qualitativen und vielseitigen Journalismus produzieren'."
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Internet

Die Debatten um Facebook  nehmen an Schärfe zu. In Gizmodo (das zu dem von Facebook-Investor Peter Thiel ramponierten Imperium Nick Dentons gehörte) berichtet Michael Nunez, dass es in Facebook sehr wohl seit Mai Ideen gab, klar als Fake-News erkannte Posts in den Algorithmen nach unten zu stufen - und dass die Pläne aus Angst vor Gegenreaktionen aus der rechten Ecke nicht verwirklicht wurden: Nunez zitiert eine anonyme Quelle. "'Sie haben sehr wohl die Instrumente, Fake News abzustellen', sagt die Quelle, die aus Angst vor Sanktionen der Firma anonym bleiben will. Sie fügt hinzu: 'Es gab eine Menge Angst vor portestierenden Konsrevativen, bei vielen Produktentscheidungen wurde das berücksichtigt.'"

Und Sheera Frenkel berichtet in BuzzFeed: "Facebook-Angestellte bauen eine inoffizielle Taskforce auf, um nach der Wahl Donald Trumps in der letzten Woche die Rolle der Firma bei der Verbreitung von Fake News zu überprüfen - dies geschieht im Kontext einer Debatte über Fake News und irreführende Nachrichten auf eine Plattform, die von über 150 Millionen Amerikanern benutzt wird."
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