Efeu - Die Kulturrundschau
Vielleicht ein bisschen für dich
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Bühne
Matthias Lilienthal übernimmt die Intendanz der Berliner Volksbühne zusammen mit den Choreografinnen Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas! "Westberliner Shabbychic trifft auf Wiener Feminismusporno trifft auf kapverdischen Metamorphosentanz", kommentiert Simon Strauß in der FAZ, der diese Entscheidung für ein Theater der "Grenzüberschreitung" nicht goutiert: "Auf der Hand liegt, dass die Entscheidung auch eine gegen die kulturelle Identität des Hauses ist. Denn mit der lange hier bewirtschafteten Schicksalskategorie 'Ost' haben alle drei nichts zu tun - schade, denn vielleicht birgt sie die wirklichen Extreme." Im Tagesspiegel sieht es Rüdiger Schaper anders: "Lilienthal ist wieder da. Er war nie weg. Berlin, seine Geburtsstadt, hat er stets im Gepäck. Sollte es gelingen, Tradition und Zukünftiges zu verbinden, dann könnte die Volksbühne tatsächlich wieder tonangebend sein, eines Tages. Erfahrung schadet nicht. Und Lilienthal ist kein Künstler. Auch gut. Er kann sich dem Haus widmen."
Einen "international bestens vernetzten Theatermann mit der Nase fürs Besondere" hat man sich da geholt, meint Nachtkritiker Janis El-Bira. Viele Herausforderungen warten: "Wird Lilienthal unter dem Sparzwang die besondere Autonomie der Volksbühne erhalten können, die als einziges Berliner Theater noch in eigenen Werkstätten fertigen lässt? Lilienthal hat bereits angekündigt, gegen die massiven Kürzungen 'lobbyieren' zu wollen. Das 'Schicksal' von Senator Chialo hänge schließlich auch an seinem eigenen, weshalb er eine 'gute Lösung' erwarte, so Lilienthal. Es gibt wahrlich leichtere Theaternüsse zu knacken. Aber die Volksbühne bekommt einen, der den Laden kennt, ohne ihm verfallen zu sein. Und der Intendanz kann. Eigentlich nicht das Verkehrteste in diesen Zeiten."

So richtig glücklich werden die Kritikerinnen nicht mit Ewelina Marciniaks Inszenierung des Stücks "Salome" am Münchner Residenztheater. Die Regisseurin möchte Klischees über Weiblichkeit entkräften, dabei geht aber einiges durcheinander, findet Nachtkritikerin Sabine Leucht: "Diese 'Salome', sehr frei nach Oscar Wilde und Richard Strauss, integriert nicht nur den Dichter und den Komponisten der gleichnamigen Oper in den Plot, sondern auch einen 'Jungen Konservativen' und dessen Geliebte. Die heißt Geli Raubal. Wie die Nichte von Adolf Hitler, mit der er einige Jahre zusammenlebte, bis sie sich 1931 mit nur 23 Jahren erschoss. Ob sie nun Hitlers große Liebe war oder nicht, auf der Bühne des Residenztheaters kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Denn es geht zwar die Mär, dass sich Hitler und Strauss bei der Opernpremiere 1906 getroffen haben, aber Wilde muss, um auch dabei zu sein, seinen Tod vertagen. Und Geli ihren Geburtstag vorverlegen, wie sie selbst bemerkt." Auch Christiane Lutz findet die Inszenierung in der SZ ein bisschen "überladen". Stark ist allerdings die "Schleiertanz"-Szene am Ende: "Als löse sie Salome im Tanzen ab, folgt dann Geli (Vassilissa Reznikoff), die in Ultra-High-Heels eine atemberaubende Pole-Dance-Nummer hinlegt und völlig zu Recht Szenenapplaus erhält. ... Diese zehn Minuten sind intensiv, weil Figur, Musik und Choreografie und die Idee hinter alldem zusammen Sinn ergeben."
Besprochen werden Calle Fuhrs Inszenierung des Klima-Stückes "Atlas" in Kooperation mit "Correctiv" am Hamburger Schauspielhaus (FAS), Johan Simons Inszenierung von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Schauspielhaus Bochum (Welt), Caitlin van der Maas' Inszenierung von Olga Prusak Puppenstück "Drei kleine Schweine im Krieg" am Theater HochX in München (nachtkritik).
Film

Die Feuilletons reißen sich um Tom Tykwer, dessen neuer Film "Das Licht" am 13. Februar die Berlinale eröffnet. Darin spielt Lars Eidinger einen Vater einer vierköpfigen Familie in Berlin, deren Leben durch eine syrische Haushaltshilfe umgekrempelt wird. Auch Tykwer ist Vater einer vierköpfigen Familie, notiert Bert Rebhandl in der FAZ. "Man kann 'Das Licht' wohl wirklich als den Versuch einer Summe oder einer Bilanz sehen." Auffällig ist "ist vor allem, dass Tykwer sich nun sehr stark in einem Generationenverhältnis sieht. 'Wir sind durch zwei Jahrzehnte getaumelt, ohne zu merken, wie sich das System von unseren Einflüssen abgekoppelt hat', sagt Tykwer. 'Die globale Ökonomie hat eine neue Runde gedreht, befeuert durch die Digitalisierung. Wir können schwer anerkennen, dass wir dadurch völlig überfordert sind. In einer behaupteten Lässigkeit haben wir das niemals wirklich durchdrungen. Und plötzlich verstehen wir, dass dieses interessante, widersprüchliche Konstrukt von unseren Kindern als Scherbenhaufen gesehen wird."
Auf diesen Aspekt geht Tykwer auch im Gespräch ein, das er Welt-Filmkritiker Hanns-Georg Rodek gegeben hat: "Der Konflikt, den meine Generation gerade durchlebt, besteht darin, dass wir uns ein stabil aussehendes progressives Haus gebaut haben, das unsere Identität begründet, allerdings auf einer zwar kritischen, aber letztlich widerstandslosen Anpassung an den Kapitalismus beruht. Die Sache mit dem Wohlstand hat einigermaßen geklappt, aber wir merken langsam, dass wir in eine Falle tappen, die wir nicht vorhergesehen haben, weil wir in unserem Denken fahrlässig geworden sind. Das ist es, was unsere Kinder uns nun um die Ohren hauen." Für den Filmdienst führt Hanns-Georg Rodek durch Tykwers Karriere.
Sein Film "soll zum Ausdruck bringen, was ich mir selbst vom Kino wünsche und von einem Kinofilm erwarte", verrät Tykwer dem SZ-Kritiker David Steinitz, nämlich "die wirklich substanzielle Hingabe zu den Figuren, zum Sujet und zu ästhetischen Herausforderungen, denen sich ein Kinofilm heute stellen muss. Wir können inzwischen so unendlich viel anschauen, die Streamer, die Mediatheken, das Handy, wir werden zugeballert mit Erzählungen in jeglicher Form." Aber "ich will ins Kino, weil ich denke, dass dort die Filme laufen sollten, in denen es um etwas geht, die einen Diskurs anzetteln. ... Das bleibt der Vorteil eines Kinofilms. Man kann besser darüber sprechen."
Weitere Artikel: Ronja Wirts spricht für Zeit Online mit Benjamin Gutsche über dessen deutsche Science-Fiction-Serie "Cassandra", die auf Netflix gezeigt wird. Valerie Dirk fasst für den Standard die Kontroversen um die "Emilia Perez"-Hauptdarstellerin Karla Sofía Gascón zusammen, die als erste Trans-Frau überhaupt für "beste Darstellerin" oscarnominiert ist, aber wegen alter Polter-Tweets ins Gespräch gekommen ist. Bei Dreharbeiten in Paris wird genau darauf geachtet, dass am Set keine sexuellen Übergriffe stattfinden, berichtet Stefan Brändle im Standard. Sofia Teresa Müller blickt für den Standard auf die aktuelle Fördersaison im österreichischen Film. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Mia Farrow zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Gints Zilbalodis lettischer Animations-Katzenfilm "Flow" (Standard), James Mangolds "Like A Complete Unknown" mit Thimothée Chalamet als Bob Dylan (FAS) und Lætitia Doschs französische Komödie "Hundschuldig" (SZ).
Kunst

Nicht vorschnell sollte man über die Fotografien von Sam Youkilis urteilen, die im C/O Berlin zu sehen sind, rät Laura Helena Wurth in der FAS. Youkilis ist eigentlich auf Instagram unterwegs und postet dort seine Bilder, erklärt sie ("3261 Beiträge beiläufiger Sehnsucht"). Ein bisschen kitschig wirken seine Motive bisweilen schon, aber tatsächlich ist Youkilis ein scharf beobachtender "Chronist seines Alltags", betont Wurth: "Auf den Screens im Ausstellungsraum sieht man ein Kind mit Eiscreme auf Rollschuhen irgendwo durch Mexiko sausen und im nächsten Moment einen türkischen Eisverkäufer, der in rasender Geschwindigkeit das Eis zu Kugeln formt. Oder ungarische Rentner, die im seichten Wasser eines Thermalbades Schach spielen, zusammengeschnitten mit Sonnenanbetern in Italien. Es sind alltägliche Szenen, eigentlich Banales, Dinge, die oft nicht viel Beachtung erfahren, denen Youkilis hier eine Bühne gibt und so einen anderen Blick auf sie ermöglicht. Und auch wenn die Bilder oft den Eindruck erwecken, dass ein Filter über ihnen liegt, arbeitet er ohne; auf das perfekte Licht muss er warten. Er verwendet lediglich die normalen Bildbearbeitungstools, die das iPhone und Instagram anbieten."
Besprochen werden die Ausstellung über die DDR-Moderne "Im Dialog" im Museum "Das Minsk" in Potsdam (Welt) und die Ausstellung Noa Eshkol - Textile Traces" in der Galerie Neugerriemschneider in Berlin (Welt).
Architektur
Musik
Besprochen werden das neue und vielleicht auch letzte Album von The Weeknd (NZZ, mehr dazu bereits hier), das Debütalbum "Who Let the Dogs Out" von den Lambrini Girls (FR) und "Golden Years", das neue Album von Tocotronic (taz).
Literatur

Für das "Literarische Leben" der FAZ hat Markus Steinmayr nachgesehen, welche Bücher die Kanzlerkandidaten der Parteien als maßgeblich fürs eigene Leben erachten. Bei Robert Habeck stößt er unter anderem auf Herman Melvilles "Moby Dick" - und dies sicher nicht nur, weil es sich dabei um ein "ökokritisches Buch" handelt: "Nautik und Herrschaft sind darin metaphorisch eng miteinander verbunden. ... Wie man im operettenhaften Kapitel 40 des Romans nachlesen kann, kommt die Mannschaft der 'Pequod' aus aller Herren Ländern, und Kapitän Ahab gelingt es als, wie Burkhardt Wolf in 'Fortuna di mare - Literatur und Seefahrt' schreibt, 'Modellfall charismatischer Herrschaft', diese diverse Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Das beschreibt die Lage der grünen Partei. Diversität als Feier der Unterschiede und der Differenz braucht Einheit, die durch eine charismatische Führungsfigur repräsentiert wird, als die die PR-Strategen Habecks Persona konstruieren. Habeck ist daher für manche, ob grün oder nicht, ein Ahab der Transformation."
Unsere Kritikerumfrage zu 25 Jahren Perlentaucher geht weiter: Welches waren die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000, wollen wir wissen. Der bereits illustren Schar an Kritikern (hier der Überblick) gesellt sich heute Nico Bleutge hinzu. Er führt Bücher von Thomas Kling, Katja Lange-Müller, Wolfgang Herrndorf, Terézia Mora und Jürgen Becker an. Und er beobachtet in der von uns zusammengestellten Liste mit den am meisten besprochenen Büchern der letzten 25 Jahre eine Tendenz in der deutschen Literaturkritik: "Beim Blättern durch all die aufgelisteten Bücher fällt mir auf, wie viele Titel in den Feuilletons kurzfristig hochgeschossen wurden, um ein paar Monate später schon wieder vergessen zu sein. Ein Phänomen, das sich durch die Einführung der beiden großen Buchpreise (Deutscher Buchpreis, Preis der Leipziger Buchmesse) noch verstärkt hat." Und mit Blick auf die stets unterrepräsentierten Gedichte zeigt sich ihm auch "die Grenze einer rein quantitativen Erfassung von Büchern, die nicht zuletzt der Lyrik nie gerecht werden kann". Um dem entgegenzuwirken betreiben wir beim Perlentaucher eine Lyrikkolumne.Außerdem: Dass der junge japanische Schriftstellers Yui Suzuki für einen Roman über Goethe den renommierten japanischen Akutagawa-Preis erhalten hat, lässt Irmela Hijiya-Kirschnereit in "Bilder und Zeiten" der FAZ über die Goethe-Begeisterung in Japan nachdenken. Karen Krüger erzählt in "Bilder und Zeiten" von ihrer Reise nach Percoto im Osten Italiens, wo der Schriftsteller Michael Krüger mit dem Nonino-Preis ausgezeichnet wurde. Die FAZ dokumentiert die Rede, die Tilman Spreckelsen zur Eröffnung der Ausstellung "Die komische Kunst des Walter Moers" im Caricatura-Museum Frankfurt gehalten hat. In einer "Langen Nacht" des Dlf Kultur widmet sich Cristiana Coletti dem italienischen Schriftsteller Antonio Tabucchi. Im Literatur-Feature von Dlf Kultur treffen die Schriftstellerin Nora Bossong und die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen im Gespräch über Bücher über die NS-Zeit aufeinander.
Besprochen werden unter anderem Zach Williams' "Es werden schöne Tage kommen" (taz, FR, unsere Kritik), Ismail Kadares "Der Anruf. Untersuchungen" (taz), Wang Xiaobos "Das Goldene Zeitalter" (NZZ), Charles Linsmayers "Die andere Schweizer Literatur" (NZZ), Margot Douahiys Krimi "Verbrannte Gnade" (Jungle World), eine Ausstellung im Zürcher Museum Strauhof zu Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" (NZZ), Karin S. Wozonigs Biografie über die Journalistin und Dichterin Betty Paoli (FAZ) und Octavia E. Butlers "Parabel vom Sämann" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.



