25 Jahre Perlentaucher
Buch der Sprache und der Struktur
Von Nico Bleutge
09.02.2025. "Weltsplitter schießen beim Lesen zusammen und richten die eigene Wahrnehmung neu aus." Nico Bleutge antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000". Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? D.Red.
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Beim Blättern durch all die aufgelisteten Bücher fällt mir auf, wie viele Titel in den Feuilletons kurzfristig hochgeschossen wurden, um ein paar Monate später schon wieder vergessen zu sein. Ein Phänomen, das sich durch die Einführung der beiden großen Buchpreise (Deutscher Buchpreis, Preis der Leipziger Buchmesse) noch verstärkt hat. Ich habe bei der Auswahl versucht, mich fern von diesen saisonalen Erregungen zu halten und jenen Büchern eine Stimme zu geben, die für mich ein Leseerlebnis waren, an das ich mich auch Jahre später noch als ein genau solches erinnere.
Etwa Thomas Klings "Auswertung der Flugdaten". Sein letzter Gedichtband, den er schon schwer erkrankt schrieb. Noch einmal bündelte er seine poetische Kraft und schuf einen mitreißenden "Gesang von der Bronchoskopie", der die Krankheit aufnimmt und zeigt, was nur Gedichte können: die Welt in einen ganz eigenen Kosmos aus Klang, Rhythmus und aufleuchtenden Bedeutungsmomenten zu verwandeln.
Oder Katja Lange-Müllers "Böse Schafe", eine Liebesgeschichte, die von Anfang an gebrochen ist. Die all die Leiden und kleinen Merkwürdigkeiten auffaltet, die den Unterstrom einer großen Liebe bilden. Einer Liebe aber, die nur von einer der beiden Seiten ausgeht. Wie Lange-Müller es schafft, diese Einseitigkeit durch den Bau ihres Romans und durch die ironische Kraft ihrer Sätze bis zum Schluss zu verschleiern, ohne doch auf einen Jack-in-the-box zu setzen, ist schlicht großartig.
Nicht weniger begeistert war ich von Wolfgang Herrndorfs "Sand". Dass man nach einem Roadtrip wie "Tschick" eine so ganz andere Abenteuergeschichte schreiben kann, hätte ich nicht gedacht. Herrndorf nutzt seine große Formkraft, um winzige Spuren, aber auch falsche Fährten auszulegen, wie es Nabokov nicht besser gekonnt hätte. Und trotz oder gerade wegen dieser zahllosen Motive und Sprachteilchen entwickelt der Roman einen Sog, der Seinesgleichen sucht.
Ähnlich erging es mir mit Terézia Moras "Das Ungeheuer". Buchpreisgekrönt, ja. Aber ausnahmsweise einmal verdient, weil es ein Buch der Sprache und der Struktur ist. Wie bei Lange-Müller zwei Perspektiven, hier aber formal umgesetzt über zweigeteilte Seiten. Die Hauptfigur merkt gar nicht, welche Gewalt sie in ihrem Erfolgsstreben ihrer Partnerin antut. Die ihrerseits immer tiefer in eine Depression rutscht. Mora schmiegt sich den Wahrnehmungswelten beider Figuren so an, dass man tatsächlich mitleidet.
Last but not least die "Gesammelten Gedichte" von Jürgen Becker. Zu seinem 90. Geburtstag erschienen. Ein Leben der Wahrnehmungskunst und der Augenblicksbilder. Aber auch des Langgedichts. Schreiben als Mitschrift noch des kleinsten Alltagsmoments, als Journal. All diese Weltsplitter schießen beim Lesen zusammen und richten die eigene Wahrnehmung neu aus.
Natürlich gibt es viele meiner Leseerlebnisse, die als Bücher auf der großen Liste fehlen. Sebalds "Austerlitz" etwa oder die posthum erschienene Werkausgabe zu Wolfgang Hilbig. Und erst recht die Gedichte. Elke Erbs "Sonanz" und Friederike Mayröckers "Gesammelte Gedichte", die prägend für ganze Generationen von Lyriker:innen waren und sind. Lutz Seilers "pech & blende" fällt mir noch ein, genauso wie Ulf Stolterfohts "holzrauch über heslach". Hier zeigt sich womöglich auch die Grenze einer rein quantitativen Erfassung von Büchern, die nicht zuletzt der Lyrik nie gerecht werden kann.
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Beim Blättern durch all die aufgelisteten Bücher fällt mir auf, wie viele Titel in den Feuilletons kurzfristig hochgeschossen wurden, um ein paar Monate später schon wieder vergessen zu sein. Ein Phänomen, das sich durch die Einführung der beiden großen Buchpreise (Deutscher Buchpreis, Preis der Leipziger Buchmesse) noch verstärkt hat. Ich habe bei der Auswahl versucht, mich fern von diesen saisonalen Erregungen zu halten und jenen Büchern eine Stimme zu geben, die für mich ein Leseerlebnis waren, an das ich mich auch Jahre später noch als ein genau solches erinnere.
Etwa Thomas Klings "Auswertung der Flugdaten". Sein letzter Gedichtband, den er schon schwer erkrankt schrieb. Noch einmal bündelte er seine poetische Kraft und schuf einen mitreißenden "Gesang von der Bronchoskopie", der die Krankheit aufnimmt und zeigt, was nur Gedichte können: die Welt in einen ganz eigenen Kosmos aus Klang, Rhythmus und aufleuchtenden Bedeutungsmomenten zu verwandeln.
Oder Katja Lange-Müllers "Böse Schafe", eine Liebesgeschichte, die von Anfang an gebrochen ist. Die all die Leiden und kleinen Merkwürdigkeiten auffaltet, die den Unterstrom einer großen Liebe bilden. Einer Liebe aber, die nur von einer der beiden Seiten ausgeht. Wie Lange-Müller es schafft, diese Einseitigkeit durch den Bau ihres Romans und durch die ironische Kraft ihrer Sätze bis zum Schluss zu verschleiern, ohne doch auf einen Jack-in-the-box zu setzen, ist schlicht großartig.
Nicht weniger begeistert war ich von Wolfgang Herrndorfs "Sand". Dass man nach einem Roadtrip wie "Tschick" eine so ganz andere Abenteuergeschichte schreiben kann, hätte ich nicht gedacht. Herrndorf nutzt seine große Formkraft, um winzige Spuren, aber auch falsche Fährten auszulegen, wie es Nabokov nicht besser gekonnt hätte. Und trotz oder gerade wegen dieser zahllosen Motive und Sprachteilchen entwickelt der Roman einen Sog, der Seinesgleichen sucht.
Ähnlich erging es mir mit Terézia Moras "Das Ungeheuer". Buchpreisgekrönt, ja. Aber ausnahmsweise einmal verdient, weil es ein Buch der Sprache und der Struktur ist. Wie bei Lange-Müller zwei Perspektiven, hier aber formal umgesetzt über zweigeteilte Seiten. Die Hauptfigur merkt gar nicht, welche Gewalt sie in ihrem Erfolgsstreben ihrer Partnerin antut. Die ihrerseits immer tiefer in eine Depression rutscht. Mora schmiegt sich den Wahrnehmungswelten beider Figuren so an, dass man tatsächlich mitleidet.
Last but not least die "Gesammelten Gedichte" von Jürgen Becker. Zu seinem 90. Geburtstag erschienen. Ein Leben der Wahrnehmungskunst und der Augenblicksbilder. Aber auch des Langgedichts. Schreiben als Mitschrift noch des kleinsten Alltagsmoments, als Journal. All diese Weltsplitter schießen beim Lesen zusammen und richten die eigene Wahrnehmung neu aus.Natürlich gibt es viele meiner Leseerlebnisse, die als Bücher auf der großen Liste fehlen. Sebalds "Austerlitz" etwa oder die posthum erschienene Werkausgabe zu Wolfgang Hilbig. Und erst recht die Gedichte. Elke Erbs "Sonanz" und Friederike Mayröckers "Gesammelte Gedichte", die prägend für ganze Generationen von Lyriker:innen waren und sind. Lutz Seilers "pech & blende" fällt mir noch ein, genauso wie Ulf Stolterfohts "holzrauch über heslach". Hier zeigt sich womöglich auch die Grenze einer rein quantitativen Erfassung von Büchern, die nicht zuletzt der Lyrik nie gerecht werden kann.
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