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22.08.2024. Leni Riefenstahl war keine Opportunistin, sondern durch und durch Faschistin, erzählt in der ZeitSandra Maischberger, die eine Riefenstahl-Doku von Andres Veiel produziert hat. Den Theaterkritikern geht die Puste aus in Krystian Lupas fünfstündiger Salzburger Inszenierung des Zauberbergs in litauischer Sprache. Die FAZ stellt das Projekt Roma 050 vor, das Rom Berliner Siedlungseinheiten und fünf Parks am Tiberufer verspricht. In Marseille besucht sie indes Oasen der Nacktheit.
Leni Riefenstahl mit Hitler. Aus Andres Veiels Filmdoku "Riefenstahl"
Für die Zeit spricht Katja Nicodemus mit SandraMaischberger über LeniRiefenstahl. Maischberger hat einen Dokumentarfilm von Andres Veiel über Hitlers Filmpropagandistin produziert, der beim Filmfestival Venedig vorgestellt wird. Der Film basiert auf einer Auswertung von Riefenstahls Nachlass, der bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz liegt und manche Entdeckung bereit hält: "Wir waren natürlich erst einmal auf den filmischen Nachlass gegangen und auf die Schriftstücke, Briefe, Korrespondenzen. Erst danach haben wir uns die Tonkassetten angehört und festgestellt, dass Riefenstahl ab dem Moment, wo es möglich war, ihre Telefonate aufzeichnete. Telefonanrufe und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, Gespräche mit alten und neuen Nazis, in denen ganz klar wird, wie sehr sie ihren, wie sie einmal schrieb, 'gemordeten Idealen' nachtrauerte. Es wurde deutlich, dass da nicht eine Opportunistin am Werk war, sondern eine durch und durch überzeugte Faschistin und Nationalsozialistin."
Außerdem: Hanns-Georg Rodek erzählt online bei der Welt von seinem Besuch beim pensionierten Filmproduzenten GüntherRohrbach. Georg Seeßlen schreibt in der Zeit zum Tod von AlainDelon (mehr dazu bereits hier). Im NZZ-Gespräch erinnertDietrichBrüggemann an seine coronamaßnahmen-kritischen Kurzfilmaktion vor drei Jahren und bekräftigt seine Forderung nach Aufarbeitung der Lockdowns.
Besprochen werden KevinCostners "Horizon" (Perlentaucher, mehr dazu hier), JaneSchoenbruns exklusiv in Berlin startender Coming-of-Age-Medienhorrorfilm "I Saw The TV Glow" (Tsp, unsere Kritik), RiccardoMilanis "Alles nur Theater!" (Perlentaucher, taz), ZoëKravitz' Thriller "Blink Twice" (Presse), SimoneBozzellis "Patagonia" (SZ, FD), Aaron Arens' Regiedebüt "Sonnenplätze" (SZ, FD), Eli Roths "Borderlands" (FAZ) und die Apple-Krimiserie "Bad Monkey" mit VinceVaughn (Freitag). Außerdem verraten SZ und Filmdienst, welche Filme sich in dieser Woche lohnen.
Der SchriftstellerRichardSwartzerinnert sich in der NZZ an eine eher unglücklich verlaufene Begegnung mit StefanHeym. Thomas Hummitzsch fragt sich in seinem Intellectures-Blog, ob die Jury des DeutschenBuchpreises beim Vorsondieren wohl die unabhängigen Verlage übersehen haben (mehr zur Longlist hier). Alex Rühle porträtiert für die SZ die schwedische KinderbuchautorinFridaNilsson.
Besprochen werden unter anderem NoraBossongs "Reichskanzlerplatz" (taz), Camille Laurens' "So wie du mich willst" (taz), Schwarwels Comic "Gevatter" (FAZ.net), BelaSobottkes Comic "Terror 3000" (taz), DavidWagners "Verkin" (FAZ) und ClemensMeyers "Die Projektoren" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Wie sich die Porträtierten dem "kolonialen Blick" von Ethnologen entzogen - oder ihn bewusst für sich nutzten, erkenntStandard-Kritiker Jakob Thaller in der Ausstellung "Auftreten im Bild" im Wiener Bonartes Photoinstitut, für die die Kuratorin Katarina Matiasek einmal mehr die Sammlung des Anthropologenpaars Emma und Felix von Luschan gesichtet hat: "Zu sehen sind unter anderem Bella Te Hoari Papakura (1870-1950) und ihre Schwester Mākereti Papakura (1873-1930), die als Reiseführerinnen durch die neuseeländischen Geothermen von Whakarewarewa führten. Bilder, auf denen die Schwestern performativ klassische Gewänder trugen, gaben sie bei den berühmtesten Fotografen der damaligen Zeit in Auftrag - so stilisierten sie sich zu den ersten Medienstars Neuseelands. Mākereti Papakura studierte später in Oxford Anthropologie, zwei Wochen bevor sie die Endfassung ihrer Abschlussarbeit vorlegen konnte, starb sie."
Seit Mussolini Rom mit seiner "Dampfwalzen-Mentalität" verwüstete, hat sich bei der Stadtplanung nicht mehr viel getan, erinnert Leonardo Costadura, der in der FAZ das von dem Architekten Stefano Boeri gemeinsam mit Bürgermeister Roberto Gualtieri Ende Februar vorgestellte Projekt "Roma 050" skizziert: "Boeris Plan sieht vor, aus der vorhandenen Stadt ein Archipel zu machen, ähnlich wie es Oswald Mathias Ungers zusammen mit Rem Koolhaas 1977 für Berlin erdachte: kompakte Siedlungseinheiten zu schaffen, die durch viel Grün voneinander getrennt sind. … Innerhalb der einzelnen Siedlungskerne sollen im Sinne der 15-Minuten-Stadt alle lebensnotwendigen Dienstleistungen vorhanden sein, und sie sollen mithilfe von öffentlichen Verkehrsmitteln mit dem Zentrum sowie untereinander verbunden sein. … Konkret sieht er unter anderem die Umsetzung von neunzehn Kilometern neuer Tramschienen und 72 Kilometern neuer Fahrradwege vor, von 760 Hektar neuer Grünflächen und 136 Hektar Wald sowie von fünf Parks am Tiberufer. Außerdem soll das bestehende suburbane Eisenbahnnetz zur Ringbahn nach Berliner Vorbild ausgebaut werden."
Gerhard Matzig kommt in der SZ nochmal auf Elon Musks Cybertruck-Ungetüm zu sprechen, einen SUV, der wie einem Mad-Max-Film ensprungen scheint und den er schon letztes Jahr zerrupft hat (unser Resümee). Anlass ist zum einen, dass der TÜV dem Fahrzeug keine Verkehrstauglichkeit für deutsche Straßen bescheinigt, zum anderen, dass sich Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow mit einem um einen Maschinengewehr-Aufsatz ergänzten Cybertruck brüstet, den er von Musk selbst erhalten haben will (was der Tech-Milliardär dementiert). Kadyrow könne sich für das so modifizierte Vehikel auch einen Einsatz in der Ukraine vorstellen. So "machte ein Video die Runde, das Kadyrow auf Telegram gepostet hat. Es zeigt den Elektro-Pick-up von Tesla mit aufmontiertem Maschinengewehr. 'Elon, danke!', sagt Kadyrow in die Kamera. Mit amerikanischer Waffenhilfe die Ukraine terrorisieren: Das ist die Botschaft. Das könnte man für Dankbarkeit, Fake News oder auch Zurückgebliebenheit halten, klar. Der Punkt ist: Der Cybertruck mit Maschinengewehr-Aufsatz, der aus jedem Islamisten in Nahost, aber auch aus dem einen oder anderen Poser am Ku'damm einen speichelnden Pawlow-Hund macht, illustriert die aktuelle Evolution von Autos, diezuWaffenwerden."
Helene Slancar blickt im Standard auf neueste Entwicklungen im Bereich KI-Popkünstler, wobei ihr vor allem - der komplett via KI generierte Popstar BenGaya besonders auffällt. ChristianStachblickt für VAN auf seine acht Jahre im Vorstand des WDRSinfonieorchesters zurück. Volker Hagedorn erzählt in der Zeit Leben und Werk Arnold Schönbergs. Arno Lücker hat für VAN eine Playlist zusammengestellt mit seinen liebsten schnellen Interpretrationen an sich langsamer Sätze, darunter diese:
Besprochen wird eine dreiteilige Netflix-Dokumentation über den Musikproduzenten LouPerlman, der einst hinter den BackstreetBoys und NSYNC stand (NZZ).
Szene aus "Der Zauberberg". Foto: Laura Vanseviciene Die polnische Regie-Legende Krystian Lupa hat mit dem Ensemble des Jaunimo Teatras aus Vilnius Thomas Manns "Zauberberg" auf die Bühne der Salzburger Festspiele gebracht, ganze fünfeinhalb Stunden lang in litauischer Sprache - und die TheaterkritikerInnen ächzen. "Alles spielt sich - bis auf ein paar Wege durch das Parkett - in einem raumhohen Kubus ab, dessen drei Wände mit wechselnden Projektionen bespielt werden", stöhnt Margarete Affenzeller im Standard nach vielen "verlangsamten, zerdehnten Szenen". Bilder kann Lupa, konstatiert Egbert Tholl in der SZ, aber er wolle einfach zu viel - einerseits "große Thomas-Mann-Exegese", andererseits diene ihm der Text "nur als Vorwand für ein Untergangsgemälde, für einen imposanten Bilderrausch des Weltenwahnsinns. Was Naphta, Peeperkorn, Krokowski, Settembrini und alle anderen Unternehmer in den jeweils eigenen Gefilden des Geistes zu sagen haben, verkommt immer mehr zu einem Raunen angesichts des Weltenbrands. Bei der Séance gegen Ende, wenn in einer hoch albernen, aber nie albern gemeinten Splatter-Nummer der Geist des toten Ziemßen beschworen wird, taucht der auch tatsächlich auf. In KZ-Kleidung."
Gnädiger urteilttaz-Kritiker Uwe Mattheiss, der zumindest Lupas Intention zu erkennen versucht: "Er befragt den 'Zauberberg' nach den Gründen für das, was nach ihm gewesen sein wird. Schon in der Anfangsszene mischt sich eine Person in der gestreiften Häftlingskleidung der Konzentrationslager unter das Ensemble, als Castorp noch, ganz 19. Jahrhundert, von romantischer Todesfaszination eingelullt ist. Lupas Interesse gilt dabei eher der anthropologischen Reflexion als der materiellen Geschichte. Er fragt nach der Affektkontrolle der Bestie Mensch unter der brüchigen Sedimentschicht einer Zivilisation. (…) Ein weiteres Moment in Lupas Annäherung ist nach wie vor die Wiedereroberung einer europäischen Perspektive auf die Literatur. Von Vilnius aus betrachtet hat man noch immer genug von der kulturellen Unterfütterungimperialer Ansprüche - aus Deutschland wie aus Russland." Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum winkt ab: Nach fünf Stunden hat er "jede Hoffnung aufgegeben", dass sie die Inszenierung aus ihren "selbst gelegten Zeitschlingen" befreien werde. Wer braucht bei diesem "Fest des Visuellen" schon Sprache, fragt indes Bernd Noack in der NZZ: "Lupa hat ein Gesamtkunstwerk kreiert, das anmutet, als wäre es nur für diesen einen endlosen Moment entstanden, um danach wieder und für immer zu verschwinden."
Weitere Artikel: In der Welt kniet auch Jakob Hayner nieder vor Sandra Hüller, die in "I Want Absolutely Beauty" bei der Ruhrtriennale mit "rauer Schönheit" - und gegen die "einfältige Konzeption" des Stückes - 26 Lieder von PJ Harvey singt (unser Resümee). Der bisherige Höhepunkt ist für Hayner aber Kirill Serebrennikows Inszenierung "Legende", eine szenisch-musikalische Collage, mit der der russische Regisseur dem sowjetischen Filmemacher Sergej Paradschanow mit einem "fantastischen Spektakel" huldigt. Für die SZ resümiert Dorion Weickmann den Auftakt des Berliner Festivals "Tanz im August", das sie bisher erst mit Soa Ratsifandrihanas Stück "Fampitaha, fampita, fampitàna" überzeugt. In der NZZporträtiert Alfred Schlienger den Regisseur Antú Romero Nunes, aktuell Schauspielchef am Theater Basel.
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