Im Kino
Verzettelte Verzahnung
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
21.08.2024. Kevin Costners Oberlippenbart sieht man die Ambitionen noch an, die den Regisseur und Hauptdasteller dazu bewegt haben, sein langjähriges Western-Traumprojekt auf eigenes finanzielles Risiko zu verwirklichen. Doch zumindest der erste Teil seiner "Horizon"-Saga sieht leider nicht nach einem großen Kinowurf aus.
In den Nahaufnahmen des Gesichts Kevin Costners lässt sich der sense of wonder ablesen, den das "Horizon"-Filmprojekt seit den späten 1980er-Jahren über mehrere Finanzierungsversuche hinweg auf den Schauspieler und Regisseur ausgeübt haben muss: der neugierig prüfende Blick auf eine Stadt in einer Talsenke, die Spiegelung des Gesichts in einem Wassertrog nach einem tödlichen Schusswechsel, das für einen kurzen Augenblick besorgte Zurückschweifen der Augen auf der Flucht, bevor das Pferd wieder in Trab gesetzt wird. Dass Costner seit den ersten Story- und Drehbuchentwürfen für die Filmreihe über drei Jahrzehnte gealtert ist, macht kaum einen Unterschied: Wie in allen seinen Westernrollen trägt er einen ausgreifenden Schnurrbart, kräftig verdichtet über der Oberlippe, sanft heruntergeneigt an den Seiten, der den von ihm verkörperten Figuren etwas Altersloses verleiht.
Und doch bricht bereits der erste von insgesamt vier geplanten "Horizon"-Filmen mit seinen bisherigen Westernarbeiten. Als ein umherziehender Viehhändler taucht Kostner in der Geschichte erst nach etwa einer Stunde als eine von unzähligen Figuren auf, mit deren umständlicher Einführung und verzettelten Verzahnung sich "Chapter 1" als Exposition für die weitere Erzählung abmühen muss. Verbindender Handlungsträger der Story ist das titelgebende Städtchen in den Jahren vor und während des amerikanischen Bürgerkriegs.
Horizon ist ein zunächst unscheinbar wirkender Flecken Land im San Pedro Valley an der Grenze von Arizona zu Mexiko. Von Flugblättern, die von Tausenden Quadratkilometern unberührten Landes kündeten, angezogen, gründet dort ein Familientrupp zu Beginn des Films eine Siedlung. Ein Missionar, der einige Zeit später in dem Ort Halt machen möchte, findet nur noch deren Leichen vor - der Boden von Horizon befindet sich mitten in der Flussquerung eines Apachen-Stamms. Siedler, das sind die Verdammten der Erde, deren Hoffnung auf ein neues Leben weiter trägt als der Gedanke, dass es ihnen genommen werden könnte, heißt es einmal im Film. Die Illusionen und das Zutrauen der Siedlerbewegungen in den Zeiten der sogenannten American Frontier sind es, die Costner als eine Art Urantrieb der amerikanischen Gesellschaft versteht: Schafft es nicht der eine, schafft es der nächste.

Einige Jahre später ist Horizon wieder besiedelt, einige Häuser und Zelte säumen nun die gegenüberliegende Seite des Flusses. Ein erneuter Angriff der Apachen, ein nächtlicher Shoot-out, der in einer alles zerstörenden Explosion endet, setzt unzählige, kaum überblickbare Handlungsstränge in Gang, in denen von der ernüchternden Rache der Überlebenden erzählt wird: Flüchtigen und Unbehausten, einem in sich zersplitterndem Indianerstamm und weiteren Hoffnungsfrohen, die auf dem Santa-Fe-Trail gen Südosten ziehen.
Strukturiert ist der Film wie eine Abfolge von drei rund einstündigen Serienfolgen mit jeweils eigener Exposition und dramaturgischem Höhepunkt. In jedem weiteren Teil wird eine weitere Vielzahl von Figuren eingeführt, während die bisherigen Erzählfäden nach rotierendem Prinzip weitergeführt werden. Kommen selbst die heillos verketteten Franchise-Blockbuster der letzten Jahre noch zu einem halbwegs in sich abgeschlossenen Ende, so schließt "Horizon" stattdessen mit einem mehrminütigen Trailer, einem Ausblick auf die folgenden Teile. Nicht zu Unrecht wurde bereits bei der Premiere während der Filmfestspiele von Cannes süffisant das Fernsehformathafte der Reihe belächelt, einem Urteil, dem sich einige Monate später die Zuschauer*innen in den USA anschlossen und die Kinoauswertung des Films aussaßen, bis er kurze Zeit später verdrossen ins Streaming verschoben wurde. Der US-Kinostart der ersten Fortsetzung ist bis auf Weiteres verschoben.
So sehr man Costner, als Regisseur seit jeher ein solitärer Maverick, der gegen bestehende Trends anarbeitet, aber gelegentlich wie mit seinem das Westerngenre zu Beginn der 90er-Jahre revitalisierenden Debüt "Dances With Wolves" auch Trends erzeugen konnte, für dieses lang verfolgte und in großen Teilen eigenfinanzierte Projekt bewundern möchte, so ernüchtert entlässt einen der erste, langatmige Einblick in das Horizon Cinematic Universe. Wenig von der flachen, farblosen Ästhetik gemahnt an die visuelle Opulenz seiner letzten und bislang besten Regiearbeit "Open Rang", einem elegischen, in Landschaften und Stimmungen badenden Spätwestern, mit dem sich der Film zwar den Kameramann (J. Michael Muro) teilt, aber kaum das Genre-immanente Gespür für Räume, Licht und verdichtete Tragik. So alterslos und zeitenthoben Costner selbst auf der Leinwand wirken mag, als ins Kino gehobenes, unter seiner Mehrteiligkeit ächzendes TV-Futter ist "Horizon" leider ganz ein Produkt unserer Gegenwart.
Kamil Moll
Horizon - USA 2024 - OT: Horizon: An American Saga - Chapter 1 - Regie: Kevin Costner - Darsteller: Kevin Costner, Sienna Miller, Sam Worthington, Jena Malone, Owen Crow Shoe, Tatanka Means, Ella Hunt - Laufzeit: 181 Minuten.
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