Im Kino

Liebenswert trotz Klarinette

Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
21.08.2024. Antonio Albanese brilliert in Riccardo Milanis "Alles nur Theater!" als Verkörperung eines italienischen Alltagsmenschen und hat dabei nur einen Gegner: die leider arg manipulative Filmmusik. Insgesamt erweist sich der Film über einen abgehalfterten Schauspieler, der im Gefängnis ein Bühnenprojekt verwirklicht, jedoch als ein herzerwärmendes Stück populäres Kino.

Antonio Cerami (Antonio Albanese) ist Schauspieler, doch schon ein Blick aus seinem Fenster macht klar, dass es nicht gut läuft mit ihm und dem Theater. Direkt vor seiner Wohnung führt ein Gleis der Regionalbahn nach Rom vorüber und jedes Mal, wenn ein Zug vorbei fährt, wackeln seine vier Wände; hinter dem Gleis öffnet sich der Blick auf die Weiten des Flughafen Roma Ciampino. Sein Geld verdient Antonio als Synchronsprecher für Hardcore-Pornos, ein Job, den er seiner Tochter, die in Kanada Windkraftanlagen wartet, verschweigt. Antonios Lage ist so miserabel, dass sein alter Bekannter Michele, Schauspieler wie er und Betreiber eines populären Theaters, ihm einen kleinen Workshop in einem Gefängnis als große Gelegenheit verkauft - und ein Vermittlungshonorar einstreicht. Also versucht Antonio, einer zusammengewürfelten Gruppe von vier Männern das Theater näher zu bringen. Eine Gruppe Gescheiterter wächst aneinander, am Ende - so die Erwartung - sind alle glücklich. Riccardo Milanis "Alles nur Theater" (im Original: "Grazie ragazzi", Danke Jungs) beginnt mit einer Geschichte, die man glaubt, schon tausend Mal gesehen zu haben. Doch so einfach ist es nicht.

Nach dem Theaterworkshop, der in der Vorführung der Fabel vom Wettlauf zwischen einem Hasen und einer Schildkröte gipfelt, geht die Lethargie mit Antonio durch und er versucht, der Direktorin Laura Soprana sowie Michele die Idee schmackhaft zu machen, mit der Gruppe Samuel Becketts "Warten auf Godot" zu inszenieren. Überraschend zügig erzählt der Film, wie es Alberto gelingt, gegen alle Widerstände und Widrigkeiten das Stück mit der Gruppe auf die Beine zu stellen. Spätestens als sich die Truppe etwa in der Mitte des Films vor dem begeisterten Publikum in Micheles Theater verbeugt, ahnt man als Zuschauer_in und als Filmkritiker_in, dass die Dramaturgie doch nicht ganz so verläuft wie gedacht.

"Alles nur Theater" ist das werkgetreue Remake des französischen Erfolgfilms "Ein Triumph" von Emmanuel Courcol. Milanis Remake vereinigt die Crème de la crème des populären Films Italiens. Riccardo Milani hat seit Mitte der 1980er Jahre als Regieassistent bei Nanni Moretti (u.a. bei "Caro diario"), bei Daniele Luchetti und Mario Monicelli gearbeitet. Während Moretti und Luchetti ihre in den 1990er Jahren entwickelten Pathosformeln des Autorenfilms bis heute wiederholen, hat sich Milani nach autoresken Anfängen spätestens mit "Benvenuto Presidente!" (2013) auf den populären Film verlegt. Mit "Scusate se esisto!" (2014) wurde die Schauspielerin Paola Cortellesi drei Jahre nach ihrer Heirat mit Milani zur Dauerpräsenz in seinen Filmen. Milanis Filme wiederum erhalten mit Cortellesi Untertöne gesellschaftlicher Relevanz: seither hat das Paar unter anderem bürgerlichen Rassismus ("Come un gatto in tangenziale", 2017) thematisiert und alleinerziehende Mütter als geheime Superheldinnen inszeniert ("Ma cosa dice il cervello", 2019).


Cortellesi, die zuletzt mit ihrer eigenen Regiearbeit "Morgen ist auch noch ein Tag" für Furore sorgte, ist diesmal nicht mit dabei. Dafür aber Alberto Albanese, eine weitere wiederkehrende Größe in Milanis Filmen. Untersetzt mit Knollennase ist der in diesem Jahr 60 gewordene Darsteller die ideale Verkörperung eines Alltagsmenschen - und das italienische Kino ist durchzogen von Alltagsmenschen. Alberto Sordi hat im Kino der Nachkriegszeit seine Karriere auf den verschiedenen Variationen dieser Rolle aufgebaut und Albanese tut dies ebenso. Unterdessen kann man sogar glauben, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem gealterten Sordi der 1970er und 1980er Jahre und Albanese zu entdecken.

Auf den Theatererfolg folgt in "Alles nur Theater" eine dramaturgisch sinnvolle, aber in der Inszenierung nur mäßig gelungene Phase, die mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. Es ist Albaneses Antonio, der den Film hier trägt, auch wenn er einen harten Gegner hat: die Filmmusik. Andrea Guerras Score ist minimalistisch-gefällig: hier ein bisschen emotionale Manipulation mit Streichern, dort ein wenig emotionale Manipulation mit Klarinette. Leider findet Guerra wenig Varianten und so liegen die Melodien wie Blei auf den Szenen. Immer, wenn es dem Film gelingt, in der Konvention, dem Erwartbaren und dem Populären menschliche Wärme, Zugewandtheit und, ja, Glauben an die Menschen spürbar werden zu lassen, gesellt sich unweigerlich ein Klarinetteneinspiel dazu, dass den Zuschauer_innen so deutlich sagt, was es zu fühlen und zu denken hat, dass einen kurz der Schauder packt. Doch dann kommen wieder Antonio und seine Jungs aus dem Titel daher und erlauben einem, diesem schlichten und doch so liebenswerten wie unterhaltsamen Film bis zum Ende zu folgen. Man mag in den großen, weiten Bögen der Filmgeschichte nichts verpassen, wenn man "Alles nur Theater" nicht anschaut, aber im Hier und Jetzt gewinnt man zwei das Herz erwärmende, angenehme Kinostunden. Und seine Kinoentscheidungen sollte man tunlichst in der Gegenwart treffen.

Fabian Tietke

Alles nur Theater - Italien 2023 - OT: Grazie ragazzi - Regie: Riccardo Milani - Darsteller: Antonio Albanese, Alessia Amendoa, Michele Astori, Fabrizio Bentivoglio, Sonia Bergamesco - Laufzeit: 117 Minuten.