Im Kino

Großer Schurke Melancholie

Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
14.08.2024. Zwei Geschichten vom Verlorengehen erzählt der in den 1990er Jahren einsetzende "I Saw the TV Glow". Die Regisseurin Jane Schoenbrun evoziert den Horror, den es für Jugendliche - und für queere Jugendliche vielleicht ganz besonders - bedeutet, in einer von Erwachsenen bestimmten Welt aufzuwachsen.

Ob er Jungen oder Mädchen mag, wird der Teenager Owen von der zwei Jahre älteren Maddy einmal gefragt, was er nicht so recht zu beantworten vermag oder wagt. "I like TV shows", antwortet er, denn über ihre gemeinsame Lieblingsfernsehserie "The Pink Opaque" finden die beiden erst zusammen. Nicht im romantischen Sinne, denn Maddy mag Mädchen. Aber doch so, dass sich die beiden Außenseiter einander öffnen, Vertrauen zueinander finden. Dabei hat Maddy zunächst einen Erkenntnisvorsprung, denn "The Pink Opaque" läuft nachts um halb elf. Und Owen muss um zehn ins Bett.

Das ist nichts Ungewöhnliches, jedenfalls nicht in der Prä-Internetwelt der 1990er-Jahre, in denen der Jahrzehnte umspannende Plot von Jane Schoenbruns großartigem queerem Teenage-Angst-Horrorfilm "I Saw the TV Glow" seinen Anfang nimmt. Gar nicht selten erreichte einen damals, lange bevor man ein popkulturelles Artefakt tatsächlich selbst zu sehen bekam, der Mythos, der in einem selbst fortwährend arbeitete. Bruchstücke aus Filmen, von irgendwem erzählt und vielleicht mit allerlei falsch oder halb Erinnertem angereichert, ausgeschmückt, auf dem Schulhof durch die Generationen heruntergereicht. Filme, die in unserer Vorstellungskraft wuchsen und wucherten, lang bevor wir sie sahen. Von einem solchen Wuchern erzählt "I Saw the TV Glow".

"The Pink Opaque" ist in der Welt von Schoenbruns Film eine jener Horrorserien für ein adoleszentes Publikum, wie sie in den 90ern populär waren. Selbstverständlich kommt einem "Buffy the Vampire Slayer" zuerst in den Sinn, aufgrund des popkulturellen Impacts und der bedingungslosen Liebe, die unzählige Millennials Joss Whedons Serie in den prägenden Jahren ihrer Jugend entgegengebracht haben - tatsächlich jedoch erinnert das, was wir von "The Pink Opaque" im Film zu sehen bekommen, noch viel mehr an "Eerie, Indiana". Zu sehen ist die Sendung jedenfalls als letzte des Tages, jeden Samstagabend auf dem "Young Adult Network" - kurz vor Sendeschluss, bevor das Programm für die alten Leute den Sendeplatz übernimmt.



Überhaupt kartografiert "I Saw the TV Glow" jenen Horror, den es bedeutet, in einer von "alten Leuten", von Erwachsenen bestimmten Welt aufzuwachsen - als ein Teenager, der zu spüren beginnt, dass er in diese Welt nicht hineinpasst. "Isn't that a show for girls", knurrt Owens Vater einmal verächtlich, als sein Sohn ihn um eine spätere Schlafenszeit bittet - und versteht dabei ganz gut, dass von einer scheinbar harmlosen Serie im Jugendfernsehen, die sich fortan auf von Maddy aufgenommenen VHS-Kassetten ihren Weg in Owens Kopf bahnt, eine konkrete Gefahr ausgeht. Jedenfalls für die Patriarchen dieser Welt und für alle, die sich herausnehmen, Maßstäbe für Normalität zu definieren, dafür, wie man in ihr zu leben hat. Popkultur als Jugendkultur ist von jeher gefährlich, und exakt deshalb unverzichtbar. Insbesondere für die Weirdos und die Queerdos unter uns.

Die zweite Regiearbeit der trans Regisseurin Jane Schoenbrun ist ein durch und durch queerer Film, nicht nur wegen der lesbischen Protagonistin Maddy. Auch wenn Owens Sexualität nie vereindeutigt wird, nachdem er Maddys Frage unbeantwortet lässt, erzählt "I Saw the TV Glow" in erster Linie die tieftraurige Geschichte seiner vergeblichen Suche nach sich selbst. Genau genommen sind es zwei sehr verschiedene Geschichten vom Verlorengehen, um die herum der Film arrangiert ist. Die Geschichte von Maddy ist die eines konkreten Verschwindens: Nachdem Owen ihren gemeinsamen Ausreißplan aus Angst verrät, verschwindet sie gleichwohl ohne jede Spur und bleibt acht Jahre fort, nur um aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Gefunden hat sie nicht, was sie einst suchte - jedenfalls nicht in dieser Welt, denn am Ende führte sie ihr Weg, so versucht sie jedenfalls Owen zu überzeugen, immer tiefer in die Mythologie der Serie hinein, die ihr einst so wichtig war. Und die inzwischen längst, mit einem brutalen Cliffhanger und ganz und gar unabgeschlossen, abgesetzt ist.

Owens Weg ist ein entgegengesetzter. Nie verlässt er die Vorstadt, sein Elternhaus, seinen eiskalten Vater, seine Bullshit Jobs, nie lässt er die Rollen- und Männlichkeitserwartungen hinter sich, denen zu genügen er nicht imstande ist. Ein Leben, das einfach nur vergeht, und irgendwann wacht man auf und ist alt. Der große Schurke in "The Pink Opaque" heißt Mr. Melancholy und erscheint als ein Gesicht im Mond, der unberührbar über allem im Nachthimmel leuchtet. "Mondsüchtige" nannte man einst die Melancholiker, die, die an unstillbarem Weltschmerz litten, die, die kein Zuhause fanden in diesem Leben. Owen ist einer von ihnen, und "I Saw the TV Glow" erzählt auf mitunter apokalyptisch traurige Weise seine Geschichte als die eines Verlorenen, der verloren bleibt.

"The trees looked different, but everything else was the same" berichtet Maddy einmal ernüchtert von ihrer gescheiterten Flucht und einer Art Suizidversuch, der sie endgültig tief ins Herz der Mythologie des "Pink Opaque" führen sollte. Der Kampf um den eigenen Weg führt beide Protagonisten auf unterschiedlichen Pfaden in Sackgassen, und beiden scheint am Ende nur noch die Nostalgie zu bleiben, die Erinnerung an jene popkulturellen Artefakte, die ihnen einmal so wichtig waren. Dass man solche Erinnerungen nicht unbedingt einem Reality Check unterziehen sollte, macht "I Saw the TV Glow" in seiner finalen, herzzerreißenden Pointe unmissverständlich klar. Aber eben auch, und darin steckt viel Hoffnung und Kraft: dass es egal ist, was genau dich in deiner Jugend so berührt, dass es eine Zeit lang das Wichtigste auf der Welt ist. Es spiegelt die Glut nur, der Funke war immer schon in dir.

Jochen Werner

I Saw the TV Glow - USA 2024 - Regie: Jane Schoenbrun - Darsteller: Justice Smith, Brigette Lundy-Paine, Ian Foreman, Helena Howard, Lindsey Jordan, Danielle Deadwyler, Fred Durst - Laufzeit: 100 Minuten.

"I Saw the TV Glow" ist ab dem 22.8. in Berlin in Kinos der York-Gruppe zu sehen. Ein deutschlandweiter Kinostart ist bislang nicht angekündigt.